Verschnaufpause oder Schreckstarre?

Stand: 18.08.2010, 20:27 Uhr

Gestern noch hatten sich Anleger von Übernahmeanbahnungen und Quartalszahlen in Kauflaune versetzen lassen. Heute machte sich aber wieder Unsicherheit breit. Die Aktienkurse gaben nach. Dax und Dow Jones verloren, daran konnte auch Potash nichts ändern - trotz Düngewirkung für K+S.

Müssen Anleger die gestrigen Kursgewinne einfach nur verdauen? Oder macht sich neue Unsicherheit breit? Fakt ist jedenfalls, Optimismus sieht anders aus. Zwar stellten die Deutsche Börse und Cognitrend in ihrer wöchentlichen Erhebung fest: Der Optimismus der Anleger am deutschen Aktienmarkt ist wieder gestiegen. Das Lager der "Bullen" habe wieder Zulauf bekommen. Der Anteil der Anleger, die auf steigende Kurse setzen, stieg um acht Prozentpunkte auf 41 Prozent. Die Zahl der Bären bezeichneten pessimistischen Anleger nahm um 15 Prozentpunkte auf 33 Prozent ab.

Doch Christin Stock von Cognitrend warnte, dass der relativ großen Sentiment-Verschiebung nur geringere Dax-Kursbewegungen gegenüberständen. Erholungsversuchen dürfte damit die notwendige Energie fehlen. Und so war es auch heute. Der Dax ging mit einem Minus von 0,3 Prozent beim Stand von 6.186 aus dem Handel. Und auch wenn es im Abendhandel auf dem Frankfurter Parkett noch einige wenige Pünktchen aufwärts ging bis auf 6.197. Die Tagesbilanz blieb damit negativ.

Target bringt nicht genug
Daran war auch die Wall Street schuld. Zwar steht der amerikanische Index Dow Jones im Moment mit einem Plus da. Doch im frühen Handel war er bis zu 0,7 Prozent abwärts gesackt. Auf der Börse lastet die Sorge um die amerikanische Wirtschaft. Argwöhnisch verfolgt wird vor allem der private Konsum, eigentlich die Lokomotive der US-Wirtschaft, doch wie es scheint derzeit ohne Kraft. Anzeichen dafür fanden sich heute in der Quartalsbilanz des Einzelhändlers Target. Die Umsätze kletterten nach dem Geschmack der Anleger nicht stark genug - und genau darauf kommt es derzeit an:

"Überraschungen auf der Umsatzseite fehlen"
"Unternehmen übertreffen die Markterwartungen bei den Gewinnen immer noch um Längen. Aber auf der Umsatzseite gibt es nicht die gleichen Überraschungen", erklärt Fondsmanager Andreas Nigg. Damit aber Aktien noch weiter steigen, müssten auch die Umsätze positiv überraschen und die Ausblicke gut sein. Auch der weltgrößte Agrarmaschinenhersteller Deere konnte Anleger nicht überzeugen. Zwar war man zufrieden mit der Quartalsbilanz, aber der Ausblick blieb hinter den Erwartungen zurück. Deere klagte, man sei umsatzmäßig immer noch "weit von einem normalen Niveau entfernt".

Potash strahlt auf K+S ab
Die Aussicht auf eine kurstreibende, feindliche Übernahmeschlacht um den kanadischen Düngemittelkonzern Potash macht Anlegern allerdings Freude. Angeblich will BHP sogar noch was auf sein ursprüngliches Kaufangebot von 130 Dollar je Aktie drauflegen, wie die australische Macquarie-Bank durchblicken ließ.

Das trieb den Aktienkurs von Potash weiter an, und ein bisschen den des deutschen Konkurrenten K+S. Die Aktie legte noch einmal 1,5 Prozent zu und war damit der stärkste Gewinner im Dax. Mit Konsolidierungsfantasie in der Branche wird das erklärt. Dabei hält DZ-Bank-Analyst Heinz Müller ein Übernahmeangebot für K+S für wenig wahrscheinlich. Allein die Größe des Konzerns und wettbewerbsrechtliche Hürden sprechen dagegen.

"Versicherer sind nicht ertragreich"
Auf der Verliererseite am deutschen Aktienmarkt standen Münchener Rück und Allianz. Offenbar hat der Chef des Rückversicherers, Nikolaus von Bomhard, Anleger verschreckt. Er äußerte in einem Interview mit der FTD grundsätzliche Zweifel am Gewinnpotenzial von Lebensversicherungen. Ökonomisch betrachtet sei dieses Segment nicht sehr ertragreich.

Stada hui, Lanxess pfui
Im MDax sind Lanxess der große Verlierer. Die Aktien hatten nicht wie erhofft den Sprung in den weltweiten Aktienindex MSCI World Index geschafft. Dagegen sind Stada der beste Wert im Nebenwerteindex, Morgan Stanley hat den Wert hochgestuft von "Underweight" auf "Equal-weight". Nach dem 25-prozentigen Kursrückgang seit Mitte Juni seien die Problemfelder des Generikaherstellers mehr als ausreichend eingepreist, hieß es zur Begründung.

Tui profitiert von Moeller-Maersk
Auch Tui gehörte heute zu den Top-Gewinnern im MDAx. Die Quartalszahlen von Moeller-Maersk gaben Schubkraft. Händler bezeichneten die Bilanz der dänischen Reederei als besser als erwartet und verwiesen zudem auf einen erhöhten Ausblick.

Vorfreude auf Sixt
Sixt heißt der Gewinner im SDax. Unicredit verspricht sich offenbar einiges von den morgigen Quartalszahlen. Steigende Gewinnmargen dürften sinkende Umsätze wettmachen, sagten die Analysten voraus und stuften die Aktie herauf.

Bertrandt genügt hohen Ansprüchen nicht
Schwächste SDax-Aktie ist Bertrandt. Der Ingenieursdienstleister Bertrandt konnte mit der heute präsentierten Bilanz zum dritten Geschäftsquartal nicht punkten. Zwar spiegelt sie die Erholung der Automobil- und Luftfahrtbranche wieder. "Doch reichen die Zahlen nicht aus, um die relativ hohe Bewertung rechtfertigen zu können", erklärte Andreas Lipkow, Aktienhändler bei MWB Fairtrade. Die Aktien haben in einem Jahr um mehr als 160 Prozent zugelegt.

Aus dem Kleinwerteindex SDax berichtete außerdem noch Highlight Communications über seine Geschäfte. Wie sich zeigte, erlöste der Medienkonzern im ersten Halbjahr weniger Umsatz. Doch dafür schoss das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) 55 Prozent in die Höhe. Die Aktie beschließt mit einem kleinen Plus von 0,2 Prozent den Handel.

Dafür wird die Quartalsbilanz von CTS Eventim mit Kursverlusten quittiert. An der Börse sagte man, die Zahlen seien gemischt ausgefallen, der Umsatz etwas besser als erwartet, und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen eher etwas schlechter. Was den Kurs belasten dürfte: Das Bundekartellamt will nachträglich die Übernahme der See Tickets Germany GmbH überprüfen.

HCI mit deftigem Kursplus
Außerhalb der Indizes fällt das Kursplus von 15 Prozent bei HCI Capital auf. Das auf geschlossene Fonds spezialisierte Fondshaus hat sich finanziell neue sortiert. Alle wesentlichen gegenüber Banken bestehenden Bürgschaften und Garantien in Höhe von insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro entfallen.

Aus dem TecDax
Im TecDax gerieten die Papiere von Evotec unter Druck. Börsianer erklärten das mit einer technischen Gegenreaktion, nachdem die Titel zuletzt sehr gut gelaufen sind. Seit Anfang August ist der Kurs um rund ein Drittel gestiegen. Nach leicht enttäuschenden Halbjahreszahlen sanken die Papiere des Zahlungsabwicklers Wirecard ebenfalls.

Vestas zieht Nordex runter
Auch Nordex hatte heute einen schweren Stand. was an den miserablen Nachrichten des Konkurrenten Vestas Wind Systems lag. Der weltgrößte Hersteller hat einen überraschenden Verlust für das zweite Quartal ausgewiesen und den Gewinnausblick für 2010 gekappt. Vestas-Aktien brachen in Kopenhagen um mehr als 20 Prozent ein.

Und noch eine zweite Nachricht aus der Branche: Der indische Windkraftkonzern Suzlon hat Finanzprobleme. Die Firma will sieht sich wegen seiner Finanzlage angeblich gezwungen, möglicherweise einige Repower-Anteile zu verkaufen. Suzlon-Aktien verlieren in Frankfurt mehr als zehn Prozent.

Nachrichten von den Solarunternehmen
Endlich raus aus dem Verlustloch ist die ehemals im TecDax notiert Solarfirma Solon. Nachdem das Unternehmen vor einem Jahr noch einen Verlust von 32 Millionen Euro verzeichnete, erzielte sie im zweiten Quartal 2010 ein Ebit von 4,3 Millionen Euro. Die Aktie tauchte dennoch ins Minus.

Ebenso wie die Papiere von Solar Millennium. Das Unternehmen hat Probleme mit der Bilanzstellung. Statt wie geplant morgen wird die Firma ihren Zwischenbericht nun "spätestens" am 13. September veröffentlichen. Solar Millennium begründete die Verschiebung mit dem Wechsel des Wirtschaftsprüfers sowie einem "erhöhten Prüfungsaufwand".

Gewinnwarnungen von Adventis und Charles Taylor
Eine Gewinnwarnung hat bei Adventis am Mittwoch einen Kurssturz ausgelöst. Die Papiere der britischen PR- und Werbeagentur fielen um bis zu 33 Prozent auf ein Rekordtief von 10,5 Pence. Das ist der größte Preisverfall der Unternehmensgeschichte. Adventis zufolge wird der Gesamtjahres-Vorsteuergewinn 2010 voraussichtlich nur halb so hoch ausfallen wie vom Markt erwartet.

Ebenso gab die Versicherungsberatungsfirma Charles Taylor eine Warnung heraus. Der Gewinn werde im Gesamtjahr unter den Erwartungen liegen, da sich die Nachfrage im öffentlichen Sektor schwach entwickle. Die Aktie brach über 20 Prozent ein.

Aus Österreich gab es auch keine berauschenden Nachrichten. Telekom Austria berichtete von einem verhaltenen ersten Halbjahr. Die Dividendenuntergrenze von 0,75 Euro je Aktie wurde jedoch bestätigt. Finanzchef Hans Tschuden betonte, dass es sich bei Telekom Austria um ein "Cash-Flow-starkes Unternehmen" handle. Die Aktien schlossen in etwa auf Vortageshöhe.

Auch Schoeller-Bleckmann präsentierte Zahlen. Im ersten Halbjahr 2010 lagen Umsatz und Nettoergebnis zwar noch unter den Vergleichswerten des Vorjahres, allerdings konnte der Ölfeldausrüster im zweiten Quartal 2010 bei den wichtigsten Ergebniszahlen gegenüber dem zweiten Quartal 2009 deutlich zulegen. Die Aktie hoben sich mit einem Plus von fast sieben Prozent klar vom Markt ab.

Aus der Schweiz legte der Versicherer Swiss Life über seine Geschäfte. Man habe im ersten Halbjahr einen Gewinn von knapp 270 Millionen Franken erwirtschaftet, wobei die übernommene AWD 20,4 Millionen Euro zum Ebit beitrug.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr