Andrew Left, Citron-Research

Leerverkäufer Andrew Left - der Mann, vor dem die Wall Street zittert

Stand: 29.05.2019, 14:50 Uhr

Mit fallenden Kursen Geld verdienen oder sich über Nacht vom Saulus zum Paulus verwandeln. Und die Kurse gefallener Engel, wie einst bei Tesla, wieder in die Höhe treiben. Das ist das Geschäftsmodell von Andrew Left, dessen Analysen stets die Kurse bewegen.

So geschehen am 22. Oktober 2018, als Andrew Left seine Meinung zum E-Autobauer Tesla plötzlich radikal änderte. Nachdem er das Unternehmen und dessen Chef Elon Musk zuvor auf das Schärfste kritisiert hatte, empfahl er nun die Aktie zum Kauf. In einem Bloomberg-TV-Interview sagte Left, er habe einen Sinneswandel vollzogen und wette jetzt, dass die Aktie des Elektroautoherstellers wieder steigen werde. In den Monaten zuvor war sie von 350 Dollar auf 300 Dollar abgesackt. Am Ende des 22.Oktober schloss sie 13 Prozent höher.

Left begründete seinen Kurswechsel damit, dass Teslas Model 3 ein "bewährter Hit" sei, ohne ernsthafte Konkurrenz weltweit. "Ich würde nicht noch einmal short gehen. Ich verstehe diese Branche jetzt besser und ich denke, dass das Unternehmen gerade die Kurve bekommen hat."

Und weiter: Während sich die Medien auf Elon Musks exzentrisches, seltsames und manchmal aggressives Verhalten konzentriert hätten, dürfe nicht vergessen werden, dass Tesla die Disruption der Autoindustrie darstelle.

Von Tesla "frustriert"

Doch Ende April dieses Jahres war von einem derartigen Lob nichts mehr zu vernehmen. Gegenüber Bloomberg zeigte sich der 48-Jährige "frustriert" von Tesla - und fügte hinzu, er sei derzeit weder "long" noch "short" bei dem Autobauer. Es werde bessere Zeiten geben, diese Aktie wieder zu kaufen, so Left. Tatsächlich haben sich die Aussichten für Tesla rapide verschlechtert, der Aktienkurs ist dramatisch eingebrochen - und Left ist ein Mann, der seine Meinung gern überraschend ändert. Denn solche Volten gehören zu seinem Geschäftsmodell.

Ein gutes Gespür hatte Left auch Ende Dezember 2018 bei Facebook. Damals sagte er voraus, dass die Aktie des Netzwerks sich in diesem Jahr bis auf mindestens 160 Dollar erholen werde. Dabei war die Aktie gerade auf 120 Dollar abgestürzt. Left behielt Recht, derzeit notiert die Aktie sogar bei 180 Dollar.

Über 170 Firmen analysiert

Left hat bereits im Alter von 24 Jahren damit begonnen, sich mit den Betrügereien und Schiebereien in der Geschäftswelt zu beschäftigen und auch über Leerverkäufe oder 'Short Selling' nachzudenken.

Sein beruflicher Werdegang begann allerdings mit einem Fehlstart. Denn nach dem Studium heuerte Left 1993 beim obskuren Rohstoff-Future-Händler Universal Commodity Corporation an. Lefts Aufgabe war es dort, Kunden zweifelhafte Engagements zu verkaufen. Er verließ die Firma deshalb bereits nach neun Monaten - ein richtiger Schritt. Die Universal Commodity Corporation geriet ins Visier der Börsenaufsicht und wurde 1998 zu einer Geldstrafe verurteilt.

2001 wandte sich Left vollständig dem Short Selling zu. In seinem Blog prangerte er regelmäßig Firmen an, die nach seiner Überzeugung überbewertet oder in Betrug verwickelt waren. Über 170 Firmen hat er nach eigenen Angaben auf diese Weise analysiert.

Grafische Darstellung wei ein Leerverkäufer arbeitet
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Wie funktionieren Leerverkäufe?

An der Wall Street notierte chinesische Firmen bezichtigte er einst der Intransparenz. Mit durchschlagendem Erfolg: Bei 31 untersuchten Unternehmen stellte er Unregelmäßigkeiten fest und rief zum Verkauf der Aktien auf. Zwar kam es in der Folge zu zahlreichen Gerichtsprozessen, doch Left behielt in den meisten Fällen recht, die Kurse sanken und Left musste keine Strafen zahlen.

Der (tiefe) Valeant-Fall

Valeant-Chef Michael Pearson

Valeant-Chef Michael Pearson. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Der spektakulärste Fall war zweifellos der des Pharmakonzerns Valeant mit seinem umtriebigen Chef Michael Pearson. In seinem Newsletter warf Left dem kanadischen Konzern vor, neben Steuerbetrug auch die eigenen Verkaufszahlen zu schönen (Fachleute sprechen von 'Channel Stuffing').

Vergleichbar ist dies mit dem Aufbau riesiger Autohalden unverkäuflicher, neu produzierter Fahrzeuge. Diese werden aber trotzdem nicht billiger verkauft, um die Preise nicht zu drücken. Dazu bediente sich Valeant dem hauseigenen obskuren Pharmahändler Philidor, mit dessen Hilfe Konkurrenten ausgestochen und Preise hochgehalten wurden. Große Investoren wie Bill Ackman trennten sich mit schmerzlichem Verlust von der Aktie und auch Michael Pearson verlor sein Amt. Heute arbeitet die Firma unter dem Namen Bausch Health. Die Aktie dümpelt bei 23 Dollar vor sich hin, nachdem sie vor der Left-Attacke noch 250 Dollar wert war.

lg/rm