Wall Street vergisst die Krise

Detlev Landmesser

Stand: 16.07.2008, 20:32 Uhr

Bis zum Abend wurden die Anleger an der Wall Street immer mutiger. Erleichterung über die Zahlen der Großbank Wells Fargo und ein weiter fallender Ölpreis beflügelten die Kurse.

Während die US-Börsen bis zum Abend um bis zu 2,5 Prozent zulegten, erreichte der L-Dax zum Handelsschluss 6.183,49 Punkte. Bemerkenswert dabei war, dass der deutsche Leitindex gegen Mittag bereits kurzzeitig unter die viel beachtete Marke von 6.000 Punkten gefallen war. Mit 5.999,32 Punkten markierte er den tiefsten Stand seit Oktober 2006.

Nachdem die US-Lagerbestände an Rohöl veröffentlicht worden waren, brach plötzlich Euphorie aus. Die Vorräte seien um 3,0 Millionen auf 296,9 Millionen Barrel geklettert, teilte das US-Energieministerium um 16:35 Uhr mit. Experten hatten mit einem Rückgang um drei Millionen Barrel gerechnet.

Der US-Ölpreis sackte daraufhin auf bis zu 132,30 Dollar ab, ein Minus von 6,40 Dollar, nachdem er bereits am Dienstag um rund zehn Dollar abgerutscht war. Am Abend notierte der August-Future der Sorte WTI bei 134,60 Dollar. Die Wall Street und der deutsche Markt gaben daraufhin ihre Lethargie auf und kletterten kräftig nach oben. Das Protokoll der jüngsten US-Notenbanksitzung, das um 20:00 Uhr veröffentlicht wurde, verunsicherte den Aktienmarkt nur kurz. Die Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses hielten dabei eine Zinserhöhung als nächsten Schritt im Kampf gegen die Inflation für möglich. Allerdings war es nach ihrer Ansicht zum Zeitpunkt des Treffens noch zu früh für eine solche Entscheidung.

Den US-Handel beflügelten zudem die Quartalszahlen von Wells Fargo. Die fünftgrößte US-Bank ist von der Finanzkrise nicht so stark getroffen wie befürchtet und wies einen Gewinn von 1,75 Milliarden Dollar aus. Auch die Quartalszahlen von Intel, Abbott und Delta Airlines sowie der zuversichtliche Ausblick des Serverherstellers Sun Microsystems kamen gut an.

US-Inflation auf Rekordtempo

Die US-Konjunkturdaten des Tages hatten zuvor keine Entlastung gebracht. Immerhin stieg die US-Industrieproduktion im Juni um 0,5 Prozent, während Volkswirte mit einem Nullwachstum gerechnet hatten. Zunächst wog aber die Sorge um die Geldentwertung höher. So stiegen die Verbraucherpreise im Juni mit 1,1 Prozent zum Vormonat stärker als erwartet - der monatliche Preisauftrieb war sogar der stärkste seit Mai 1982. Auch die Kernrate (ohne Energie- und Lebensmittelpreise) lag mit plus 0,3 Prozent höher als gedacht.

Euro fällt nach Bernanke-Äußerung zurück
Nachdem der Euro am Dienstag auf ein neues Rekordhoch zum Dollar geklettert war, verstärkten sich am Mittwoch die Spekulationen um eine Intervention am Devisenmarkt. Die Europawährung fiel gegenüber dem Dollar bis zum Abend auf 1,5815 zurück. "Eine Marktintervention ist als Mittel der Politik einige Male eingesetzt worden. Ich denke, sie ist etwas, was man selten gebrauchen sollte", sagte Fed-Chef Ben Bernanke am Mittwoch. "Aber es mag Umstände geben, wo eine zeitlich begrenzte Aktion angebracht sein kann."

Postbank im Ausverkauf
Dazu kam die Mitteilung des weltgrößten Rückversicherers Swiss Re, mit insgesamt 9,6 Milliarden Dollar in den angeschlagenen US-Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac engagiert zu sein, hauptsächlich über Schuldverschreibungen. Die Swiss-Re-Aktie rutschte daraufhin um bis zu 9,2 Prozent ab. Weiter schwindende Übernahmefantasie ließ zudem die Postbank um über sieben Prozent abrutschen. Auch die Commerzbank und die Dresdner-Bank-Mutter Allianz standen zeitweise stark unter Druck.

Conti und Schaeffler auf Konfrontationskurs
Manfred Wennemer möchte nicht, dass sein Unternehmen von dem Familienunternehmen Schaeffler übernommen wird. "Continental ist kein willfähriges Opfer für Schnäppchenjäger", wetterte der 60-jährige Conti-Chef in Hannover. Das formelle Übernahmeangebot für das Dax-Unternehmen wurde gestern Abend mit 69,37 bekannt gegeben. Die Börse hält Conti für wertvoller: Die Aktie wurde zeitweise über 74 Euro gehandelt.

Kauft Niedersachsen bei VW zu?
An die Dax-Spitze setzte sich die Aktie von Volkswagen mit einem Plus von 7,8 Prozent. "Angeblich will Niedersachsen seinen Anteil von derzeit knapp 21 auf mehr als 25 Prozent ausbauen, um eine Sperr-Minorität zu erreichen", sagte ein Händler. Die niedersächsische Regierung wollte sich zu den Spekulationen nicht äußern.

Kann SAP mehr Wartungsgelder abschöpfen?
Auch die SAP-Aktie legte kräftig zu. Der Softwarekonzern erhöht vom kommenden Jahr an in mehreren Schritten bei einem Großteil seiner Kunden die Preise für die Software-Wartung. Ein Branchenexperte sagte, SAP könne im kommenden Jahr voraussichtlich Mehreinnahmen bei den Wartungserlösen von 100 bis 200 Millionen Euro erzielen. Auch in den Folgejahren ergäben sich deutlich höhere Einnahmen.

Hoffnung für Infineon
Die Infineon-Aktie profitierte von den Intel-Zahlen. Der weltgrößte Chip-Hersteller übertraf bei Umsatz und Gewinn im zweiten Quartal die Erwartungen. Der niederländische Chip-Ausrüster ASML stellte allerdings am Mittwoch für das Gesamtjahr einen Umsatzrückgang um bis zu 20 Prozent in Aussicht.

Merck kommt in Japan voran
Ein Zulassungserfolg des Darmstädter Pharmakonzerns Merck in Japan für sein Krebspräparat Erbitux half der Aktie 1,3 Prozent nach oben. Erbitux ist dort zur Vermarktung beim Einsatz gegen Darmkrebs zugelassen worden.

Siemens liefert Stahlwerk in die Ukraine
Die Siemens-Aktie gewann 0,7 Prozent. Der Konzern soll ein Kompaktstahlwerk in die Ukraine liefern. Der Wert des Auftrags liegt bei einem dreistelligen Millionenbetrag.

Sorgen um Symrise
Auffallend schwach präsentierte sich im MDax erneut die Aktie des Duft- und Aromenherstellers Symrise. Nach Händlerangaben sorgten ausgelöste Stop-Orders für eine beschleunigte Abwärtsbewegung bei dem Titel, der ohnehin zuletzt schwach abgeschnitten habe. Fundamental stehe dahinter die Sorge um die gestiegenen Rohstoffpreise, die auf die Margen drückten.

Boss-Finanzvorstand geht
Das Stühlerücken bei Hugo Boss geht weiter. Finanzvorstand Joachim Reinhardt werde das Unternehmen zum 31. Juli auf eigenen Wunsch verlassen, teilte der größte deutsche Modekonzern am Nachmittag mit. "Das Ausscheiden von Herrn Reinhardt erfolgt vor dem Hintergrund unterschiedlicher Auffassungen über die Umsetzung der Wachstumsstrategie des Unternehmens", hieß es in der Mitteilung. Bereits im Februar hatte Vorstandschef Bruno Sälzer nach Differenzen mit dem neuen Eigentümer, dem Finanzinvestor Permira, das Unternehmen verlassen. Außerdem haben Produktionsvorstand Werner Lackas und Aufsichtsratschef Giuseppe Vita ihren Hut genommen. Neuer Finanzvorstand soll der Industriemanager Hellmut Albrecht werden.

Großaufträge für Phoenix Solar...
Die Solaraktien waren überwiegend gut aufgelegt. Dazu trug ein Großauftrag für Phoenix Solar bei. Der Anlagenbauer soll in Sizilien mehrere Photovoltaikkraftwerke mit einer Spitzenleistung von insgesamt rund 14 Megawatt errichten. Ein entsprechender Rahmenvertrag sei mit dem Investor Meinl International geschlossen worden, teilte Phoenix mit. Das Auftragsvolumen bewege sich im hohen zweistelligen Millionenbereich. Der Projektvertrag sei der größte in der Unternehmensgeschichte.

... und Kontron
Auch Kontron wartete mit einem Großauftrag auf. Der Kleincomputerhersteller beliefere für 15 Millionen Euro seinen Partner Siemens, der neue Energieverteilerstationen im Auftrag des russischen Staats errichtet, teilte Kontron mit. Die erste Tranche der so genannten Embedded Computer solle bereits im laufenden Quartal zugestellt werden. Die Installation werde bis 2011 abgeschlossen sein, im Anschluss solle Kontron die Geräte noch mehrere Jahre lang warten. Zugleich gab Kontron eine strategische Kooperation mit der koreanischen MDS Technology bekannt. Von der Zusammenarbeit verspricht sich Kontron Zugang zu den mehr als 1.000 MDS-Kunden, darunter Samsung und Hyundai.

Berentzen verliert drei Aufsichtsräte
Bei Berentzen ist ein Drittel des Aufsichtsrates zurückgetreten. Der Vorsitzende des Gremiums Manfred Greune, sein Stellvertreter Hans-Detlev Bösel Aufsichtsratsmitglied Dieter Barlage legten ihr Mandat "aus wichtigem Grund" nieder, teilte das Unternehmen am Abend mit. Ein Kreis von 40 Aktionären aus den Eigentümerfamilien Berentzen, Pabst, Richarz und Wolff, die im Besitz von 50 Prozent der Aktien sind, hatte vor wenigen Wochen Verkaufsabsichten geäußert. Der Verkauf des Schnapshersteller soll aber nach Informationen des Online-Magazins "Focus" gescheitert sein.

Bijou Brigitte stagniert
Bijou Brigitte leidet unter der wachsenden Konkurrenz. Im ersten Halbjahr steigerte der Modeschmuckhändler den Umsatz nur dank der Eröffnung neuer Läden um 1,7 Prozent auf 169 Millionen Euro. Flächenbereinigt ergab sich aber ein Rückgang um 5,2 Prozent, teilte das Unternehmen am Tag seiner Hauptversammlung mit. Seit Jahresbeginn eröffnete Bijou 27 neue Filialen. Firmengründer und Vorstandschef Friedrich-Wilhelm Werner kündigte zum Jahresende seinen Abschied aus dem Vorstand an. Er schlug seinen Sohn Roland als Nachfolger vor.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 16. Oktober

Unternehmen:
Merck: Kapitalmarkttag, 8.30 Uhr
Johnson & Johnson: Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Morgan Stanley: Quartalszahlen Q3, 13 Uhr
Goldman Sachs: Quartalszahlen Q3, 13.30 Uhr
Telekom Austria: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
IBM: Quartalszahlen Q3, 22 Uhr
Netflix: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
TomTom: Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
China: Erzeugerpreise / Verbraucherpreise, 3.30 Uhr
EU: Handelsbilanz, 11 Uhr
Deutschland: ZEW Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Industrieproduktion / Kapazitätsauslastung, 15.15 Uhr
USA: NAHB-Index, 16 Uhr