Verschnaufpause in Sicht

Detlev Landmesser

Stand: 23.01.2008, 21:30 Uhr

Zeitweise sah es auch am Mittwoch rabenschwarz an der Börse aus. Mit seinem Tagesverlust kommt der Dax auf ein Minus von mehr als 20 Prozent seit Jahresbeginn. An der Wall Street gab es am Abend einen Erholungsversuch.

Immerhin wäre nach den jüngsten Verlusten eine technische Reaktion nach oben fällig, was vorsichtig auf den Donnerstag hoffen lässt. Der L-Dax beendete den Abendhandel mit 6.432,92 Punkten, was einem Minus von 5,5 Prozent entspricht. Damit hat der Index den gesamten Gewinn des vergangenen Jahres wieder abgegeben. Ende 2006 hatte das Börsenbarometer bei 6.597 Punkten gelegen.

"Es werden pure Emotionen gehandelt. Verkauft wird quer durch alle Branchen, fundamentale Gründe sind jetzt unwichtig", fasste ein Händler die Stimmung zusammen. Zunächst hatten die Anleger in Deutschland nach zwei äußerst turbulenten Handelstagen wieder etwas Mut gefasst. Der Dax startete mit bis zu 1,7 Prozent Plus. Dann schlug erneut die allgemeine Nervosität durch, die Kurse bröckelten rasch ab - bis zu einer weiteren Ausverkaufsstimmung, die den Dax bis auf 6.384 Punkte abstürzen ließ, was sogar unter dem Tief aus dem vergangenen März lag.

Die US-Börsen begannen den sechsten Tag in Folge mit Kursverlusten, wobei sich am Abend zaghafte Erholungstendenzen abzeichneten. Der Dow Jones konnte sein Minus im Verlauf deutlich verringern und arbeitete sich sogar deutlich ins Plus vor.

Vor allem ein enttäuschender Ausblick von Apple und ein Gewinneinbruch bei Motorola trübten die Stimmung in den USA. Motorola verfehlte mit einem Quartalsgewinn je Aktie von 0,04 Dollar die Schätzungen der Analysten bei 0,13 Dollar deutlich. Zudem warnte Motorola, dass die Erholung der Handy-Sparte länger dauern werde als zunächst gedacht. Die Zahlen des Pharmariesen Pfizer und des Halbleiterkonzerns Texas Instruments wurden dagegen begrüßt, konnten das Blatt aber nicht wenden.

Fed ruft Skeptiker auf den Plan

Die massive Not-Zinssenkung der US-Notenbank am Dienstag hat zwei Sorten von Skeptikern auf den Plan gerufen: Die einen interpretieren den Schritt als "Panikreaktion", die darauf hindeute, dass die Wirtschaftslage noch schlechter ist als bisher bekannt. Die anderen kritisieren, dass mit der Zinssenkung die Liquiditätsblase noch weiter aufgepumpt werde, um diese am Platzen zu hindern. Damit werde eine notwendige Korrektur nur hinausgezögert.

EZB wird belagert
Die Marktteilnehmer in Europa setzten ihre Hoffnungen dessenungeachtet auf die EZB - und wurden enttäuscht: Die Europäische Zentralbank wird vorerst nicht dem Vorbild der Fed folgen. Es sei noch zu früh, um Schlüsse aus der Talfahrt an den Aktienmärkten zu ziehen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, und trat damit Forderungen entgegen, die Europäer müssten mit einer Leitzinssenkung nachziehen. "Derzeit sollten wir uns anschauen, was mit der realen Wirtschaft passiert." Die Preisstabilität zu gewährleisten, helfe den Finanzmärkten auch in turbulenten Zeiten.

Dazu kamen wilde Gerüchte, diesmal im Zusammenhang mit der Krise der US-Anleiheversicherer. "Es heißt, die Societe Generale könnte im Zuge der Finanzmarktkrise 40 Milliarden Euro abschreiben müssen", berichtete ein Händler. Die Zeitung "Le Canard Enchaine" habe darauf verwiesen, dass ein großer Teil der risikobehafteten Kredite der Bank von einem aktuell angeschlagenen US-Versicherer abgesichert werde.

Post schreibt 600 Millionen auf US-Geschäft ab
Im späten Geschäft rutschte die "Aktie Gelb" weiter ab. Die Deutsche Post teilte mit, sie müsse eine Wertberichtigung des Anlagevermögens von rund 600 Millionen Euro für das Expressgeschäft in Amerika vornehmen. Das werde sich auch auf das Netto-Ergebnis für 2007 auswirken. An der Ankündigung, die Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr um 20 Prozent auf 90 Cent je Aktie anheben zu wollen, ändere dies aber "absolut nichts", betonte Finanzchef John Allan. Zum Jahreswechsel war das verbliebene Briefmonopol der Post ausgelaufen.

Tui-Aufsichtsrat gibt grünes Licht
Der Tui-Konzern will seine Schifffahrtssparte mit einem milliardenschweren Investitionsprogramm stärken. Der Aufsichtsrat segnete am Mittwoch zusätzliche Investitionen ab, teilte der Dax-Konzern am Abend mit, ohne eine konkrete Summe zu nennen. Gleichzeitig gab der Aufsichtsrat grünes Licht für die Prüfung der Pläne, die Reedereitochter Hapag-Lloyd mit der Tui-Holding zu verschmelzen. Geprüft werde auch, den Konzernsitz von Hannover nach Hamburg an den Sitz von Hapag-Lloyd zu verlegen. Unterdessen könnte die absehbare Delle in der US-Konjunktur die Hoffnungen von Hapag-Lloyd trüben. "Es ist bei der Containerschifffahrt davon auszugehen, dass die Frachtraten tendenziell nach unten gehen", sagte Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen zu Reuters.

"Rätselhaftes Finanzsystem" bei Siemens
In die verlogene Debatte um Schmiergeldzahlungen von Siemens kommt neue Bewegung: Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" sind vom Konzern eingeschaltete Ermittler in einem weiteren Geschäftsfeld auf "ein rätselhaftes Finanzsystem" gestoßen. Im Unternehmensbereich Medizintechnik könnten gut 140 Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen sein, berichtete die Zeitung vorab aus ihrer Donnerstagsausgabe. Ob Großaufträge etwa aus vielen afrikanischen Staaten überhaupt ohne Schmiergelder zu Stande kommen können, wagt offenbar niemand zu fragen.

MAN schwächster Dax-Titel
Die MAN-Aktie bekam als konjunktursensitiver Titel die Abstufungswelle der Analysten besonders zu spüren. Das Papier ging mit einem Verlust von 7,2 Prozent aus dem Computerhandel. Die UBS hatte das Kursziel für den Dax-Titel drastisch von 140 auf 85 Euro gesenkt, die Empfehlung beließ sie bei "Neutral".

Infineon ungeliebt
Die Aktie von Infineon büßte 6,5 Prozent ein. Die Infineon-Tochter Qimonda hatte gestern nach Börsenschluss ihre Bilanz vorgelegt. Der Konzern wies wegen des anhaltenden Preisverfalls in der Speicherchipsparte im ersten Geschäftsquartal einen heftigen Verlust von 598 Millionen Euro aus. Analysten hatten nur mit einem Quartalsverlust von rund 275 Millionen Euro gerechnet.

Grünes Licht für Lufthansa
Mit einem vergleichsweise geringen Verlust zog sich die Lufthansa-Aktie aus der Affäre. Die größte deutsche Fluggesellschaft hat ihren Einstieg bei der US-Fluggesellschaft JetBlue abgeschlossen. Die Kartellbehörden hätten die notwendigen Genehmigungen erteilt, teilte die Lufthansa mit. Über den Einstieg bei JetBlue kann sich die Lufthansa den wichtigen US-Markt erschließen.

IKB erhält schlechtere Note
Für das Kriseninstitut IKB gab es eine weitere, späte Quittung für das missglückte Subprime-Engagement. Die Ratingagentur Moody's hat die Bonitätsnote für langfristige Verbindlichkeiten der Mittelstandsbank gesenkt. Die Kreditwürdigkeit des Instituts werde jetzt mit "A3" statt zuvor "A2" bewertet, teilten die Experten mit. Der Ausblick sei negativ.

DBAG erhöht Dividende auf 3,50 Euro
Im SDax konnte sich unter anderen Aktie der Deutschen Beteiligungs AG gegen den Trend stemmen. Die Beteiligungsgesellschaft stellte am Nachmittag eine auf 1,00 Euro verdoppelte Dividende in Aussicht; zudem werde erneut eine Sonderdividende von 2,50 Euro pro Aktie gezahlt. Grundlage sei ein Konzernüberschuss für das Geschäftsjahr 2006/07 von 136,5 Millionen und ein Liquiditätsbestand von 155,8 Millionen Euro zum 31. Oktober 2007. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres habe die deutliche Verschlechterung der Kapitalmärkte auf die Bewertung der Portfoliounternehmen durchgeschlagen, teilte das Unternehmen weiter mit. Die Ertragslage der von der DBAG gekauften Firmen sei jedoch unverändert gut.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 24. September

Unternehmen:
Manchester United: Q4-Zahlen, 8:00 Uhr
Total: Strategie-Update, 8:00 Uhr
Roche: Business-Update, 17:00 Uhr
Nike: Q4-Zahlen, 22:15 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Großhandelspreise 8/18, 8:00 Uhr
USA: FHFA-Index 7/18, 15:00 Uhr
USA: Verbrauchervertrauen 09/18, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Hong Kong/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen