Warten auf den Gipfel

Stand: 26.06.2012, 20:00 Uhr

Der bevorstehende EU-Gipfel macht die europäischen Aktienanleger nervös. Viele Investoren trauen sich nicht aus der Deckung oder bauen riskante Positionen ab. Auch aus den USA kommen keine guten Nachrichten.

Dort hat sich die Stimmung der Konsumenten im Juni stärker eingetrübt als erwartet. Das Barometer für das Verbrauchervertrauen sank auf 62,0 Punkte von revidiert 64,4 Zählern im Mai, wie das Forschungsinstitut Conference Board mitteilte. Damit ist der Index bereits den vierten Monat in Folge gefallen. Zugleich zeigt es nun den niedrigsten Wert seit Januar an.

Allerdings stiegen die Preise für Einfamilienhäuser dem viel beachteten Index von Standard & Poor's/Case-Shiller zufolge den dritten Monat in Folge.

Nach den anfänglichen Kursverlusten wegen der Sorgen um Europa haben die US-Börsen im späteren Verlauf wieder etwas Tritt gefasst. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der Dow Jones-Index 0,2 Prozent im Plus bei 12.530 Punkten.

Geringe Umsätze
Auch der Dax hat sich von seinen Verlusten am Nachmittag erholt, schließt aber bei 6.137 Punkten nur vier Zähler oder 0,07 Prozent über dem Schluss von gestern. Auch der Euro geht wieder auf Talfahrt und rutscht unter die Schwelle von 1,25 Dollar auf 1,246 Dollar.

Am Morgen hatte der besser als erwartet ausgefallene GfK-Konsumklimaindex den deutschen Leitindex kurz auf 6.165 Zähler befördert. Eine schwache Anleiheauktion Spaniens machte das Kursplus aber wieder zunichte und der Dax rutscht in der Spitze auf 6.109 Punkte ab.

"Aus technischer Sicht könnten wir jetzt eine Bodenbildung sehen", sagte ein Händler. Doch auffällig seien die weiter sehr geringen Umsätze, die größere Ausschläge bei Einzelaktien auslösten. Kaufgründe gebe es kaum, und die meisten Anleger stellten sich auf einen erfolglosen EU-Gipfel ein.

Skepsis vor EU-Gipfel
Neben der Skepsis über die Erfolgsaussichten des bis Freitag stattfindenden EU-Treffens drückten die Unsicherheiten in Bezug auf die weitere Entwicklung in Griechenland und die Herabstufung von 28 spanischen Banken durch die Ratingagentur Moody´s auf die Stimmung.

Die EU-Staats- und Regierungschefs, die ab Donnerstag über das Schicksal der Euro-Zone beraten, dürften wie üblich ihre Einigkeit und Solidarität bekunden, erklärte Aktienhändlerin Anita Paluch vom Brokerhaus Gekko. "Was wir aber wirklich brauchen, sind handfeste Entscheidungen für eine langfristige Vision einer funktionsfähigen Strategie, die das Festival der Ohnmacht der letzten beiden Jahre beendet", erklärte Paluch.

Infineon abgestraft
Die Aktie des Halbleiterherstellers ist der mit Abstand größte Verlierer im Dax. Das Papier bricht um 11,8 Prozent ein. Damit reagieren die Anleger auf eine am Nachmittag verkündete Gewinnwarnung. Infineon rechnet für das laufende dritte Geschäftsquartal mit leicht rückläufigen Umsätzen gegenüber dem zweiten Geschäftsquartal. Zudem erwartet das Unternehmen nur noch eine Gesamtergebnismarge von etwa 12 Prozent. Die Marge werde durch den unter den Erwartungen liegenden Absatz belastet, so Infineon. Im vierten Quartal dürften die Werte im Vergleich zu diesem Vierteljahr "in etwa konstant" bleiben, teilte Infineon weiter mit.

Auch Salzgitter leidet
Die Aktie des Stahlherstellers ist nachbörslich heftig unter Druck geraten. Salzgitter bekommt die schwächelnde Konjunktur zu spüren und erwartet in diesem Jahr für den Unternehmensbereich Stahl nun einen Verlust. Die übrigen Unternehmensbereiche Röhren, Handel, Dienstleistungen und Technologie sind davon zunächst nicht betroffen. Der Konzern rechnet daher nach wie vor mit einem mindestens stabilen Jahresumsatz sowie einem positiven Ergebnis vor Steuern. Dieses dürfte sich im unteren bis mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich bewegen.

Siemens wird vorsichtig
Auch die Siemens-Aktien müssen überdurchschnittlich abgeben. Sie leiden unter den wachsenden Sorgen über den Geschäftsverlauf. Händler verwiesen auf Aussagen von Finanzvorstand Joe Kaeser in einem Interview. Er hatte gesagt, dass der Weg zu den Jahreszielen "steinig" ist. Zuvor habe er noch von "ehrgeizig" gesprochen. Siemens dürfte zudem seine Erwartungen an das Wachstum in China anpassen, hieß es in dem Interview weiter. Nach Meinung von Kaeser dürfte das Wachstum erst 2013 und nicht schon in diesem Jahr wieder anziehen.

BMW ausgebremst
Zu den größten Verlierern im Dax gehört auch BMW. Die US-Bank Citigroup hat die Aktie des Autoherstellers von "Buy" auf "Neutral" abgestuft und das Kursziel von 75,00 auf 60,00 Euro gesenkt. Selbst ein "Auto-Champion" wie BMW stehe inzwischen im globalen Markt vor größeren Herausforderungen, schrieb Analyst Harald Hendrikse. Der Modellzykus der Bayern habe den Zenit erreicht. Der Experte kürzte seine Gewinnschätzungen je Aktie bis 2014 deutlich und liegt damit nun um bis zu 20 Prozent unter den Markterwartungen.

Derweil berichtet die japanische Zeitung Nikkei, dass BMW und Toyota am Freitag den Ausbau ihrer bestehenden Partnerschaft verkünden wollen.

Energieversorger stark im Kommen
Eon und RWE führen dagegen die Liste der Dax-Gewinner an. Der Grund: die Bank Merrill Lynch empfiehlt die Aktie von Eon zum Kauf und hat das Kursziel auf 18 Euro angehoben. In seine positive Einschätzung schließt Analyst Christopher Kuplent den Konkurrenten RWE mit ein. Das Risiko durch fallende Rohstoff- und Strompreise sei durch die zuletzt schwache Kursentwicklung der Aktien mehr als abgedeckt, schreibt er. In Zeiten der Schuldenkrise in der Eurozone sei wegen des breit aufgestellten deutschen Marktes sogar ein Bewertungsaufschlag gerechtfertigt. All dies mache die Titel der beiden Versorger attraktiver.

Deutsche Wohnen: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
40,46
Differenz relativ
-0,74%

Deutsche Wohnen vor weiteren Zukäufen
Im MDax gewinnen Deutsche Wohnen mehr als zwei Prozent. Der Immobilienkonzern hat seine Kapitalerhöhung für die Übernahme der BauBeCon-Gruppe abgeschlossen und damit 461,1 Millionen Euro eingenommen. Davon braucht Deutsche Wohnen aber nur drei Viertel als Eigenmittel für die 1,2 Milliarden Euro teuren 24.000 BauBeCon-Wohnungen, für die sie unlängst den Zuschlag bekommen hatte. Der Rest des Geldes sei unter anderem für Akquisitionen reserviert, "bei denen sich die Gesellschaft in fortgeschrittenen beziehungsweise erfolgversprechenden Verhandlungen befindet", hieß es in einer Mitteilung.

LDK Solar stürzt ab
Um gut 20 Prozent ist die Aktie des chinesischen Solarkonzerns LDK eingebrochen. Der Großaktionär der Konstanzer Sunways enttäuschte zum Jahresauftakt mit einem Verlust von 135,8 Millionen Dollar nach einem Gewinn in etwa gleicher Höhe im Vorjahreszeitraum. Im vierten Quartal hatten die niedrigen Preise allerdings noch deutlichere Spuren hinterlassen. Der Nettoumsatz schmolz im ersten Quartal um drei Viertel auf 200 Millionen Dollar. Der Hersteller von Solarzellen und Modulen sieht allerdings einen Lichtstreif am Horizont. "Obwohl wir davon ausgehen, dass das schwierige Umfeld in der Solarindustrie in nächster Zeit anhält, erwarten wir, dass einige Märkte wie China im Laufe des Jahres mit einer Erholung der Nachfrage rechnen können", teilte LDK-Solar-Chef Xiaofeng Peng mit.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat