Wall Street im Krisenmodus

Detlev Landmesser

Stand: 18.06.2008, 20:29 Uhr

Erstmals seit März rutschte der Dow Jones am Abend wieder unter die Marke von 12.000 Punkten. Ein sinnfälliges Zeichen, dass die Finanzkrise noch nicht erledigt ist. Neue Kapriolen beim Ölpreis machten die Anleger zusätzlich nervös.

Zur Stunde liegen die großen US-Indizes jeweils über 1,2 Prozent im Minus. Der L-Dax ging 1,15 Prozent tiefer bei 6.720,09 Punkten aus dem Handel.

An der Wall Street steht die Aktie von Morgan Stanley besonders unter Druck - obwohl der Gewinneinbruch der zweitgrößten US-Investmentbank im zweiten Quartal geringer ausfiel als befürchtet. Der Gewinn pro Aktie betrage 95 Cent, teilte Morgan Stanley mit. Von Reuters befragte Analysten waren im Schnitt von 92 Cent ausgegangen. Anders als gestern bei Branchenprimus Goldman Sachs quittierten die Anleger dies aber nicht mit Käufen.

Zu der dürftigen Stimmung an der Wall Street trug der US-Paketzusteller FedEx bei, der mit seinem Quartalsergebnis und seinem verhaltenen Ausblick enttäuschte. Das zog auch die Aktie des FedEx-Rivalen Deutsche Post in Mitleidenschaft, die mit einem Abschlag von 4,1 Prozent ans Dax-Ende rutschte.

Der Ölpreis zeigte sich weiter hochvolatil. Nach Veröffentlichung der wöchentlichen US-Öllagerbestandsdaten fiel der Future-Preis für leichtes US-Öl deutlich von über 135 auf unter 133 Dollar zurück, um am Abend wieder über 136,50 Dollar zu klettern. Während die Lagerbestände an Rohöl überraschend deutlich zurückgingen, erhöhten sich die Bestände an Heizöl und Diesel unerwartet stark. Unterdessen forderte US-Präsident George W. Bush den Kongress auf, das jahrzehntealte Förderverbot vor den Küsten der USA aufzuheben: "Unser Land muss mehr Öl produzieren. Und wir müssen jetzt damit beginnen", sagte Bush.

Eon und RWE stützen den Dax

An der Dax-Spitze standen Eon und RWE. Beide Versorgertitel profitierten von Heraufstufungen. Die Analysten von Lehman Brothers erhöhten ihre Prognose für den Strompreis und in der Folge auch ihre Kursziele für die Versorger. Für Eon liegt dies jetzt bei 178 nach zuvor 165 Euro und für RWE bei 107 nach 98,70 Euro. Zudem erhöhte Merrill Lynch die Kursziele für Eon auf 169 Euro und für RWE auf 85 Euro.

Bangen um EADS-Auftrag
Am Abend geriet die EADS-Aktie wegen des strittigen Tankflugzeug-Auftrags in den USA unter Druck. Der US-Rechnungshof gab einem Protest des US-Flugzeugbauers Boeing statt, in dem die Auftragsvergabe von 179 Tankflugzeugen an EADS moniert worden war. Zwar ist die Entscheidung des Rechnungshofs nicht absolut bindend, doch steht die US-Luftwaffe nun unter Druck, die Vergabe erneut zu prüfen.

Vossloh vor Spartenverkauf
Der Verkehrstechnikkonzern Vossloh steht kurz vor dem Verkauf seines Gleisbaus an den französischen Baukonzern Vinci. "Wir haben ein fertig verhandeltes Vertragsangebot vorliegen", sagte ein Vossloh-Sprecher. Der Kaufpreis liege bei 150 Millionen Euro. Vor dem letztlichen Abschluss müssten aber noch die Arbeitnehmervertreter der zu verkaufenden Tochter sowie die Kartellbehörden gehört werden, ergänzte der Sprecher. "Wir hoffen, dass das Geschäft in ein paar Wochen perfekt ist."

Das Übernahmefieber auf dem hart umkämpften Generika-Markt beflügelte weiter die Stada-Aktie. Der Titel setzte sich mit einem Plus von 5,3 Prozent an die MDax-Spitze. Der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis will den tschechischen Generikahersteller Zentiva für umgerechnet 1,66 Milliarden Euro vollständig übernehmen.

Am anderen Ende des MDax lag die IVG-Aktie mit einem Minus von mehr als sieben Prozent. Der Immobilientitel sackte damit auf den tiefsten Stand seit Juni 2005. Exane BNP Paribas hatte die Aktie von "Neutral" auf "Underperform" gesenkt. Zum anderen sei das Papier charttechnisch stark angeschlagen, nachdem ein neues Zwischentief markiert wurde, sagte ein Händler.

Wacker Chemie in der Gerüchteküche
Die Aktie von Wacker Chemie litt unter Spekulationen um eine mögliche Senkung der Prognose. Am Markt kursierten Gerüchte, der Spezialchemiekonzern sei dabei, mit Analysten über niedrigere Gewinnerwartungen zu reden, berichteten Händler. "Das ist alles Quatsch, da ist nichts dran", sagte ein Wacker-Sprecher zu boerse.ARD.de.

Porsche auf Kurs
Die Porsche-Aktie rückte leicht vor. Der Stuttgarter Autobauer machte Angaben zu den ersten zehn Monaten des am 31. Juli zu Ende gehenden Geschäftsjahres. In dem Zeitraum seien bislang gut 82.000 Fahrzeuge verkauft worden, was einem Plus von drei Prozent entspricht, teilte Porsche mit. Der Umsatz sei im selben Zeitraum um 0,7 Prozent auf sechs Milliarden Euro gestiegen. Für das gesamte Geschäftsjahr bestätigte Porsche seine Prognose, das Niveau des Vorjahres wieder zu erreichen.

Morgan Stanley mag Freenet
An der TecDax-Spitze notierte die Freenet-Aktie mit einem Plus von 4,6 Prozent. Morgan Stanley nahm die Bewertung des Titels mit "Overweight" und einem Kursziel von 19,50 Euro neu auf. Mit der Akquisition von Debitel sei Freenet nun mit einigem Vorsprung der größte Wiederverkäufer in Deutschland und kontrolliere 19 Millionen Kunden, fast ein Fünftel des gesamten Mobilfunkmarkts und mehr als 80 Prozent des Wiederverkaufs-Geschäfts, schrieb Analyst Christopher Fremantle. Das DSL-Geschäft dürfte zum Jahresende verkauft sein - Morgan Stanley rechnet mit einem Preis von 400 bis 500 Millionen Euro.

Versatel kauft Kabelnetzbetreiber von Deutscher Wohnen
Der Telekommunikationsanbieter Versatel übernimmt den Frankfurter Kabelnetzbetreiber AKF für 30 Millionen Euro vom Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen. Deutsche Wohnen steigt damit aus dem Kabelgeschäft aus. Der Kauf der AKF, die 76.000 Haushalte versorgt, muss noch von der Kartellbehörde genehmigt werden.

Air Berlin in Agonie
Nach einer sehr negativen Studie von Morgan Stanley stürzte die Aktie von Air Berlin im SDax weiter ab. Die Halbierung des Kursziels durch Morgan Stanley habe die Aktie auf ein neuerliches Rekordtief gedrückt, sagte ein Händler. Immerhin betrage das durch die Studie signalisierte Rückschlagsrisiko weiter mehr als 50 Prozent. Seit Jahresanfang ist das Papier mit dem Tief bei 4,75 Euro in der Spitze bereits um knapp 62 Prozent eingebrochen. Am Nachmittag kündigte die Fluggesellschaft an, mit Beginn des Winterflugplans ihr Streckennetz auszudünnen. Statt der bisher geplanten 134 Maschinen sollen zum Jahresende nurmehr 120 eingesetzt werden. Zudem löst Air Berlin die in München ansässige Verwaltung der 2006 übernommenen Fluggesellschaft dba auf.

Hoffnungskäufe bei Thielert
Furore machte erneut die Thielert-Aktie. Der insolvente Flugzeugmotorenhersteller hat die Produktion in Sachsen und Thüringen wieder aufgenommen. Das Unternehmen sei voll marktfähig und könne pro Monat wieder rund 80 Triebwerke herstellen, teilte der vorläufige Insolvenzverwalter mit. Die Produktion war nach Anmeldung der Insolvenz im April ins Stocken geraten. Insgesamt gibt es nach Angaben des Insolvenzverwalters mehr als 50 Kaufinteressenten - die allerdings weniger an der Aktie als an Unternehmensteilen interessiert sind. Die Kaufverhandlungen dürften nach Angaben eines Sprechers mehrere Wochen dauern.

Escada dreht ins Plus
Die Escada-Aktie sprang im Verlauf deutlich an. Wie die Nachrichtenagentur Reuters aus informierten "Kreisen" meldete, strebt Tchibo-Miteigentümer Michael Herz eine "zügige" Beteiligung an dem Modehersteller an.

WaveLight kommt voran
Der im Prime Standard notierte Erlanger Laserspezialist WaveLight hat in den ersten neun Monaten sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern auf 6,2 Millionen Euro gesteigert, nach minus 0,6 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Unter dem Strich blieb jedoch ein Verlust von acht Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 31 Prozent auf 65,2 Millionen.

Leica rechnet mit Verlust
Der Kamerahersteller Leica hat im zweiten Jahr in Folge schwarze Zahlen geschrieben, erwartet im laufenden Geschäftsjahr aber wieder einen Verlust. Im Geschäftsjahr 2007/08 (bis 31. März) kletterte der Gewinn auf 3,0 Millionen Euro nach 0,5 Millionen Euro im Vorjahr. Der Umsatz stieg um 7,3 Prozent auf 156,2 Millionen Euro. Wegen geplanter Aufwendungen für Forschung und Entwicklung und der Verzögerung beim Markteintritt neuer Produkte rechnet Leica im Jahr 2008/09 aber mit einem Fehlbetrag "im höheren einstelligen Euro-Millionenbereich"

Tagestermine am Montag, 22. Oktober

Unternehmen:
Philips Quartalszahlen Q3, 7 Uhr
Ryanair Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Halliburton Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Munich Re Rückversicherertreffen Baden-Baden, 9.30 Uhr
Hannover Rück Rückversicherertreffen Baden-Baden, 12 Uhr
Hasbro Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
Deutschland Monatsbericht Bundesfinanzministerium 0.01 Uhr
Deutschland Monatsbericht Bundesbank 10 Uhr

Sonstiges:
Bundesverband öffentlicher Banken Pressegespräch zu bevorstehendem Banken-Stresstest
Stahlgipfel u.a. mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier