Zeit für Gewinnmitnahmen

Notker Blechner

Stand: 27.08.2009, 20:06 Uhr

Der jüngste Höhenflug des Dax ist vorerst gebremst: Am Donnerstag fiel der deutsche Leitindex den zweiten Tag in Folge. Gemischte Konjunkturdaten und Kursverluste an der Wall Street belasteten. Am Abend kam etwas Entlastung.

Lange Zeit waren die Anleger am Donnerstag orientierungslos. Der Dax pendelte stundenlang um seinen Vortagesschluss. Zeitweise lag er sogar knapp im Plus. Erst als die Wall Street klar im Minus eröffnete, beschleunigte sich die Talfahrt im Dax. Am Ende büßte der deutsche Leitindex fast ein Prozent auf 5470 Punkte ein. Im späten Parketthandel verringerten sich die Kursverluste. Der L-Dax schloss bei 5.496 Zählern. Denn nach einem schwachen Start drehte der Dow Jones am Abend noch ins Plus.

Talfahrt der US-Wirtschaft verlangsamt sich

"Wir hatten zuletzt gute Nachrichten zuhauf - sowohl von Unternehmens- als auch Konjunkturseite", meinte ein Börsianer. Die Erwartungen seien inzwischen so gestiegen, dass "gut einfach nicht mehr gut genug ist". Anleger nehmen jetzt erst einmal lieber Gewinne mit. Selbst der geringer als erwartet ausgefallene Rückgang des US-Bruttoinlandsprojekts (BIP) verpuffte am Aktienmarkt schnell. Das BIP sank im zweiten Quartal nur um 1,0 Prozent - laut der zweiten Schätzung. Analysten hatten befürchtet, dass das Minus auf 1,5 Prozent nach unten revidiert wird. Im ersten Quartal war das BIP noch um 6,4 Prozent eingebrochen.

Enttäuschend fielen hingegen die neuesten Daten vom US-Arbeitsmarkt aus. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sank nicht ganz so deutlich wie erhofft - nämlich nur um 10.000 auf 570.000. Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 565.000 Anträgen gerechnet.

Hoffnungsvolle Konjunktursignale aus Deutschland
In Deutschland mehren sich indes die Anzeichen für eine Konjunkturerholung im kommenden Jahr. Die Deutsche Bank geht von einem Wachstum von 1,4 Prozent aus, nachdem sie zuvor nur ein Plus von 0,4 Prozent prognostiziert hatte. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält seine Prognose von 0,5 Prozent Wachstum für zu niedrig und wird in Kürze die Zahl nach oben korrigieren. Für dieses Jahr rechnet das DIW nur noch mit einem Minus des BIP von fünf bis sechs Prozent. Die Deutsche Bank erwartet ein Minus von 5,2 Prozent statt wie bisher angekündigt sechs Prozent. Die Experten warnen aber vor Euphorie. "Das ist noch nicht der Aufschwung", sagte Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung. Deutschland sei nach dem scharfen Absturz auf der Talsohle angelangt.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Eon und RWE als Wahlgewinner?
Ganz oben in der Anlegergunst standen die Versorgerwerte. Die Aktien von RWE und Eon legten rund 1,5 Prozent zu. Sie profitierten von Spekulationen um eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke nach der Bundestagswahl. An der Börse rechnet man mit einer schwarz-gelben Regierung, die dann den von Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg kippt, meinte ein Marktteilnehmer. Tatsächlich meldete am Abend das "Handelsblatt" in einem Vorabbericht, dass Union und FDP bei einem Wahlsieg den Ausstieg rückgängig machen und eine Art Atomsteuer erheben würden. Mindestens die Hälfte der zu erwartenden Mehreinnahmen sollten die Versorger abgeben, um die Verbraucher zu entlasten und die erneuerbaren Energien zu fördern.

Post wieder begehrt
Zu den wenigen Dax-Gewinnern zählte am Donnerstag auch die Deutsche Post. Mit einem Plus von 1,6 Prozent auf knapp 12 Euro war die "Aktie Gelb" Spitzenreiter im deutschen Leitindex. Damit notiert sie nun auf dem höchsten Stand seit Oktober 2008. Händler erklärten den Kursanstieg mit charttechnischen Gründen.

SAP

SAP: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Millionenbuße für SAP
Wenig beeindruckt zeigten sich die SAP-Aktien von einem Gerichtsurteil. Der größte europäische Software-Konzern muss laut einem US-Gerichtsentscheid wegen Patentverletzungen 138,6 Millionen Dollar Strafe an Versata Software zahlen. Das sei zu verkraften, meinten Analysten. Die Strafe werde sich nicht negativ auf die Bilanz von SAP auswirken.

Bayer droht Konkurrenz
Auf der Verliererseite lag dagegen die Bayer-Aktie mit einem Minus von vier Prozent. Die Anleger schauen besorgt nach Barcelona, wo am Wochenende ein Kongress europäischer Kardiologen stattfindet. Dort könnte Konkurrent Boehringer Ingelheim gute Daten zu seinem Arzneimittel Pradaxa vorlegen, heißt es. Das wäre eine harte Konkurrenz für das Bayer-Präparat Xarelto. Erneut machten am Markt Gerüchte über eine möglicherweise bevorstehende Kapitalerhöhung die Runde. Bayer hat die immer mal wieder aufkommenden Spekulationen bereits zurückgewiesen.

Studie und Gerüchte belasten K+S
Top-Verlierer war die Aktie von K+S. Sie büßte über fünf Prozent ein. Schuld darin war eine negative Studie von Merrill Lynch. Analyst Andrew Stott sieht als Belastungsfaktor nicht nur anhaltend schwache Kali-Preise, sondern wirft auch die Befürchtung auf, dass die Bilanz des Düngemittel-Herstellers womöglich aufgebessert werden müsste. Am Markt machten daraufhin Gerüchte über eine bevorstehende Kapitalerhöhung die Runde.

MAN will noch mehr sparen
Rund zwei Prozent büßte die Aktie von MAN ein. Ein Pressebericht über eine Fortsetzung des harten Sparkurses konnte die Kursverluste etwas eindämmen. Laut der Tageszeitung "Die Welt" vom Freitag will MAN in der Nutzfahrzeugsparte auch über 2009 hinaus Sach- und Personalkosten senken. Die Einsparungen sollen 2011 wirksam werden. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat für das Sparprogramm begännen laut dem Bericht in der kommenden Woche. MAN hatte für 2009 ein Sparpaket von mindestens 500 Millionen Euro aufgelegt.

HeidelCement im Aufwind
Im MDax führte HeidebergCement die Gewinnerliste mit einem Plus von über vier Prozent an. Am Vormittag hatte der Titel noch klar im Minus notiert - wegen eines negativen Analysten-Kommentars. Nach der starken Kursentwicklung der vergangenen Wochen drohen der Aktie laut Unicredit-Analystin Karin Brinkmann Verluste. Außerdem begrenze der mögliche Aktienüberhang das Aufwärtspotenzial. Brinkmann rät daher zum Verkauf des MDax-Titels.

Fielmann weiter Analysten-Liebling
Stark gefragt waren im MDax die Fielmann-Aktien nach der Veröffentlichung vollständiger Halbjahreszahlen. Sie gewannen fast vier Prozent. Zwar war der Überschuss wegen gestiegener Werbeausgaben von April bis Juni auf 27,7 Millionen Euro gesunken. Analysten zeigten sich dennoch größtenteils positiv überrascht. Deutsche Bank, Equinet und Merck Finck bestätigten ihre Kaufempfehlungen für den Titel.

Auftrag für Gea aus Saudi-Arabien
Der Maschinenbauer Gea hat erneut einen Großauftrag an Land gezogen: Für 24 Millionen Euro dürfen die Bochumer eine Anlage zur Herstellung von Instant-Babynahrung für den saudischen Milchprodukte-Hersteller Almarai errichten. Die Gea-Aktie konnte sich daraufhin von ihren Kursverlusten erholen.

Deutsche Wohnen überzeugt
Im SDax stachen Titel der Deutsche Wohnen mit Kursgewinnen von über sechs Prozent hervor. Die Immobiliengesellschaft konnte im ersten Halbjahr das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) auf 67,3 Millionen Euro steigern.
Unterm Strich verblieb im ersten Halbjahr aber ein Minus von 2,4 Millionen Euro nach einem Gewinn im Vorjahr. Dennoch lobte Analyst Ulrich Geis von der DZ Bank die "guten" Ergebnisse. "

VTG nicht gut genug
Dagegen konnten die Halbjahreszahlen des Waggonvermieters VTG die Aktien nicht antreiben. Sie schlossen um zwei Prozent tiefer. Dabei lagen sowohl Umsatz als auch operatives Ergebnis nur leicht unter dem Vorjahreswert. Der operative Cashflow stieg sogar um 11,5 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet das Unternehmen einen mit rund fünf Prozent leichten Rückgang von Umsatz und Ebitda im Vergleich zum Vorjahr.

Sportgeschäft belastet Constantin
Fast drei Prozent büßten die Aktien der Medienfirma Constantin ein. Grund: Das schwächelnde Sportgeschäft hat die Münchner in die roten Zahlen gedrückt. Im ersten Halbjahr fiel ein Verlust von 4,6 Millionen Euro an. Vor allem die Werbeflaute beim Sportsender DSF macht Constantin zu schaffen. Constantin Medien ist aus einer Dreier-Allianz der Medienfirmen EM.Sport (ehemals EM.TV), Constantin und der Schweizer Highlight Communications entstanden.

Q-Cells vor Rückschlag?
Im TecDax standen mal wieder zahlreiche Solarwerte unter Druck, darunter vor allem Q-Cells. Dem Solarkonzern droht laut "Handelsblatt" beim Bau des größten Solarparks in Deutschland ein herber Rückschlag. Denn der Kooperationspartner MEMC würde dadurch in das Geschäft mit Solarmodulen einsteigen. Das verbieten ihm jedoch Lieferverträge mit anderen Solarfirmen wie Conergy, Suntech und Tainergy. "Das dürfte das Projekt zumindest verzögern", befürchtet ein Händler.

Noch mehr Geld für IKB nötig?
Jenseits der Indizes schockte die mit Milliardengeldern gestützte IKB. Bankchef Hans Jörg Schüttler schloss am Donnerstag auf der Hauptversammlung eine weitere Kapitalerhöhung nicht aus. Eine neue Finanzspritze könnte nötig sein, um die vom Bankenrettungsfonds SoFFin geforderte Kernkapitalquote von mindestens acht Prozent einzuhalten. Kleinaktionäre der IKB nahmen das Management auf der Hauptversammlung schwer unter Beschuss. Sie warfen Vorstand und Aufsichtsrat einen mangelnden Willen zur Aufklärung der IKB-Krise vor. Der Vorstand lehnte es ab, Hintergründe und Ursache der Krise durch einen externen Sonderprüfer untersuchen zu lassen. Die IKB-Aktie brach erneut um fast zehn Prozent ein. Die IKB hatte sich in großem Stil mit US-Ramschhypotheken verspekuliert und war als erstes deutsches Institut Mitte 2007 tief in den Strudel der Finanzkrise geraten.

Kurssprung bei ItN Nanovation
Unter den kleineren Werten machte die Aktie von ItN Nanovation mit einem Kurssprung von 16 Prozent auf sich aufmerksam. Die Nanotech-Firma hat ihre Produktlinie Nanocat an den Großabnehmer BSH Bosch und Sienmens Hausgeräte verkauft. Dadurch fließen 1,6 Millionen Euro in die Kassen von ItN Nanbovation. Durch die Transaktion ergibt sich ein signifikanter positiver Ergebnisbeitrag.

L'Oréal kommt stabil durch die Krise
Aus Frankreich, Niederlande, Belgien und Großbritannien meldeten sich am Donnerstag weitere Unternehmen mit Zahlen zu Wort. Zum Beispiel der weltgrößte Kosmetikkonzern L'Oréal. Das französische Unternehmen litt zwar unter der schleppenden Nachfrage nach Luxusgütern, konnte aber dennoch den Umsatz leicht auf 8,77 Milliarden Euro steigern. Der Überschuss sank von 1,26 Milliarden auf 1,08 Milliarden Euro.

Spaltet sich Accor auf?
Einen Gewinneinbruch von 54 Prozent vermeldete die Hotelkette Accor. Doch die Aussicht auf eine Aufspaltung des Konzerns trieb die Accor-Aktie um elf Prozent nach oben. Accor erwägt, seine Dienstleistungssparte, insbesondere das Geschäft mit Essensmarken, abzuspalten.

Crédit Agricole profitiert vom Investmentbanking
Erfreuliches kam auch von der Crédit Agricole: Frankreichs größte Privatkundenbank verbuchte im zweiten Quartal einen überraschend hohen Gewinnanstieg. Dies verdankte die Bank vor allem dem florierenden Investmentbanking. Allein hier stiegen die Erträge um fast 90 Prozent. Die Risikovorsorge musste hingegen verdreifacht werden.

Bei Fortis und Dexia schmelzen die Gewinne
Derweil musste der wegen der Finanzkrise zusammengebrochene und in der Folge filetierte niederländische Finanzkonzern Fortis einen heftigen Gewinneinbruch in den ersten sechs Monaten hinnehmen. Der Überschuss in der Versicherungssparte - dem einzigen noch verbliebenen operativ tätigen Geschäftsbereich des Konzerns - sank um 29 Prozent auf 228 Millionen Euro. Auch der französisch-belgische Finanzkonzern Dexia enttäuschte die Anleger. Zwar machte Dexia das zweite Quartal in Folge einen Gewinn (283 Millionen Euro), verfehlte aber die Markterwartungen. Die Aktie rutschte um rund sieben Prozent ab. Der Finanzierer der öffentlichen Hand war im vergangenen Herbst von Frankreich, Belgien und Luxemburg mit einem 6,4 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vor dem Untergang gerettet worden.

Weniger Durst auf Hochprozentiges von Diageo
Nicht berauschend fielen die Zahlen und der Ausblick des weltgrößten Spirituosenherstellers Diageo aus. Wegen der Rezession sanken der Absatz und das Ergebnis vor Steuern. Vor allem Gin, Wein und Whisky verkauften sich schlechter. Für das Geschäftsjahr 2009/2010 schraubte der Hersteller von Johnnie Walker, Smirnoff, Baileys und Guinness seine Prognose zum zweiten Mal herunter. Diageo erwartet nun nur noch ein niedriges einstelliges Wachstum.

Boeing: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
303,70
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-1,29%

Boeing verschiebt Dreamliner-Start auf Ende 2010
Aus den USA kam am späten Nachmittag die Nachricht, dass Boeing die Auslieferung seines 797 "Dreamliner" um fast ein Jahr auf Ende 2010 verschiebt. Zuletzt war als Termin das erste Quartal 2010 anvisiert worden. Der Hoffnungsträger von Boeing, der die Antwort auf den A 380 von Airbus ist, liegt somit fast drei Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurück., Die Anleger reagierten trotzdem erleichtert darüber, dass nun endlich ein konkreter Zeitplan vorliegt. Die Aktie hob um acht Prozent ab.

Apple greift mit dem "Schneeleoparden" an
Am Freitag startet Apple sein neues Betriebssystem Mac OS X "Snow Leopard". Damit sollen Macintosh-Rechner künftig noch zuverlässiger und einfacher zu bedienen sein. Mit dem "Schneeleoparden" heizt Apple den Wettbewerb mit Microsoft weiter an. Microsoft bringt in zwei Monaten Windows 7 auf den Markt.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 20. Juli

Unternehmen:
Faurecia: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Hermès: Q2 Umsatz, 07:00 Uhr
Rémy Cointreau: Q4-Zahlen
Thales: Q1 Umsatz, 07:30 Uhr
Stanley Black & Decker: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
General Electric: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Schlumberger: Q2-Zahlen, 13:00 Uhr
Honeywell: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise für Juni, 01:30 Uhr
Deutschland: Juli-Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Deutschland: Erzeugerpreise im Juni, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Euro-Zone im Mai, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Farnborough: Fortsetzung der Internationalen Messe für die Luft- und Raumfahrt (bis 22. Juli)