Vertrauen verzweifelt gesucht

Angela Göpfert

Stand: 07.05.2010, 20:02 Uhr

Die Nervosität der Investoren hat zu Wochenschluss den höchsten Stand seit März 2009 erreicht, zeitweise regierte an den Finanzmärkten regelrechte Panik. Der Dax stürzte in der Spitze um 4,3 Prozent ab.

Am Ende stand ein Kursminus von 3,3 Prozent auf 5.715 Punkte auf der Dax-Tafel. Technisch orientierte Analysten warnen nun vor weiteren Kursrückgängen im Dax, hat sich das charttechnische Bild doch mit dem Rutsch unter den seit Juli 2009 existierenden Aufwärtstrend (aktuell bei 5.874) Punkten und unter die 200-Tage-Linie (bei 5.737) immens eingetrübt.

Mit diesem Kurseinbruch stand der deutsche Leitindex am Freitag indes nicht alleine da, auch an den anderen europäischen Börsen ging es mächtig abwärts. Der EuroStoxx50 der 50 größten börsennotierten Unternehmen der Eurozone schmierte um 4,1 Prozent ab. In Paris brach der Leitindex "CAC 40" um 5,2 Prozent ein, in London gab der "Footsie" 2,6 Prozent nach. In Mailand rauschten die Kurse um 4,8 Prozent in die Tiefe. Auch an der Wall Street dominierten die Minuszeichen.

"Der Markt ist verrückt
"Der Aktienmarkt hat anders als der Anleihenmarkt die von Griechenland ausgehenden Risiken zuletzt unterschätzt. Das wird jetzt nachgeholt", meinte ein Händler. Selbst eine kräftige Erholung des US-Arbeitsmarktes - das Arbeitsministerium hatte das stärkste Stellenplus seit vier Jahren gemeldet - konnte die nervösen Anleger nicht beruhigen.

"Der Markt ist verrückt", stellte ein US-Aktienstratege fest. Nun müsse die EZB eingreifen und "irgendetwas" tun. Bislang weigert sich die Europäische Zentralbank (EZB), zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, um eine Ausweitung der griechischen Schuldenkrise auf andere Länder zu vermeiden.

Der "Wild Day"...
Tatsächlich ist Nervosität wohl das Wort, das die derzeitige Stimmung unter den Investoren am Besten wiedergibt. Die permanente Angst vor einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise hat an ihren Nerven gezehrt, spätestens seit dem gestrigen ominösen Kurssturz an der Wall Street scheint das Vertrauen der Anleger komplett dahin.

Am Donnerstagabend war der Dow Jones zeitweise rund 1000 Punkte eingebrochen - in Punkten gemessen der größte Einbruch in der über 100-jährigen Geschichte des Börsenbarometers.

... hinterließ Spuren
Der genaue Grund für den "wilden Tag" an der Wall Street war auch am Freitag noch unklar. Als Erklärungsversuche müssen die derzeit panikartige Stimmung unter Investoren, technische Probleme beim computerbasierten Handel oder ein menschlicher Fehler herhalten. Die US-Börsenaufsicht SEC kündigte eine Untersuchung an. Die Panik-Minute: Was war da los?

Volatilität zieht mächtig an
Wie extrem nervös die Anleger sind, zeigt ein Blick auf das "Angsbarometer" VDax New, das am Freitag auf über 38 Punkte schoss und damit auf den höchsten Stand seit dem Ausverkauf im März 2009. Mehr zu diesem wichtigen Indikator lesen Sie hier: Wehe, wenn der VDax steigt.

Gold in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Flucht in Gold
Die Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte vervollständigten das Bild einer zutiefst verängstigten Investorenschar: Der Euro schmierte am Freitag ab bis auf 1,2587 Dollar - ein neues Jahrestief. Der Ölpreis sank zeitweise unter 75 Dollar pro Fass WTI. Der Goldpreis kletterte über die Marke von 1.200 Dollar je Feinunze und damit auf den höchsten Stand seit vier Monaten. In Euro hatte das als sicherer Anlagehafen geltende Edelmetall erst gestern ein Allzeithoch markiert.

Rentenmarkt sendet SOS
Auch der Rentenmarkt sendete erneut Warnsignale. Trotz der internationalen Unterstützung haben die Zinsen für griechische Staatsanleihen am Freitag einen neuen Höchststand erreicht. Der Abstand zu deutschen Staatsanleihen beträgt jetzt schon mehr als zehn Prozentpunkte. "Es ist nach wie vor so, dass die Leute Richtung Griechenland schauen", sagte Analyst Heino Ruland von Ruland Research.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Eon größter Dax-Verlierer
Am Ende des Xetra-Handels war die Verliererliste prall gefüllt - allen voran die Eon-Aktie mit einem Kursminus von 9,2 Prozent. Ein Teil des Kursverlustes war auf einen Dividendenabschlag zurückzuführen, Eon zahlte 1,50 Euro je Aktie an seine Aktionäre aus. Auch Papiere von Adidas wurden heute ex Dividende gehandelt.

Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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8,67
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Auf der Verliererseite
Zu den größten Dax-Verlierern zählten auch Aktien von MAN, Infineon, der Deutschen Börse und der Deutschen Bank.

Auch die Münchener-Rück-Aktie schloss tief im Minus. Der weltgrößte Rückversicherer erzielte zwar im ersten Quartal einen außerordentlich hohen Gewinn, stellte aber seine Gewinnprognose für 2010 infrage.

CoBa und HeidelDruck mit Analystenlob
Einziger Dax-Gewinner war die Aktie der Commerzbank mit einem Aufschlag von knapp einem Prozent, sie profitierte nach der gestrigen Zahlenvorlage von einer Hochstufung durch die Crédit Suisse von "Underperform" auf "Outperform". Im MDAx haussierte die Heidelberger-Druck-Aktie nach einer Hochstufung durch HSBC von "neutral" auf "overweight".

Aurubis und ...
Auch die Aurubis-Aktie verbuchte gegen den Trend ein Kursplus. Europas größte Kupferhütte hat die Rückkehr in die Gewinnzone geschafft und ein Vorsteuerergebnis von 167 Millionen Euro erzielt. Dazu trug der gestiegene Kupferpreis maßgeblich bei, der zu einer höheren Bewertung der Vorräte führte. Aurubis bekräftigte zudem seinen Ausblick. Das freut auch Aurubis-Großaktionär Salzgitter.

Rheinmetall: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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...drei weitere Bilanzen aus dem MDax
Neben Aurubis legten drei weitere MDax-Konzerne Bilanzen vor: Beim Motoren- und Energieanlagen-Hersteller Tognum hoben Händler besonders den guten Auftragseingang positiv hervor. Auch die operative Marge sei besser ausgefallen als gedacht.

Der Autozulieferer und Rüstungskonzern Rheinmetall hatte zu Jahresbeginn vom wieder anziehenden Autogeschäft profitiert und mehr verdient als von Experten erwartet. Dagegen dürfte der Holzverarbeiter Pfleiderer 2010 trotz anziehender Nachfrage und allmählich steigender Preise nicht aus den roten Zahlen kommen. Ein Verlust sei wahrscheinlich, bekräftigte Vorstandschef Hans Overdiek.

Medien-Titel ganz unbeliebt
Richtig unter die Räder gerieten Aktien von ProSiebenSat.1 und Sky Deutschland. Neuigkeiten aus den Unternehmen gab es keine, Händler verwiesen auf einen zurückhaltenden Geschäftsausblick des größten britischen Privatfernsehsenders ITV. ProSiebenSat.1-Aktien büßten 8,2 Prozent ein, Sky-Papiere verloren 5,8 Prozent.

Forschungserfolg für Medigene
An der TecDax-Spitze gab die Medigene-Aktie zeitweise richtig Gas, schloss dann jedoch 2,1 Prozent tiefer. Der Biotech-Konzern schrieb zwar im ersten Quartal erneut Verluste, Analysten hatten aber mit Schlimmerem gerechnet. Als Kursimpuls wirken vor allem ermutigende Studiendaten zu dem Krebsmittel Endotag. Lesen Sie dazu auch unseren Hintergrund-Artikel: Von Medikamenten, Phasen und Börsenerfolgen

Kraft gegen den Trend im Plus
Bei den Einzelwerten an der Wall Street stachen die Aktien von Kraft mit einem deutlichen Kursplus hervor. Der größte US-Lebensmittelkonzern, der kürzlich den britischen Süßwarenhersteller Cadbury übernommen hat, profitierte zu Jahresbeginn von dem unerwartet hohen Anstieg der privaten Konsumausgaben und verkaufte vor allem mehr Getränke.

Goldman Sachs hofft auf Vergleich
Auch die Aktie von Goldman Sachs machte auf sich aufmerksam. Dem Wall Street Journal zufolge führt die Bank Gespräche mit der US-Börsenaufsicht über einen Vergleich und mögliche Strafzahlungen. Die SEC hatte Goldman wegen Betrugs bei Geschäften mit Kreditderivaten auf verbriefte Hypotheken verklagt.

Finanzkrisen-Zombie macht wieder Gewinne
Von American International Group gab es ebenfalls Neuigkeiten. Der US-Versicherer kam im ersten Quartal aus den roten Zahlen. Die American International Group (AIG) musste am Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008 vom Staat vor dem Kollaps gerettet werden und gehört seitdem zu 80 Prozent der Regierung.

HSBC-Jahresauftakt erfreut die Anleger
Derweil laufen bei beiden britischen Großbanken RBS und HSBC die Geschäfte dank sinkender Belastungen wieder besser. Vor allem die HSBC-Aussagen kamen am Markt gut an. Die Bank erklärte, in den Vereinigten Staaten den ersten Gewinn seit 2007 eingefahren haben und führte den insgesamt guten Jahresauftakt auf den deutlichen Rückgang bei faulen Krediten in den USA zurück.

Apple: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
174,10
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-2,81%

Patentklage gegen iPad
Stark unter Druck standen hingegen Aktien von Apple und Nokia. Der finnische Konzern hat seinen Patentstreit mit Apple auf das neue iPad ausgeweitet. Laut Nokia verletzt Apple mit seinem UMTS-fähigen iPhone und dem neuen iPad fünf wichtige Patente von Nokia.

"Deepwater-Aktien" erneut ...
Auch die BP-Aktie verzeichnete erneut Abschläge. Über dem Ölleck im Golf von Mexiko haben Experten des Konzerns damit begonnen, eine Stahlkuppel abzusenken. Ob sie helfen wird, die wohl größte Umweltkatastrophe seit der "ExxonValdez" einzudämmen, ist offen. Seit dem Untergang der von BP geleasten Plattform hat das Papier rund zwölf Prozent an Wert eingebüßt.

... unter Druck
Auch die Aktie der Schweizer Firma, die zum Zeitpunkt des Unglücks die Plattform betrieb, büßte am Freitag erneut an Wert ein. Bei Transocean summieren sich die Kursverluste seit dem Unglück auf knapp 20 Prozent.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr