Verblüffende Oster-Rally

Detlev Landmesser

Stand: 09.04.2009, 20:27 Uhr

Am Donnerstag Nachmittag wurde der Dax plötzlich aus seiner vorösterlichen Ruhe gerissen. Nach neuen Nachrichten aus Amerika wagten viele Investoren, vor den vier Tagen Osterpause neue Engagements einzugehen.

Zeitweise überwand der Dax sogar die runde Marke von 4.500 Punkten. Der L-Dax ging 2,6 Prozent höher bei 4.488,26 Punkten in die Osterfeiertage. Auch in den USA bleiben die Börsen am Karfreitag geschlossen, nehmen den Handel aber am Ostermontag wieder auf.

Diesmal waren die Kurstreiber klar auszumachen. Zunächst stellte die viertgrößte US-Bank Wells Fargo für das erste Quartal einen unerwartet hohen Gewinn von drei Milliarden Dollar in Aussicht. Zudem berichtete die "New York Times", dass die Bankenbranche in besserer Verfassung sein könnte als allgemein angenommen. Alle 19 US-Banken, deren Kapitalbedarf derzeit von der Regierung überprüft wird, würden den "Stresstest" bestehen, zitierte die Zeitung an den Untersuchungen beteiligte Personen. Allerdings seien einige Institute höchstwahrscheinlich auf weitere staatliche Hilfen angewiesen.

Macht nichts, dachten sich die Investoren in New York und trieben den Dow-Jones-Index wieder über die 8.000-Punkte-Marke.

Deutsche Bank gewinnt zehn Prozent

Schon zuvor waren die Banktitel in Deutschland gut aufgelegt. Die Aktie der Deutschen Bank bescherte dem Dax allein 21 Index-Punkte Plus. Sie und die Commerzbank profitierten von neuen Zeitungs-Spekulationen über die Gründung einer "dezentralisierten" Bad Bank. Außerdem äußerte sich der niederländische Finanzkonzern ING zuversichtlich zum Start in das Geschäftsjahr 2009. Und schließlich meldete die klamme britische Barclays Bank, dass sie ihre Fondstochter iShares für 4,4 Milliarden Dollar an die Beteiligungsgesellschaft CVC verkaufen werde. Allerdings stellt Barclays dem Käufer dafür einen Kredit von 3,1 Milliarden Dollar zu Verfügung.

US-Handelsdefizit schrumpft
Der überraschend deutliche Rückgang des US-Handelsbilanzdefizits im Februar hatte dagegen wenig Einfluss auf die Aktienmärkte. Während Ökonomen eine Lücke von 36,4 Milliarden US-Dollar erwartet hatten, schrumpfte das Defizit wohl wegen der rezessionsbedingt niedrigeren Importe von 36,2 auf 26,0 Milliarden Dollar.

Deutsche Industrie in der Defensive
Die Daten zur deutschen Industrieproduktion im Februar waren dagegen noch verhalten aufgenommen worden. Das Minus von 2,9 Prozent gegenüber dem Januar war der sechste Rückgang in Folge, fiel aber geringer aus als von manchen Volkswirten befürchtet. Den Januar-Rückgang revidierte das Wirtschaftsministerium von zuvor minus 7,5 auf minus 6,1 Prozent nach oben.

Die Daten aus den USA und Deutschland belasteten den Euro. Besonders aber aus technischen Gründen geriet die Gemeinschaftswährung am Nachmittag unter Druck und fiel zeitweise unter die Marke von 1,3150 Dollar.

1,39 Euro pro HRE-Aktie
Jetzt ist es endlich raus: Der Bund will für die Übernahme der Fast-Pleite-Bank Hypo Real Estate mehr Geld in die Hand nehmen als erwartet. 1,39 Euro bietet der bundeseigene Finanzmarktstabilisierungsfonds SoFFin pro HRE-Aktie. Macht zusammen 290 Millionen. Der MDax-Titel gewann 15 Prozent auf 1,38 Euro. Dass der Bund die Bank übernehmen wird, war seit der Unterzeichnung des Bankenenteignungsgesetzes am Dienstag erwartet worden.

Fängt sich die Lufthansa?
Der Lufthansa-Aktie bekamen die am Mittag vorgelegten Verkehrszahlen recht gut. Im ersten Quartal sank die Zahl der Passagiere um sieben Prozent auf 12,1 Millionen, teilte die größte deutsche Fluglinie mit. Gleichzeitig sei das Angebot nachfragebedingt um 3,3 Prozent reduziert worden. Das Frachtvolumen brach um 23,4 Prozent auf 328.000 Tonnen ein. Allerdings fielen die Rückgänge im März deutlich geringer aus als noch zu Jahresanfang.

Enttäuschung über Henkel
Mit einem Minus von 7,2 Prozent wurde die Henkel-Vorzugsaktie ans Dax-Ende geschickt. Der Konsumgüterkonzern hatte am Mittwochabend überraschend Eckdaten zum ersten Quartal bekannt gegeben. Das operative Ergebnis brach wegen schwacher Nachfrage im Klebstoffgeschäft von 320 auf 215 Millionen Euro ein, der Umsatz ging um sieben Prozent zurück. Die Analysten der ING senkten ihre Empfehlung von "Buy" auf "Hold".

HeidelCement-Umschuldung dürfte klappen
Die Aktie von HeidelbergCement drehte im Verlauf ins Plus. Die "Financial Times Deutschland" hatte berichtet, der Baustoffkonzern sei auf der Suche nach drei Milliarden Euro. Die Geldbeschaffung stelle sich aber als sehr schwierig heraus. Am Nachmittag zitierte die Nachrichtenagentur Reuters aber aus verhandlungsnahen Kreisen, die in diesem und im nächsten Jahr fälligen Bankverbindlichkeiten von bis zu sechs Milliarden Euro dürften im Frühsommer umgeschuldet werden. Die bisherigen Kreditgeber seien grundsätzlich bereit, bei der Stange zu bleiben.

Klatten kommt bei SGL voran
Die Milliardärin und Quandt-Erbin Susanne Klatten hat wie geplant ihre Beteiligung am Grafitspezialisten SGL Group weiter ausgebaut. Ihre Gesellschaft Skion habe den Stimmrechtsanteil am 7. April auf 16,48 Prozent ausgebaut, teilte der MDax-Konzern mit. Klatten war im März bei SGL eingestiegen und hatte zunächst fast acht Prozent erworben. Sie hatte angekündigt, "in absehbarer Zeit" auf etwas weniger als 25 Prozent aufstocken.

Blitz-Kapitalerhöhung bei Colonia
Im späten Geschäft konnte der SDax-Titel Colonia Real Estate deutlich zulegen. Der Immobilienkonzern hat sich 3,6 Millionen Euro frisches Eigenkapital besorgt. 1,3 Millionen Aktien seien zum Preis von je 2,77 Euro platziert worden, teilte das Kölner Unternehmen am Nachmittag mit. Colonia habe damit neue Investoren gewonnen. Mit dem Erlös sollten bestehende Finanzierungen "optimiert" werden.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 16. Juli

Unternehmen:
United Continental: Q2-Zahlen
America Movil: Q2-Zahlen, 22 Uhr

Konjunktur:
China: BIP Q2, 4 Uhr
China: Industrieproduktion, Juni, 4 Uhr
EU:Euro Zone-Handelsbilanz, Eurostat, Mai, 11 Uhr
USA: Empire State Index, Juli, 14:30 Uhr
USA: Einzelhandelsumsatz, Juni, 14:40 Uhr
Sonstiges:
Tokio Märkte wegen eines Feiertags geschlossen