Wie in alten Krisen-Zeiten

Angela Göpfert

Stand: 02.07.2009, 20:06 Uhr

Hohe Volatilität, ängstliche Investoren und extreme Kursabschläge - fast schon hatten Anleger vergessen, wie Börse in Zeiten der Krise aussehen kann. Doch der heutige Handelstag hat es ihnen mit einem Paukenschlag wieder ins Gedächtnis gerufen.

Zu Parkettschluss standen nur noch magere 4.729 Punkte auf der Dax-Tafel. Damit konnte der Dax seine drastischen Verluste im späten Handel nur minimal verringern; den Xetra-Handel hatte der deutsche Leitindex bei einem Stand von 4.718 Punkten beendet - ein Minus von 3,8 Prozent. Mit anderen Worten: Der Dax hat heute binnen weniger Stunden die Gewinne von sechs Handelstagen komplett vernichtet!

Stürmische Zeiten
Zu Parkettschluss stand der Dow-Jones-Index 2,1 Prozent tiefer, der marktbreite S&P 500 notierte gar 2,3 Prozent niedriger und hielt sich nur knapp über der wichtigen Marke von 900 Punkten. Kein schöner Wochenausklang an der Wall Street, bleiben doch am morgigen "Independence Day" die US-Börsen geschlossen.

Dass der Wind an der Börse gedreht hat, zeigt aber auch der Chicagoer Volatilitätsindex VIX. Er zog um über acht Prozent an, nachdem er noch am Vortag auf das niedrigste Niveau seit September 2008 gesunken war. Lesen Sie dazu auch unseren Hintergrund-Artikel Stehen Anlegern bald ruppigere Zeiten bevor?

Harte Realität hässlicher als Fantasie
Der Grund für diese Trendwende: Die Realität hat sich als deutlich düsterer erwiesen als die Fantasie. Im Juni wurden in den USA 467.000 Stellen vernichtet - über 100.000 mehr, als es Analysten prognostiziert hatten. Die Arbeitslosenquote stieg auf 9,5 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 26 Jahren.

Laut US-Analysten liegt die US-Wirtschaft somit immer noch "in Trümmern", dies rechtfertige einen "Ausverkauf". Tatsächlich hatte die rasante Kursrally in den vergangenen Monaten auf der Annahme einer raschen V-förmigen Erholung der US-Konjunktur beruht.

Doch diese These scheint nunmehr kaum noch zu halten. Kritische Marktbeobachter hatten schon seit längerem gewarnt, dass die fundamentalen Daten eine anhaltende Kletterpartie an den Börsen nicht hergeben würden.

Charttechniker machen Warnsignale aus
Derweil hat sich auch das charttechnische Bild mit dem heutigen Handelstag extrem eingetrübt: Der Dax durchbrach die untere kurzfristige Trendkanallinie im Bereich von 4.790 Punkten nach unten, das könnte ein Abwärtspotenzial von bis zu 200 Punkten nach sich ziehen. Auch der Sturz unter die 38-Tage-Linie und die Tatsache, dass der Dax den Xetra-Handel auf Tagestiefstkurs beendete, verheißt nichts Gutes.

Stimmungsumschwung auch beim Öl
Dass die Stimmung heute um 180 Grad gedreht hat, zeigte indes auch die Reaktion der Rohstoff- und Devisenmärkte. So flüchteten Anleger in die - noch - wichtigste Reservewährung der Welt, den Dollar. Der Euro rutschte zeitweise unter die Marke von 1,40 Dollar.

Der Preis für ein Barrel der US-Referenzsorte WIT gab empfindlich nach auf unter 67 Dollar. Das belastete die Energie-Aktien an der Wall Street: Papiere von Exxon Mobil und Chevron zählten neben zyklischen Titeln etwa von Alcoa oder Caterpillar zu den größten Verlierern.

Zykliker auch hierzulande kein Kauf
Auch hierzulande hatten Anleger zyklische Titel auf ihren Verkaufslisten: So büßten Stahl-Aktien von ThyssenKrupp und Salzgitter 5,6 respektive 5,3 Prozent ein. Titel des schwer gewichteten Industrieriesen Siemens verloren 5,3 Prozent, Aktien des weltgrößten Chemiekonzerns BASF büßten 5,2 Prozent ein.

Autotitel leiden, VW ganz besonders
Größter Verlierer im deutschen Leitindex war aber die VW-Stammaktie mit einem Minus von 7,8 Prozent. Sie litt unter Spekulationen, sie könnte schon bald durch die Vorzugsaktie im Dax ersetzt werden.

VW-Stämme waren jedoch nicht die einzigen Autotitel, die heute teils empfindliche Einbußen verbuchten. Auch Aktien von Daimler, Porsche und Renault schmierten ab. Sie reagierten damit auf den erneuten Absatzeinbruch auf dem US-Markt sowie eine Sektor-Herabstufung der Credit Suisse.

Deutsche Börse mit Doppel-Belastung
Zweitgrößter Dax-Verlierer war die Commerzbank-Aktie. Sie neutralisierte einen Teil ihrer extremen Vortagesgewinne und büßte 6,5 Prozent ein.

Die Deutsche Börse ging mit einem Abschlag von 6,2 Prozent aus dem Handel. Schwache Handelszahlen vom Vortag sowie eine drastische Gebührensenkung des Wettbewerbers LSE drückten auf den Kurs.

Telekom-Sorgenkind heiß begehrt?
Dagegen profitierte naturgemäß der defensive Titel FMC von der gestiegenen Risikoaversion der Anleger, er war mit einem Plus von 0,9 Prozent der einzige Dax-Gewinner.

Die Aktie der Deutschen Telekom hielt sich mit einem Minus von 2,2 Prozent etwas besser als der Markt. Laut Medienberichten könnte es zu einem Bieterstreit zwischen Vodafone und Telefonica um die verlustreiche T-Mobile UK kommen.

HeidelDruck und Celesio ganz fidel
Im MDax war die HeidelDruck-Aktie mit einem Plus von 2,8 Prozent der stärkste Wert. Laut Medienberichten könnte der tief in den roten Zahlen steckende Maschinenbauer bereits in dieser Woche die zugesagten Kreditlinien über 1,4 Milliarden Euro erhalten.

Nach der Einigung mit der Muttergesellschaft Haniel über die Übernahme der brasilianischen Panpharma griffen Anleger auch bei Celesio zu. Die Papiere profitierten zudem von einer Hochstufung durch die Commerzbank.

Tui mit Hapag-Lloyd-Malus
Die Tui-Aktie war dagegen mit einem Abschlag von 8,1 Prozent unter den größten MDax-Verlierern. Düstere Aussichten für die Containerreederei Hapag-Lloyd lasteten auf den Aktien des größten Einzelaktionärs. Am Markt kursierten Gerüchte, Tui müsse Hapag-Lloyd Kapital zuschießen.

TecDax in Analystenhand
Im TecDax sorgten Analystenstudien für Kursbewegungen. So kletterten Aktien von Phoenix Solar nach einer Hochstufung durch Goldman Sachs an die Indexspitze. Q-Cells-Aktien verloren nach einer Kurszielsenkung durch die Bank of America 5,8 Prozent.

Delticom hebt Prognose an - Überraschung?!
Im SDax schoss die Delticom-Aktie mit einem Plus von 8,5 Prozent an die Spitze. Der Reifenhändler hatte sein Ebit-Margenziel für 2009 hochgeschraubt und damit den Markt positiv überrascht. Den ganzen Markt? Nicht ganz, Händler monierten jedenfalls das auffällige Kursplus vom Vortag als einen Hinweis auf Insider-Transaktionen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr