US-Daten vertreiben Europas Schuldensorgen

Stand: 15.11.2011, 20:04 Uhr

Hin- und hergerissen waren die Anleger am Dienstag zwischen Europa und den USA. Während sich an den Anleihemärkten die Lage verschärfte und selbst Frankreich und Belgien unter Druck gerieten, kamen aus den USA überraschend gute Konjunkturdaten. Im späten Handel drehten die Kurse.

Erst waren es Griechenland, Portugal, Italien und Spanien - nun werden auch Frankreich, Belgien sowie selbst die Niederlande kritisch beäugt. Die Investoren stießen am Dienstag die Staatsanleihen dieser bisher als grundsolide geltenden Länder ab. Die zehnjährigen Papiere aus Frankreich und Belgien erreichten Rekordniveaus seit der Euro-Einführung. Die Zinsen für die Schulden Belgiens stiegen zeitweise auf über fünf Prozent."Das spiegelt ein Misstrauen gegen die Währungsunion als Ganzes wider", stöhnte Helaba-Analyst Ulrich Wortberg.

Panik an Europas Anleihemärkten
Trotz der Regierungswechsel in Athen und Rom lässt die Schuldenkrise die Anleger nicht los. Vor allem an den Anleihenmärkten herrscht großes Misstrauen. Händler sprachen von Panik und Hysterie. "Internationale Investorenbauen ihr Risiko ab, weil sie nicht einfach verstehen, warum Europa so lange braucht, um die Krise in den Griff zu bekommen", sagte ein entnervter Händler.

Der Dax fiel zeitweise um über zwei Prozent nach unten, erholte sich dann aber am Nachmittag etwas. Er beendete den Xetra-Handel 0,9 Prozent tiefer bei 5.933 Punkten. Im späten Parketthandel kam dann die Wende. Im Sog der wieder anziehenden Wall Street stieg der L/E-Dax auf 5.977 Zähler.

US-Konjunkturbild hellt sich auf
Robuste US-Konjunkturdaten sorgten für Erleichterung unter den Anlegern. So hat sich die Stimmung des Verarbeitenden Gewerbes im US-Bundesstaat New York überraschend stark aufgehellt. Der Empire-State-Index kletterte von minus 8,5 Punkten im Oktober auf plus 0,6 Punkte im November. Volkswirte hatten mit minus 0,2 Punkte gerechnet. Auch die Umsätze der US-Einzelhändler sind im Oktober mit 0,5 Prozent unerwartet stark gestiegen. Experten hatten nur einen Anstieg von 0,3 Prozent vorausgesagt. Dagegen sind die Erzeugerpreise im Oktober stärker als erwartet gefallen. Im Monatsvergleich sanken die Preise um 0,3 Prozent.

In Deutschland befindet sich die Wirtschaft ebenfalls noch auf Wachstumskurs. Laut dem Statistischen Bundesamt stieg das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Die befürchtete Rezession ist also noch nicht in Deutschland angekommen.

ZEW auf tiefstem Stand seit drei Jahren
Für die nahe Zukunft sind die deutschen Finanzexperten jedoch skeptisch. Der ZEW-Index fiel im November auf minus 55,2 Punkte, den tiefsten Stand seit Oktober 2008. Im Vormonat hatte der Konjunkturindikator noch bei minus 48,3 Zählern gelegen.

Anleger verschmähen Finanzwerte
Im Sog der turbulenten Anleihemärkte gaben die Finanztitel europaweit deutlich nach. Die UniCredit-Aktie fiel um sieben Prozent, nachdem die italienische Großbank Abschreibungen von rund zehn Milliarden Euro angekündigt hatte. Die UniCredit braucht jetzt 7,5 Milliarden frisches Geld. Commerzbank-Aktien büßten fast drei Prozent ein, die Titel der Allianz und Deutschen Bank verloren rund 2,5 Prozent. Anleger fragen sich, wie die Deutsche Bank ohne Ackermann auskommt. Der Deutsche-Bank-Chef hatte am Montagabend überraschend erklärt, nicht wie geplant ab Mitte 2012 in den Aufsichtsrat zu wechseln.

Viele Banken hätten derzeit Probleme, sich am Kapitalmarkt Finanzmittel für Zeiträume von mehr als einem Jahr zu holen, sagte der Chef der EU-Aufsichtsbehörde EBA, Andrea Enria, auf der "Euro Finance Week" in Frankfurt. Er fürchtet, dass die Geldinstitute wegen der höheren Kapitalvorgaben die Kreditvergabe abwürgen. Er räumte ein, dass die Geldhäuser schon begonnen hätten, ihre Bilanz zu verkleinern, um weniger frisches Kapital aufbringen zu müssen. Wie groß der Kapitalbedarf der europäischen Banken ist, wird sich vermutlich am Freitag klären. Dann will die EBA den Bedarf beziffern.

Angst vor Infineon-Zahlen
Einen Tag vor der Bekanntgabe der endgültigen Zahlen zum Geschäftsjahr 2010/11 fielen Infineon-Aktien um mehr als drei Prozent und waren hinter Daimler zweitgrößter Dax-Verlierer. Infineon-Chef Peter Bauer hatte bereits den Ausblick auf das laufende erste Geschäftsquartal gesenkt.

Deutsche Börse macht Zugeständnisse
Mögliche Zugeständnisse der Deutschen Börse bei der angestrebten Fusion mit der NYSE Euronext liessen die Anleger kalt. Die Aktie schloss nahezu unverändert. Offenbar geht es in den Verhandlungen mit den EU-Wettbewerbsbehörden um das Derivate-Geschäft der Tochter Eurex. Die Deutsche Börse und die Nyse Euronext haben bis zum 17. November Zeit, der EU-Kommission Vorschläge für Zugeständnisse in dem Verfahren zu unterbreiten. Brüssel sieht das Gewicht der beiden Fusionspartner im Handel mit Derivaten und damit den ganzen Zusammenschluss kritisch. "Der eigentliche Wettbewerb findet nicht zwischen den einzelnen Börsen statt, sondern zwischen den Börsen und den OTC-Märkten",
meinte Deutsche-Börsen-Chef Reto Francioni auf dem Bankenkongress "Euro Finance Week".

Nur defensive Aktien ganz vorne
Gefragt waren am Dienstag hauptsächlich defensive Aktien wie Fresenius, Fresenius Medical Care., Merck und Bayer. Sie werden meist bevorzugt, wenn konjunkturabhängige Titel nach unten rauschen.

Bilfinger verdient weniger
Aus der zweiten und dritten Reihe haben zahlreiche deutsche Unternehmen Zahlen vorgelegt. So hat der Baukonzern im dritten Quartal einen Gewinnrückgang verbucht. Der Überschuss sank von 83 auf 60 Millionen Euro. Die Erlöse des MDax-Unternehmens stiegen nur noch moderat um drei Prozent auf 2,22 Milliarden Euro. Während der Gewinn unter den Erwartungen blieb, fiel der Umsatz besser aus als prognostiziert. Für 2016 kündigte Bilfinger eine Verdopplung des Gewinns an. Die Bilfinger-Aktie verlor rund drei Prozent.

Kabel Deutschland sendet schwarze Zahlen
Über drei Prozent büßte die Aktie des Kabelnetzbetreibers ein. Anleger quittierten die leichte Senkung der Umsatzprognose für das Gesamtjahr mit Verlusten. Im abgelaufenen Quartal stiegen die Erlöse um fünf Prozent auf 418 Millionen Euro. Zudem schaffte Kabel den Sprung in die schwarzen Zahlen, der Gewinn betrug 36,4 Millionen Euro. Im Vergleichszeitraum hatte das Unternehmen noch einen Verlust von sechs Millionen Euro gemacht.

Deutsche Wohnen startet Kapitalerhöhung
Die Aktie von Deutsche Wohnen setzt ihre jüngste Talfahrt fort und verlor erneut über fünf Prozent. Die angelaufene Kapitalerhöhung sorgt für Verunsicherung. Es lasse sich noch nicht abschätzen, wie groß das Interesse von Anlegern sein wird, meinte ein Händler.

Zahlenreigen der SDax-Firmen
Eine ganze Reihe von SDax-Firmen präsentierten am Dienstag ihre Quartalsbilanzen. So ist der Druckmaschinen-Hersteller Koenig & Bauer im dritten Quartal mit 17,8 Millionen Euro in die Verlustzone gerutscht. Analysten hatten kein so schwaches Ergebnis erwartet. "Im vierten Quartal werden wir die Verluste wieder ausgleichen", versprach ein Sprecher von Koenig & Bauer. Für 2011 peilt der Druckmaschinenhersteller ein positives Ergebnis an.

Fotospezialist Cewe Color schaffte es bereits nach dem dritten Quartal, die Gewinnzone wieder zu erreichen. Nach einem Verlust im Vorjahreszeitraum lag der Überschuss in den ersten neun Monaten bei 400.000 Euro. Nun blickt der Fotoentwickler voller Zuversicht auf das wichtige Weihnachtsquartal. Das Jahresziel, den Gewinn um 39 Prozent zu steigern, wurde bestätigt. Nach eigenen Angaben erwirtschaftet Cewe fast den gesamten Jahresgewinn im Schlussquartal. Die Aktie schloss knapp zwei Prozent tiefer.

Unterschiedliches Echo auf Gesco und Ströer
Auch die Beteiligungsgesellschaft Gesco und der Spezialist für Außenwerbung, Ströer, legten Zahlen vor. Gesco konnte die Erlöse im Halbjahr um 35 Prozent auf 211,1 Millionen Euro steigern und den Überschuss mit 11,6 Millionen Euro mehr als verdoppeln. Die Aktie schloss nahezu unverändert.

Die Zahlen von Ströer kamen besser an, die Aktien stiegen um über zwei Prozent. Dabei ist das Unternehmen im dritten Quartal mit 16,2 Millionen Euro unter dem Strich in die Verlustzone gerutscht. Für das Gesamtjahr erwartet der Außenwerber ein organisches Umsatzwachstum "im mittleren einstelligen Prozentbereich". Im August hatte Ströer noch ein organisches Umsatzwachstum "im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich" in Aussicht gestellt.

Bei TAG winkt Dividende
Am Abend verkündete der Immobilienkonzern TAG Immobilien, für das laufende Jahr erstmals seit 2007 wieder eine Dividende ausschütten zu wollen. TAG Immoblien peilt für 2011 einen Vorsteuergewinn von 50 bis 60 Millionen Euro an. Nach neun Monaten hat die Hamburger Immobilienfirma bereits 53,4 Millionen Euro verdient.

Dunkle Schatten über den Solarwerten
Solaraktien gingen am Dienstag auf Tauchstation: Papiere von Q-Cells brachen um mehr als 15 Prozent ein. Laut Beobachtern geht die Angst um, die Wandelanleihe des Konzerns könne "wackeln". SMA Solar büßten gut 12 Prozent, die Titel von Solarworld über acht Prozent ein. Die Branchenvertreter reagierten allergisch auf einen gesenkten Umsatzausblick der Branchengröße LDK Solar. Diese rechnet mit schwächeren Erlösen im dritten Quartal und im Gesamtjahr.

Die Aktien von Solon verloren knapp sechs Prozent. Der Modulhersteller erlitt in den ersten neun Monaten des Jahres einen operativen Verlust von 114 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte das Minus noch bei 5,5 Millionen Euro gelegen. Der Umsatz sackte um elf Prozent auf 358 Millionen Euro ab.

Bei Xing macht's "kling"
Das TecDax-Unternehmen hat seinen Nettogewinn im dritten Quartal von 2,11 auf 2,6 Millionen Euro gesteigert. Der Umsatz legte von 13,77 auf 16,56 Millionen Euro zu. Die Mitgliederzahl konnte um 1,31 auf 11,12 Millionen gesteigert werden. Die Aktien schlossen nur leicht im Minus. Xing ist erst seit Ende September im Technologieindex notiert.

Masterflex auf Kurs
Gut aufgenommen wurden die Zahlen von Masterflex. Die Aktie legte über ein Prozent zu. Der Spezialist für Schlauchsysteme steigerte in den ersten neun Monaten das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um gut ein Viertel auf 5,9 Millionen Euro und den Umsatz um 16 Prozent auf 40,1 Millionen Euro. Die Ebit-Marge kletterte auf 14,6 Prozent. Das Jahresziel hat Masterflex schon fast erfüllt. Der Umsatz soll sich auf 50 bis 51 Millionen Euro, das Ebit auf sieben Millionen Euro erhöhen.

Magix übertrifft eigene Prognose
Der Softwarehersteller Magix hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 seine Ende Juli gesenkte Prognose übertroffen. Die Berliner fuhren ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 5,3 Millionen Euro ein. Angepeilt war lediglich ein Ebit von 4,2 Millionen Euro. Der Umsatz sank erwartungsgemäß um drei Prozent auf 36,1 Millionen Euro. Die Aktie schloss leicht im Minus.

Millionenverluste bei VBH
Der Beschlaghändler VBH ist im dritten Quartal tief in die roten Zahlen gerutscht. Der Verlust lag bei 22,4 Millionen Euro. Wertberichtigungen in Höhe von über 31 Millionen Euro hinterließen ihre Spuren. VBH hat seine Töchter in Italien, Zypern, Malaysia und Kuwait aufgegeben, um sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Die Aktie beendete den Tag nahezu unverändert.

Swiss Life schwächelt
Aus dem Ausland meldeten sich Konzerne wie Swiss Life mit Quartalszahlen. Der Schweizer Versicherungsriese hat im dritten Quartal unter einem schwächeren Geschäft mit steuerbegünstigten Versicherungen gelitten. Die Prämieneinnahmen sanken um ein Fünftel auf 2,9 Milliarden Franken. Die deutsche Tochter-Gesellschaft AWD konnte ihren Quartalsumsatz leicht um ein Prozent auf 126,5 Millionen Euro steigern. Swiss Life-Aktien schlossen am Dienstag unverändert.

Führungsduo bei der UBS
Derweil hat das Führungschaos bei der Schweizer Großbank UBS ein Ende. Interims-CEO Sergio Ermetti wird das krisengeschüttelte Geldinstitut dauerhaft führen. Dabei muss er mit dem ehemaligen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber harmonieren. Weber tritt ein Jahr früher als geplant sein Amt als Verwaltungsratspräsident an. Die UBS-Aktie gab zwei Prozent nach.

Home Depot und Wal-Mart wachsen
Der Konsumflaute in den USA haben die US-Baumarktkette Home Depot und der Einzelhändler Wal-Mart getrotzt. Home Depot konnte überraschend stark den Umsatz im abgelaufenen Quartal um über vier Prozent auf 17,3 Milliarden Dollar steigern. Der Gewinn stieg von 834 auf 934 Millionen Dollar. Auch der Einzelhändler Wal-Mart übertraf teilweise die Erwartungen. Erstmals seit neun Quartalen wuchs der Umsatz wieder - um 1,3 Prozent. Analysten hatten lediglich mit einem kleinen Plus von 0,3 Prozent gerechnet. Der Gewinn sank allerdings leicht auf 3,34 Milliarden Dollar und lag unter den Erwartungen.

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