Vorweihnachts-Rally geht gebremst weiter

Notker Blechner

Stand: 22.12.2009, 20:04 Uhr

Der Dax jagt von Jahreshoch zu Jahreshoch. Zwei Tage vor Heiligabend kletterte er auf 5.945 Punkte. Zeitweise hatte das Börsenbarometer gar an der Marke von 6.000 Zählern gekratzt. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gab's von Infineon.

Nicht nur in den Kaufhäusern und Fachgeschäften, sondern auch an den Börsen herrscht derzeit Kauflaune. Der Dax hat in den letzten eineinhalb Wochen fünf Prozent zugelegt und notiert inzwischen wieder auf dem Niveau von vor der Lehman-Pleite. "Die Jahresendrally läuft, und niemand hält dagegen", meinte ein Händler. Börsianer halten es für wahrscheinlich, dass bald selbst die psychologisch wichtige Marke von 6.000 Punkten fällt. Allerdings, warnen die Experten, seien die Umsätze derzeit extrem dünn. Das könne leicht zu Kursausbrüchen führen.

Schwächeres BIP, aber mehr Eigenheimverkäufe

Wie robust der deutsche Aktienmarkt ist, zeigte sich am Nachmittag. Selbst die schwächer als erwarteten Daten zum US-Bruttoinlandsprodukt (BIP) konnten die Stimmung kaum trüben. Bei der dritten Schätzung stieg das BIP annualisiert nur noch um 2,2 Prozent - anstatt wie prognostiziert bei 2,8 Prozent. Für Entlastung sorgten kurze Zeit danach die neuesten Daten zum Immobilienmarkt in den USA. Im November wurden überraschend sieben Prozent mehr Eigenheime verkauft. Analysten hatten mit einem geringeren Anstieg gerechnet.

Die positiven Impulse vom US-Immobilienmarkt gaben der Wall Street etwas Auftrieb. Der Dow Jones legte 0,5 Prozent zu. Der Dax gewann 0,26 Prozent auf 5.945 Punkte. Zeitweise war er bis auf 5.985 Zähler geklettert. Im späten Parketthandel änderte sich nicht mehr viel. Der L-Dax schloss bei 5.948 Punkten.

Euro fällt deutlich
Dagegen geriet der Euro kräftig unter Druck. Er rutschte auf ein neues Vier-Monats-Tief von 1,4230 Dollar. "Der Euro ist derzeit etwas angeschlagen", erklärte Devisenexperte Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus. Die Diskussionen um die massive Staatsverschuldung Griechenlands hatten die europäische Gemeinschaftswährung zuletzt stark belastet. Am Dienstag senkte nach S& P und Fitch auch Moody's das Rating für Griechenland - allerdings nur dezent von "A1" auf "A2". Das ist immer noch zwei Stufen höher als die Note "BBB+" der beiden anderen Ratingagenturen.

Der Ölpreis gab leicht nach. Ein Barrel der US-Referenzsorte WTI kostete im Mittagshandel 73,37 Dollar. Die Entscheidung der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), ihre Fördermenge unverändert zu lassen, war erwartet worden. Man sei zufrieden mit einem Ölpreis von 74 Dollar je Barrel, sagte der algerische Öl-Minister Chakib Khelil. Der Goldpreis fiel ebenfalls leicht - auf 1080 Dollar. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen.

Infineon macht Hoffnungen auf starkes Quartal
Mit Abstand größter Dax-Gewinner war Infineon mit einem Plus von 3,6 Prozent auf 3,85 Euro. Der Chipkonzern präsentierte seinen Aktionären ein unverhofftes vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Infineon hob nämlich seine Prognose für das laufende erste Quartal 2009/10 an. Der Umsatz soll verglichen mit dem Vorquartal um einen hohen einstelligen Prozentsatz zulegen. Daraus ergebe sich eine hohe einstellige Gewinnmarge im operativen Geschäft. Vor allem im Autochip-Bereich stiegen die Erlöse. Bislang hatte der Chip-Konzern nur stabile Ergebnisse angekündigt.

BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
81,48
Differenz relativ
-1,18%
Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
55,53
Differenz relativ
-1,63%

Rückenwind für Autoaktien
Auch Autowerte waren gefragt. BMW und Daimler stiegen um rund ein Prozent, die VW-Stammaktien gewannen am Tag vor ihrem Abstieg aus dem Dax rund 1,5 Prozent. Sie werden am Mittwoch durch die Vorzugsaktien im deutschen Leitindex ersetzt.

Weltweit sorgten Fiat und Ford mit ihren Restrukturierungsplänen für Aufsehen. Fiat-Chef Sergio Marcchionne will in den nächsten beiden Jahren mehr als acht Milliarden Euro vorwiegend in Italien investieren, um neue Modelle zu entwickeln und die Produktivität zu steigern. Der US-Autobauer Ford wiederum plant den Abbau von 41.000 Stellen und will 2011 wieder profitabel werden. Am Abend gab es Neuigkeiten zu Daimler. Der Brennstoffzellenhersteller Ballard verkündete, seinen Anteil am Joint-Venture mit Daimler und Ford zu verkaufen.

Russland-Schub hilft Linde nur kurz
Über mehrere Großaufträge aus Russland durfte sich der Industriegase-Spezialist Linde freuen. Der Dax-Konzern wird eine Olefin-Anlage in Westsibirien und ein Stahl-Unternehmen in der Region um Moskau mit Industriegasen versorgen. Das Auftragsvolumen für die Projekte beläuft sich auf über 500 Millionen Euro. Die Nachricht beflügelte zunächst die Linde-Aktie, sie drehte ins Plus. Am Ende schloss sie aber dann doch 0,8 Prozent im Minus.

Ceconomy ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
6,40
Differenz relativ
+1,17%
Henkel VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
108,25
Differenz relativ
-1,10%

Defensive Werte unter Abgabedruck
Auf der Verliererseite standen vor allem Pharma- und Konsumgütertitel. Die defensiven Werte werden meist verkauft, wenn die Börsen anziehen. So verloren Henkel und Metro überdurchschnittlich. Bei Metro könnte auch das eingetrübte Konsumklima in Deutschland mit verantwortlich für das Kursminus sein. Der vom Marktforschungsinstitut GfK ermittelte Konsumklimaindex für Januar ist auf 3,3 Punkte gesunken. Analysten hatten mit 3,5 Zählern gerechnet. Der private Konsum im nächsten Jahr könne auf der Stelle treten und damit als Konjunkturstütze ausfallen, warnten die Marktforscher.

Fresenius streitet sich mit Eli Lilly
Zu den größten Dax-Verlierern zählen die Fresenius-Papiere mit einem Minus von knapp 1,5 Prozent. Laut einem Medienbericht will der US-Pharmakonzern Eli Lilly die Fresenius-Kabi-Tochter APP an der Einführung einer Generika-Version des Krebsmittels Gemzar hindern. Eli Lilly hat vor einem US-Gericht geklagt. Das könnte zumindest die Einführung des Mittels verzögern, glauben Händler.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,83
Differenz relativ
-2,15%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,20
Differenz relativ
-1,56%

Deutsche Bank macht Tempo beim Umbau von Sal. Oppenheim
Gegen den Trend entwickelten sich die Aktien von Deutscher Bank und Commerzbank. Sie verloren über ein Prozent, während die europäischen Bankentitel zulegten. Am Nachmittag gab die künftige Deutsche-Bank-Tochter Sal. Oppenheim bekannt, dass ihr Chef Matthias Graf von Krockow zurücktritt. Sein Nachfolger wird Wilhelm von Haller, der ursprünglich von der Deutschen Bank kommt. Die Übernahme der Traditionsbank Sal. Oppenheim soll im ersten Quartal abgeschlossen werden. Die Deutsche Bank hofft darauf, das Traditionshaus wieder zu einem Wachstumsmotor zu machen.

Guter Tag für Sky Deutschland
Aus dem MDax ragte Sky Deutschland mit einem Kursplus von acht Prozent heraus. Die am Montag angekündigte Kapitalerhöhung des Großaktionärs News Corp wirkte nach. Der Mindestpreis lag mit 2,25 Euro über den derzeitigen Kursen. Durch die Maßnahme stieg der Anteil von News Corp. auf rund 45 Prozent.

SGL Group: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
11,55
Differenz relativ
-3,35%

SGL und Wacker Neuson müssen Millionen abschreiben
Negative Nachrichten gibt es vom Kohlenstoffspezialisten SGL Carbon und dem Baumaschinenhersteller Wacker Neuson. Wegen der Krise müssen sie Millionen-Abschreibungen vornehmen. Die im MDax gelistete SGL schreibt 70 bis 80 Millionen Euro auf den Wert des Geschäftsbereichs Carbon Fibers & Composites ab. Das SDax-Mitglied Wacker Neuson reduziert bilanzielle Geschäfts- und Firmenwerte um 100 bis 115 Millionen Euro. Die SGL-Aktie brach um vier Prozent ein, Neuson dagegen rettete sich ins Plus.

Hornbach trotzt der Konsumflaute
Die Baumarktkette Hornbach Holding hat in den ersten drei Quartalen des Geschäftsjahres 2009/10 seinen Umsatz um vier Prozent auf 2,31 Millionen Euro verbessert. Das Betriebsergebnis ging allerdings von 164 auf 153 Millionen Euro zurück. Das Unternehmen bestätigte seine Gesamtjahresprognose. Unterm Strich verdiente Hornbach in den ersten neun Monaten 87 Millionen Euro, Das sind 17 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Damals hatte die Baumarktkette aber von Immobilienverkäufen profitiert. Die Anleger zeigten sich dennoch enttäuscht. Die SDax-Aktie gab um fast 1,5 Prozent nach.

Europas Biotech-Primus muss blechen

Schlechte Nachrichten gab es aus der Schweiz. Europas größte Biotech-Firma Actelion erlitt erneut einen Rückschlag. Wegen eines in der Entwicklungsphase gestoppten Medikaments muss eine Tochter von Actelion der japanischen Asahi Kasei 91 millionen Dollar Entschädigung zahlen. Dies werde das operative Ergebnis in diesem Jahr mit rund 80 Millionen Dollar belasten, warnte Actelion. Die Aktie gab um fast ein Prozent nach, nachdem sie bereits gestern wegen Fragen zur Sicherheit des Actelion-Schlafmittels Almorexant deutlich verloren hatte.

Bruce Willis steigt bei Wodka-Hersteller ein
Einen großen Kurssprung machte derweil die Aktie des französischen Wodka- und Whiskyherstellers Belvédère. Grund: US-Schauspielstar Bruce Willis will den von der Pleite bedrohte siebtgrößten Wodka-Produzenten der Welt retten. Wie die Firma am Dienstag mitteilte, ist Willis mit 3,3 Prozent bei Belvédère eingestiegen. Er erhält 83.000 Aktien des Unternehmens und macht dafür vier Jahre lang kostenlos Werbung für die Wodka-Marke Sobieski.

Microsoft droht Word-Verbot

Eine schwere Schlappe hat der Microsoft-Konzern im Word-Patentstreit verloren. Ein US-Gericht lehnte am Dienstag die Berufung von Microsoft gegen ein Urteil ab, das einer Patentklage von i4i stattgegeben hatte. Nun droht Microsoft ein Verkaufsverbot seines Programms Word ab dem 11. Januar. Microsoft kündigte an, bis zu diesem Datum eine neue Word-Version ohne die betroffene Technologie auf den Markt zu bringen. Die Microsoft-Aktien notierten höher.

Apple findet Partner fürs Internet-TV

Die Apple-Aktie stieg ebenfalls um rund ein Prozent. Angeblich werden die Internet-Fernseh-Pläne des Konzerns immer konkreter. Laut einem Medienbericht werden sich voraussichtlich CBS und Walt Disney an dem Projekt beteiligen. Für eine monatliche Gebühr sollen Fernsehshows über das Internet angeboten werden.

Cyberattacke auf Citigroup?

Für Unruhe sorgte ein Medienbericht, wonach die Citibank Opfer einer Cyberattacke geworden sei. Angeblich sollen Hacker bei einer Tochter der Citigroup einen zweistelligen Millionen-Betrag erbeutet haben. Der FBI soll angeblich Ermittlungen aufgenommen haben. Die Citigroup dementierte den Bericht. "Wir hatten keine Lücke im System und keine Verluste", betonte ein Sprecher. Die Citigroup-Aktien büßten fast zwei Prozent ein.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 15. August

Unternehmen:

Zur Rose Group: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
Stratec: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
ADO Properties: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
Leoni: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
LPKF: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Cisco Systems: Q4-Zahlen, 22:05 Uhr
MVV Energie: Q3-Zahlen
Vestas: Q2-Zahlen

Konjunktur
Großbritannien: Verbraucherpreise 07/18, 10:30 Uhr
USA: Produktivität Q2, 14:30 Uhr
USA: Empire State Index 08/18
USA: Einzelhandelsumsatz 07/18, 14:30 Uhr
USA: Industrieproduktion 07/18, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung 07/18, 15:15 Uhr
USA: Lagerbestände 06/18, 16:00 Uhr
USA: NAHB-Index 08/18, 16:00 Uhr
USA: Energieministerium Ölpreise (wöchentl.), 16:30 Uhr

Sonstiges:
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