Welch ein Wechselbad!

Detlev Landmesser

Stand: 10.07.2008, 20:42 Uhr

Der Donnerstag bescherte den Investoren jede Menge Hektik. Hatten sich an der Wall Street zunächst die Optimisten durchgesetzt, kam am Abend doch wieder die Angst durch.

Das lag auch am Ölpreis, der am Abend wieder über die Marke von 141 Dollar sprang und damit mehr als fünf Dollar über dem Vortag notierte. Nach neuen iranischen Raketentests hatte Israel der Führung in Teheran am Abend erneut mit einem Militärschlag gedroht.

Die großen US-Indizes, die zeitweise um mehr als ein Prozent im Plus gelegen hatten, fielen daraufhin wieder deutlich zurück.

Sorge um US-Hypothekenriesen

Auch der Dax hatte es im Verlauf fast ins Plus geschafft. Aber just bei dem nun als Kurswiderstand fungierenden Januartief bei 6.384 Punkten war Schluss mit der Erholung - wofür es auch einen handfesten Grund gab: Der ehemalige Fed-Gouverneur William Poole erklärte, die schwer angeschlagenen US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac seien faktisch pleite. Die Politik müsse dies anerkennen und möglicherweise ein Rettungspaket schnüren, sagte Poole der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Weitere Unruhe brachte die Nachricht, dass der Vermögensverwalter Pimco seine Geschäfte mit der US-Investmentbank Lehman Brothers eingeschränkt hat. Die Lehman-Aktie brach daraufhin um bis zu 19 Prozent ein. Ein Pimco-Sprecher erklärte aber, man handele weiterhin mit Lehman. Im abgelaufenen Quartal hatte Lehman wegen der Finanzkrise einen Verlust von 2,8 Milliarden Dollar ausgewiesen.

Der Dax brach daraufhin um bis zu 2,1 Prozent ein. Aus dem Weißen Haus hieß es schließlich, die Regierung arbeite an einem Gesetz für die beiden oft als "halbstaatlich" bezeichneten Konzerne. Dieses werde den Märkten Vertrauen geben, erklärte eine Sprecherin des US-Präsidialamtes.

Auch Ben Bernankes Ausführungen vor dem US-Repräsentantenhaus beruhigten die Gemüter. "Die Finanzturbulenzen gehen weiter, und unsere Anstrengungen richten sich derzeit darauf, dem Finanzsystem bei der Rückkehr zu einer normaleren Funktionsweise zu helfen", erklärte der Fed-Chef. Bernanke schlug anstelle des bislang zersplitterten Überwachungssystems eine "konsolidierte Aufsicht" vor.

Zuvor hatten schon gute Nachrichten von Wal-Mart die Kurse gestützt. Der US-Einzelhandelsriese schätzte seine Gewinnaussichten optimistischer ein als bisher. Je Aktie dürfte das Ergebnis im zweiten Quartal (bis Ende Juli) bei 82 bis 84 Cent ausfallen. Analysten waren im Schnitt von 82 Cent pro Aktie ausgegangen.

Auf der Positivseite stand auch eine Riesenübernahme im Chemiesektor. Der größte US-Chemiekonzern Dow Chemical kauft unter Beteiligung von Warren Buffett den Konkurrenten Rohm & Haas für 18,8 Milliarden Dollar.

FMC gefragt
Mit Abstand größter Dax-Gewinner war die Aktie des Dialyse-Spezialisten Fresenius Medical Care. Die Credit Suisse hat ihre Gewinnschätzungen für 2008 bis 2012 um zwei bis sieben Prozent angehoben. Die Einschätzung wurde mit "Outperform", das Kursziel mit 40 Euro bestätigt.

Nach anfänglicher Schwäche drehte die Commerzbank-Aktie zeitweise deutlich ins Plus. "Das Wall Street Journal hat in einer Kolumne wieder das Thema um eine mögliche Fusion der Dresdner mit der Commerzbank aufgegriffen", sagte ein Händler.

Lufthansa drohen Streiks während der Ferienzeit
Normalerweise schert sich die Börse wenig um Tarifkonflikte. Bei der Lufthansa drohen nun allerdings ausgerechnet während der Hauptreisezeit ab Ende Juli Streiks des Boden- und Kabinenpersonals. Das kündigte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Donnerstag an, nachdem die Tarifverhandlungen für die rund 52.000 Beschäftigten gescheitert waren.

Porsche will mehr von VW
Der Sport- und Geländewagenhersteller Porsche will Anfang September beim VW-Konzern die bestimmende Kraft sein. "Am 2. September haben wir die absolute Mehrheit in der Hauptversammlung", sagte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking laut Reuters. Die VW-Übernahme sei "nicht mehr zu korrigieren". Die VW-Aktie verlor dennoch ähnlich stark wie der Markt.

Südzucker besser als gedacht
Europas größter Zuckerhersteller Südzucker hat sich im ersten Quartal seines Geschäftsjahres 2008/09 besser als erwartet geschlagen. Der Konzernumsatz stieg in den Monaten März bis Mai um 9,8 Prozent auf 1,47 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis legte um 18 Prozent auf 63,2 Millionen Euro zu. Der Gewinn nach Steuern und Anteilen Dritter konnte auf 108,2 Millionen Euro vervielfacht werden. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro und einem Gewinn von 60 Millionen Euro gerechnet.

Heideldruck stellt sich auf Durststrecke ein
Einer der schwächsten MDax-Titel war die Aktie von Heidelberger Druck. Der Druckmaschinenhersteller hat im ersten Quartal seines Geschäftsjahres 2008/09 deutlich schlechter als im Vorjahr abgeschnitten. Der Umsatz sank im Vorjahresvergleich von 742 auf 640 bis 660 Millionen Euro. Das Betriebsergebnis lag bei minus 35 bis 40 Millionen Euro nach plus 26 Millionen Euro vor Jahresfrist. "Mit einem spürbaren Aufschwung der Branche rechnet Heidelberg vorerst nicht", hieß es. Für das Gesamtjahr 2008/09 geht Unternehmen davon aus, bei Umsatz und Betriebsergebnis schlechter als im Vorjahr abzuschneiden.

Norddeutsche Affi auf Rekordstand
Um bis zu 18,6 Prozent schnellte die Aktie der Norddeutschen Affinerie nach oben. Der österreichische A-Tec-Konzern hat sein noch verbliebenes neunprozentiges Paket an dem Kupferhersteller verkauft. "Die Welt" nannte Salzgitter als Käufer, das den Bericht aber nicht kommentieren wollte. A-Tec musste sein Aktienpaket aufgrund einer kartellrechtlichen Auflage vom Februar innerhalb eines halben Jahres verkaufen.

EADS muss sich neu bewerben
Es hatte sich schon angedeutet: Das Pentagon will den ursprünglich an den europäischen Luftfahrtkonzern EADS vergebenen "Jahrhundertauftrag" für die Lieferung von Tankflugzeugen neu ausschreiben. Der Auftrag soll nun im Dezember vergeben werden. Der amerikanische EADS-Konkurrent Boeing hatte Beschwerde gegen den Auftrag eingelegt und der US-Rechnungshof daraufhin im Juni eine Neuausschreibung empfohlen. Im Februar hatte EADS mit seinem US-Partner Northrop Grumman den Zuschlag für die Lieferung von 179 Tankflugzeugen im Wert von 35 Milliarden Dollar erhalten.

Die Aktien des Großmotorenherstellers Tognum standen stark unter Druck. Die Analysten der Deutschen Bank stuften den MDax-Titel von "Buy" auf "Hold" zurück und senkten ihr Kursziel von 24 auf 18,50 Euro.

Conergy kürzt Zuliefervertrag
Deutlich im Plus hielt sich die Aktie von Conergy. Das Solarunternehmen verhandelte die Lieferung von Silizium mit einem Zulieferer neu. Durch die Halbierung des Volumens erhöht Conergy nach eigenen Angaben seinen operativen und finanziellen Spielraum. Die Branche erwartet für Silizium fallende Preise.

Nordex weiter in Ungnade
Einen Tag nach der Gewinnwarnung fand sich die Aktie von Nordex erneut am TecDax-Ende. Zahlreiche Analysten reagierten auf die schlechten Nachrichten des Windanlagenbauers mit Abstufungen.

Atoss erhöht Prognose
Das Softwareunternehmen Atoss hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz um 14 Prozent auf 13,3 Millionen Euro nach oben geschraubt. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg von 1,9 auf 2,7 Millionen Euro. Das Ergebnis je Aktie konnte von 31 auf 43 Cent verbessert werden. Wegen der guten Geschäftsentwicklung geht Atoss davon aus, die bisherige Ebit-Prognose von über vier Millionen Euro im Gesamtjahr deutlich übertreffen zu können.

Rückschlag für Cash.Life
Die Aktie von Cash.Life gab 6,7 Prozent ab. Der Finanzdienstleister verliert erneut ein Mandat zur Verwaltung eines Fondsportfolios. Dadurch entgeht dem Unternehmen langfristig ein Millionen-Euro-Betrag.

Mega-Zukauf für EnBW
Der drittgrößte deutsche Energiekonzern, die Karlsruher EnBW, steigt beim Oldenburger Versorger EWE ein. Im Rahmen der Kooperation beteilige sich EnBW mit insgesamt 26 Prozent an EWE, teilte EWE mit. Der Wert der Gesamttransaktion belaufe sich auf rund zwei Milliarden Euro, bedarf aber noch der Zustimmung des Bundeskartellamts. Die EnBW-Aktie ist zwar börsennotiert, aber nur zu einem geringen Anteil im Streubesitz.

Thielert-Interessent winkt ab
Die Aktie der insolventen Thielert AG litt unter enttäuschten Hoffnungen: Der bislang zu den Favoriten für die Übernahme des Flugzeugmotorengeschäfts zählende Flugzeugbauer Diamond will doch nicht einsteigen. "Diamond Aircraft zieht sich aus dem Bieterverfahren für Thielert Aircraft Engines zurück", sagte der Chef des österreichischen Flugzeugherstellers Christian Dries am Donnerstag zu Reuters.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr