Wall Street würgt Dax-Erholung ab

Stand: 28.09.2011, 20:03 Uhr

Nach den kräftigen Kursgewinnen zu Wochenbeginn haben die Anleger am Mittwoch erst einmal Kasse gemacht. Der Dax büßte gut ein Prozent ein - im Sog der schwächelnden Wall Street. Im Blickpunkt stand die geplante Transaktionssteuer, die Finanztitel belastete.

Bis zum frühen Nachmittag sah es noch nach dem dritten Gewinntag in Folge aus. Doch dann drehte die Wall Street ins Minus und riss den Dax in die Tiefe. Der deutsche Leitindex schloss auf Xetra 0,9 Prozent tiefer bei 5.578 Punkten. Im späten Parketthandel ging es weiter nach unten. Der L/E-Dax beendete den Tag bei knapp 5.547 Zählern. Händler begründeten die Kursverluste mit Gewinnmitnahmen nach der Rally zu Wochenanfang. In den vergangenen zwei Tagen legte der Dax rund acht Prozent zu.

Die Nervosität blieb hoch. Der Handel war sehr volatil, die Kurse schwankten beträchtlich. Der Dax fiel zunächst auf 5.560 Punkte, stieg dann bis 5.700 Punkte, bevor es wieder nach unten ging.

Zurückhaltung vor der Bundestags-Abstimmung
Vor der mit Spannung erwarteten Abstimmung im Bundestag über die Aufstockung des Euro-Rettungsschirms EFSF am morgigen Donnerstag hielten sich einige Anleger zurück. Zwar gilt eine Mehrheit als sicher, unklar ist aber, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihren eigenen Regierungsreihen absolute Rückendeckung erhält. "Das Verfehlen einer Kanzlermehrheit wäre der Ausgang einer verschärften politischen Krise in Euroland", warnte Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank.

Finnen sagen ja
Am Mittwoch billigte das finnische Parlament die Ausweitung des Rettungsschirms EFSF auf 780 Milliarden Euro zu. Am Dienstag hatte bereits das slowenische Parlament grünes Licht für die Vergrößerung des EFSF gegeben.

BarrososTreueschwur für Griechenland
Für Entspannung an den Aktienmärkten sorgten Aussagen von EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso zu Griechenland. In einer Grundsatzrede stellte er einen Garantiemechanismus für griechische Banken in Aussicht. Er betonte: "Griechenland ist und bleibt ein Mitglied der Euro-Zone." Außerdem sprach sich der EU-Kommissionschef für einen vorzeitigen Start des dauerhaften Euro-Rettungsschirms ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) aus. "Barroso hat mit seinen Äußerungen zur rechten Zeit genau das gesagt, was die Leute hören wollen", meinte ein Marktbeobachter.

Finanztransaktionssteuer rückt näher
Andererseits belastete Barroso die Finanzwerte mit seinen Plänen zur Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Nach dem Willen Brüssels soll die Steuer ab 2014 erhoben werden und 57 Milliarden Euro pro Jahr einbringen. Dass die Steuer tatsächlich beschlossen wird, darf bezweifelt werden. Großbritannien lehnt eindeutig eine Transaktionssteuer ab. Notfalls werde London die ungeliebte Steuer per Veto verhindern, erklärte ein Sprecher des britischen Finanzministeriums gegenüber dem Sender BBC. Auch Schweden und Niederlande haben Bedenken an der Steuer. Für den Beschluss zur Einführung der Transaktionssteuer ist die Einstimmigkeit aller 27 EU-Staaten notwendig.

Inflation in Deutschland auf höchstem Stand seit 2008
Besorgt dürften die europäischen Währungshüter auf die neuesten Inflationsdaten aus Deutschland schauen. Die Inflationsrate stieg im September überraschend auf 2,6 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit drei Jahren. Experten hatten lediglich mit einer Inflationsrate auf dem Niveau von Juli und August gerechnet, nämlich 2,4 Prozent.

US-Auftragsdaten lassen hoffen
In den USA sehen Analysten indes Anzeichen dafür, dass die befürchtete Rezession ausbleibt. Im September verzeichnete die US-Industrie einen Anstieg der Kapitalgüteraufträge. Die Orders für langlebige Aufträge gingen allerdings im Monatsvergleich um 0,1 Prozent zurück. Volkswirte hatten mit einem noch stärkeren Minus von 0,2 Prozent gerechnet. Im Juli waren die Aufträge noch um revidiert 4,1 Prozent gestiegen.

Der Dollar konnte gegenüber dem Euro an Boden gutmachen. Die europäische Gemeinschaftswährung fiel bis zum Abend auf 1,3550 Dollar.

SAP

SAP: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
107,00
Differenz relativ
+3,42%

SAP trotzt den Turbulenzen
Gefragt im Dax waren hauptsächlich defensive Werte. Die größten Kursgewinne verzeichnete Merck, gefolgt von SAP. Der Vertriebschef des Software-Konzerns, Robert Enslin, sprach von "gut gefüllten Auftragsbüchern" gegenüber dem Schweizer Wirtschaftsblatt "Finanz und Wirtschaft". "Ungeachtet der seit Monaten anhaltenden Krisen sind unsere Ergebnisse gut. Das wird sich so fortsetzen", prophezeite Enslin. Außerdem profitierte SAP von starken Quartalszahlen des IT- und Managementberatungsfirma Accenture und optimistischen Aussagen zum Europageschäft.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,56
Differenz relativ
+0,96%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,38
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-0,61%

Banken müssen mehr blechen
Auf der Verliererseite standen dagegen die Finanztitel. Die Aktien der Deutschen Bank büßten fast vier Prozent, die Papiere der Commerzbank 3,4 Prozent ein. Angeblich bereiten die Staaten der Eurozone eine stärkere Beteiligung des Finanzsektors an der Rettung Griechenlands vor. Laut "Financial Times Deutschland" diskutieren die Staaten darüber, das Ende Juli vereinbarte zweite Hilfspaket für Griechenland neu zu verhandeln und Banken sowie Versicherungen stärker in die Pflicht zu nehmen. Derweil hat der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich strengere Regeln für die Platzhirsche der Branche beschlossen. So sollen die sogenannten systemrelevanten Geldhäuser (Sifis) in fünf Jahren höhere Kapitalpuffer bilden als die Konkurrenz und künftig 1,0 bis 2,5 Prozentpunkte mehr Eigenkapital vorhalten als andere Geldhäuser. Das dürfte die Erträge erheblich schmälern.

Transaktionssteuer belastet Deutsche Börse
Am Dax-Ende notierte die Aktie der Deutschen Börse - wegen der geplanten Finanztransaktions-Steuer in der EU. Kommissionschef Barroso kündigte vor dem Europäischen Parlament einen Gesetzentwurf zur Einführung der Steuer an. "Sollten die Pläne umgesetzt werden, wird der Hochgeschwindigkeitshandel abnehmen", meinte ein Händler. Das würde die Gewinne der Deutschen Börse mindern.

Dialog sprüht vor Zuversicht
Im TecDax waren die Aktien von Dialog heiß begehrt. Sie sprangen um fast acht Prozent nach oben und waren TecDax-Spitzenreiter. Der Halbleiterhersteller hat die Umsatzprognose angehoben und rechnet im dritten Quartal mit Erlösen von 137 bis 140 Millionen US-Dollar - statt wie bisher geplant mit 131 bis 136 Millionen Dollar. Neben der guten Nachfrage hilft dem TecDax-Unternehmen außerdem eine Sonderzahlung von rund zwei Millionen Dollar im Zusammenhang mit der Insolvenz des Handyherstellers BenQ.

Neuer Chef bei Aurubis
Europas größter Kupferkonzern ist auf der Suche nach einem neuen Chef fündig geworden. Der Aufsichtsrat berief am Mittwoch Peter Wilbrandt zum Nachfolger des zum Jahresende ausscheidenden Bernd Drouven. Angeblich sollen Meinungsverschiedenheiten mit Hauptaktionär Salzgitter über die Aurubis-Expansion Drouven zum Rückzug bewegt haben. Der 55-Jährige dementiert dies aber. Wilbrandt kommt aus den eigenen Reihen von Aurubis. Er leitet die Primärkupfererzeugung. Die Aurubis-Aktie gab leicht nach.

Für Wacker Chemie scheint nicht mehr die Sonne
Dagegen litten die Solarwerte und auch die Aktien von Wacker Chemie unter dem Einbruch des deutschen Photovoltaik-Markts. Die in Deutschland installierten Solaranlagen sind im Juni um fast 70 Prozent eingebrochen. Außerdem verwies eine Analystin auf Aussagen des koreanischen Polysiliziumherstellers und Wacker-Konkurrenten OCI. Dieser hatte gegenüber Analysten eine Strategieänderung bei der Preissetzung angekündigt, um schneller reagieren zu können.

BGH verbietet Sportwetten im Internet
Mächtig unter Druck gerieten am Mittwoch die Aktien der Internet-Wettanbieter. Die Papiere von Bwin Party sackten um fast sieben Prozent ab, die Titel von Betfair gaben zwei Prozent nach, die Aktien von Tipp24 büßten bis zu sechs Prozent ein, erholten sich aber bis zum Xetra-Schluss wieder. Der Bundesgerichtshof hat am Nachmittag das Verbot von Sportwetten im Internet bestätigt und das Monopol der staatlichen Lotto- und Totogesellschaften gestärkt. "Manche Anleger hatten gehofft, dass es vielleicht doch noch etwas wird mit den Sportwetten im Internet", meinte ein Händler. "Aber diese Fantasie ist jetzt vorbei." Die privaten Wettanbieter wie Bwin zeigten sich gelassen. "Das BGH-Urteil betrifft den Ende dieses Jahres auslaufenden Glückspielstaatsvertrag und hat keine neue Auswirkungen auf die neue Rechtslage ab 2012", meinte Bwin-Direktor Jörg Wacker. Derzeit ringen die Bundesländer um eine Neufassung des Staatsvertrags. Schleswig-Holstein will provate Sportwetten zulassen.

Daldrup mit Bohrproblemen
Die Geothermie-Firma Daldrup hat im ersten Halbjahr ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 2,2 Millionen Euro erwirtschaftet. Unterm Strich blieb wegen hoher Abschreibungen und Anlaufverlusten im Projektentwicklungsgeschäft aber nur ein Gewinn von 0,7 Millionen Euro. Die Aktien gaben um über ein Prozent nach.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)