Weiter abwärts

Lothar Gries

Stand: 21.11.2007, 20:00 Uhr

Rezessionsängste, Rekordstände bei Euro und Öl und die schwelende Kreditkrise sorgten am Mittwoch für miese Stimmung an den Aktienmärkten. Unter Druck gerieten vor allem die Bank- und Versicherungswerte. Und ein Ende des Abwärtstrends ist vorerst nicht in Sicht.

Für die teilweise massiven Aktienverkäufe machten Börsianer vor allem die zurückgeschraubten Prognosen der amerikanischen Notenbank verantwortlich. Aber auch die Furcht vor weiteren Kreditausfällen im Zuge der Hypothekenkrise sorgten in ganz Europa für kräftige Kursabschläge bei den Bank- und Versicherungswerten. Im Dax mussten Commerzbank und Hypo Real Estate jeweils mehr als sechs Prozent abgeben. Aber auch in der Schweiz und Großbritannien standen die Finanztitel ganz oben auf der Verkaufsliste.

Verluste gab es auch an der Wall Street. Der Dax konnte seine Tagesverluste dank des Widerstands der schwergewichtigen Versorger Eon und RWE zwar etwas verringern, beendete den Abendhandel trotzdem mit einem Minus von 0,53 Prozent bei 7534 Punkten. Gegen den Trend legten die Papiere der Postbank zu. Das Bonner Institut wird seit Wochen als Übernahmekandidat gehandelt. Die Hoffnung auf eine Weihnachtsrally an den Aktienmärkten ist nach den heftigen Kursverlusten der vergangenen Tage weiter gesunken. Die DWS, Deutschlands größte Fondgesellschaft, rechnet erst Mitte 2008 wieder mit steigenden Aktienkursen.

Porsche erwartet gutes Geschäftsjahr

Der Sportwagenhersteller Porsche rechnet mit einem guten Verlauf des Geschäftsjahres 2007/08. "Auch das laufende Geschäftsjahr wird ein gutes werden, wie in den Vorjahren", sagte Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking am Mittwoch auf einer Betriebsversammlung in Stuttgart. Weitere Details nannte Wiedeking nicht. Am kommenden Mittwoch legt Porsche seine Bilanz für das Geschäftsjahr 2006/07 (31. Juli) vor. Der Gewinn vor Steuern stieg in der abgelaufenen Finanzperiode auf 5,9 Milliarden Euro. "Wir haben alles getan, um den Gewinn nicht noch weiter wachsen zu lassen", sagte Wiedeking. "Wir hätten es fast geschafft, dass der Gewinn höher als der Umsatz war." Die Bilanz sei "konservativ".

Weniger Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe
In den USA ist die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der abgelaufenen Woche gesunken. Die Zahl sei um 11.000 auf 330.000 zurückgegangen, teilte das
US-Arbeitsministerium am Mittwoch mit. Von Thomson Financial News befragte Volkswirte hatten im Durchschnitt mit einem Rückgang von den zunächst gemeldeten 339.000 Anträgen in der Vorwoche auf 315.000 gerechnet. Im aussagekräftigeren Vierwochendurchschnitt sank die Zahl der Erstanträge um 750 auf 329.750.

OECD ewartet hohe Verluste
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hält Verluste aufgrund der US-Subprimekrise von 200 Milliarden bis 300 Milliarden Dollar für möglich. Die Korrektur an den Kapitalmärkten Ende Juli und im August könnte nach Einschätzung der OECD nur der Vorbote für eine deutlichere Abwärtsbewegung sein. Bereinigungen erfolgten häufig in Wellen, hieß es in dem Bericht. "Höhere Kapitalbeschaffungskosten entfalten typischerweise erst nach einigen Monaten ihre volle Wirkung auf Unternehmen und Konsumenten."

Ölpreis marschiert auf 100 Dollar
Die Marke von 100 Dollar für ein Fass Öl ist am Mittwoch zwar noch nicht gefallen, doch es fehlen nur noch wenige Cent. Kaum ein Öl- oder Finanzexperte zweifelt daran, dass es eine Frage von Tagen ist, bis erstmals ein dreistelliger Betrag für ein Barrel der US-amerikanischen Ölsorte WTI bezahlt werden muss. "Die Händler wollen das", meint Thomas Straubhaar, der Präsident des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). "Wer als erster 100 Dollar bezahlt, kann sich in die Geschichtsbücher einschreiben. Am Morgen hatte sich ein Barrel der richtungsweisenden US-Sorte WTI zur Auslieferung im Januar auf 99,29 Dollar verteuert. Bis zum Abend fiel er jedoch wieder auf 98,20 Dollar.

Leica verläßt die Börse
Der traditionsreiche Kamerahersteller Leica verlässt voraussichtlich 2008 die Börse. Die verbliebenen Minderheitsaktionäre sollen mit 12,15 Euro je Aktie abgefunden werden. Eine Hauptversammlung hatte die Zwangsabfindung (Squeeze
Out) am Dienstag beschlossen. Der Mehrheitseigentümer, die ACM Projektentwicklung GmbH aus Salzburg, will das Unternehmen komplett übernehmen. Derzeit hält ACM rund 96,5 Prozent der Anteile. Den restlichen Aktionären hatte ACM im Dezember 12,50 Euro je Papier geboten.

Germanwings und TUIfly wollen fusionieren
Der Kölner Lufthansa-Ableger Germanwings und der Ferienflieger TUIfly sprechen Branchenkreisen zufolge über eine mögliche Fusion. Eine entsprechende Vorabmeldung des "manager magazins" wurde in den Kreisen bestätigt. Ziel der geheimen Gespräche ist der Zeitschrift zufolge ein Zusammengehen unter Führung von Germanwings und deren Haupteignerin Lufthansa. Der Markenname TUIfly könnte dann entfallen.

Ackermann-Äußerung beflügelt Postbank
Alleiniger Dax-Gewinner ist erneut die Aktie der Postbank. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sagte in Berlin auf die Frage nach einem Interesse an dem auf Privatkunden spezialisierten Institut: "Ich schließe überhaupt nichts aus." Allerdings werde über solche Entscheidungen erst gesprochen, wenn sie anstünden. Für die Deutsche Bank gebe es im Privatkundengeschäft keinen akuten Handlungsbedarf, sagte Ackermann. Die Deutsche Post hatte unlängst angekündigt, 2008 über die Zukunft der Bank-Tochter nachdenken zu wollen.

RWE stellt Ökostrom-Geschäft neu auf
Der Essener Energiekonzern RWE will sein Geschäft mit Ökostrom massiv ausbauen und hat dafür den scheidenden Chef des Windkraftanlagenbauers Repower engagiert. Fritz Vahrenholt übernehme die Führung der neuen Gesellschaft für erneuerbare Energie mit dem Namen RWE Innogy, teilte der Dax-Konzern mit. Die Gesellschaft, die zum 1. Februar an den Start gehen soll, wolle jährlich mindestens eine Milliarde Euro in den Ausbau des Ökostrom-Geschäfts investieren, sagte Vahrenholt. Bis 2020 solle der Ökostrom-Anteil von rund fünf auf 20 Prozent steigen. Das Geschäftsmodell von RWE Innogy umfasse die Planung, Errichtung und den Betrieb von Anlagen.

Siemens erhält dicke Olympia-Aufträge
Die Olympischen Spiele 2008 in Peking bescheren Siemens dicke Auftragsbücher. Die Chinesen hätten in Vorbereitung auf das Sportspektakel Technik im Gesamtwert von 1,1 Milliarden Euro bei dem Konzern bestellt, sagte China-Chef Richard Hausmann am Mittwoch in Peking. Siemens liefere unter anderem Stadtbahnzüge, eine Wasseraufbereitungsanlage und eine neue Gepäckförderanlage für den Flughafen. Daneben rüsten die Münchener die Stromversorgung der Metropole auf.

Arcandor-Reisetochter zuversichtlicher
Die Aktie von Arcandor kann nicht von den Plänen der 52-prozentigen Tochter Thomas Cook profitieren. Der deutsch-britische Reisekonzern will das Betriebsergebnis in den nächsten drei Jahren verdoppeln. Für das Geschäftsjahr 2009/10 sei ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Sonderposten von 620 Millionen Euro geplant, teilte der Konzern mit. Der Zusammenschluss mit dem britischen Konkurrenten MyTravel im Frühjahr verlaufe sehr positiv. Daraus erwarte Thomas Cook inzwischen 200 Millionen Euro an Ergebnisverbesserungen, 60 Millionen mehr als bisher angenommen.

Großauftrag bei Epcos verpufft
Die Epcos-Aktie kann nur wenig Honig aus einem Großauftrag saugen. Der Elektrobauteilehersteller teilte mit, er werde Vielschichtmodule für die Radartechnik zur Überwachung des toten Winkels bei Autos an den französischen Autozulieferer Valeo liefern. Der vierjährige Liefervertrag habe ein mittleres zweistelliges Millionen-Euro-Volumen.

Drillisch will 106 Millionen
Die Drillisch-Aktie steht stark unter Druck, was mit dem Ausgabepreis der neuen Aktien bei der angekündigten Kapitalerhöhung zusammenhängt. "Mit 6,10 Euro je Stück gibt Drillisch seine Aktien schon recht günstig her", meinte ein Analyst. Die Aktie war am Dienstag bei 7,02 Euro aus dem Handel gegangen. Mit den maximal rund 17,4 Millionen Papiere würde der Mobilfunkprovider bis zu 106,4 Millionen Euro einsammeln.

Mit dem Erlös will Drillisch das Mobilfunkgeschäft von Freenet übernehmen. Die Pläne hängen allerdings an einem Eigentümerwechsel der Freenet AG. Der wahrscheinlichste Käufer United Internet hatte am Montagabend den Abbruch der Übernahmeverhandlungen mit Freenet bekannt gegeben.

Balda gefragt
Ohne Nachrichten legt die Balda-Aktie im SDax kräftig zu. Das könnte an Spekulationen liegen, dass die Deutsche Telekom den Vertrieb von Apples iPhone für andere Anbieter öffnen könnte. Balda würde als Zulieferer von einem höheren Absatz profitieren.

Arques übernimmt weitere Teile von Actebis
Die Beteiligungsfirma Arques Industries übernimmt auch die skandinavischen Ableger des IT-Händlers Actebis. Die Versandhandelsgruppe Otto habe sich erneut für das Starnberger Unternehmen als Käufer für diesen Teil von Actebis mit einem Umsatz von rund einer halben Milliarde Euro entschieden, teilte Arques mit.

Tagestermine am Dienstag, 20. November

Unternehmen:
Dermapharm: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Westwing: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Easyjet: Jahreszahlen, 8 Uhr
Porsche Automobil Holding: Q3-Zahlen
The Gap: Q3-Zahlen
BASF: Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise gewerbliche Produkte, 8 Uhr
Deutschland: Baugenehmigungen, 8 Uhr
USA: Baubeginne, -genehmigungen, 14.30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"