Vorfreude auf den EU-Gipfel treibt Aktienmarkt

Stand: 22.05.2012, 19:43 Uhr

Als wäre es das erste Mal: Voller Hoffnung sehen die Investoren dem EU-Gipfel am Mittwoch entgegen. Wird diesmal die Lösung für alle unsere Sorgen gefunden? Ist die Schuldenkrise bald Geschichte? Der Dax erntete Vorschusslorbeeren und schloss mit einem soliden Tagesgewinn.

Der deutsche Leitindex rückte um 1,7 Prozent auf 6.435,60 Zähler vor - das größte Tagesplus seit rund vier Wochen. Am Abend lag der Dow Jones um 0,2 Prozent im Plus. Daten vom US-Häusermarkt wurden freundlich aufgenommen und gaben auch dem Dax einen gewissen Schub. Dort waren im April deutlich mehr bestehende Häuser verkauft worden als erwartet. Der Late-Dax rückte um ein Prozent auf 6.420,41 Zähler vor.

Die europäischen Indizes legten ebenfalls zu: Der EuroStoxx 50 schloss 2,1 Prozent höher bei 2.195,94 Punkten. In Paris stieg der CAC 40 um 1,9 Prozent auf 3.084,09 Zähler. Der Londoner FTSE 100 gewann 1,9 Prozent auf 5.403,28 Punkte.

Vorfreude auf den Gipfel
Die Fakten sind im Wesentlichen die gleichen wie vor ein paar Tagen, dennoch reden Marktteilnehmer von aufkeimender Hoffnung, um die steigenden Kurse zu erklären: Vor dem EU-Sondergipfel am Mittwoch setzten die Anleger darauf, dass demnächst wirkungsvolle Maßnahmen - welcher Art auch immer - im Kampf gegen die Schuldenkrise ergriffen werden.

Falls nicht: Nach dem Gipfel, ist vor dem Gipfel. Für Ende Juni ist wieder ein offizieller EU-Gipfel angesetzt. "Das ist eine Erholung, die nur auf vagen Hoffnungen basiert", warnte ein Börsianer. Sobald die nächste schlechte Schlagzeile kommt, könne alles wieder drehen, lautet seine Einschätzung. Auch ein Händlerkollege aus Frankfurt wollte noch keine Trendwende erkennen.

Die Konjunkturlokomotive China...
Auffallend ist auch, dass die Tagesumsätze deutlich hinter dem Schnitt der letzten 90 Tage zurücklagen - möglicherweise ein Zeichen dafür, dass der Optimismus nicht ganz so groß ist, wie die Kursgewinne suggerieren.

Immerhin: Meldungen aus China wurden beifällig aufgenommen. "Die Nachricht, dass China die Genehmigung von Infrastruktur-Projekten beschleunigen will, ist ermutigend und passt zu den Aussagen des Ministerpräsidenten Wen Jiabao vom Wochenende zum Thema Wachstumsförderung", sagte Aktienhändler Chris Weston vom Brokerhaus IG Markets.

...zieht HeidelCement an...
Die Hoffnung auf Impulse aus dem chinesischen Bausektor treibt die Papiere von HeidelCement an die Dax-Spitze. Europas Baustoffaktien reagieren insgesamt positiv auf die Nachricht.

... und Auto-Aktien ebenso
Auf Erholungskurs bleiben im Dax vor allem Autotitel, die dem gesamten europäischen Sektor voranbrummen. BMW, Daimler und VW liegen mit mehr als zwei Prozent im Plus und holen damit weiter verlorenes Kursterrain der vergangenen Woche auf. Sie profitierten aktuell ebenfalls von der Hoffnung auf Wachstumsimpulse aus China, die bereits gestern aufgekeimt war.

ElringKlinger: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
11,66
Differenz relativ
+0,43%
Continental: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
199,40
Differenz relativ
-1,63%

Auch die im MDax notierten Titel der Autozulieferer Continental, ElringKlinger und Leoni legten zu. Ein Händler stellte fest: "Der Sektor hat Nachholbedarf."

Analyse belastet Metro
Metro-Anteile belegten mit einem Abschlag von mehr als einem halben Prozent den letzten Platz im Dax. Nach den Gewinnen der beiden Vortage bröckelt die Aktie nach einem negativen Analystenkommentar ab. Die Experten der ING Group hatten ihr Kursziel für die Papiere des Handelskonzerns von 34 auf 26 Euro zurückgenommen und ihr "Hold"-Votum beibehalten.

Hochtief-Tochter macht Freude
Im MDax sind die Aktien des Baukonzerns Hochtief gefragt, die Kursgewinne von mehr als vier Prozent verbuchten. Die australische Tochtergesellschaft Leighton hat auf ihrer Hauptversammlung ihre Jahresziele bekräftigt. Die Produktpipeline bezeichnete Leighton-Vorstand Hamish Tyrwhitt als "gesund".

Air Berlin fliegt ins Preistief
Im Plus schloss auch die Air-Berlin-Aktie. Das Unternehmen hat am Dienstag ein dreistufiges Preissystem angekündigt, mit dem auch "besonders preissensitive" Kunden erreicht werden sollen. Der Tarif mit weniger Zusatzleistungen hat den Titel "Just Fly".

Vodafone kämpft mit Euro-Land
Der weltgrößte Mobilfunk-Konzern hat mit der konjunkturellen Krise in Europa zu kämpfen. Dank guter Geschäfte vor allem in den USA konnte der Umsatz immerhin noch um 1,2 Prozent auf 46,4 Millionen Pfund gesteigert werden, was den Markterwartungen entsprach. Vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag das Ergebnis bei 14,5 Milliarden Pfund und damit leicht unter dem Vorjahresergebnis. Der Nettogewinn sackte deutlich um 14 Prozent ab auf 7,55 Milliarden Pfund.

Marks & Spencer enttäuscht
Der britische Einzelhandelskonzern hat sein Geschäftsjahr 2011/12 (bis Ende März) mit einem Gewinnrückgang um 16,2 Prozent auf 513,1 Millionen Pfund abgeschlossen. Ein schwieriges Marktumfeld sei dafür verantwortlich gewesen, hieß es. Analysten hatten mit mehr Erträgen gerechnet. Der Umsatz kletterte im Geschäftsjahr um zwei Prozent auf 9,9 Milliarden Pfund.

Wut wegen Facebook
Nach dem Börsen-Debakel für Facebook gehen die Schuldzuweisungen los. Vor allem die Investmentbank Morgan Stanley, die den Börsengang federführend organisierte, steht unter Beschuss. Die Banken hätten sich bei der Nachfrage verschätzt und zu viele Papiere auf den Markt geworfen, lautet der Vorwurf. "Bisher entwickelt sich die Facebook-Neuemission äußerst enttäuschend und wird für manch einen regelrecht zum Albtraum", kommentierte Händler Markus Huber von ETX Capital.

Für eine abschließende Bewertung ist es am zweiten Handelstag nach der Neuemission allerdings doch etwas früh, auch wenn der Zorn über die aktuellen Kursverluste das Urteilsvermögen trübt - so wie zuvor vermutlich die Gier nach vermeintlich sicheren Gewinnen. In den USA fallen sie um fast vier Prozent auf unter 33 Dollar zurück.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr