Zu früh gefreut

Stand: 20.11.2007, 19:54 Uhr

Plötzlich waren sie wieder da. Die Angstmacher: Finanzkrise und Ölpreis. Folge: An der New Yorker Börse knickten Dow Jones und Nasdaq ein. Auch die Fed konnte die Wogen nicht glätten.

Die US-Notenbank hatte in ihrem am Abend vorgelegten Protokoll ihrer Oktober-Sitzung erneut vor schwächerem Wachstum gewarnt: Trotz der im Oktober erfolgten Leitzins-Senkung. Folglich könnte die Fed bald mit einer weiteren Zins-Senkung nachlegen.

Dollarschwäche heizt Ölpreise hoch

In Frankfurt rutschte der LDax weit unter die Marke von 7.600 Punkte.
Er ging mit 7.573,74 Punkten aus dem Rennen, schloss also deutlich tiefer als der Xetra-Dax. Der hatte sich noch mit einem satten Plus von 1,58 Prozent und 7.630 Punkten verabschiedet. Doch das war Schnee von gestern, nachdem der Wind in New York plötzlich gedreht hatte. Sowohl Dow Jones- als auch Nasdaq-Composite-Index büßten ihre frühen Gewinne ein und bewegten sich bis zum Geschäftschluss in Frankfurt in der Verlustzone.
Bis zum Abend kletterte der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im Januar auf 97,13 US-Dollar. Das waren 2,49 Dollar mehr als zum Handelsschluss am Vortag. Vor knapp zwei Wochen hatte US-Rohöl einen Höchststand von mehr als 98 Dollar erreicht. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent erhöhte sich am Dienstag um 2,54 Dollar auf 94,82 Dollar.

Euro: bullenstark
Spiegelbildlich zur Dollarschwäche strotz der Euro vor Kraft. Für die europäische Einheitswährung mussten in der Spitze erstmals mehr als 1,48 Dollar bezahlt werden. Einen Schub bekam die Gemeinschaftswährung Händlern zufolge durch Spekulationen, die US-Notenbank werde möglicherweise noch vor dem nächsten regulären Treffen im Dezember den US-Leitzinsen von derzeit 4,5 Prozent zurücknehmen.

Frühe Wetterleuchten
Erste Warnsignale aus den USA hatte es bereits sehr früh gegeben. Während die Zahl der Wohnbaubeginne in den USA im Oktober so stark gestiegen ist wie seit acht Monaten nicht mehr, brach die Zahl der Baugenehmigungen - ein Barometer für den künftigen Häuserbau - im Oktober um 6,6 Prozent ein. Nach Angaben des US-Handelsministeriums nahm im Vergleich zum September die Zahl der Wohnbaubeginne im Oktober auf das Jahr hochgerechnet um drei Prozent auf 1,229 Millionen Häuser zu. Volkswirte hatten im Schnitt mit nur 1,170 Millionen Häusern gerechnet.

Lange Gesichter gab es bei der halbstaatlichen US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac. Er wies angesichts von Zahlungsausfällen im Zuge der Immobilienkrise einen Quartalsverlust von zwei Milliarden Dollar aus. Freddie-Aktien brachen daraufhin zweistellig ein.

Später erschütterte der größte US-Hypothekenfinanzierer Countrywide Financial das labile Vertrauen der Anleger, indem der Kurs vorübergehend um bis zu 22 Prozent wegrutschte. Analysten hatten den Konzern aus Sorge vor wachsenden Kreditausfällen heruntergestuft. Später erholten sich die Papiere etwas.

Lichtblick HewlettPackard
Für gute Stimmung in New York und indirekt auch in Frankfurt hatte eine Zeitlang der größte PC-Hersteller der Welt, HewlettPackard, gesorgt. HP hat von starken Notebook-Verkäufen profitiert und seinen Quartalsgewinn um mehr als ein Viertel gesteigert. Der Konzern trat zudem Sorgen entgegen, seine Auftragslage leide wie beim IT-Dienstleister IBM oder dem Netzwerkausrüster Cisco unter der internationalen Finanzkrise. HP-Chef Mark Hurd erklärte, der Konzern sei nicht so abhängig von Kunden unter den Banken, die nun Investitionen etwa in Computer zurückfahren. "Wir haben in diesem Quartal keine Veränderung bei den Ausgaben der Finanzbranche gesehen." Hurd kündigte darüber hinaus einen weiteren Aktienrückkauf im Umfang von acht Milliarden Dollar und einen Ausbau des Softwaregeschäfts an - durch organisches Wachstum und Zukäufe. Das Nettoergebnis sei im vierten Quartal auf 2,16 Milliarden Dollar von 1,7 Milliarden Dollar im Vorjahr gestiegen, teilte HP am Montag nach US-Börsenschluss mit. Vor Sonderposten lag der Gewinn bei 86 Cent je Aktie. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt nur 82 Cent erwartet. Der Umsatz stieg um 15 Prozent auf 28,3 Milliarden Dollar. Die Branchenexperten hatten lediglich 27,4 Milliarden Dollar geschätzt.

Börse konkretisiert ihr Sparprogramm
Die Deutsche Börse will ihre angekündigten Sparziele vor allem über Einsparung von Sachkosten erreichen. Außerdem sollen Stellen verlagert werden, teilte der Börsenbetreiber am Dienstag nach Xetra-Schluss mit. Der Kurs gab einen Teil seiner vorangegangenen Gewinne ab. Wie angekündigt will das Unternehmen schon im Jahr 2008 seine Kosten um 50 Millionen Euro und im Jahr 2009 um 75 Millionen Euro reduzieren. Ab 2010 werde dann mit 100 Millionen Euro jährlich der volle Umfang des Programms realisiert.

Eckpfeiler: Chemie und Versorger
"Der nicht-zyklische Bereich wird gekauft", sagte ein Händler. Entsprechend zählten zu den stärksten Gewinnern im Dax die Aktien von BASF, Bayer und Merck mit Aufschlägen bis über fünf Prozent. Den Aktien des zweitgrößten deutschen Energieversorgers RWE kamen Käufe des Konzernchefs zugute. Händler wiesen darauf hin, dass der neue Konzernchef Jürgen Großmann in großem Stil Aktien seines Arbeitgebers gekauft hat..

Für mächtigen Auftrieb im MDax hatten Aktien des Wohnimmobilienkonzerns Gagfah gesorgt. Wegen geplanter Steuererleichtungen könnten Gagfah-Aktionäre mit einer höheren Dividedenausschüttung rechnen, hieß es unlängst. Die Aktie des Bezahltfernseh-Senders Premiere profitierte von der Equinet-Kaufempfehlung. Equinet stuften Premiere von "Hold" auf "Buy" hoch.

Kabelriss zwischen Freenet und United Internet
Im TecDax sorgten den Tag über Aktien der beiden Telekommunikations-Unternehmen Freenet und United Internet für Wirbel. mit empfindlichen Kurseinbußen. Das Internet- und Telekommunikationsunternehmen United Internet hatte die Gespräche über eine strategische Kooperation mit dem Konkurrenten Freenet abgebrochen. Davon unberührt bleibe die Vereinbarung mit dem Telekommunikationsanbieter Drillisch über eine gemeinsame Holding-Gesellschaft zur Übernahme des Konkurrenten Freenet, teilte United Internet mit. Freenet selbst erklärte, das Unternehmen wolle ungeachtet der abgebrochenen United Internet-Gespräche auch weiterhin mit Drillisch über den Verkauf des Mobilfunkserviceprovidergeschäfts an Drillisch verhandeln. Drillisch wiederum will an seiner geplanten Kapitalerhöhung festhalten.

Solon hui, Conergy pfui
Zweistellige Kursverluste drohen bei Conergy zur Regel zu werden. "Am Markt gehen Gerüchte um eine bevorstehende Pleite um", sagte ein von dpa-AFX befragter Händler. Der Kapitalbedarf des Solarkonzerns sei viel höher als die jüngsten Kredite der Banken. Der Branchenkollege Solon brillierte hingegen mit einem satten Kursgewinn.

China-Woche abgeblasen
Die dritte China-Aktie an der Frankfurter Börse erwischte einen miserablen Börsen-Start. Der chinesische Mobiltelefonkomponentenhersteller Greater China Precision Components mußte nämlich deutliche Kursverluste hinnehmen. GCPC ist nach Angaben der Deutschen Börse das erste chinesische Unternehmen im Freiverkehrssegment Entry Standard. Das Platzierungsvolumen inklusive Greenshoe betrug 31,4 Millionen Euro. Ein Börsianer meinte, die Stimmung sei wegen des wenig glamourösen Börsenstarts des chinesischen Bambusherstellers Asian Bamboo im Prime Standard in der vergangenen Woche gedrückt gewesen. Diese waren im Verlauf des ersten Handelstages unter ihren Ausgabekurs gefallen. "Daraufhin brachen auch GCPC im Graumarkt ein".

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr