USA reißen Dax in den Abgrund

Stand: 01.08.2011, 20:05 Uhr

Die Freude an der Börse über die späte Einigung im US-Schuldenstreit währte nur kurz. Die Sorgen um eine Blockade im Kongress und miserable Konjunkturdaten drückten die Kurse in den Keller. Der Dax fiel auf den tiefsten Stand seit Ende März.

So hatten sich die Börsianer den Wochen- und Monatsbeginn sicherlich nicht vorgestellt. Der deutsche Leitindex purzelte um fast drei Prozent nach unten und rutschte erstmals seit über vier Monaten wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 7.000 Punkten. Er beendete den Xetra-Handel bei 6.954 Punkten und den späten Parketthandel bei 6.961 Zählern. Dabei hatte es anfangs noch nach einem vielversprechenden Wochenauftakt ausgesehen. Der Dax begann den Tag mit 1,7 Prozent im Plus, bevor die Kursgewinne dann nach und nach zusammenschmolzen.

Der erhoffte Rückenwind von der Wall Street blieb aus. Nach anfänglichen Kursgewinnen gab der Dow um rund ein Prozent nach und steuert seinem siebten Verlusttag in Folge entgegen. Zeitweise rutschte der "große Bruder" des Dax unter die 12.000 Punkte.

Schockierende Konjunkturdaten
Katastrophale Konjunkturdaten aus den USA beschleunigten den Kursverfall im Dax. Sie heizten die Sorge um einen Rückfall der amerikanischen Wirtschaft in die Stagnation an. Überraschend hat sich nämlich der viel beachtete Einkaufsmanagerindex eingetrübt. Er fiel von 55,3 Punkten im Juni auf 50,9 Zähler im Juli. Experten hatten lediglich mit einem minimalen Rückgang auf 54,9 Punkten gerechnet. Der Index für den Auftragseingang fiel sogar auf 49,2 Punkte. Werte unter dem Niveau von 50 Punkten signalisieren eine schrumpfende Wirtschaftsleistung. Konjunkturstratege Millan Muraine von TD Securities sprach von einem schlechten Omen für das zweite Halbjahr.

Auch die Euphorie über die Einigung im US-Schuldendrama wich im Tagesverlauf einer zunehmenden Ernüchterung. Anleger befürchten, dass der US-Kongress die Anhebung der Schuldengrenze möglicherweise ablehnt. Denn sowohl im radikal-konservativen Lager der Republikaner als auch im liberalen Flügel der Demokraten zeichnet sich Widerstand ab.

"AAA" der USA wackelt
Mehrere Experten warnten schon am Vormittag, dass das Schuldenproblem in den USA noch lange nicht ausgestanden sei. Laut Christian Kahler von der DZ Bank dürfte der angekündigte Sparplan von Präsident Barack Obama nicht ausreichen, um das AAA-Rating der USA mittelfristig aufrecht zu erhalten. Er befürchtet eine erneute Diskussion der US-Staatsverschuldung gegen Jahresende, die die Märkte erneut belasten werde. Das von Obama verkündete Sparpaket könnte auch die zuletzt immer stärker lahmende US-Konjunktur ganz ausbremsen.

Ende des deutschen Wirtschaftsmärchens
Darüber hinaus macht die Entwicklung anderer großer Volkswirtschaften Anlegern Sorgen. So schwächte sich in China, der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, im Juli das Industriewachstum ab. Und in Deutschland, der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone, geht der Industrie ebenfalls allmählich die Puste aus. Wie eine Umfrage unter 500 Unternehmen ergab, verbuchte sie erstmals seit rund zwei Jahren im Juli einen Auftragsrückgang. Im Maschinenbau kühlte sich die Konjunktur ebenfalls ab, die Auftragseingänge wuchsen nur noch um ein Prozent. Experten wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sprachen vom beginnenden Ende des "deutschen Aufschwungs".

Flieht Zypern unter den Euro-Schirm?
Zudem droht sich die europäische Schuldenkrise weiter auszuweiten. Angeblich steht Zypern als nächster Kandidat kurz vor einer Flucht unter den Euro-Rettungsschirm. Das zumindest glaubt die größte Bank Zyperns. Das zweitkleinste Land Europas ist eng mit dem hochverschuldeten Griechenland verbunden und leidet aktuell unter Engpässen in der Stromversorgung.

Euro bricht ein
Die Schuldenkrise und die Angst vor einer weltweiten Abkühlung der Weltwirtschaft belasteten den Euro. Der Euro gab deutlich nach und fiel um zwei Cent auf bis 1,42 Dollar. Zum Schweizer Franken rutschte die Gemeinschaftswährung auf ein neues Rekordtief von 1,1260 Franken. Auch Bundesanleihen standen hoch im Kurs: Der Bund-Future stieg um 85 Ticks auf 131,21 Stellen. Die Krisenwährung Gold näherte sich wieder knapp ihrem zuletzt erreichen Rekordhoch von 1.632 Dollar je Feinunze an.

Porsche rettet VW
Im Dax gab es keine Gewinner. Am glimpflichsten kamen die VW-Aktien noch davon mit einem Minus von 0,9 Prozent. VW profitierte von den guten Zahlen von Porsche. Das Unternehmen gehört zur Hälfte den Wolfsburgern. Der Sportwagenbauer hat im ersten Halbjahr ein operatives Ergebnis von 1,07 Milliarden Euro eingefahren - 60 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz stieg um 19 Prozent auf 5,22 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite betrug stolze 20,5 Prozent. Zum Vergleich: Daimler schaffte gerade mal eine Rendite von 10,7 Prozent, Audi von 11,8 Prozent.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Bankenwerte rauf und runter
Größte Dax-Verlierer waren die Bankenwerte. Die Aktien der Commerzbank sausten um fast fünf Prozent und waren Dax-Schlusslicht. Anfangs waren sie noch größter Dax-Gewinner gewesen. Die Papiere der Deutschen Bank sackten um 3,5 Prozent ab. Neben der Anspannung im US-Schuldendrama belasteten auch die Sorgen um Zypern die Finanzwerte.

Eon verschärft Sparkurs
Ebenfalls steil nach unten ging es mit den Aktien der Premium-Autobauer BMW und Daimler sowie mit den Versorger-Werten Eon und RWE. Im Rampenlicht stand Eon. Laut Presseberichten stehen die monatelangen Verhandlungen zwischen Eon und Gazporom über Preisnachlässe bei Erdgas vor dem Scheitern. Der Düsseldorfer Energieversorger plant zudem, mehrere Standorte zu schließen und hunderte Stellen zu streichen.

UBS drückt T-Aktie
Die Deutsche Telekom plant ebenfalls Stellenstreichungen. Laut einem Bericht des "Handelsblatts" wollen die Bonner 1.600 Jobs in der Hauptverwaltung abbauen. Das konnte der T-Aktie nicht helfen. Sie fiel um fast drei Prozent. Schuld daran war die UBS. Sie hat das Kursziel vor Zahlen zum zweiten Quartal von 11,40 auf 11,20 Euro gesenkt und die Einstufung auf "Neutral" belassen. Der zuständige Analyst rechnet mit einem schwächelnden Geschäft der Konzerntochter T-Mobile USA.

Siemens wird heruntergestuft
Ähnlich hart abgestraft wurden die Titel von Siemens. Sie büßten fast vier Prozent ein. Grund war eine Herabstufung der Deutschen Bank von "Buy" auf "Hold". Am Mittag kündigte Siemens die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens zum Bau von Gasturbinen in Russland an Partner ist die russische Power Machines OJSC.

Rheinmetall: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Rheinmetall treibt IPO voran
Im MDax hielt sich indes die Verkaufswelle in Grenzen, die zweite Börsenliga büßte lediglich rund ein Prozent ein. Lange Zeit im Plus lagen die Aktien von Rheinmetall, drehten am späten Nachmittag aber auch ins Minus. Die Trennung des Rüstungs- und Automobilgeschäfts kommt vermutlich schneller als geplant. Der geplante Börsengang der Automotive-Sparte Kolbenschmidt Pierburg, könnte laut "Financial Times Deutschland" bereits im Herbst stattfinden.

MTU nicht stark genug
Die MTU Aerospace Engines legte am Montag das beste Halbjahresergebnis in seiner Geschichte vor und und schraubte die Ebit-Prognose für das Gesamtjahr leicht auf 325 Millionen Euro in die Höhe. Das reichte den Anlegern trotzdem nicht. Die Zahlen blieben im Rahmen der Erwartungen. Die Aktie büßte drei Prozent ein.

Grenkeleasing gut im Geschäft
Im SDax legte die Grenkeleasing-Aktie rund zwei Prozent zu. Der Überschuss des Leasing-Spezialisten im zweiten Quartal habe positiv überrascht, befand die Commerzbank. Zudem hat der Leasing-Spezialist seine Prognose angehoben. Der Konzern erwartet nun für 2011 einen Gewinn zwischen 36 und 38 Millionen Euro.

Süss versüsst die Aussichten
Für den Chipzulieferer Süss Microtec ging es im TecDax zeitweise um mehr als sechs Prozent nach oben. Am Ende schlossen die Papiere zwei Prozent höher. Konzernchef Frank Averdung hat sich im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" zuversichtlich gezeigt, die Jahresprognose zu erreichen trotz der etwas eingetrübten Chipkonjunktur. Außerdem gab er ein mittelfristiges Umsatzziel aus, das deutlich über den Markterwartungen liegt.

Pfeiffer Vacuum am TecDax-Ende
Größter TecDax-Verlierer war Pfeiffer Vacuum. Die Aktien verloren knapp vier Prozent. Sie litten unter einer kräftigen Kursziel-Senkung durch die Deutsche Bank - von 93 auf 69 Euro. Als Begründung gaben die Experten der Bank an, dass Kunden aus der Halbleiter- und Solarbranche ihre Investitionen kürzen könnten. Am Dienstag legt Pfeiffer Zahlen vor.

Homag warnt
Um rund zwölf Prozent stürzten die Aktien von Homag ab. Der Maschinenbauer hat wegen höherer Kosten für den Konzernumbau die Jahresprognose nasch unten revidiert. Statt eines deutlichen Ergebnis-Anstiegs rechnet Homag nun mit einem Gewinnrückgang. Im zweiten Quartal sank das Betriebsergebnis vor Sondereffekten um eine Million auf 14 Millionen Euro. Unter dem Strich stand eine schwarze Null. Im Vorjahreszeitraum hatte es noch einen Gewinn von 1,6 Millionen Euro gegeben.

Dyckerhoff wächst zweistellig
Der Zementhersteller Dyckerhoff hat im ersten Halbjahr Absatz, Umsatz und Gewinn deutlich gesteigert. Die Erlöse kletterten um gut ein Fünftel auf 750 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (Ebitda) sich um fast die Hälfte auf 120 Millionen Euro. Unterm Strich blieb ein Gewinn von 19 Millionen Euro - nach einem Plus von nur einer Million Euro im Vorjahreszeitraum. Die Aktie gab leicht nach.

Aurelius schnappt sich Hanse Yachts
Jenseits der großen Indizes machte die HanseYachts-Aktie auf sich aufmerksam. Anleger hoffen offenbar auf einen Nachschlag beim Übernahmeangebot des Finanzinvestors Aurelius für den Bootsbauer. Aurelius bietet den HanseYachts-Aktionären nur 5,01 Euro - die Aktie verbuchte dennoch zuletzt ein Plus von gut elf Prozent auf 5,29 Euro. Gründer und Mehrheitseigner Michael Schmidt hat bereits zugestimmt, seine Anteile an dem Greifswalder Bootsbauer für 20,7 Millionen Euro an Aurelius zu verkaufen.

Paukenschlag von HSBC
Unter den ausländischen Titeln sorgte HSBC für Furore. Die Briten haben im ersten Halbjahr ihren Gewinn überraschend gesteigert. Die größte Bank Europas mit Schwerpunkt in Asien wies am Montag einen Gewinn von 11,5 Milliarden Dollar aus nach 11,1 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten mit einem Rückgang auf 10,8 Milliarden Dollar gerechnet. Um die Kosten weiter zu senken kündigte HSBC zudem die Streichung von zusätzlichen 25.000 Stellen an. Anleger nahmen die Ankündigungen positiv auf: HSBC-Aktien legten um fast drei Prozent zu.

Tagestermine am Donnerstag, 13. Dezember

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 11/18, 07:00 Uhr
Metro AG: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Tui: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Starbucks: Investor Day, 18:00 Uhr
BMW: Absatz 11/18
Bertrandt: Jahreszahlen
ThyssenKrupp: Investor Day

Konjunktur:
Deutschland: Konjunkturprognose Ifo-Institut, 10:00 Uhr
EU: EZB-Zinsentscheid, 13:45 Uhr, PK 14:30 Uhr
USA: Im- und Exportpreis 11/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr