Wall Street setzt auf Sozialismus

Detlev Landmesser

Stand: 25.09.2008, 20:27 Uhr

Verrückte Zeiten: Der einstige Hort des Kapitalismus bejubelt einen staatlichen Eingriff von historischem Ausmaß. Die Verabschiedung des US-Rettungspakets ist näher gerückt, was die Investoren am Donnerstag alles andere vergessen ließ.

Vertreter der Republikaner und Demokraten im US-Kongress teilten am Abend mit, dass sie sich auf eine gemeinsame Position für die geplanten Hilfen in Höhe von 700 Milliarden Dollar geeinigt hätten. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain erklärte vor einem Treffen mit Präsident Bush, er glaube an eine Zustimmung des US-Kongresses bis Montag, "bevor die Märkte öffnen".

Die US-Märkte bauten nach diesen Nachrichten ihre Gewinne weiter aus. Der L-Dax schaffte es sogar noch über die Marke von 6.200 Punkten, was einem Tagesplus von 2,4 Prozent entsprach.

Geplant ist vor allem ein Hilfsfonds, der angeschlagenen Finanzhäusern faule Hypotheken-Kredite und darauf basierende Wertpapiere abkaufen soll. Unklar ist unter anderem, wie die Preise dafür ermittelt werden sollen.

Beunruhigende US-Daten

Doch dürften die Investoren bald erfahren, was genau unternommen wird. Die Aussicht darauf ließ selbst grottenschlechte US-Konjunkturdaten in den Hintergrund treten. So sank der Auftragseingang langlebiger Wirtschaftsgüter im August um 4,5 Prozent. Beobachter hatten nur mit einem Auftragsrückgang um 1,9 Prozent gerechnet. Zudem wurde der Vormonatswert von 1,3 auf 0,8 Prozent nach unten revidiert. Auch die Zahl der Neubauverkäufe brach im August um kräftige 11,5 Prozent auf 460.000 ein. Das ist der niedrigste Stand seit über 17 Jahren. Volkswirte hatten mit einem deutlich höheren Wert von 510.000 Häusern gerechnet. Auch die Erstanträge für Arbeitslosenhilfe enttäuschten die Erwartungen.

Von der deutschen Konjunktur kam dagegen ein leicht ermutigendes Signal. Der vom Marktforschungsinstitut GfK berechnete Konsumklimaindex hat sich für Oktober um 0,2 auf 1,8 Punkte leicht verbessert. Der Konjunkturindikator liegt damit immer noch auf einem ziemlich niedrigen Niveau, weist aber auf eine Stimmungsaufhellung angesichts gebremster Inflationserwartungen hin.

Mit General Electric hat die Finanzkrise jetzt auch ein Schwergewicht der US-Industrie erfasst. Der Mischkonzern musste wegen der hohen Abhängigkeit von der Finanzsparte zum zweiten Mal in diesem Jahr die Geschäftsprognose für 2008 senken. Dennoch drehte auch die GE-Aktie im Verlauf ins Plus. Die Zahlen des weltgrößten Sportartikelherstellers Nike wurden dagegen gleich wohlwollend aufgenommen.

Stärkster Dax-Wert war die Aktie der Münchener Rück, nachdem wieder einmal wild spekuliert wurde. Angeblich denken der US-Milliardär Warren Buffett und der schwedische Finanzinvestor Cevian über eine Anteilsaufstockung nach.

Auch MAN gehörte zu den gefragten Dax-Titeln. In den Handelssälen ging das Gerücht um, Volkswagen wolle bald ein Gebot für den übrigen Anteil an Scania abgeben. "Wenn sich das bewahrheiten würde, rückt die mögliche Lkw-Allianz aus allen drei Unternehmen wieder in den Fokus - das schürt auch Spekulationen um ein Gebot für MAN", sagte ein Händler.

Schwarzer Tag für Arcandor
Einen drastischen Absturz von zeitweise 30,5 Prozent auf ein Rekordtief von 2,48 Euro erlebte die Arcandor-Aktie. Zum Xetra-Schluss notierte der MDax-Titel 30 Prozent tiefer bei 2,50 Euro. Der Handels- und Reisekonzern schließt nun doch nicht aus, dass er seinen Anteil am Tourismuskonzern Thomas Cook reduziert. Nur wenige Stunden zuvor hatte ein Unternehmenssprecher einen Verkauf von Anteilen an Thomas Cook noch ausgeschlossen. Offenbar sorgen sich Marktteilnehmer um das Aussehen der Bilanz, wenn der Anteil an der profitablen Tochter von derzeit 52 unter 50 Prozent rutscht und dann nicht mehr voll in der Bilanz konsolidiert werden kann.

Wilde Gerüchte um Gildemeister
Zeitweise rückte die Aktie von Gildemeister um zwölf Prozent vor. "Es gibt das Gerücht, dass ein russisches Unternehmen 20,80 Euro je Gildemeister-Aktie bietet", sagte ein Händler. Ein anderer Marktteilnehmer nannte den russischen Milliardär Roustam Tariko als möglichen Interessenten. Tariko ist im Bank- und Spirituosengeschäft tätig. Der Werkzeugmaschinenbauer weiß nach eigener Auskunft nichts von Übernahmeinteressenten. "Uns ist nichts dergleichen bekannt", sagte eine Konzern-Sprecherin und verwies auf ähnliche Gerüchte aus dem Juli. Damals wurde spekuliert, russische Investoren hätten sich verdeckt 15 Prozent an dem Bielefelder Konzern gesichert.

Positives Votum für Aareal Bank
Drei Prozent ging es mit der Aareal Bank nach oben. HSBC Trinkaus & Burkhardt hat das Kursziel für die Aktie von 33 auf 30 Euro gesenkt, aber die Einstufung auf "Overweight" belassen. Mit dem aktuellen Kursziel sehen die Analysten ein Aufwärtspotenzial für die Aktie von rund 131 Prozent. Während im Privatkundenbereich der Preisdruck anhalte, stiegen im Mittelstandsgeschäft die Margen. Trotz der Kreditkrise seien die Risiken beherrschbar, hieß es zur Begründung.

Qiagen soll beim chinesischen Milch-Desaster helfen
Die Qiagen-Aktie profitierte von einer außergewöhnlichen Meldung. Der Biotech-Zulieferer hat eine Kooperation mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS) geschlossen. Ziel ist es, molekulare Tests zu entwickeln, um die Lebensmittelsicherheit zu erhöhen. Die Kooperation diene der besseren Erkennung von verunreinigten Milchprodukten und anderen Lebensmitteln in China und Asien, teilte Qiagen mit.

Conergy verschafft sich Luft
Am Abend kam etwas Bewegung in die Conergy-Aktie. Der Solaranlagen-Spezialist hat die wichtigsten juristischen Hürden für seine geplante Kapitalerhöhung aus dem Weg geräumt. Conergy teilte mit, er habe sich in Vergleichen mit allen 25 Aktionären geeinigt, die Widerspruch gegen den entsprechenden Hauptversammlungsbeschluss erhoben hatten. Das in Schwierigkeiten geratene Unternehmen hat nun bis zum Jahresende Zeit, um neue Aktien auszugeben und mit dem Erlös einen Bankenkredit von über 240 Millionen Euro abzulösen. Dieser wurde am Donnerstag entsprechend verlängert.

Gerry Weber auf gutem Weg
1,8 Prozent gewann die Aktie von Gerry Weber. Der Modehersteller hat in den ersten drei Quartalen seines Geschäftsjahres 2007/08 den Umsatz um 12,8 Prozent auf 388 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) legte um 26,4 Prozent auf 34,2 Millionen Euro zu. Das SDax-Unternehmen bestätigte seine Gesamtjahresprognose.

Zoff um Arques
Die Aktie von Arques schnellte im SDax um 7,7 Prozent nach oben. Der französische Investor Mantra hat drei Prozent an dem Beteiligungsunternehmen gekauft. Außerdem will er nach eigenen Angaben seinen Anteil auf bis zu 30 Prozent aufstocken. Damit kann Arques womöglich die unerwünschte Übernahme durch den Münchner Rivalen Aurelius abwenden.

Großaufträge für Elexis
Der Spezialmaschinenhersteller Elexis hat Aufträge von verschiedenen Maschinenbauern für Kaltwalzwerke in Russland und den USA erhalten. Der Auftragswert liegt bei insgesamt 3,3 Millionen Euro.

Nanogate wird zuversichtlicher
Nanogate hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz um 2,6 Prozent auf 4,82 Millionen Euro verbessert. Das Ergebnis vor Steuern kletterte um 26 Prozent auf 0,78 Millionen Euro. Außerdem rechnet der Hersteller von Oberflächenbeschichtungen damit, die bisherige Ergebnisprognose übertreffen zu können.

Swiss Re bleibt optimistisch
Swiss Re muss weitere Abschreibungen Höhe von 277 Millionen Franken vornehmen. Der weltgrößte Rückversicherer betonte aber, über ausreichend Liquidität zu verfügen. Außerdem bestätigte der Konzern seine Geschäftsziele.

Ade Schering
Ab sofort ist Bayer alleiniger Eigentümer der Bayer Schering Pharma AG. Ein entsprechender Beschluss der Hauptversammlung von Anfang 2007 über das Herausdrängen von Minderheitsaktionären (Squeeze Out) aus der Gesellschaft wurde heute ins Handelsregister eingetragen. Als Ausgleich erhalten die Minderheitsaktionäre, die zuletzt noch einen Anteil von 3,7 Prozent an Bayer Schering Pharma hielten, eine Barabfindung von 98,98 Euro je Aktie. Die Notierung der Bayer Schering Pharma AG werde in Kürze eingestellt, teilte Bayer weiter mit. Bayer hatte 2006 das Berliner Pharmaunternehmen nach einem Bieterkampf mit der Darmstädter Merck-Gruppe für rund 17 Milliarden Euro gekauft.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 16. August

Unternehmen:

Carlsberg: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
Swisscom: Q2-Zahlen, 7:15 Uhr
Aegon: Halbjahreszahlen, 7:30 Uhr
Wirecard: Halbjahreszahlen (endg.), 7:30 Uhr
Henkel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Sixt: Q2-Zahlen (endg.), 7:30 Uhr
Walmart: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
Nvidia: Q2-Zahlen, 22.20 Uhr

Konjunktur
Japan: Handelsbilanz 07/18, 01:50 Uhr
EU: Handelsbilanz 06/08, 11:00 Uhr
USA: Philadelphia Fed Index 08/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Baubeginne und -genehmigungen, 14:30 Uhr