Vermasselte Wochenbilanz

Stand: 16.07.2010, 20:05 Uhr

Welch ein Rückschlag. Bis auf 6.205 Punkte ist der Dax am Nachmittag geklettert - aus Freude über die gestiegenen Gewinne von GE. Doch dann schickt die Angst der Anleger vor einem Abrutschen der USA in die Rezession die Aktienmärkte auf Talfahrt.

Bis auf 6.033 Punkte fällt der Dax im Abendhandel zurück. Das sind 120 Zähler oder knapp zwei Prozent weniger als gestern. Damit sind die in den ersten Tagen der Woche erreichten Gewinne wieder vollständig aufgebraucht. Auf Wochensicht hat der Leitindex sogar 0,4 Prozent verloren.

An der Wall Street ist die Talfahrt noch schlimmer. Der Dow Jones Index verliert bei Börsenschluss in Frankfurt gut 226 Punkte, 2,18 Prozent, auf 10.134.

Hauptursache für den Trendwechsel ist die Angst der Anleger vor einer Rückkehr der Rezession. Der von der Uni Michigan und Reuters ermittelte US-Verbraucherindex ist nämlich von 76,0 Punkten im Juni auf jetzt 66,5 Punkte gesunken. Kein Wunder, gilt doch der von Anlegern und Volkswirten stark beachtete Index als wichtiges Konjunkturbarometer, das die Stimmung und das Kaufverhalten der US-Bürger im Voraus anzeigt.

Tatsächlich machen die Konsumausgaben rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der USA aus. Ein derart dramatischer Rückgang des Verbrauchervertrauens innerhalb nur eines Monats lässt nichts also Gutes für den weiteren Verlauf der Konjunktur in den USA erwarten. "Der schlagartige Vertrauensschwund der Verbraucher ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass die US-Konjunktur in den kommenden Monaten an Schwung verliert", erklärte Postbank-Volkswirt Thilo Heidrich. Zuvor hatten bereits die Quartalszahlen großer US-Unternehmen für Enttäuschung gesorgt.

Euro unterbricht Höhenflug
Auch der Euro musste nach dem Absturz der Börsen seinen Kletterkurs unterbrechen. Zuvor hatte die Gemeinschaftswährung kurz die Marke von 1,30 Dollar touchiert, bevor es dann wieder talwärts ging. Bei Börsenschluss notiert der Euro bei 1,294 Dollar.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
54,92
Differenz relativ
-0,67%

Daimler überrascht mit guten Zahlen
Für Überraschung sorgte am Nachmittag Daimler mit der Vorlage der Quartalszahlen. Das Betriebsergebnis liegt mit 21, Milliarden Euro über den Erwartungen. Die Aktie stieg kurzzeitig um mehr als zwei Prozent, musste einen Teil der Gewinne aber rasch wieder abgeben. Zuvor hatte die Aktie bereits überdurchschnittlich zugelegt, weil der weltgrößte Lkw-Bauer endlich die Erlaubnis zur Gründung eines LKW-Joint-Ventures in China erhalten hat. Gemeinsam mit einem lokalen Anbieter will Daimler auf dem rasch wachsenden chinesischen Markt mitmischen.

GE sorgt für lange Gesichter
Der US-Mischkonzern General Electric (GE) hat zwar im zweiten Quartal überraschend gut verdient und einen über den Erwartungen liegenden Gewinn von 0,30 Dollar je Aktie ausgewiesen. Analysten hatten nur 0,27 Dollar prognostiziert. Allerdings ging der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum erneut zurück. Das sorgt für Enttäuschung und bringt den Aktienkurs unter Druck.

Wall Street-Banken enttäuschen
Mit deutlichen Abschlägen von über drei Prozent wird die Aktie der Bank of America gehandelt. Dabei hat Amerikas größte Bank im zweiten Quartal einen Gewinn von 3,1 Milliarden Dollar eingefahren und damit die Erwartungen der Analysten übertroffen.

Auch die Aktie der halbstaatlichen Citigroup, der einstigen Nummer 1 der US-Finanzindustrie, ist nach den Quartalszahlen ins Rutschen geraten. Dabei hat auch diese Bank mit einem Nettogewinn von 2,7 Milliarden Dollar die Erwartungen übertroffen. Schwachpunkt beider Häuser ist allerdings, dass die guten Zahlen weniger im operativen Geschäft als vielmehr mit Hilfe von Veräußerungen erzielt wurden. Zudem sanken die Erlöse, vor allem im Investmentbanking.

Yara macht K+S Beine
Dank des norwegischen Konkurrenten Yara schafft es die seit Monaten um die Marke von 38 Euro schwankende Aktie von K+S heute an die Dax-Spitze. Die Norweger haben nämlich mit einem höher als erwartet ausgefallenen Gewinn überrascht. Zudem erklärte der Konzern, die weltweite Nachfrage nach Agrarprodukten bleibe hoch.

Siemens gut im Geschäft
Ein zweiter Großauftrag über 500 Millionen Euro zur Erweiterung eines Windparks in der Nordsee, eine Analystenempfehlung von Morgan Stanley und nicht zuletzt die Aussicht auf gute Geschäfte in China haben der Siemens-Aktie Auftrieb gegeben. Nach den schlechten US-Zahlen rutschten die Titel dann ins Minus.

Von den verbesserten Aussichten der Stuttgarter profitierte kurzzeitig auch die Aktie des anderen deutschen LKW-Herstellers, MAN, der ebenfalls seine Präsenz in China ausbauen will.

Steuerirrsinn drückt Versorger
Größte Verlierer im Dax sind die Aktien der beiden Stromversorger RWE und Eon. Der Grund sind Pläne der Regierung, die Konzerne zusätzlich zur geplanten Brennelementesteuer von jährlich 2,3 Milliarden Euro mit einer weiteren Abgabe in ähnlicher Größenordnung zu belasten.

Sky an MDax-Spitze
Die Entscheidung von Rupert Murdoch den ins Trudeln geratenen Pay-TV-Anbieter Sky Deutschland enger an die Kandare zu nehmen, gibt der Aktie einen Schub. Am Nachmittag wurde bekannt, dass der Vize-Chairman von Murdochs Medienkonzern News Corporation, Chase Carey, zum Aufsichtsratschef bei Sky gewählt wurde. Carey löst Markus Tellenbach ab, der künftig nur noch stellvertretender Chef des Kontrollgremiums ist. Im Aufsichtsrat von Sky Deutschland sitzen drei weitere Vertreter von Firmen aus dem News-Corp-Imperium.

SGL Carbon ganz stark
Zweitgrößter Gewinner im MDax ist die Aktie des Graphitherstellers SGL Carbon. Unternehmensmeldungen gibt es heute zwar keine. Händler erklären das Kursplus aber mit dem Aufschwung in der Autoindustrie, von deren Wohl und Wehe SGL immer mehr abhänge.

Gagfah am MDax-Ende
Am Index-Ende rutschen Gagfah-Papiere kräftig ab. Ihre Verluste von bis zu 6,8 Prozent am Vormittag können die Titel auf knapp fünf Prozent verringern. Grund für den Einbruch ist eine Herabstufung durch Goldman Sachs, von "Buy" auf "Neutral". Die Goldman-Analysten weisen auf Refinanzierungsrisiken hin, Gagfah brauche im Oktober 2013 rund 3,6 Milliarden Euro.

IVG in Sippenhaft
Auch die IVG-Aktie hat mit der negativen Branchenstudie aus dem Hause Goldman Sachs zu kämpfen. Die Investmentbank setzte das Kursziel für den Titel von 5,40 auf 4,40 Euro herab und rät das Papier des Bonner Immobilienfinanzierers zu verkaufen.

Bechtle-Sprung gibt Rätsel auf
Stärkster Wert im TecDax ist die Aktie des IT-Dienstleisters Bechtle. Die Titel springen zeitweise um über zehn Prozent in die Höhe. Händler haben keine Begründung für den plötzlichen Sprung. Auch das Unternehmen selbst stand nach eigenen Angaben vor einem Rätsel. "Wir haben keine Erklärung für das Kursplus", teilte Bechtle mit. Es sei keine Unternehmensnachricht veröffentlicht worden.

Goldman-Aktionäre im Glück
Unterdessen reagieren Investoren erleichtert über die Einigung von Goldman Sachs mit der SEC. So muss Goldman wegen Betrugsvorwürfen zwar eine Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar zahlen, doch bei einem Jahresgewinn von 13 Milliarden Dollar sollte das verkraftbar sein. Die Goldman-Aktie schießt zeitweilig um rund zehn Prozent in die Höhe.

BP-Aktie leicht erholt
Nachdem es dem Ölkonzern endlich gelungen ist, das Bohrloch im Golf von Mexiko zu schließen, beginnen nicht nur die Umweltschützer, sondern auch die Aktionäre wieder Hoffnung zu schöpfen. Die BP-Titel legen jedenfalls überdurchschnittlich zu. "Jetzt geht es für BP darum, welche Kosten die Ölpest verursacht hat", sagte ein Händler.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 20. August

Konjunktur
Deutschland: Erzeugerpreise 07/18, 8 Uhr
Deutschland: Monatsbericht der Bundesbank 08/08, 12:00 Uhr

Sonstiges:
Treffen der Handelsberater von EU und USA zur Beilegung des Handelsstreits.