Zinssenkung löst Euphorie aus

Lothar Gries

Stand: 19.09.2007, 20:05 Uhr

Die Finanzkrise ist noch nicht überstanden und weitere schmerzliche Anpassungen scheinen unvermeidlich. Doch davon wollten die Anleger am Mittwoch nichts wissen. Der Zinsrückgang in den USA löste an den Märkten einen wahren Kaufrausch aus.

Die überraschend deutliche Zinssenkung der Fed hat den europäischen Aktienmärkten am Mittwoch kräftige Kursgewinne beschert. Der Dax konnte am Abend sein imXetra-Handel erreichtes Niveau zwar nicht ganz halten, doch stieg der Index letztlich um 2,05 Prozent auf 7727,51 Punkte. "Die Ursachen für den Zinsschritt der Fed sind zwar noch nicht vorbei, doch freuen sich die Märkte über die Entschlossenheit der Amerikaner, die Konjunktur zu entlasten und eine Rezession abzuwenden", sagte ein Händler. Zusätzlich angeheizt wurde die Stimmung von der rückläufigen Teuerungsrate in den USA im August. Das weckte Hoffnungen auf neue Zinssenkungen bis zum Jahresende und drängte die schwächer als erwartet ausgefallenen Quartalszahlen der US-Investmentbank Morgan Stanley sowie den Rückgang der Baubeginne im August in Amerika in den Hintergrund.

Warten auf neue Quartalszahlen

Auch am Donnerstag dürften neue Quartalszahlen von US-Banken - diesmal sind Goldman Sachs und Bear Stearns an der Reihe - das Geschehen an den Aktienmärkten beeinflussen. Während Analysten bei Bear Stearns mit einem deutlichen Gewinneinbruch von 36 Prozent auf 286 Millionen Dollar rechnen, dürfte das Ergebnis von Goldman Sachs kräftig zulegen. Erwartet wird ein Gewinnanstieg um 28 Prozent auf zwei Milliarden Dollar. Insgesamt erwarten Experten, dass sich die Kursrally noch bis zum Verfallstag am nächsten Freitag fortsetzen könnte.

Banken legen kräftig zu
Zu den größten Kursgewinnern gehörten am Mittwoch die zuvor arg gebeutelten Finanzwerte, allen voran die Immobilienbank Hypo Real Estate, deren Papiere um mehr als sechs Prozent zulegten. Das Geldhaus hatte zuvor erklärt, trotz des in den letzten Wochen kräftig gesunkenen Börsenwertes, an der geplanten Übernahme der Depfa-Bank festhalten zu wollen. Zu den wenigen Verlierern zählten Fresenius Medical Care sowie die Deutsche Post. Die beiden Versorger Eon und RWE konnten leichte Zuwächse verbuchen, obwohl die EU-Kommission ihre Pläne bekräftigte, die Energiekonzerne aufzuspalten. Aufatmen können auch die Aktionäre von DaimlerChrysler nachdem der US-Milliardär Kirk Kerkorian am Mittwoch endgültig mit seiner Klage gegen die Fusion von Daimler und Chrysler gescheitert ist.

Aufschwung geht weiter
Trotz der anhaltenden Unsicherheit über das Ausmaß der derzeitigen Finanzkrise, verbreitete der Bundesverband deutscher Banken (BdB) am Mittwoch Optimismus. Das Wachstum in Deutschland werde sich zwar verringern, auch dauere die Krise länger als erwartet, doch der Aufschwung in Deutschland werde sich fortsetzen, betonte der Verband. Nach einer Befragung seiner Mitglieder senkte der BdB seine Prognose für das deutsche Wachstum lediglich auf 2,5 Prozent von 2,75 Prozent zuvor. Für 2008 erwarten die Banken unverändert einen BIP-Zuwachs von 2,0 Prozent.

Euro und Öl gefragt
Auch der zuletzt stark gestiegene Euro sowie der Ölpreis spielten am Mittwoch keine Rolle. Dabei scheinen beim Euro weitere Kursgewinne wahrscheinlich. Die Gemeinschaftswährung marschiert in Richtung 1,40 Dollar, sagte ein Marktteilnehmer. Auch der Ölpreis kletterte weiter. Ein Barrel (159 Liter) leichtes und kurzfristig verfügbares US-Öl kostet erstmals mehr als 82 Dollar.

Nothern Rock nach unten
Die Erholung der Aktie der angeschlagenen britischen Hypothekenbank Northern Rock ist schon wieder beendet. Händler verwiesen auf einen Pressebericht, nach dem die Bank bis Ende dieser Woche den zugesagten Notkredit in Anspruch nehmen will.

Merck will expandieren
Im Dax macht der Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck von sich reden. Das Unternehmen will in den kommenden Jahren sein Geschäft durch Übernahmen ausbauen. Die Bereiche rezeptfreie Medikamente und Lifesciences sollten bis 2010 durch Zukäufe gestärkt werden, sagte Konzernchef Karl-Ludwig Kley der "FTD". Das Geschäft mit Arzneimitteln und Flüssigkristallkomponenten solle dagegen weiter organisch wachsen, ergänzte der Manager.

Krones setzt auf Zukäufe
Der im MDax notierte Getränkeabfüll- und Verpackungsmaschinenhersteller Krones verfolgt eine ähnliche Strategie. Das Unternehmen will spätestens 2008 eine nennenswerte Akquisition tätigen, sagte Finanzvorstand Hans-Jürgen Thaus der "Börsen-Zeitung". Das Unternehmen, das Krones erwerben will, liege in der Umsatzklasse zwischen 100 und 300 Millionen Euro.

Evotec geht in die USA
Der Biotech-Unternehmen Evotec ist bereits einen Schritt weiter. Das ehemalige TecDax-Mitglied will das US-Unternehmen Renovis durch einen Aktientausch übernehmen. Der Wert der Transaktion liegt bei rund 150 Millionen Dollar.

Premiere wird konkret
Der Bezahlfernsehsender Premiere bietet im Rahmen seiner bereits angekündigten Kapitalerhöhung 14,06 Millionen neue Aktien für 12,50 Euro je Anteilsschein an. Mit einem Volumen von 175,75 Millionen Euro fällt die Kapitalmaßnahme allerdings kleiner aus als ursprünglich geplant. Mit dem Geld will sich Premiere für den kommenden Bieterwettstreit um die Bundesliga-Übertragungsrechte rüsten.

Nanostart sehr gefragt
Die Aktien der Nanostart AG machen einen Satz nach oben. Am morgigen Donnerstag werden die Aktien der Magforce Nanotechnologies AG erstmals im Börsensegment Entry Standard gehandelt. Der Start erfolgt allerdings nicht nach einem regulären Börsengang, sondern durch ein so genanntes Listing. Nanostart hält derzeit 81 Prozent der Magforce-Anteile.

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