Viele Sorgen und noch mehr Hoffnungen

Detlev Landmesser

Stand: 22.05.2009, 20:28 Uhr

Die gigantischen amerikanischen Staatsausgaben bewirkten am Freitag zweierlei. Einerseits gaben sie zu neuen Konjunkturhoffnungen Anlass. Andererseits keimte die Sorge um die Kreditwürdigkeit der USA auf.

Insgesamt aber überwog nach dem Schwächeanfall zu Christi Himmelfahrt die Zuversicht. Der L-Dax schloss 0,3 Prozent höher bei 4.912,77 Punkten. Auf Wochensicht gewann der Leitindex 3,8 Prozent.

Nach der Ankündigung der Ratingagentur S&P, eine Bonitäts-Herabstufung Großbritanniens zu prüfen, wuchs die Sorge um die Bonität der USA. Die Vereinigten Staaten könnten wegen ihrer hohen Verschuldung in drei bis vier Jahren ihre Bestnote "AAA" verlieren, sagte der angesehene US-Anleihenexperte Bill Gross von Pimco. Andere Experten hielten einen solchen Schritt der Ratingagenturen aber für unwahrscheinlich, wie etwa Eugen Keller Bankhaus Metzler gegenüber boerse.ARD.de. Die Sorgen reichten aber aus, den Dollar weiter zu belasten. Erstmals seit Anfang des Jahres schaffte es der Euro wieder über die Marke von 1,40 Dollar.

Wegen des Brückentages nach dem Feiertag blieben die Börsenumsätze bescheiden. Auch an der Wall Street, wo die Märkte bis zum Abend moderat zulegten, hielten sich die Akteure zurück. Am Montag bleiben die Börsen sowohl in New York als auch in London wegen Feiertagen geschlossen.

Weltwirtschaft stoppt "freien Fall"

SDie Hoffnung auf ein Ende des Rezessionstunnels blieb den Märkten auch am Freitag treu: Nun erklärte auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Weltwirtschaft habe ihren "freien Fall" gestoppt. Der Abschwung habe sich verlangsamt, sagte OECD-Chef Angel Gurria. Er rechne mit dem Beginn der Erholung bis Ende des Jahres. Darauf deuteten weltweite Konjunkturindikatoren wie Hausverkäufe in den USA bis zu chinesischen Exportdaten hin. Die Erholung werde wegen der größeren Konjunkturpakete zuerst in den USA und später in Europa einsetzen.

Vage Hoffnungen für GM
Stabilisierend wirkte auch die Nachricht, dass der am Boden liegende Autoriese General Motors mit der US-Gewerkschaft UAW eine vorläufige Einigung erzielt hat. Die größte Hürde für die Opel-Mutter bleibt aber der milliardenschwere Streit mit den Gläubigern. Bei ihnen steht GM mit rund 27 Milliarden Dollar in der Kreide. Der Konzern muss der US-Regierung bis Ende Mai einen tragfähigen Rettungsplan vorlegen, sonst droht ihm die Insolvenz. Diese sei aber keineswegs beschlossene Sache berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf "mit den Plänen vertrauten Kreisen".

Am Donnerstagabend hatte die US-Regierung eine weitere Finanzspritze von 7,5 Milliarden Dollar für die ehemalige GM-Finanzsparte GMAC angekündigt. Keine Hilfe gab es dagegen für BankUnited, die größte Bank Floridas. Mit einer Bilanzsumme von 12,8 Milliarden Dollar ist deren Pleite der bisher größte Insolvenzfall in diesem Jahr - und die 62. Bankenpleite in den USA seit Beginn der Finanzkrise.

Citigroup mag K+S
Wieder war die Aktie von K+S der gefragteste Dax-Titel. Die Analysten der Citigroup empfahlen den Salz- und Düngemittelhersteller zum Kauf und erhöhten das Kursziel von 50 auf 60 Euro. Die Analysten rechnen mit einer deutlich höheren Nachfrage nach Kalidünger.

Stahltitel plötzlich wieder obenauf
Die Stahlwerte präsentierten sich ebenfalls wieder sehr volatil. Diesmal ging es mit Salzgitter, ThyssenKrupp sowie Klöckner & Co aus dem MDax nach oben. Goldman Sachs hat das Kursziel für Salzgitter von 56 auf 79 Euro und für Thyssen von 16 auf 21 Euro angehoben. Bei der österreichischen Voestalpine wurde das Ziel sogar von 11 auf 26 Euro erhöht. Die Goldman-Analysten erwarten für das zweite Halbjahr bessere Bedingungen für den europäischen Stahlsektor - besonders wegen einer günstigeren Wirtschaftsentwicklung in China.

Commerzbank verkauft Lufthansa-Paket
Die Commerzbank hat ihre Beteiligung an der Lufthansa verkauft. Der Schritt sei Teil des laufenden Abbaus von Industriebeteiligungen, sagte ein Sprecher. Das Paket von 3,06 Prozent hatte die Bank Anfang des Jahres mit dem Kauf der Dresdner Bank von der Allianz übernommen. Es sei "marktschonend" verkauft worden, betonte der Sprecher. An der Börse war das Aktienpaket zuletzt 136 Millionen Euro wert.

Porsche erhält frisches Geld
Die Porsche-Vorzugsaktie schaffte es am Ende wieder ins Plus. Der hochverschuldete Sportwagenbauer ist bei seinen Bemühungen um weitere Bankenkredite weiter gekommen. Die Bank of Tokyo Mitsubishi ist offenbar bereit, Porsche 750 Millionen Euro zu geben. Insgesamt will Porsche weitere 2,5 Milliarden Euro "für allgemeine Unternehmenszwecke" aufnehmen. Eine rasche Einigung bei den Fusionsgesprächen mit Volkswagen wird unterdessen immer unwahrscheinlicher. "Die Gespräche sind wahrscheinlich nicht in der ursprünglich gesetzten Frist von vier Wochen zu beenden", räumte ein Porsche-Sprecher ein.

Nordex-Gewinn unerwartet klein
Aus dem TecDax gab es noch einen Quartalsbericht. Nordex hat im ersten Quartal seinen Umsatz um 17 Prozent auf 233 Millionen Euro gesteigert und damit die Analystenprognosen übertroffen. Enttäuscht zeigten sich die Marktteilnehmer aber von dem Gewinneinbruch um 91 Prozent auf 0,5 Millionen Euro. Immerhin bekräftigte der Windkraftanlagenbauer seine Prognose für das Gesamtjahr.

Übernahmefantasie bei Qiagen
War es ein typisches Freitagsgerücht oder doch mehr? Jedenfalls fielen die Spekulationen, der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis wolle für Qiagen bieten, auf fruchtbaren Boden. Der TecDax-Titel gewann bis zu 8,3 Prozent an Wert, bevor sich die Lage wieder beruhigte. Beide Unternehmen lehnten einen Kommentar zu den Marktgerüchten ab.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"