EZB-Gebäude in Frankfurt

Erste Sitzung nach der Sommerpause Stockt die EZB ihr Anleihekaufprogramm auf?

von Julia Wacket

Stand: 09.09.2020, 12:33 Uhr

Morgen richtet sich die Aufmerksamkeit der Märkte auf die Europäische Zentralbank (EZB). Der EZB-Rat kommt zu seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause zusammen. Die Notenbanker treiben aktuell mehrere Themen um: die Corona-Pandemie, die Auftwertung des Euros, die niedrige Euro-Inflation und der Strategieschwenk der US-Notenbank. Doch wird die EZB morgen deshalb ihr 1,35 Billionen schweres Krisenprogramm nochmal aufstocken?

Eigentlich hätten sich die Euro-Währungshüter bei ihrer ersten Zinssitzung nach der Sommerpause morgen wieder persönlich in Frankfurt treffen sollen. Jetzt aber findet die Ratssitzung doch wieder virtuell statt, da die Corona-Infektionszahlen zuletzt wieder gestiegen sind, so die Begründung der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf Wachstum und Inflation haben die Notenbank fest im Griff. Die Auswirkungen der Virus-Krise dürften die Ratssitzung bestimmen. Denn die Volkswirte der EZB werden morgen neue Projektionen für das Wirtschaftswachstum und die Inflation vorlegen.

Euro-Inflation erstmals seit 2016 negativ

Zuletzt hatte sich die wirtschaftliche Erholung im Euroraum erneut abgeschwächt. Erstmals seit vier Jahren ist die Inflationsrate im Euroraum im August auf minus 0,2 Prozent ins Negative gerutscht – und insbesondere die von Notenbankern viel beachtete Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel ist im August regelrecht zusammen gebrochen, von 1,2 auf 0,4 Prozent. Sicherlich gab es ein paar Sondereffekte, wie die Mehrwertsteuersenkung in Deutschland oder der verschobene Sommerschlussverkauf in Italien und Frankreich. Aber auch unter Berücksichtigung dieser Sondereffekte ist die Preisentwicklung schwach. 

Die EZB sorgt sich vor allem, dass dadurch auch die Inflationserwartungen abrutschen, was eine Abwärtsspirale bei der Inflation in Gang setzen könnte. Die Notenbank strebt eigentlich eine Inflation von unter, aber nahe zwei Prozent für den Euroraum an, verfehlt dieses Ziel aber schon seit Jahren. Im Juni hatten die EZB-Volkswirte in ihren Projektionen noch mit einer Inflationsrate von 1,3 Prozent für 2022 gerechnet. Nun könnten sie diese korrigieren. "Eine Abwärtskorrektur würde die Wahrscheinlichkeit einer zusätzlichen geldpolitischen Lockerung erhöhen", so der Chefvolkswirt Eurozone der ING Bank, Carsten Brzeski.

Reagiert Lagarde auf den teuren Euro?

Ein weiterer wichtiger Faktor für das Preisniveau ist der aktuell starke Euro-Wechselkurs. Auch wenn es dauert, bis er sich vollständig in den Preisen niederschlägt, wirkt er dämpfend auf die Inflation. Seit Anfang Juni hat der Euro um sechs Prozent im Vergleich zum US-Dollar aufgewertet. Dadurch werden Importe im Euroraum tendenziell billiger, aber Exporte in den Dollarraum teurer, was das Wachstum dämpft. Bereits vergangene Woche, als der Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar kurzzeitig die 1,20 Euro überschritten hatte, brachte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane die Aufwertung der europäischen Gemeinschaftswährung ins Spiel. Lane hatte gesagt, auch wenn die EZB kein Wechselkursziel habe, sei der Wechselkurs "wichtig" und "relevant für die Geldpolitik". Das war an den Finanzmärkten zum Teil so gedeutet worden, dass die EZB hier handeln könnte. 

EZB-Präsidentin Christine Lagarde werde das Thema morgen vermutlich aufgreifen müssen, schreibt das Bankhaus Metzler: "Wenngleich Lagarde am Donnerstag einmal mehr feststellen dürfte, dass die EZB keine Wechselkursziele anpeilt, dürfte sie jedoch hinreichend deutlich machen, dass ein höherer Außenwert des Euro Auswirkungen auf das Inflations- und Wachstumsbild hat." ING-Ökonom Brzeski sieht durch den Euro-Anstieg auch einen Kommunikationstest für Lagarde: Sie müsse den Euro mäßigen, ohne dabei unerwünschte Börsen-Bewegungen zu verursachen. "Was am meisten zählen wird, ist die Frage, ob der starke Euro bereits die Tür geöffnet hat für mehr geldpolitischen Stimulus in den kommenden Monaten"

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 3 Monate
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1,1861
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+0,34%

Analysten rechnen nicht mit EZB-Reaktion diese Woche

Was also kann die EZB tun? Das klassische Instrument, um den Wechselkurs des Euros zu schwächen, wäre eine Zinssenkung. Der im Euro-Raum entscheidende Einlagenzins liegt aber bereits bei minus 0,5 Prozent. Plausibler wäre es also, dass die EZB im Laufe des Jahres noch einmal ihre Anleihekäufe ausweitet. Laut Analysten ist es für einen solchen Schritt auf der aktuellen Sitzung aber noch zu früh. Erst im Juni hat die Notenbank ihr Krisenprogramm um 600 Milliarden Euro auf 1,35 Billionen Euro aufgestockt. "Aktuell dreht sich die Diskussion an den Märkten eher darum, ob der aktuelle Rahmen voll ausgeschöpft wird oder nicht", meinte Christoph Rieger, Rentenmarkt-Experte der Commerzbank: "Eine Erhöhung in nächster Zeit wird nicht erwartet, zumal die Netto-Anleihekäufe der EZB in der letzten Augustwoche abermals niedriger waren." EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte vergangene Woche in einem Interview gesagt, dass sie das Volumen des Pandemiekaufprogramms PEPP derzeit für "angemessen" halte und dass die EZB die wöchentlichen Kaufvolumina auch wegen der entspannteren Lage an den Finanzmärkten etwas reduziert habe.

Weitere Schritte im Dezember möglich

Lagarde könnte am Donnerstag aber zumindest signalisieren, dass die EZB zu weiteren Schritten bereit ist. Damit rechnen manche Ökonomen durchaus: "Falls sich die wirtschaftliche Situation der Länder, hier hauptsächlich von Italien und Spanien, allerdings nicht den Erwartungen entsprechend entwickelt, ist eine Aufstockung des Anleihekaufprogramms PEPP wahrscheinlich", so Stefan Bielmeier, Chefökonom der DZ Bank. Frederik Ducrozet, Ökonom beim Schweizer Vermögensverwalter Pictet, erwartet angesichts der schwachen Inflation, dass die EZB ihre Anleihekäufe bereits im Dezember noch einmal ausweiten wird, um wahrscheinlich 500 Milliarden Euro. Möglich wären laut den Analysten aber auch eine Ausweitung der Freibeträge für Banken bei Negativzinsen ("Tiering") oder neue Schritte bei den günstigen Langfristkrediten für Banken TLTRO.

Christine Lagarde

Christine Lagarde. | Bildquelle: picture alliance/Xinhua

Laut Analysten dürfte die EZB sich morgen auch zu dem jüngsten Strategieschwenk der US-Notenbank hin zu einem durchschnittlichen Inflationsziel von zwei Prozent äußern. Mit diesem Ziel habe sich die Fed de facto auf Jahre eine ultralockere Geldpolitik festgelegt. Dadurch sei auch der Druck auf die EZB gestiegen, ihre Strategie zu überdenken und sich zu überlegen, wie die Geldpolitik womöglich noch länger locker bleiben kann. Analysten rechnen langfristig auch mit einer Anpassung des EZB-Inflationsziels: Allerdings werde die EZB zuerst ihre laufende Strategieüberprüfung abschließen, "bevor sie eine solch wichtige Anpassung kommunziziert", sagt Robert Greil, Chefstratege der Merck Finck Privatbank. Für die Aktienmärkte bedeute die Anpassung der Inflationsziele aber schon jetzt "höhere Barwerte der künftigen Gewinne und damit weitere Unterstützung".