Von der Einigung beflügelt

Stand: 29.06.2012, 20:00 Uhr

Die Entscheidung der Staats- und Regierungschefs der Eurozone, den hoch verschuldeten Staaten Italien und Spanien unter die Arme zu greifen und den Banken direkte Hilfen zu gewähren, versetzt die Anleger am Freitag in Jubelstimmung.

Der Dax startet zunächst mit moderaten Gewinnen in den Handel, legt im Tagesverlauf aber immer weiter zu und geht schließlich mit einem Plus von 4,33 Prozent oder 266 Punkten aus dem Handel bei 6.416 Punkten. Auch der MDax legt um knapp vier Prozent zu. Der TecDax gewinnt 2,5 Prozent.

Der Euro legt ebenfalls kräftig zu und steigt um 2,5 Cent auf 1,268 Dollar, am Rohstoffmarkt schießen die Preise für Kupfer, Öl und Gold ebenfalls in die Höhe. "Die Banken können sich nun direkt aus dem Euro-Rettungsschirm ESM refinanzieren, das sorgt für Erleichterung ", urteilt ein Börsianer.

Aktienmarkt vor Paradigmenwechsel?
Marktexperte Andreas Lipkow von MWB Fairtrade sieht in der Marktrally nach dem EU-Gipfel einen Paradigmenwechsel unter den Anlegern. "Die Risikoscheu weicht den Chancen, die Aktien im Gegensatz zu den Anleihenmärkten haben. Investoren greifen bei Banken- und Konsumtiteln zu. Zyklische Werte sind wieder gefragt und diese komplette Bandbreite an Nachfragen zieht den Markt nach oben."

Auch an der Wall Street reagieren die Anleger hoch erfreut über den Ausgang des Brüsseler Spitzentreffens. "Wir sind so daran gewöhnt, dass in der Regel nicht viel dabei herauskommt", sagte Art Hogan, Analyst bei Lazard Capital. Daher seien die Erwartungen an den jüngsten Gipfel sehr nach unten geschraubt worden. "Da es jetzt den Anschein hat, dass es ein Ergebnis gibt, ist das ein wirklich positiver Impuls für die Märkte." Je näher Europa einer Bankenunion käme, desto näher rücke die Fiskalunion. Der Dow-Jones-Index steigt gleich zu Handelsbeginn um 1,5 Prozent. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der Dow 1,8 Prozent oder 224 Punkte höher bei
12.826.

Hoffnung macht auch die Aussicht auf eine Zinssenkung auf der nächsten EZB-Ratssitzung in der kommenden Woche. Tatsächlich war die Inflation zuletzt auf dem Rückmarsch, sinkende Ölpreise sorgen - zumindest vorübergehend - für Entspannung im Portemonnaie der Verbraucher.

Euphorie nur von kurzer Dauer
Analysten gehen allerdings nicht davon aus, dass die Euphorie an den Märkten lange anhalten dürfe: "Viele Anleger bejubeln die überraschende Aktivität der Regierungschefs. Schließlich war nicht viel erwartet worden", schrieb Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann in einem Kommentar. "Nur muss man sich auch klarmachen, dass die Beschlüsse mittel- bis langfristig problematisch sind, weil in den Peripheriestaaten Banken- und Fiskalrisiken eng miteinander verknüpft sind".

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,60
Differenz relativ
-0,05%
Allianz: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
189,24
Differenz relativ
-0,06%
Aareal Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
29,96
Differenz relativ
-0,07%

Banken ganz stark
Zu den stärksten Werten im Dax gehören die Aktien von Commerzbank und Deutscher Bank. Auch die Allianz gewinnt über fünf Prozent. Im MDax schießt die Aktie der Aareal Bank um 7,7 Prozent in die Höhe. Da sich die Banken demnächst direkt bei dem EU-Rettungsmechanismus refinanzieren können und damit die Staatsverschuldung der einzelnen Lände nicht weiter belastet wird, senkt dies auch das Risiko für deutsche Banken, eventuell Staatsanleihen abschreiben zu müssen", sagte ein Händler.

Deutsche Börse hoch gelobt
Um fast acht Prozent zulegen kann die Aktie der Deutschen Börse. Die Titel legten um mehr als fünf Prozent, nachdem die Analysten ihre Bewertung auf "overweight" von "neutral" erhöht haben. Mittelfristig dürften Börsenbetreiber höhere Umsätze und Gewinne erzielen, die unter anderem aus dem Clearing-Geschäft resultierten, erklärten die Experten von JP-Morgan. Die Deutsche Börse habe mit Eurex Clearing eine dominante Plattform geschaffen, während der Rivale London Stock Exchange noch draufzahlen müsse, um seinen Anteil an diesem Markt zu erhöhen.

Nike belastet Adidas
Einziger Verlierer im Dax ist die Aktie von Adidas. Im MDax gehört der Sportartikelhersteller Puma zu den schwächsten Werten. Beide Werte leiden unter den enttäuschenden Geschäftszahlen des amerikanischen Konkurrenten Nike. Der hat Anfang März bis Ende Mai - der Gewinn fiel, die Margen verschlechterten sich und in den Lagern türmen sich immer mehr unverkaufte Produkte mit dem berühmten "Swoosh"-Logo. Außerdem legten die Auftragseingänge, nicht zuletzt in China, viel geringer zu - ein schlechtes Zeichen für die nächsten Monate.

BMW mit Toyota
Während die Kooperation mit Peugeot wackelt, will BMW nun enger mit Toyota zusammenarbeiten. Die Vorstände beider Unternehmen unterzeichneten am Vormittag in München eine Absichtserklärung, wonach die Konzerne langfristig in vier Bereichen zusammenarbeiten wollen: Gemeinsam wollen sie Brennstoffzellen sowie Architektur und Komponenten eines neuen Sportwagens entwickeln. Zudem wollen sie bei der Elektrifizierung von Antriebssystemen kooperieren und beim - für das verbrauchs- und schadstoffärmere Fahren wichtigen - Leichtbau miteinander forschen und entwickeln. Die Aktie von BMW legt überdurchschnittlich zu, nachdem sie gestern unter einer Herabstufung gelitten hatte.

EADS vor Zukauf
Der Luft- und Raumfahrtkonzern will nach einem Pressebericht die Sparte Militär- und Sicherheitsoptik von Carl Zeiss kaufen. Cassidian, der Rüstungs- und Sicherheitsbereich von EADS, arbeite schon länger mit Carl Zeiss zusammen und sei in Gesprächen, sagte eine Sprecherin. Die Zeiss-Sparte setzt mit 800 Beschäftigten rund 160 Millionen um. Carl Zeiss hält auch noch die Mehrheit an der im TecDax notierten Carl Zeiss Meditec AG.

KTG Energie feiert Börsendebüt
Seit heute ist der Biogas-Produzent KTG Energie im Entry Standard der Deutschen Börse notiert. Dabei handelt es sich um eine Kapitalerhöhung mit einem Volumen von 1.000.000 Aktien zum Festpreis von 13,80 Euro. Der erste Kurs lag bei 14,10 Euro. Bei Börsenschluss notiert die Aktie bei 14,40 Euro. Darüber hinaus wurden 500.000 Aktien aus dem Besitz des Mutterkonzerns, der KTG Agrar AG, umplatziert. Bei einem Grundkapital von insgesamt 6.000.000 Aktien liegt der Freefloat bei 25 Prozent.

Credit Suisse beruhigt Aktionäre
Die Bank Credit Suisse hat ihren durch kräftige Kursrückgänge gebeutelten Aktionären für das zweite Quartal schwarze Zahlen versprochen. Zwar ist bisher niemand davon ausgegangen, dass die zweitgrößte Schweizer Bank im ganzen Konzern oder im Investmentbanking in die Verlustzone gerutscht sein könnte. Die Bank sah sich nach Angaben vom Freitag aber durch "die heutige Medienberichterstattung" zu der Mitteilung veranlasst, "dass sie auf Grundlage der heute verfügbaren Informationen zum Quartalsergebnis erwarten, auf Gruppenstufe und in allen Divisionen profitabel zu sein".

Corona hat neuen Besitzer
Der weltgrößte Brauereikonzern, die belgische Anheuser-Busch InBev, erwirbt für rund 20 Milliarden Dollar die restlichen Anteile am Corona-Hersteller Modelo. Man wolle 9,15 Dollar für eine Aktie bezahlen, teilte der Konzern am Freitag mit. Den Belgiern war die Hälfte der Modelo-Anteil bei der Übernahme der amerikanischen Brauerei Anheuser-Busch im Jahre 2008 zugefallen. Kostenpunkt damals: 52 Milliarden Dollar.

Blackberry: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
7,95
Differenz relativ
+2,71%

Ford erwartet Gewinneinbruch
Der US-Autobauer Ford rechnet wegen schwacher Auslandsgeschäfte mit einem Gewinneinbruch im zweiten Quartal. Vor allem in Europa hätten sich die Marktbedingungen seit Jahresbeginn deutlich verschlechtert, teilte der Konzern in der Nacht zum Freitag mit. Insgesamt dürfte sich der Verlust außerhalb Nordamerikas im Vergleich zum ersten Quartal etwa verdreifacht haben. Der Gesamtkonzern werde aber schwarze Zahlen schreiben.

RIM sucht Hilfe
Noch schlechter ergeht es dem kanadischen Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM). Der sucht in seiner Not offenbar Zuflucht in einer Kooperation mit Microsoft. Nachdem das Unternehmen den Markstart seines neuen Hoffnungsmodells um mehr als ein Jahr verschieben muss, sondiert es eingeweihten Personen zufolge, das eigene Betriebssystem aufzugeben und Microsofts Windows-Variante einzusetzen. Allerdings befürchten Branchenexperten bereits das Schlimmste für den kanadischen Konzern, der nun auch für das abgelaufene Quartal einen Verlust auswies. "Es ist wie einen Welpen sterben zu sehen. Es ist furchtbar", sagte Analyst Matthew Thornton von Avian Securities. Die RIM-Aktie brach nachbörslich um 18 Prozent ein. Binnen Jahresfrist haben die Titel bereits drei Viertel an Wert verloren.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"