Apollon-Tempel in Side, Türkei
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Türkei am Rande der Krise Wie die Wirtschaft unter Erdogan leidet

von Bettina Seidl

Stand: 26.03.2018, 13:36 Uhr

Selbstbild und Fremdbild stimmen nicht immer überein. Im Falle der Türkei geschieht das häufiger. Auch in finanzieller Hinsicht: Präsident Erdogan sieht die heimische Wirtschaft auf Höhenflug, Finanzexperten sprechen von Krise. Der Kurs der Lira spricht für Letzteres.

Der Niedergang der türkischen Währung findet kein Ende. Die Lira fällt seit Wochen und Monaten, ja gar Jahren, von Rekordtief zu Rekordtief. Die Finanzmärkte trauen der türkischen Wirtschaft immer weniger. Ratingagenturen sehen gar die Gefahr einer Finanzkrise und stufen das Land am Bosporus immer weiter herab. Für die große Agentur Moody's sind türkische Staatsanleihen nur noch Ramsch.

Ich mache mir die Welt, ...

Und Erdogan? Der macht unbeirrt und Sultan-gleich weiter mit seinem autokratischen Kurs. Schwächezeichen leugnet er kurzerhand, wiederholt lieber einem Mantra gleich seine eigene fabrizierte Wahrheit. Die türkische Wirtschaft sei "auf ihrem Höhepunkt", die Arbeit von Ratingagenturen sei "Unsinn". Deshalb will er auch lieber seine eigene Ratingagentur gründen.

Bei dem jüngsten abrupten Kursrutsch der Lira am vergangenen Freitag lieferte die türkische Regierung ein weiteres Kapital für die Farce "Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt".

Die heiße Kartoffel: die Lira

Die türkische Währung war in der Nacht zu Freitag auf ein neues Rekordtief zu Euro und Dollar gefallen. Für einen US-Dollar mussten erstmals mehr als vier Lira gezahlt werden. In der Spitze waren es 4,04 Lira. Ein Euro kostete erstmals bis zu 4,98 Lira. Das war in erster Linie gar kein türkisches Problem, vielmehr blickte die Finanzwelt in Sorge auf den Schlagabtausch zwischen den USA und China. Die Angst vor einem drohenden Handelskrieg trieb Anleger aus riskanteren Anlagen, zu denen eben auch die türkische Lira zählt. Da wird die Lira "schnell zur heißen Kartoffel", urteilten die Analysten der Commerzbank.

Vor allem japanische Investoren verkauften die Währung, sagte Devisenmarkt-Experte Fatih Keresteci vom Anlageberater DNG. Normalerweise legen viele Japaner wegen der niedrigen Zinsen im Heimatland lieber ihr Geld in Ländern mit höheren Zinsen an. Doch angesichts einen drohenden Handelskrieges holen sie ihr Geld nun zurück.

Die Lira in der Welt von Erdogan

Cemil Ertem, ein Berater des türkischen Präsidenten, hatte - natürlich - eine andere Sicht der Dinge. Er bezweifelte sogar, dass der Dollar-Lira-Kurs über die Marke von vier Lira gestiegen sei. "Es heißt, er sei über vier gestiegen. Das ist nicht der Fall", sagte Ertem im türkischen Fernsehen.

Als Grund für seine Vermutung gab er die geringe Liquidität an, die nachts an den Finanzmärkten vorherrsche. Deswegen habe ein nächtlicher Wechselkurs auch "keinerlei Bedeutung". "Ja, der Wechselkurs ist gestiegen. Aber es ist falsch, eine Wahrnehmung zu schaffen, dass er auf vier ging." Wenn in der Nacht ein Preisgebot von fünf Lira je Dollar abgegeben werde, steige der Kurs auch auf fünf Lira je Dollar, sagte er.

Die Türkei ist veschuldet

Fakt ist: Die Inflation ist horrend hoch und eine Bürde für die Bevölkerung. Dabei lebt das Land - außenwirtschaftlich gesehen - über seine Verhältnisse, denn das Leistungsbilanzdefizit des Landes wächst: Es werden deutlich mehr Waren und Dienstleistungen eingeführt als exportiert.

Verschärft wurde die Lage zuletzt, weil die Einkünfte aus dem Tourismus einbrachen und der Import von Öl durch den steigenden Ölpreis teurer wurde. Erschwerend kommt dabei hinzu, dass die Ölrechnung in Dollar bezahlt werden muss. Genauso wie der Großteil der hohen Auslandsschulden der Türkei. Angesichts einer immer schwächeren Lira wird es immer mühsamer, diese Last zu schultern. Wenn in den USA und anderswo die Zinsen weiter steigen, dann gute Nacht, Türkei! Dann droht dem Land der wirtschaftliche Kollaps.

Es ist schon jetzt teuer für die Türkei, sich Geld zu leihen. Für zehnjährige Anleihen muss das Land 12 bis 13 Prozent zahlen, was deutlich zeigt, welch hohes Risiko Investoren einem Engagement in der Türkei beimessen. Für das Geld zählen eben nur die - echten - Fakten. Die Finanzmärkte scheren sich nicht um Diplomatie.

Klartext reden

Während Politiker im Ausland auf der Suche nach dem richtigen Ton mit Kritik spärlich umgehen und bisweilen lieber gar nichts sagen, reden Ratingagenturen Klartext. Moody's kritisierte die zunehmende Erosion der politischen Institutionen, weshalb Reformen verzögert werden und die Risiken einer Finanzkrise steigen. Notenbank und Gerichte befänden sich in den Fängen der Politik. Erdogan liefert dafür reihenweise Beispiele; eines der harmloseren ist noch, seine Abneigung gegen höhere Zinsen lautstark kundtut.

Da tut sich die Notenbank, die eigentlich hohe Inflation mit höheren Zinsen bekämpfen müsste, schwer mit ihrem Job. Zumal in Erdogans paradoxer Welt auch die Finanzdinge völlig anders laufen: Inflation bekämpfe man am besten mit einer Senkung der Zinsen, glaubt Erdogan.

Das Geld fließt weiter

Eine solche Sicht der Dinge muss man sich leisten können. Aber das kann der türkische Präsident ja. Das Geld fließt ja weiter von Europa nach Ankara. Gerade hat die EU-Kommission die im Flüchtlingsdeal von 2016 in Aussicht gestellte zweite Tranche in Höhe von drei Milliarden Euro für die Türkei bereitgestellt. Die drei Milliarden Euro der ersten Tranche sind bereits geflossen. Das Geld ist natürlich nicht für das Land, wie die EU betont, sondern für die drei Millionen Flüchtlinge.

Für das Land fließt aber auch Geld: die sogenannten "Heranführungshilfen". Das steht einem EU-Beitrittskandidaten zu. Für 2007 bis 2020 sind das ingesamt neun Milliarden. Deshalb hat Erdogan auch heute - kurz vor seinem Abendessen mit der EU - noch einmal betont: Er hält an dem EU-Betritt der Türkei fest. Ob man da auch über die Kleinigkeit von gut 80 Millionen Euro spricht, die die EU der Türkei für den Schutz ihrer Grenzen zur Verfügung stellt, wie es heißt. Mit dem Geld wurde nach einer Recherche des "Spiegel" und anderer europäischer Medien unter anderem die Anschaffung von gepanzerten Militärfahrzeugen finanziert. Sicherheit muss sein.

Die Finanzwelt in Bildern

Zeichen eines jahrelangen Verfalls: Kostete die türkische Lira vor zehn Jahren noch 0,50 Euro, waren es vor drei Jahren 0,35 Euro und mittlerweile nur noch 0,20 Euro.

In der Finanzwelt ist meist das umgekehrte Kursverhältnis zu sehen: Der Wert des Euro in türkischer Währung. Man bekommt für einen Euro inzwischen knapp fünf Lira, während es beispielsweise 2015 nur drei Lira waren. Oder wie man gemeinhin sagt: Das Umtauschverhältnis hat sich in drei Jahren von 3 zu 1 auf mittlerweile 5 zu 1 verändert.