Vom Regen in die Traufe?

Detlev Landmesser

Stand: 14.10.2008, 20:24 Uhr

Das Thema Bankenkrise sei vorbei, "jetzt kommt der konjunkturelle Abschwung", meinte ein Händler am Dienstag. Tatsächlich schnitten die Banken noch gut ab, während die Konjunktursorgen im Tagesverlauf zunahmen.

So drifteten die US-Indizes nach einer starken Eröffnung bis zum Abend ins Minus. Besonders die Technologietitel an der Nasdaq litten unter der Sorge um die realwirtschaftlichen Folgen der Finanzkrise. Der L-Dax schloss bei 5.186,95 Punkten. Zeitweise hatte der Dax schon 6,35 Prozent im Plus gelegen.

"Die Maßnahmen haben die Stimmung aufgehellt - aber deswegen ist noch lange nicht alles wunderbar", sagte ein Marktteilnehmer zur euphorischen Kursreaktion auf die massiven staatlichen Eingriffe. Fest steht, dass die Börse nach dem vorangegangenen Absturz nicht einfach einer neuen Tagesordnung folgen kann - mit anderen Worten: Es wird auch in den nächsten Tagen holprig bleiben.

Frisches Eigenkapital für US-Banken

Auch die US-Regierung steigt direkt in die Bankenbranche ein. Dafür stünden 250 Milliarden Dollar bereit, sagte US-Präsident George W. Bush am Dienstag. Neun Institute hätten sich bereits einem Staatseinstieg geöffnet. Dafür müssen sie ähnlich wie in Europa Managergehälter kappen und sich anderen Auflagen unterwerfen.

In Island erreichte die Krise dagegen einen neuen Höhepunkt. Nachdem der Handel nach einer mehrtägigen Pause wieder aufgenommen wurde, brach der dortige Aktienindex um 77 Prozent ein, obwohl die Papiere von sechs großen Banken weiterhin vom Handel ausgesetzt blieben.

Von den US-Unternehmen kamen gemischte Signale. Der Pharma- und Medizintechnik-Konzern Johnson & Johnson hat nach einem unerwartet starken Quartal seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr zum wiederholten Male angehoben. Dagegen muss der Getränke- und Snackhersteller PepsiCo angesichts der Schwäche in seinem Heimatmarkt auf die Kostenbremse treten. Geplant sei der Abbau von 3.300 Stellen weltweit, teilte PepsiCo mit. Im dritten Quartal verbuchte der Konzern überraschend einen Gewinnrückgang und senkte darüber hinaus seine Gewinnerwartungen für das Gesamtjahr.

Rezessionsanzeichen häufen sich
Aus Deutschland gab es einige Hinweise auf die realen Folgen der Finanzkrise. Der Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) bekräftigte zwar seine Wachstumsprognose von fünf Prozent für dieses Jahr, geht aber für 2009 von einer "Stagnation" aus. Das Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute geht für 2009 denn auch von einem ein Wachstum von nur noch 0,2 Prozent aus, nach einem Plus von 1,8 Prozent in diesem Jahr.

Besorgnis löste auch der Index der ZEW-Konjunkturerwartungen aus. Der Indikator des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung rutschte nach minus 41,1 Punkten im September auf minus 63,0 Punkte ab.

Zudem brach der Pkw-Absatz in Europa im September um acht Prozent auf 1,3 Millionen Fahrzeuge ein, wie der Branchenverband VDA meldete. Auch aus der Nutzfahrzeugbranche kamen Bremszeichen. Daimler stellt die Produktion der Lkw-Marke Sterling in den USA ein, um auf die anhaltende Nachfrageschwäche in Nordamerika zu reagieren. Der Autokonzern erhofft sich davon ab 2011 jährliche Einsparungen von 900 Millionen Dollar. Auch MAN will die Lkw-Produktion zurückfahren. "Im Lkw-Markt wird es sicher einen Rückgang geben", sagte Vorstandschef Hakan Samuelsson. Zwar erwarte er für das laufende Geschäftsjahr mit mehr als 100.000 verkauften Fahrzeugen ein Rekordergebnis, allerdings machten sich die Auswirkungen der Krise bereits bemerkbar.

Banken erholt
Die Aktie der Hypo Real Estate sprang um bis zu 41,5 Prozent nach oben, beruhigte sich dann aber wieder. Der Konzern will etwaige Pflichtverletzungen von Vorständen untersuchen lassen. Am meisten profitierte im Dax die Deutsche Bank von der neuen Zuversicht für die Banken.

Schwächster Dax-Titel war zum Xetra-Schluss Infineon. Dazu trug auch eine Herunterstufung durch die Deutsche Bank von "Kaufen" auf "Halten" bei.

Conti-Übernahme stockt
Auch die Aktie von Continental stand unter Druck. Nach Medienberichten liegt der Kredit für die Schaeffler-Gruppe zur Übernahme des Autozulieferers "auf Eis". Die Weiterplatzierung des 16,1 Milliarden schweren Kreditpakets sei nach Angaben zweier mit dem Vorhaben vertrauter Banker ins Stocken geraten, meldete die Nachrichtenagentur Reuters. Ein Sprecher des fränkischen Familienkonzerns bekräftigte dagegen, dass die Finanzierung für die Conti-Übernahme mit sechs Großbanken unverändert stehe. "Wir ziehen die Sache durch", sagte der Sprecher.

Datenschützer in den Telekom-Vorstand!
Die T-Aktie schlug sich besser als der Gesamtmarkt. Die Deutsche Telekom reagiert mit einem neuen Vorstandsposten für Datenschutz auf die Serie von Datenpannen der vergangenen Wochen und Monate. Der Aufsichtsrat billigte heute den neuen Posten. In dem neuen Ressort werden die Aufgabenbereiche Datenschutz, Recht, Datensicherheit und Compliance (die Einhaltung interner Regeln) zusammengefasst, teilte der Konzern mit.

Leoni schraubt Erwartungen zurück
Mit einem Abschlag von 12,8 Prozent wurde die Leoni-Aktie für eine Gewinnwarnung des Autozulieferers bestraft. Leoni erwartet für das Gesamtjahr nur noch einen Umsatz von 2,9 Milliarden Euro, anstatt bisher von über drei Milliarden Euro. Auch das Ergebnis leidet. Leoni rechnet nur noch mit einem Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 110 und 120 Millionen Euro. Bisher hatte das fränkische Unternehmen um die 140 Millionen Euro vorausgesagt. Immerhin kündigte Leoni ein Aktienrückkaufprogramm für bis zu zehn Prozent der eigenen Anteile an.

Fraport wird vorsichtiger
Der Flughafenbetreiber Fraport hat im September im gesamten Konzern einen Passagierrückgang um zwei Prozent auf 7,53 Millionen verbucht. Das Luftfrachtgeschäft ging sogar um 5,9 Prozent auf 209.916 Tonnen zurück. Wegen der schwachen Entwicklung rechnet der MDax-Konzern im Gesamtjahr "allenfalls" mit einem Passagierzuwachs zwischen null und einem Prozent. Bisher hatte Fraport ein bis zwei Prozent prognostiziert.

CropEnergies fällt operativ zurück
Der Bioethanolhersteller CropEnergies hat den Umsatz im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2008/09 um knapp 68 Prozent auf 146,3 Millionen Euro gesteigert. Trotzdem sank das operative Ergebnis wegen hoher Rohstoffkosten um 20 Prozent auf 11,1 Millionen Euro.

Streit um Balda-Pläne
Der Großaktionär des Handy-Zulieferers Balda, Audley Capital, warnt vor einer Pleite des Unternehmens, berichtete das "Handelsblatt". Audley Capital werfe dem Balda-Vorstand vor, dem Unternehmen einen "schwerwiegenden Vermögensschaden zuzufügen", sollte sich Balda tatsächlich wie geplant von der Parität an der Tochtergesellschaft TPK trennen. Balda wies die Kritik zurück. Es bestehe derzeit kein Insolvenzrisiko. Der Verkauf sei in der gegenwärtigen Lage des Finanzmarktes die beste Lösung für die Gesellschaft und alle Aktionäre.

Rund drei Prozent gewann die Aktie von Itelligence. Der IT-Dienstleister hat im dritten Quartal seinen Umsatz um zehn Prozent auf 52,3 Millionen Euro verbessert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) wuchs von 3,0 auf 3,8 Millionen Euro.

Daldrup wird gefeiert
Mehr als 16 Prozent gewann die Aktie von Daldrup & Söhne hinzu. Der Bohrspezialist hat seinen Auftragsbestand im dritten Quartal um 25 auf 60 Millionen Euro nach oben geschraubt.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"