Verschnaufpause an den Börsen nach dem Zinsschritt

Stand: 05.07.2012, 20:03 Uhr

Tagelang hatte die Hoffnung auf die Zinssenkung in Europa die Börsen beflügelt. Nun haben die Währungshüter tatsächlich das Leitzinsniveau auf erstmals unter ein Prozent gedrückt. Ein willkommener Anlass für die Anleger, Gewinne einzustreichen. Leidtragender war der Euro.

"Super-Mario" hat wieder zugeschlagen: Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat zum dritten Mal seit seinem Amtsantritt im November 2011 an der Zinsschraube gedreht. Dabei brach er ein Tabu. Erstmals in der EZB-Geschichte unterschritt der Leitzins die Marke von einem Prozent und liegt nun nur noch bei 0,75 Prozent. Für Übernachteinlagen bei der EZB gibt es künftig sogar null Zinsen. Der Einlagezinssatz wurde von 0,25 Prozent auf 0,0 Prozent heruntergeschraubt. Ob mit dieser Maßnahme der Interbanken-Handel wieder angekurbelt werde, bezweifelt allerdings Analyst Ulrich Wortberg von der Helaba. Der Einlagezinssatz ist der Zins, den Banken von der Europäischen Zentralbank (EZB) gutgeschrieben bekommen, wenn sie Geld bei ihr parken.

"Super-Mario" warnt vor Wachstumsschwäche
Manche Börsianer hatten sich offenbar noch etwas mehr als nur eine reine Zinssenkung ausgemalt. Doch die Hoffnung auf neue Liquiditätsspritzen dämpfte EZB-Chef Draghi. Die um die Jahreswende aufgelegten langfristigen Kreditlinien für die Banken benötigten noch Zeit, um zu wirken, sagte "Super-Mario". Zudem warnte der Italiener vor einem weiter schwachen Wachstum in der Eurozone und hoher Unsicherheit.

Nach dem jüngsten Höhenflug an den Börsen nutzen Anleger den Zinsschritt, um Gewinne mitzunehmen. Nach einem Plus von neun Prozent in den letzten sechs Handelstagen sackte der Dax um knapp 0,5 Prozent auf knapp 6.536 Punkten im Xetra-Handel ab. Im späten Parketthandel ging es weiter runter auf rund 6.533 Zählern.

Euro bricht ein
Das Rekord-Zinstief im Euroraum belastete vor allem den Euro. Die europäische Gemeinschaftswährung rutschte um gut einen Cent auf unter 1,24 Dollar ab. Da halfen auch gute Konjunkturdaten aus Deutschland nicht: Überraschend legten die deutschen Industrieaufträge im Mai um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat zu. Ökonomen hatten mit einer Stagnation gerechnet.

Auch China und England lockern Geldpolitik
Die EZB war nicht die einzige Notenbank, die die Geldschleusen öffnete. Die britische Notenbank warf die Druckerpresse wieder an und stockte ihr Anleihenkauf-Programm um 50 Milliarden auf 375 Milliarden Pfund auf. Die chinesische Zentralbank senkte den Einlagezins um 25 Basisprunkte auf 3,00 Prozent.

Gemischte Konjunkturdaten in den USA
Auch die Wall Street präsentierte sich richtungslos. Der Dow gab bis zum Abend etwas nach, während die Nasdaq leicht zulegte. Anleger waren hin- und hergerissen zwischen positiven Arbeitsmarktdaten und trüben Daten aus der Dienstleistungsbranche. Laut einer Umfrage der privaten Arbeitsagentur ADP schuf die US-Privatwirtschaft im Juni 176.000 neue Stellen. Analysten hatten lediglich ein Plus von 105.000 Jobs auf ihrer Rechnung. Dagegen trübte sich die Stimmung im Dienstleistungssektor ein. Der ISM-Index in diesem Bereich sank deutlich auf 52,1 Zähler im Juni, den tiefsten Stand seit Anfang 2010.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
144,42
Differenz relativ
+3,04%

Kursfeuerwerk von VW
Nur wenige Aktien schlossen im Plus. Besonders gefragt waren die Papiere von VW. Sie rasten um fünf Prozent nach oben auf 134,50 Euro. Die Anleger feierten den überraschend schnellen Vollzug der Übernahme des Sportwagenherstellers Porsche durch den VW-Konzern. Am Mittwochabend hatten die Unternehmen mitgeteilt, dass das Sportwagengeschäft zum 1. August nun komplett unter das VW-Dach kommt. Dank eines gesetzlichen Schlupflochs umschiffen die Wolfsburger dabei eine milliardenschwere Steuerlast.

Die Porsche-Papiere schlossen hingegen über ein Prozent im Minus. "Die Porsche-Aktionäre haben nichts von dem frühzeitig abgeschlossenen Deal", erklärte ein Händler die unterschiedliche Kursentwicklung. Nur VW profitiere über die Erhöhung des Ergebnisses je Aktie.

Siemens schielt nach Italien
Knapp im Plus behaupten konnte sich die Siemens-Aktie. Laut einem Medienbericht will der Konzern in Italien auf Einkaufstour gehen und die Mehrheit an dem Kraftwerksbauer Ansaldo Energia übernehmen. Siemens müsste dazu dem Finmeccanica-Konzern seine 55-prozentige Beteiligung abkaufen. Das Angebot könnte in den nächsten Tagen vorgelegt werden.

Erbitux macht Merck unglücklich
Zu den größten Dax-Verlierern zählten die Aktien des Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzerns Merck. Das Unternehmen hat mit seinem wichtigen Krebsmedikament Erbitux einen weiteren Rückschlag erlitten. Die Studie mit dem Mittel bei fortgeschrittenem Magenkarzinom habe den Endpunkt nicht erreicht, teilte das Unternehmen am Morgen mit. Es gebe keine Verlängerung der Überlebenszeit mit Erbitux bei den Patienten. Anfang Mai war Erbitux bereits in einer Darmkrebsstudie gefloppt.

Fielmann behält den Durchblick
Auf seiner Hauptversammlung servierte Fielmann Zahlen zum ersten Halbjahr. Diese konnten sich sehen lassen. Der Konzernumsatz kletterte in den ersten sechs Monaten von 523,7 auf 551 Millionen Euro. Der Gewinn vor Steuern verbesserte sich von 86,4 auf über 89 Millionen Euro. Die Aktie schloss nahezu unverändert.

Rhön-Übernahme immer unwahrscheinlicher
Die Chancen für eine Übernahme von Rhön-Klinikum durch Fresenius schwinden zunehmend. Ein Insider bezweifelt, dass der Kauf in einem zweiten Anlauf doch noch zu zustande kommt. Fresenius-Chef Ulf Schneider strebe zwar eine rasche Entscheidung ein, ein baldiges Einlenken des Asklepios-Eigners Bernard Broermann sei jedoch unwahrscheinlich. Asklepios hatte mit seinem Einstieg bei Rhön die Übernahmepläne torpediert. Die Rhön-Aktien gaben zwei Prozent nach.

Brachem steigt bei Brenntag aus
Im späten Parketthandel gerieten die Brenntag-Aktien unter Druck. Die Beteiligungsgesellschaft Brachem Aquisition verkauft ihre restlichen Brenntag-Papiere. insgesamt sollen 6,9 Millionen Aktien platziert werden. Ende Februar hatte Brachem bereits die Hälfte seiner Anteile abgestoßen. Brachem war 2006 bei Brenntag eingestiegen und hatte vor gut zwei Jahren das Unternehmen an die Börse gebracht.

Grünes Licht für Praktiker-Sanierung
Die schwächelnde baumarktkette Praktiker ist vorerst gerettet. Die Aktionäre einigten sich quasi in letzter Minute auf einen Sanierungsplan und eine notwendige Kapitalspritze. Am Ende stimmte auch die Fondsmanagerin Isabella de Krassny als Vertreterin der Hauptaktionäre für eine Kapitalerhöhung. Das sorgte an der Börse für etwas Erleichterung: die Praktiker-Aktien stiegen fast drei Prozent.

Tom Tailor kann Bonita kaufen
Auch die Kapitalerhöhung der Modefirma Tom Tailor wurde positiv aufgenommen. Die Aktien legten rund vier Prozent zu. Das Unternehmen hat sich Geld für die Übernahme der Bonita-Gruppe verschafft. Insgesamt seien rund 1,7 Millionen neue Aktien zum Preis von je 12,50 Euro bei institutionellen Anlegern platziert worden, teilte Tom Tailor am Donnerstag mit. Das Unternehmen kann dadurch rund 20,7 Millionen Euro einstreichen. Mit dem Geld will Tom Tailor die Bonita-Übernahme zum Teil finanzieren.

Barry Callebaut lockt Naschkatzen an
Der Schweizer "Schoggi"-Hersteller Barry Callebaut wächst trotz weltweit stagnierender Schokoladenverkäufe weiter. In den ersten neuen Monaten des Geschäftsjahres 2011/12 steigerte der Konzern die Verkaufsmenge um 6,6 Prozent auf gut eine Million Tonnen. Der Umsatz kletterte gleichzeitig um 8,4 Prozent in Lokalwährungen und 2,3 Prozent in Franken auf 3,59 Milliarden Franken. Zudem bestätigte Callebaut seine Ziele für das Gesamtjahr. Die Aktien verloren fast zwei Prozent.

Rohstoff-Megafusion in Gefahr
Die milliardenschwere Übernahme des Bergbauriesen Xstrata durch Glencore ist fraglich. Xstrata verschob am Donnerstag überraschend die für den 12. Juli geplante Hauptversammlung, bei der die Aktionäre grünes Licht geben sollten. Australiens Wettbewerbshüter haben indes die Übernahme genehmigt. Der geplante Zusammenschluss hätte keine negativen Auswirkungen auf den australischen Markt für Kohle, Kupfer, Nickel und andere Metalle, erklärte die Kartellbehörde.

Ming Le Sports kommt
Die Aktien des Sportbekleidungs-Herstellers und -Einzelhändlers Ming Le Sports kommen zu einem Preis von 13 Euro an die Börse. Erstnotiz im Prime Standard der Frankfurter Börse ist voraussichtlich morgen. Von den 503.790 zu platzierenden Anteilsscheinen stammen 444.000 Aktien aus einer Kapitalerhöhung. Durch die Platzierung der Aktien sollen dem Unternehmen brutto etwa 5,8 Millionen Euro zufließen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 16. Oktober

Unternehmen:
Merck: Kapitalmarkttag, 8.30 Uhr
Johnson & Johnson: Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Morgan Stanley: Quartalszahlen Q3, 13 Uhr
Goldman Sachs: Quartalszahlen Q3, 13.30 Uhr
Telekom Austria: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
IBM: Quartalszahlen Q3, 22 Uhr
Netflix: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
TomTom: Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
China: Erzeugerpreise / Verbraucherpreise, 3.30 Uhr
EU: Handelsbilanz, 11 Uhr
Deutschland: ZEW Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Industrieproduktion / Kapazitätsauslastung, 15.15 Uhr
USA: NAHB-Index, 16 Uhr