Wie lange währt der China-Boom? Der unheimliche Drache

Stand: 11.04.2018, 15:50 Uhr

Der chinesische Drache ist stark. Nicht nur im eigenen Land. Er ist auf der ganzen Welt auf Eroberungszug. Chinesische Konzerne überholen nicht nur reihenweise europäische und US-Konzerne, sie kaufen sich auch überall im Ausland in lukrative Unternehmen ein.

Diese Macht ist dem Rest der Welt unheimlich. Unheimlich ist aber auch die Krisenanfälligkeit des chinesischen Drachens. Hohe Schulden, nicht wenige finanziell unsolide Banken und Unternehmen sowie Blasen am Immobilien- und Aktienmarkt. Was passiert, wenn Chinas Wirtschaft schwächelt? Und wie groß ist die Gefahr, dass die größte Volkswirtschaft ins Wanken gerät – stürzt dann die Welt in den Abgrund?

China ist ein Staat, der über riesige Rohstoffvorkommen verfügt. Die Bodenschätze der ostasiatischen Volksrepublik reichen von Erdgas, Kohle und Eisenherz bis hin zu Uran und Seltenen Erden. Aber nicht nur aufgrund seiner gigantischen Größe und seines stetigen Bevölkerungswachstums verzeichnet das Land eine starke wirtschaftliche Dynamik. Die chinesische Politik weiß die Chancen der wirtschaftlichen Globalisierung vor allem zu ihrem Vorteil zu nutzen und sie kann ihre Beweglichkeit und Ausdauer gezielt einsetzen. Mit dem rasanten weltwirtschaftlichen Aufstieg der Volksrepublik China stellt sich jedoch die Frage, wie lange das Wachstum weitergehen kann - und welche Auswirkungen ein Einbruch für die globalen Märkte hätte.

Dezentrale Organisationsstruktur als Motor für Innovation

China ist in der Verwaltung der Wirtschaft dezentral organisiert. Wirtschaftspolitischer Wettbewerb auf regionaler Ebene dient maßgeblich als Antriebskraft für Innovation und Wachstum. Dezentrale Initiativen und Reformen bringen ständig neue Politikoptionen hervor und werden bei Erfolg in die landesweiten Wirtschaftsprogramme aufgenommen, was stetige Verbesserungen der Abläufe sicherstellen soll. Der große Pool an Organisationsstrategien ermöglicht es der chinesischen Wirtschaftspolitik, bei abnehmender Wettbewerbsfähigkeit stets auf alternative Optionen zurückgreifen zu können, um sich so den wechselnden Marktbedingungen anzupassen und diese zum eigenen Vorteil zu nutzen.

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Börse 11.00 Uhr China: Zuckerbrot und Peitsche?

Die zentrale und gleichzeitig lokale Dynamik in der Wirtschafts- und Politikentwicklung hat chinesischen Unternehmen in den vergangenen Jahren geholfen, europäische und amerikanische Konzerne in vielen Bereichen zu überholen. Die Regierung fordert lokale Unternehmen aktiv dazu auf, nicht einem fest definierten Standardmodell zu folgen, sondern individuelle, miteinander konkurrierende Modelle zu entwickeln. Im Falle eines Erfolges werden diese Modelle weitgreifender eingesetzt und gewährleisten eine stetige Verbesserung in Unternehmensabläufen. Aus diesem Grund konnten die drei chinesischen Technologiezonen Peking, Shanghai und Suzhou exakt zugeschnittene und unterschiedliche Organisationsstrukturen und Förderstrategien entwickeln. Sie sind damit nicht nur national konkurrenzfähig, sondern stellen auch international dynamische und innovative Standorte dar.

Zudem formuliert die „Made in China 2025“-Strategie klar definierte Ziele bis 2025, die die heimische Industrie weiter stärken soll. Der inländische Anteil wichtiger Komponenten und Werkstoffe soll in naher Zukunft stark erhöht werden. Besonders Importe im Bereich der IT- sowie Hightech-Industrien sollen weiterhin zurückgeschraubt werden und der Tendenz hin zur zunehmend eigenen Wertschöpfung folgen. Auch qualitativ wird ein Imagewandel weg von günstigen Massenwaren hin zu Innovation und Effizienz angestrebt.

Chinas Wandlungsfähigkeit als Herausforderung für den internationalen Markt

Ein solches System, das sich schnell an wechselnde technologische und außenwirtschaftliche Gegebenheiten anpassen kann und eine relative wirtschaftliche Unabhängigkeit anstrebt, stellt eine dauerhafte Konkurrenz für das global am meisten verwendete Vorgehen der marktwirtschaftlichen Demokratie dar. Ob der Aufstieg Chinas weiterhin steil nach oben geht, hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab, die die Volkrepublik nicht immer kontrollieren kann. Dazu zählen unter anderem die Entwicklung der Rohstoffmärkte sowie des Export- und des Finanzmarktes.

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Börse 6.00 Uhr China: Der lange Marsch zur wirtschaftlichen Öffnung?

Für Europa kann das chinesische Wirtschaftsmodell ein Stück weit als Vorbild dienen, da es zeigt, wie sich mehr Raum zur Erprobung neuer wirtschaftlicher Organisationsmuster positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken kann. Ob das Modell auf andere Staaten angewendet werden kann, ist jedoch fraglich. Zumal die Volksrepublik kaum mit einer Demokratie im westlichen Verständnis zu Vergleichen ist. Auch die Regierung selbst lehnt das Ordnungsmodell der „westlichen Demokratie“ für sich ab. Chinakritische Politiker, Bürgerrechtler sowie westliche Journalisten sehen in dem asiatischen Riesenreich deutliche Defizite bei den Menschenrechten. Den häufigsten Gegenargumenten, dass etwa die Wirkung der Marktwirtschaft als Wegbereiter hin zu einer politischen Neuordnung fungieren werde, stehen sie dabei sehr kritisch gegenüber. Kann das „Modell China“ dennoch als Anstoß für eine Neuauflage der marktwirtschaftlichen Demokratie begriffen werden?

Die Volksrepublik bleibt im Handelsstreit stark

Die chinesische Industrie ist im März 2018 wegen nachlassender Exporte langsamer gewachsen. Der Caixin/Markit-Einkaufsmanagerindex (PMI) fiel auf 51,0 Zähler nach 51,6 Zählern im Februar. Das ist der schwächste Wert auf monatlicher Basis seit November. Von Reuters befragte Analysten hatten für den vergangenen Monat dagegen mit einem leichten Anstieg auf 51,7 Punkte gerechnet. Mit 51 Zählern liegt der Index über der 50-Punkte-Marke, die ein Wachstum der Wirtschaft signalisiert.

Im Handelsstreit mit den USA verschärft China zudem weiterhin den Ton. Mögliche wirtschaftliche Einbußen der Volksrepublik werden im Umfeld der chinesischen Regierung kleingeredet. Die Wirtschaft sei stabil und die Auswirkungen des Handelsstreits würden sich in Grenzen halten, erklärte ein Ökonom aus der staatlichen Planungskommission.

Einem Medienbericht zufolge prüft China momentan mögliche Folgen einer schrittweisen Abwertung der heimischen Währung. Eine entsprechende Analyse werde derzeit von Regierungsbeamten erstellt, meldete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Dies könnte chinesische Exportwaren im Ausland verbilligen und damit die Folgen höherer US-Importzölle mindern. Der Yuan-Kurs ist den USA schon seit längerem ein Dorn im Auge: Sie werfen China vor, ihn künstlich niedrig zu halten, um die Wirtschaft anzuschieben.

Warnungen vor Folgen über den wirtschaftlichen Bereich hinaus

Anfang April äußerte Ministerpräsident Li Keqiang bei einem Treffen mit UN-Generalsekretär Antonio Guteress in Peking Bedenken über die Konsequenzen des Zollstreits. Alleingänge von Staaten gefährdeten Frieden und Stabilität in der Welt, so der chinesische Ministerpräsident. Angesichts des unsicheren Umfelds der Weltwirtschaft müsse man sich Unilateralismus und Protektionismus widersetzen.

Vor allem die Kooperation der beiden Mächte in geopolitischen Fragen wie dem Nordkorea-Konflikt könnte darunter leiden. Doch auch die Weltkonjunktur als Ganzes könne sich angesichts des Handelsstreits „empfindlich abschwächen“, warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie. Weltweit drohe eine Protektionismusspirale, wenn sich die USA und China weiter gegeneinander abschotten würden. Beide Länder müssten ihre Handelskonflikte „nicht gegen, sondern gemeinsam mit der Welthandelsorganisation WTO lösen".

Die deutsche Außenwirtschaft trotze momentan noch allen Widrigkeiten, erklärte unlängst der Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel, Holger Bingmann: „Klar ist aber, dass diese Widrigkeiten irgendwann ihren Preis haben werden." Unter dem Handelskrieg werde die stark international ausgerichtete deutsche Wirtschaft leiden, wenn nicht bald endlich wieder Besonnenheit einkehre.

Merle van Berkum und Rahel Jendges mit Material von bpb

Markus Gürne
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