Am 1. Jahrestag der Lehman-Pleite demonstrieren Geschädigte in der Innenstadt von Frankfurt am Main.

Wiederholt sich die Finanzkrise? Was haben wir gelernt?

Stand: 11.04.2018, 15:52 Uhr

Über zehn Jahre ist es her, dass die US-Immobilien- und Finanzkrise auch Europa erreichte. Dem vorerst noch regionalen Zusammenbruch des Hypothekenmarktes in den Vereinigten Staaten folgte die globale Eskalation.

Die flächendecke Finanz- und Wirtschaftskrise verschärfte sich durch den Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und führte schließlich zu den schwersten Erschütterungen für die Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren – mit dramatischen Auswirkungen auch auf die Staaten der Europäischen Union.

Zwar hat sich die Lage im Euro-Raum inzwischen wieder spürbar verbessert. Allerdings sind immer noch mehrere Länder und Währungen von der Europäischen Schuldenkrise bedroht. Entstanden aus der Finanzkrise hatten Bankrettungen und Konjunkturprogramme zu einer hohen Verschuldung zahlreicher europäischer Staaten geführt. So mussten, finanziert durch staatliche Mittel und letztlich auch die Steuerzahler, enorme Rettungsschirme in Form von Risikobeteiligungen, Kredithilfen und Bürgschaften für die betroffenen Länder aufgespannt werden. Bei den Staaten und Unternehmen wuchsen die gesamten im Umlauf befindlichen Schuldtitel von damals 50 Billionen Euro auf 72 Billionen Euro Ende des Jahres 2013.

Gefahr durch hohe Staatsverschuldung im Euro-Raum

Vor allem in vielen südeuropäischen Länder sind die Folgen der Krise sowie der politische Umgang mit dieser auch zehn Jahre später noch zu spüren. Während Deutschland von der prognostizierten Beschäftigungskatastrophe weniger hart getroffen wurde, sind vor allem südeuropäische Staaten wie Griechenland, Spanien, Kroatien oder Italien von hoher Arbeits- und besonders hoher Jugendarbeitslosigkeit betroffen. Zudem müssen drohende Rückwirkungen wie potenziell weitere Bankzusammenbrüche oder aber das Ausmaß der Staatsverschuldung im Euro-Raum und deren Einfluss auf die deutsche Wirtschaft bedacht werden.

Auch wenn die Zeit überschuldeter Staatshaushalte und dramatisch einbrechender Konjunktur in den meisten Euro-Ländern vorerst gebannt scheint, geht es nun darum, die gigantische Staatsverschuldung abzubauen und die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Bereits 2013 hatten 25 EU-Länder im sogenannten Fiskalpakt vereinbart, Schulden zu reduzieren sowie entsprechende Vorschriften und Gesetze auch in ihre nationalen Verfassungen aufzunehmen.

Wiederholung vermeiden

Zusätzlich wurden Mechanismen verabschiedet, die das Verhalten der Banken direkt betreffen. So soll durch die so genannte Bankenunion das Risiko der Finanzhäuser bei Spekulationen erhöht und bei einem zukünftigen Zusammenbruch der Banken zuerst deren Eigner und Anleger haftbar gemacht werden. Damit kann die Bankenunion als europäische Antwort auf die zunehmende Vernetzung der Finanzmärkte verstanden werden, da Krisen nicht an nationalen Grenzen Halt machen. Das so geschaffene einheitliche Aufsichtsregime soll verhindern, dass einzelne Länder riskante Finanzgeschäfte anziehen – auf Kosten der anderen Euro-Staaten und zu Lasten der Stabilität des europäischen Finanzsystems.

Als eine der Konsequenzen aus der Finanzkrise fährt die EZB seit vielen Jahren eine Niedrigzinspolitik. Einerseits lässt sie Investitionen attraktiver werden, da Gewinnaussichten steigen und Kredite zur Finanzierung von Konsumgütern enorm günstig sind. Andererseits sinken die Vorteile für gesparte Geldanlagen dadurch drastisch. Nicht zuletzt ist der Unmut vieler EU-Bürger auf diese Nullzinspolitik zurückzuführen. Vor allem unverschuldete Privathaushalte und Sparer scheinen als Verlierer aus den Folgen der Finanzkriese hervorzugehen. Fraglich bleibt, ob sich lang- und mittelfristig etwas für die EU-Bürger ändern wird, oder ob die Banken weiter an ihrem Kurs festhalten.

Doch was haben wir wirklich gelernt aus der globalen Finanzkrise, der europäischen Schuldenkrise und der damit verbundenen Krise einzelner EU-Staaten? Was nützen bisherige Mechanismen, wie können sie sinnvoll ergänzt werden und auf wessen Schultern werden sie ausgetragen werden?

Mit zunehmendem Abstand zum damaligen Tiefpunkt der Finanzkrise ist auch eine erneute Zunahme der Risikobereitschaft seitens der Banken zu erkennen. Neben dem Versagen der US-amerikanischen Finanzaufsicht war im Jahr 2007/2008 vor allem das rücksichtslose Risikomanagement der US-Geldhäuser eine maßgebliche Ursache für die globale Finanzkrise. Wie ist die Situation heute? Droht womöglich die nächste Immobilienblase mit ähnlich fatalen Folgen? Welche Lehren wurden aus vergangenen Fehler gezogen?

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Der Tag, als Lehman pleite ging

Neben Griechenland gilt heute auch Italien als das am höchst verschuldete EU-Land. Doch trotz Staatsschulden von über 130 Prozent des Bruttoinlandproduktes versprachen die Parteien noch während des italienischen Wahlkampfs im März 2018 Steuerentlastungen und mehr Sozialleistungen. Solange nicht klar ist, wann und mit welchem Ausgang die Koalitionsverhandlungen in Italien enden werden, ist der Zustand der Handlungsunfähigkeit weiter gegeben. Entscheidend wird sein, ob die neue Regierung eine euroskeptische Haltung vertreten wird, oder ob sie sich für eine tiefere Integration der Währungsunion ausspricht.

Letzteres würde dem von Frankreich und der EU-Kommission angestrebten Projekt entgegen kommen. Der französische Präsident, Emmanuel Macron, sieht eine mögliche Lösung für mehr Stabilität darin, einen Europäischen Finanzminister einzusetzen. Dieser könne die Koordinierung der Wirtschafts- und Fiskalpolitik direkt überwachen und dem Europäischen Währungsfond und der Eurogruppe (ECOFIN) vorsitzen. Eine weitere Aufgabe wäre die Steuerung des Europäischen Investitionsbudgets. Durch eine solche institutionelle Bindung des Euros könne man gestärkt aus der Krise hervorgehen, so Macron. Einige Kritiker lehnen diese Idee mit Blick auf die steigenden Nationalismus-Tendenzen in europäischen Ländern und in Zeiten des Brexits jedoch ab.

Ein anderer Vorschlag, um die Europäische Währungsunion zu vertiefen, ist beispielsweise der Ausbau des Euro-Rettungsfonds (ESM) zu einem Europäischen Währungsfond. Ob solche Erneuerungen und zusätzlichen Maßnahmen jedoch eine Wiederholung der Finanzkrise tatsächlich abwehren oder gar verhindern könnten, ist heute kaum vorherzusehen.

Ein Börsenhändler steht am 15. September 2008 fassungslos vor der Börse
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Die Jahrhundert-Pleite

Anna Moellers mit Material von bpb