Wie gewonnen, so zerronnen

Stand: 12.08.2008, 20:01 Uhr

Der Dax hat seine zeitweiligen Gewinne nicht verteidigen können. Schuld war die schwache Wall Street, die unter den vielen schlechten Nachrichten aus der Finanzbranche litt.

Der amerikanische Leitindex Dow Jones notiert zum New Yorker Mittag rund 0,9 Prozent im Minus. Gestützt wurde der Markt von sinkenden Rohstoffpreisen. Das lasse einen nachgebenden Inflationsdruck erwarten, sagten Händler. Der Preis für ein Fass US-Leichtöl der Sorte WTI sank zeitweise unter 113 Dollar. Der Kupferpreis rutschte auf den niedrigsten Stand seit Februar.

Aus der Finanzbranche hagelte es Negativmeldungen. Zum einen gab es Herabstufungen oder negative Kommentare für eine Handvoll Bankaktien, darunter Goldman Sachs und Morgan Stanley. Die Citigroup warnte, Bank of America könnte seine Dividende kappen. Zum andern veröffentlichte J.P. Morgan Abschreibungen per Juli in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar. Wachovia bekannte, im zweiten Quartal noch tiefer in die roten Zahlen gestürzt zu sein. Und schließlich sorgte eine Studie der US-Notenbank Fed für schlechte Stimmung. Daraus geht hervor, dass Finanzinstitute sowohl im Privat- als auch im Firmenkundengeschäft bei der Kreditvergabe die Zügel anzogen. Das werten Experten als Beleg dafür, dass die vor gut einem Jahr ausgebrochene Finanzkirse die Wirtschaft immer noch fest im Griff hat.

Auch aus Europa gab es Negatives aus dem Finanzsektor. Die Schweizer Großbank UBS hatte Quartalszahlen vorgelegt: Der Verlust von 358 Millionen Franken und Abschreibungen von 5,1 Milliarden Franken auf Investitionen am US-Kreditmarkt schmeckten Anlegern nicht.

So gehörten auch im Dax Finanztitel zu den Verlierern. Aktien der Postbank gaben drei Prozent ab, auch die Papiere von Hypo Real Estate, Deutscher Bank und Commerzbank verloren. Die Schwäche des Euro, der zeitweise auf ein Sechs-Monats-Tief gefallen war, ließ dagegen exportabhängige Werte wie Autoaktien steigen. Die Titel von Volkswagen, BMW und Daimler gehörten zu den Top-Tagesgewinnern. Der Dax schloss im elektronischen Xetrahandel mit einem Minus von 0,4 Prozent bei 6.586 Zählern, der L-Dax gab noch ein paar Punkte ab bis auf 6.575.

Aktien von Infineon verbuchten die größten Kursgewinne im Club der 30 Größten, nachdem Technologietitel in den USA am Vortag deutlich gewonnen hatten. Zudem erhielt der Halbleiterhersteller einen Großauftrag der südchinesischen Stadt Shenzen zur Lieferung von Chipkarten. Infineon gingen mit plus vier Prozent aus dem Handel.

Stahlaktien auf Talfahrt
Größter Dax-Verlierer war die ThyssenKrupp-Aktie, die rund drei Prozent abgab. Stahlaktien reagierten insgesamt negativ auf die Ankündigung des Stahlkonzerns Posco, die Preise für Edelstahl um bis zu zehn Prozent zu senken. Im MDax zeigte sich das an dem Kursminus von Salzgitter, die zwei Prozent abgaben.

Die Gewinner im MDax
Im Fokus der Börsianer stand eine ganze Flut von Unternehmenszahlen aus der zweiten Reihe. Die Celesio-Aktie gewann trotz einer Gewinnwarnung elf Prozent. Händlern zufolge ist die gesenkte Ergebnisprognose keine Überraschung gewesen. Zudem erwarte der Phama-Großhändler für 2009 werde wieder ein gutes Geschäft. Die Zahlen für das zweite Quartal seien zwar schwach ausgefallen, aber dennoch etwas besser als erwartet.

Neue Gerüchte um eine Übernahme des Finanzdienstleisters MLP trieben dessen Aktien stark in die Höhe. Das Papier zog am Dienstag zeitweise um fast acht Prozent auf ein Ein-Jahres-Hoch von 13,05 Euro an. "Focus" hatte berichtet, der Schweizer Versicherungskonzern Swiss Life wolle sich nach dem Kauf des MLP-Rivalen AWD nun auch den Finanzdienstleister aus Wiesloch einverleiben. Aktien von Leoni gehörten ebenfalls zu den MDax-Gewinnern. Wie die Quartalszahlen zeigen, stemmt sich der Autozulieferer gegen den rückläufigen Trend in der Automobilindustrie, im zweiten Quartal verbuchte Leoni erwartungsgemäß einen Umsatzsprung. Auch der Gewinn legte zu. Die von einigen Analysten erhoffte Erhöhung der Prognose kam allerdings nicht.

Die Beiersdorf-Aktie kam auf ein Kursplus von knapp vier Prozent. Dafür sorgte die Aufnahme des Titel in eine Empfehlungsliste der US-Investmentbank Goldman Sachs. Wohlwollend wurden die Zahlen der Aareal Bank aufgenommen. Das Betriebsergebnis toppte die Erwartungen der Analysten. Die Bank will weiterhin im Gesamtjahr das operative Ergebnis des Vorjahres erreichen. Die Aktien von Bilfinger Berger stiegen ebenfalls angetrieben durch die Bilanzvorlage. Deutschlands zweitgrößter Baukonzern hatte dank eines weiter boomenden Dienstleistungsgeschäfts den Rückschlag bei einem Autobahnprojekt in Norwegen besser als erwartet verkraftet

Die MDax-Verlierer
Schlecht erging es der Aktie von K+S. Belastet von der schlechten Stimmung in der Branche verlor das Papier etwa vier Prozent. Der Sektor leidet unter den fallenden Preisen am Rohstoffmarkt, die in der Sorge einer weltweiten Konjunkturabkühlung nachgeben. Auch die Tognum-Aktie verlor deutlich. Der Dieselmotorenhersteller zwar mit seinen Quartalszahlen die Erwartungen der Analysten überwiegend übertroffen. Doch der Auftragseingang verfehlte wie zuvor auch beim Wettbewerber Wartsila die Erwartungen, kommentierte ein Händler die Halbjahreszahlen des Motorenbauers. Zudem habe das Unternehmen wegen der anhaltenden Schwäche des US-Dollar seine Rendite-Erwartungen gedämpft.

Aktien von Rheinmetall gingen mit einem kleinen Minus aus dem Handel. Das Unternehmen hatte zwar im ersten Halbjahr 2008 dank der Verteidigungssparte ein deutlich höheres Nettoergebnis erzielt. Umsatz und Vorsteuerergebnis blieben allerdings unter den Erwartungen von Beobachtern.

Die Aktie von Fresenius litt unter einer Kapitalerhöhung, mit der der Gesundheitskonzerns die Übernahme des US-Unternehmens APP Pharmaceuticals finanzieren will. Durch die Kapitalerhöhung nahm Fresenius 289 Millionen Euro ein durch 2,75 Millionen neue Stammaktien zum Preis von 52 Euro und 2,75 Millionen neue Vorzugsaktien zum Preis von 53 Euro. Die Papiere gingen an institutionelle Anleger im Wege einer beschleunigten Platzierung.

Umsatz- und Gewinnhoffnungen im russischen St. Petersburg können sich gleich zwei MDax-Unternehmen machen. Der Baukonzern Hochtief und der Flughafenbetreiber Fraport sind in die engere Auswahl für eine 30-Jahres-Konzession zum Betrieb des dortigen Flughafens Pulkowo gekommen. Die deutschen Unternehmen sind in dem Bietergefecht Konkurrenten. Beide Aktien verloren heute.

Punktet EADS doch gegen Boeing?
Für leichte Verwirrung im Handel sorgte Boeing. Der Flugzeugbauer zieht sich einem Medienbericht zufolge unter Umständen aus dem Vergabeverfahren für den Milliardenauftrag für Tankflugzeuge der US-Luftwaffe zurück. Entsprechend gut sind die Aussichten für die EADS-Tochter Airbus.

Medion bricht ein
Im Kleinwerteindex SDax haben Vivacon und Medion die größten Verluste eingesteckt. Medion hatte "eigentlich recht gute" Quartalszahlen veröffentlicht, wie ein Händler sagte. Trotz schrumpfender Erlöse verdiente Medion im zweiten Quartal mehr. Daher wurde wieder die Erklärung "Sell on good news" bemüht. Vielleicht hätten einige auch auf eine Anhebung der Jahresprognose gehofft.

Rational-Aktie irrational?
Die Rational-Aktie bügelte einen Teil ihrer Kursverlusten vom Vortag wieder aus. Die Quartalszahlen des Zulieferers für Profiküchen sind einem Händler zufolge zwar etwas hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Positiv sei aber, dass Rational seinen Ausblick bestätigt habe.

Patrizia mit schwarzen Zahlen
SDax-Wert Patrizia legte ebenfalls zu. Das Immobilienunternehmen Patrizia war im zweiten Quartal in die Gewinnzone zurück gekehrt. Kurioserweise geht die Ertragswende aber nicht auf eine gute Entwicklung im Kerngeschäft, sondern überwiegend auf Gewinne durch Zinssicherungsgeschäfte zurück.

Beruhigungspille für Curanum
Die Curanum-Aktie schloss im Plus. Der Altenheimbetreiber ist im ersten Halbjahr nicht so stark gewachsen wie sonst. Denn wegen neuer Wettbewerber sank die Auslastung. Dennoch hielt Curanum an seiner Jahresplanung fest, nach der im Gesamtjahr ein Umsatz von 260 bis 265 Millionen Euro erreicht werden soll. Der Vorstand sieht gute Chancen auf, weitere Einrichtungen zu übernehmen.

Zapf will raus aus dem Rot
Der Puppenhersteller Zapf Creation strebt trotz schwacher Konjunkturaussichten zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder Gewinne an. Der gebeutelte Hersteller von Puppen wie "Baby Born" peilt für 2008 wieder ein positives Ergebnis nach Steuern an. Im ersten Halbjahr schrieb Zapf jedoch noch rote Zahlen, die Aktie verlor heute sieben Prozent.

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