Zoff in der EZB bringt Märkte zu Fall

Stand: 09.09.2011, 20:02 Uhr

Rezessionsängste und Spekulationen um eine Ausweitung der Staatsschuldenkrise haben den Dax fest im Griff. Verstärkt werden die Sorgen noch durch den Rücktritt von EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark.

Stark gilt als "Falke" und ist einer der schärfsten Kritiker der derzeitigen Politik der Europäischen Zentralbank. Mit ihm verlässt bereits der zweite deutsche Notenbanker nach Axel Weber, dem früheren Bundesbankchef, das für die Geldpolitik in der Eurozone zuständige Direktorium.

Sein Rücktritt könnte zumindest kurzfristig das Vertrauen einiger Investoren in die Fähigkeit der EZB, die Finanzkrise zu lösen und dem konjunkturellen Abschwung entgegenzuwirken, untergraben, urteilen Börsenhändler. Als Nachfolger wird Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen gehandelt.

Erste Gerüchte über einen Rücktritt Starks verschärften am Nachmittag den Kursrutsch an der Frankfurter Börse. In der Spitze stürzt der Dax bis auf 5.174 Zähler ab, nachdem er zuvor noch die Marke von 5.400 Punkten übersprungen hatte.

Nach einem Minus von vier Prozent (218 Punkte) auf 5.189 kommt es auch im Abendhandel zu massiven Kursverlusten. Der Dax verliert gut drei Prozent und schließt bei 5.200 Punkten.

Auch US-Börsen im Minus
Der überraschende Rücktritt von Jürgen Stark hat auch die US-Börsen auf Talfahrt geschickt. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der Dow Jones-Index knapp drei Prozent tiefer als gestern bei 10.958. An der Wall Street wächst vor allem die Verunsicherung über das Euro-Krisenmanagement. "Europa ist der wichtigste Grund für den Druck auf den Markt, und uns wird immer klarer, dass alles was bislang unternommen wurde, nicht funktioniert hat", sagte Analystin Liz Ann Sonders von Charles Schwab.

Zudem lasten die Sorgen um die US-Wirtschaft weiter auf dem Markt. Das fast 450 Milliarden Dollar schwere Programm von Präsident Barack Obama zum Kampf gegen die Krise am Arbeitsmarkt konnte die Anleger nicht überzeugen. Sie befürchteten, dass die Pläne durch den Widerstand der Republikaner im Kongress aufgeweicht werden könnten.

Euro verliert weiter
Parallel zum Aktienmarkt hat auch der Euro kräftig an Wert verloren. Am Abend notiert er wieder nahe der Schwelle von 1,37 Dollar, fast zwei Cent unter dem Stand vom Vormittag.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,23
Differenz relativ
+0,99%

Finanzwerte im freien Fall
Angeführt wird die Liste der Verlierer im Dax von Commerzbank und Deutscher Bank. Sie reagieren besonders sensibel auf alle Nachrichten rund um die Schuldenkrise. Zudem werden sie von einer Studie von Goldman Sachs belastet. Ähnlich hart trifft es die im MDax notierte Aktie der Aareal Bank sowie den Versicherer Allianz.

Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
61,69
Differenz relativ
+1,10%

Aufatmen bei Bayer
Nun also doch. Zur Überraschung der Anleger hat sich das Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde FDA doch für die Zulassung des Gerinnungshemmers Xarelto ausgesprochen. Dabei hatten vor wenigen Tagen kritische Stimmen aus der FDA den Kurs von Bayer um gut acht Prozent in die Tiefe gedrückt. Das Papier schließt heute als einziger Dax-Wert im Plus.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
15,76
Differenz relativ
+0,03%

Stahlwerte unter Druck
Kräftig unter Druck geraten ist dagegen die Aktie von ThyssenKrupp. Händler verweisen auf eine generelle Schwäche der gesamten Stahlbranche. Auch die im MDax notierte Salzgitter-Aktie fällt überdurchschnittlich. Zudem sei die Preisentwicklung für Stahlschrott zuletzt enttäuschend gewesen, betonte ein Börsianer. Ein Analyst verweist auch auf die sinkende Industrieproduktion und der damit verbundene Rückgang des Stahlverbrauchs.

Autos bleiben gelassen
Die Aktien der Autohersteller drehen zwar bis zum Börsenschluss auch ins Minus, können sich jedoch besser behaupten als die meisten anderen Werte. Kurz vor der Eröffnung der weltgrößten Automesse in Frankfurt (IAA) kommende Woche geben die Autobosse Krisen-Entwarnung. "Das Wachstum wird sich etwas verlangsamen, aber es wird weiter gehen", sagt der LKW-Chef von Daimler. Laut einer Umfrage bleiben die Chefs der großen deutschen Autokonzerne auch für die weitere Zukunft optimistisch.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
148,50
Differenz relativ
+1,88%

Porsche bricht ein
Die Porsche-Anleger ergreifen massiv die Flucht, nachdem Volkswagen mitgeteilt hat, dass die geplante Fusion der beiden Unternehmen nicht innerhalb des vorgesehenen Zeitraums bis Jahresende umzusetzen sei. Am Ziel eines integrierten Automobilkonzerns hielten die beiden Unternehmen jedoch fest. Porsche stürzen um mehr als 13 Prozent ab. Auch die Vorzüge von Volkswagen notieren niedriger.

Kein Squeeze-out bei Deutscher Börse
Der Börsenbetreiber will die Aktionäre, die ihre Anteilsscheine noch nicht für die Fusion mit der NYSE Euronext getauscht haben, auch nach dem Zusammenschluss nicht aus dem Unternehmen gedrängt werden. "Das sind belastende Nachrichten für die Aktien der Deutschen Börse, da der Konzern zuvor gesagt hatte, es könne zu einem Squeeze-out kommen", kommentierte ein Händler. Tatsächlich gehört die Aktie zu den größten Verlierern im Dax.

Bank of America: noch mehr Stellen weg
Nach einem Umbau seiner Führungsspitze will der US-Finanzgigant Bank of America nun zehntausende Arbeitsplätze streichen. Im Gespräch seien rund 40.000 Stellen, berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf mit den Plänen vertraute Personen. Damit würde in den kommenden Jahren jeder siebte Posten wegfallen.

Texas Instrument kürzt Prognose
Der US-Chipkonzern Texas Instruments (TI) stutzt wegen schwächerer Bestellungen seine Geschäftsziele. Das Management sprach von einer weiteren Abschwächung der Nachfrage bei einer ganzen Reihe von Produkten, Märkten und Kunden. Die Aktie des deutschen Chipherstellers Infineon ficht das aber nicht an. Sie schafft zeitweise sogar ein leichtes Plus.

Samsung verliert erneut
Das Düsseldorfer Landgericht ist der Argumentation des US-Technologiekonzerns Apple gefolgt und hat Samsung den Vertrieb seines iPad-Konkurrenzmodells in Deutschland untersagt. Richterin Johanna Brückner-Hoffmann sagte zum Galaxy 10.1, dem Tablet-PC von Samsung, es gebe einen "übereinstimmenden Gesamteindruck mit dem Geschmacksmuster des iPad".

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat