Wall Street kriegt die Kurve

Detlev Landmesser

Stand: 18.12.2007, 20:34 Uhr

Die US-Investoren sind keinen Deut schlauer als die deutschen: Im Verlauf hellte sich ihre Laune plötzlich wieder auf. Im ewigen Wechselspiel zwischen Krisen-Sorgen und Zuversicht überwog am Abend die letztere.

Die großen US-Indizes drehten nach einem Ausflug ins Minus wieder nach oben, was der deutsche Markt nur noch zum Teil nachvollzog. Der L-Dax ging 0,66 Prozent höher bei 7.837,96 Punkten aus dem Handel.

Die vor US-Börsenbeginn veröffentlichten Zahlen der größten US-Investmentbank Goldman Sachs waren wie erhofft hervorragend ausgefallen. Trotz der Kreditkrise verdiente das Geldhaus im abgelaufenen Quartal mit 7,01 Dollar je Aktie deutlich mehr als von Analysten erwartet. Diese hatten lediglich mit 6,68 Dollar pro Aktie gerechnet. Die Investmentbank hatte frühzeitig auf den Einbruch der Hypothekenmärkte gesetzt und mit ihren Gegenmaßnahmen ihre Kreditausfälle mehr als wett gemacht.

Die Goldman-Aktie konnte ihre Anfangsgewinne allerdings nicht halten und rutschte im Verlauf ins Minus. Finanzchef David Viniar hatte zuvor erklärt, dass die Bank wegen anhaltender Verwerfungen an einigen internationalen Märkten vorsichtig bei ihren kurzfristigen Geschäftserwartungen sei. Der kriselnde Subprime-Markt nähere sich seinem Tiefpunkt, habe diesen aber möglicherweise noch nicht erreicht.

Dazu kamen Spekulationen, der Goldman-Rivale Merrill Lynch könnte in den nächsten Wochen weitere Abschreibungen bekanntgeben. Unternehmenschef John Thain habe Ex-CEO David Komansky um Rat gebeten, berichtete der US-Sender CNBC.

US-Häusermarkt im Abschwung

Vom US-Häusermarkt gab es zwar wie erwartet negative Daten, doch ging sowohl die Zahl der Baugenehmigungen als auch die der Baubeginne im November weniger zurück als befürchtet. Die Zahl der Genehmigungen fiel um 1,5 Prozent auf eine auf das Jahr hochgerechnete Zahl von 1,152 Millionen. Von Thomson Financial befragte Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 1,145 Millionen gerechnet. Die Zahl der Baubeginne sank im November um 3,7 Prozent auf 1,187 Millionen Häuser. Hier hatten die befragten Experten mit einem Rückgang auf 1,178 Millionen Häuser gerechnet.

Merck weiter für Kuvan-Erfolg gefeiert
Tagesgewinner im Dax war die Merck KGaA. Die US-Biotechfirma Biomarin teilte mit, die Vertriebsrechte für das Stoffwechsel-Medikament Kuvan in Kanada zurückgenommen zu haben. Das erlaube eine bessere Koordination der Vermarktung in Nordamerika. Für Merck reduzieren sich damit die Lizenzzahlungen an den Partner. Vergangene Woche hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA das Mittel zugelassen.

Zwei Belastungen für RWE
Die Aktie von RWE gehörte dagegen zu den schwächeren Dax-Titeln. Goldman Sachs hat seine Einstufung auf "Sell" gesenkt. Außerdem belastet ein Bericht der "Börsen-Zeitung". Danach hat der Vizevorstandsvorsitzende des russischen Energieriesen Gazprom, Alexander Medwedew, ein Interesse an einem RWE-Anteil verneint. In der Vergangenheit habe es dagegen immer wieder Gerüchte gegeben, die Russen seien an RWE interessiert, sagten Händler.

"Tui wird Prognosen senken müssen"
Der Kursverlust bei Tui dürfte eine Folge der Verkaufsempfehlung der Deutschen Bank sein. Analyst Simon Champion gab dem Dax-Titel ein Kursziel von 16,10 Euro. Trotz des bedeutenden Potenzials der Tourismusindustrie sowie eines besseren Umfeldes für die Frachtraten sei die Bewertung des Titels nicht gerechtfertigt. Im Laufe des kommenden Jahres werde das Unternehmen seine Prognosen deutlich senken müssen.

Arcandor dank Thomas Cook gewichtiger
Die Arcandor-Aktie gab deutlich nach. Der Handels- und Touristikkonzern hat im dritten Quartal den bereinigten Konzernumsatz von 3,2 auf 7,4 Milliarden Euro nach oben geschraubt. Grund war in erster Linie die Übernahme von Thomas Cook. Die Reisetochter wurde nun erstmals voll in die Bilanz aufgenommen. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) verbesserte sich von 73 auf 700 Millionen Euro.

Fraport setzt sich durch
Die Aktie des Flughafenbetreibers Fraport konnte sich nicht im Plus halten. Das hessische Wirtschaftsministerium hat den Ausbau des Frankfurter Flughafens mit Auflagen genehmigt. Der vier Milliarden Euro teure Ausbau soll Deutschlands einzigen internationalen Luftverkehrsknoten in der globalen Spitzengruppe halten. Kommunen, Naturschützer und Bürgerinitiativen wollen dagegen bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen, um das Projekt doch noch zu stoppen.

Von der Entscheidung profitierte auch die Lufthansa-Aktie im Dax. Schließlich ist der Frankfurter Flughafen der wichtigste Standort für die führende deutsche Fluggesellschaft.

Gagfah hegt große Pläne
Die Gagfah-Aktie erholte sich leicht. Der Wohnungskonzern hat sein Interesse an der Wohnungsgesellschaft LEG NRW bekräftigt, die über 93.000 Wohnungen verfügt. "Wir wollen nicht nur das größte börsennotierte, sondern auch das größte Wohnungsunternehmen Deutschlands werden", sagte Gagfah-Chef Burkhard Drescher der "Welt".

Lanxess verspricht deutlich mehr Dividende
Der Chemiekonzern Lanxess will offenbar seine Dividende deutlich anheben. "Wir wollen Marktniveau erreichen und uns auch hier am Wettbewerb messen lassen", sagte Lanxess-Chef Axel Heitmann der "FAZ". Dabei hält er eine Ausschüttung von bis zu einem Euro je Aktie für möglich. Für 2006 hatte Lanxess 0,25 Euro je Aktie ausgeschüttet.

IKB auf neuem Tief
Bei der IKB wirkten Äußerungen der KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier vom Montag nach. Der MDax-Titel stürzte auf einen neuen Tiefststand. Die ehemalige Politikerin hatte erklärt, dass die KfW keine weiteren Mittel bei möglichen neuen Risiken zur Verfügung stellen werde. "Damit ist die einzige Möglichkeit in einem solchen Fall eine Kapitalerhöhung", sagte ein Händler. Das verschrecke die Anleger.

Software AG dreht an der Prognose
Bester TecDax-Wert war die Software AG. Das Darmstädter Softwarehaus hat einen Rechtsstreit vor einem US-Gericht gewonnen. Dabei ging es um die Kündigung eines Vertriebs-Vertrags mit dem Vertriebspartner Consist. Ab dem kommenden Jahr kann die Software AG den Vertrieb in Brasilien selbst betreiben. Daher rechnet das Unternehmen für 2008 mit einer Ebit-Marge zwischen 23 und 24 Prozent nach bisher glatt 23 Prozent.

Conergy vor Kapitalerhöhung?
Wieder einmal war Conergy schwächster Wert im TecDax. Es sei damit zu rechnen, dass die Banken Teile der Kredite in Höhe von rund 600 Millionen Euro zurückforderten, zitiert das Magazin "Focus Money" den UBS-Analyst Patrick Hummel. Daher benötige Conergy schon bald eine Kapitalerhöhung in Höhe von 200 bis 300 Millionen Euro, so der Analyst.

Lob für United Internet
Merrill Lynch hat die Aktie von United Internet besonders herausgehoben. Die Papiere stehen nun auf der "most preferred stock list" der US-Investmentbank. Starke Marken, ein engagiertes Management, eine exzellente Erfolgsgeschichte und bislang unterbewertete Möglichkeiten für Breitband und Webhosting sprächen für die Aktie, hieß es vom zuständigen Analysten.

Großauftrag für Init
Gut aufgelegt war auch die Init-Aktie. Der Verkehrstelematik-Spezialist soll ein flächendeckendes Leitsystem für den Busverkehr in Bayern aufbauen. Dabei handelt es sich nach Angaben von Init um den bislang umfangreichsten Einzelauftrag in Deutschland.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 17. Oktober

Unternehmen:
ASML: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Roche: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Zooplus: Q3-Umsatz, 07:30 Uhr
Danone: Q3-Umsatz, 07:30 Uhr
Abbott: Q3-Zahlen, 13:45 Uhr
US Bancorp: Q3-Zahlen, 14:00 Uhr
Carrefour: Q3-Umsätze, 17:45 Uhr
Alcoa: Q3-Zahlen, 22:10 Uhr

Konjunktur:
Acea-Kfz-Neuzulassungen 09/18, 08:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 09/18, 11:00 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen, 09/18, 14:30 Uhr
USA: Ölbericht (Woche), 16:30 Uhr
USA: FOMC-Sitzungsprotopoll 26.9., 20:00 Uhr