Marktbericht 20:04 Uhr

Aktienmarkt dreht ins Minus US-Daten bremsen den Dax aus

Stand: 03.06.2016, 20:04 Uhr

Unerwartet schwache Daten vom US-Arbeitsmarkt haben das Koordinatensystem der Börse durcheinander gebracht. Wie stark ist Amerikas Wirtschaft wirklich und was macht jetzt die Fed? Die Lage ist seit heute eindeutig komplizierter geworden.

All das hat an der Börse zusätzlich zu den ohnehin latent im Markt steckenden Brexit-Ängsten für noch mehr Unsicherheit gesorgt - und Unsicherheit ist bekanntlich genau das, was Investoren nicht mögen.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Sie zogen sich dementsprechend aus dem Markt zurück und bescherten dem Dax zum Wochenschluss ein Minus von gut einem Prozent auf 10.103 Punkte. Im Späthandel ging es leicht besser, der L/E-Dax schloss bei 10.120 Punkten.

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Dabei hatte der Tag zunächst verheißungsvoll begonnen, erst nach den Arbeitsmarkdaten ging es bergab mit dem Index. Dieser lag im Tageshoch bei 10.282, im Tief bei 10.040 Zählern. Der Index kämpfte lange mit der technischen Unterstützung bei 10.100 Punkten, die letztlich behauptet wurde. Im Wochenverlauf verlor der Dax knapp 1,8 Prozent, der europäische Auswahlindex EuroStoxx 50 sogar 2,6 Prozent bei einem Tagesverlust von 1,2 Prozent.

Nachlassende Dynamik am US-Arbeitsmarkt

ARD-Börsenstudio: Dorothee Holz
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Börse 19.00 Uhr

Konkret wurden im Mai in Amerika 38.000 neue Stellen geschaffen, wie das Arbeitsministerium mitteilte. Das waren deutlich weniger als die erwarteten 160.000 neuen Jobs und so wenig wie seit sechs Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosenquote sank allerdings auf einen sehr guten Wert von 4,7 Prozent, erwartet waren 4,9 Prozent nach zuvor 5,0 Prozent. Mit diesen Quoten nähert sich Amerika immerhin der Vollbeschäftigung. Die für die Inflationsbewertung der Notenbank wichtigen Stundenlöhne stiegen um 0,2 Prozent und lagen damit genau im Rahmen der Erwartungen.

"Der Arbeitsmarktbericht fällt enttäuschend aus, auch weil die Erwerbsquote gesunken ist, wodurch der Rückgang der Arbeitslosenquote zu relativieren ist. Damit dürfte die Zinserhöhung im Juni endgültig vom Tisch sein", kommentierte Ulrich Wortberg von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Dieser Einschätzung schlossen sich auch andere Volkswirt an.

"Dieser ungewöhnliche Arbeitsmarktbericht bringt die Fed in eine schwierige Position. Die enttäusche Zahl neuer Jobs spricht dafür, dass die Fed vorerst sehr konjunkturstützend bleiben wird", erklärte Mohamed El-Erian, Ex-Pimco-Chef und Allianz-Berater.

Wohin geht die Reise in Amerika?

Die Interpretation des Zahlenwerk ist insgesamt nicht ganz einfach, zumal es durch einen Streik in der Telekombranche im Mai auch noch zu negativen Sondereffekten kam, die in die Statistik einflossen.

Janet Yellen

Janet Yellen. | Bildquelle: Imago

Zudem gab es noch andere Konjunkturdaten, die uneinheitlich ausfielen. So lag der Einkaufsmangerindex für das Nicht-Verarbeitenden Gewerbe im Mai mit 52,9 Punkten deutlich unter der Prognose von 55,5 Punkten. Die Auftragsdaten der Industrie für den April fielen mit plus 1,9 Prozent zum Vormonat hingegen gut aus und lagen genau im Rahmen der Erwartungen. Es war der stärkste Zuwachs seit einem halben Jahr.

Fed-Chefin Yellen dürfte wohl nun nichts anderes übrig bleiben, als die kommenden Arbeitsmarktdaten abzuwarten um zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Sie steckt aber angesichts der steigenden Löhne in einer Zwickmühle, denn die Lohnentwicklung deutet eher auf eine anziehende Inflation. Und genau das ist ja bekanntlich ein erklärtes Ziel der Fed. Die Spekulationen darüber, wann die Notenbank die Zinsen anhebt, dürften nach dem heutigen Tag jedenfalls um so mehr ins Kraut schießen.

Dow Jones gibt nach

Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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Die New Yorker Börse reagiert ebenfalls leichter, der Dow-Jones-Index liegt zur Stunde gut ein Viertel Prozent im Minus, erholt sich aber. Bankaktien sind die größten Verlierer. "Das ist ein ziemlich desaströser Arbeitsmarktbericht", sagte der Zinsstratege Gennadiy Goldberg von TD Securities in New York. "Der Juni ist damit vom Tisch", ergänzte er mit Blick auf den Zeitpunkt der nächsten Zinserhöhung.

Der Euro ist der große Gewinner

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Gewinner des Tages ist bisher der Euro, der angesichts der unsicherer gewordenen Zinsperspektiven in Amerika kräftig anzog. Aktuell notiert die Gemeinschaftswährung bei 1,1327 fast zwei Cent höher als am Morgen. Auch dies drückt den Aktienmarkt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs noch auf 1,1154 (Donnerstag: 1,1188) Dollar festgesetzt.

RWE nach Analystenlob an der Dax-Spitze

Unter den Einzelwerten waren RWE größter Dax-Gewinner. Das Papier legte über vier Prozent zu. Die Aktie profitierte von einer positiven Analysteneinschätzung. Eine Erholung der Strompreise in Deutschland stellt die Bank of America/Merrill Lynch positiv heraus. Analyst Peter Bisztyga schraubte sein Kursziel von 12,80 auf 14,80 Euro nach oben und stufte den Titel von "Neutral" auf "Buy" hoch. Im Sog der starken Kursgewinne der RWE-Aktie zog auch die Aktie des Konkurrenten Eon gegen den Markt an.

Tagesverlierer war die Deutsche Bank, deren IT-Systeme heute versagt haben, was bei Kunden für erheblichen Ärger sorgte. Die Panne gilt als weiteres Zeichen dafür, dass die IT der Bank veraltet ist, was auch Bankchef John Cryan schon deutlich kritisiert hat. Weitere Verlierer waren nach den US-Daten darüber hinaus auch die exportabhängigen Autoaktien, die ans Dax-Ende rutschen.

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Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Mehr "Spielgeld" für Bayer

Auch die Bayer-Aktie rückte erneut in den Fokus. Der Konzern hat sich laut übereinstimmenden Medienberichten für die angepeilte Übernahme des US-Agrarchemieriesen Monsanto eine Riesenfinanzierung gesichert. Fünf Banken würden insgesamt über 60 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stellen.

Der Kurs der Covestro-Aktie ist derweil auf ein neues Rekordhoch von 39,99 Euro gestiegen und profitiert dabei von einer Kurszielerhöhung des Analysehauses Ramond James von 41 auf 47 Euro. Die Analysten sehen kein Risiko eines vorzeitigen Ausstiegs der Konzernmutter Bayer im Falle einer Übernahme von Monsanto. An seiner ehemaligen Kunststoffsparte hält der Leverkusener Konzern noch 64 Prozent. Mittelfristig will sich Bayer aber von Covestro trennen. Das Bayer-Papier legte gegen den Markt 1,36 Prozent zu.

Lufthansa will SAS nicht übernehmen

Die Deutsche Lufthansa rechnet mit guten Geschäften in diesem Jahr. "Die Buchungen für den Sommer sind überhaupt nicht enttäuschend", sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr. "Ich denke, wir stehen vor einem guten Jahr für die Branche, und das gilt auch für die Lufthansa."

Spohr hatte darüber hinaus auf einem Branchenkongress erklärt, man habe die Übernahme der skandinavischen Fluglinie SAS zu den Akten gelegt und berate nun über eine andere Form der Zusammenarbeit. Gerüchte über eine Übernahme waren seit April im Markt, der Plan aber nicht unumstritten. Beide Gesellschaften fliegen im Flugverbund "Star Alliance" und kennen sich gut.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Kräftig ausbauen will Spohr die Tochter Eurowings, um damit den Konkurrenten Ryanair und Easyjet zu Leibe zu rücken. Im Gespräch ist auch weiterhin eine Partnerschaft beziehungsweise auch eine mögliche Übernahme des Ferienfliegers Condor, der einst zum LH-Konzern gehörte. Die Aktie gab nur leicht nach und schnitt damit deutlich besser ab als der Dax.

Volkswagen und kein Ende

Kaum ein Tag, an dem es keine neuen Nachrichten zu VW gibt - so auch heute wieder. Zwar fiel die Aktie hauptsächlich wegen des schwachen Gesamtmarktes 2,94 Prozent zurück, es gab aber auch mal wieder eine Reihe neue Nachrichten des Wolfsburger Konzerns. So ruft VW in Amerika auf Anordnung der Behörden 217.000 weitere Autos mit einem Airbag aus der Produktion des japanischen Herstellers Takata zurück. Auch andere Autobauer sind betroffen, sogar in noch größerem Umfang. Die Airbags der Japaner sind fehlerhaft, es besteht die Gefahr, dass sie zu kräftig auslösen und dann explodieren.

In der "Diesel-Gate"-Affäre beginnt der Konzern mit der Umrüstung von insgesamt 800.000 Fahrzeugen, die den manipulierten 2,0-Liter-TDI-Motor vom Typ EA 189 eingebaut bekommen haben. Das Kraftahrtbundesamt (KBA) hat jetzt die Umrüstung der Modelle Passat, CC und Eos genehmigt. Die Kunden würden in Kürze angeschrieben. Passat-Modelle wären eigentlich schon früher dran gewesen, das KBA hatte aber den "Golf" vorgezogen. Der Rückruf für Fahrzeuge mit 1,2-Liter-TDI-Motor, der für das zweite Quartal vorgesehen war, wird dafür verzögert anlaufen.

GDV: Sturmtief "Elvira" kostet 450 Millionen Euro

Mit dieser Summe müssen nach Einschätzung des Branchenverbandes GDV die deutschen Versicherer rechnen, um die Folgen des Sturmtiefs Elvira von Ende Mai (27.-30.5.) auszugleichen. Enthalten seien Schäden an Häusern, Hausrat, Autos mit Kaskoversicherung sowie gewerbliche Schäden. Noch nicht enthalten sind aber die jüngsten Schäden in Niederbayern, die noch hinzukommen.

Die hohen Schäden belasten zwar zunächst die Gesellschaften, gleichzeitig ist dann aber im kommenden Jahr mit höheren Prämien zu rechnen. Die letzten Jahre waren insgesamt schadenarm, so dass die Preise in den Keller rutschten und Erstversicherer weniger Rückversicherungsschutz zeichneten. Dies dürfte sich nun ändern, so dass in den Versicherungszyklus neuer Schwung kommen sollte. Dies sorgt traditionell an der Börse für neue Fantasie.

Was wird aus Bilfinger?

Die erste Euphorie über den Verkauf des Bau- und Immobiliengeschäftes des Konzerns ist schnell und heftig verflogen. Die Bilfinger-Aktie kam heute brutal unter Beschuss und brach um 9,11 Prozent ein. Damit lag sie klar am Ende des MDax. "Investoren beklagen, dass die Filetstücke abgegeben werden und sehen für den restlichen Konzern keine schlüssige Strategie mehr", sagte ein Händler.

In der Tat bleibt Bilfinger jetzt nur noch die Industriesparte, die Anlagen im Energie- und Industriesektor konstruiert und wartet. Immerhin soll der Verkaufserlös von 1,2 Milliarden Euro nach Auskunft des Vorstandes mindestens drei Jahre im Unternehmen bleiben und nicht an den Finanzinvestor Cevian zum Ausgleich seiner aufgelaufenen Verluste fließen. Eine Sonderausschüttung soll es zunächst nicht geben. Im vierten Quartal werde der Vorstand dann dem Aufsichtsrat eine Strategie für die vier Bereiche der Industriesparte vorstellen. Darüber berichten diverse Medien. De facto ist der Konzern mit dem Verkauf zerschlagen, da die Kraftwerkssparte schon lange auf der Verkaufsliste steht.

Qatar storniert Airbus-Bestellung

Das kam auch nicht gut an. Die Fluglinie des Golfemirats Qatar ist erzürnt über die Verzögerungen bei der Lieferung des ersten Airbus A320neo wegen Triebwerksproblemen und hat seinen Auftrag storniert. Dies erklärte Qatar-Chef Akbar al Baker. "Uns fehlen fünf Flieger in diesem Sommer", sagte der Manager, der von einem großen negativen Effekt auf den Gewinn spricht.

Zuletzt hatte es im Hause Airbus auch mal wieder Probleme mit dem Militärflieger A400M gegeben. Unter anderem der Bund verlangt Schadenersatz, weil Airbus nicht pünktlich liefern kann. Auch hier gibt es Triebwerks- und Materialprobleme. Die Airbus-Aktie rutschte 3,42 Prozent ab und gehörte zu den schwächsten MDax-Aktien.

Freenet nach Hochstufung an TecDax-Spitze

Die Freenet-Aktie kletterte nach einem positiven Analystenkommentar um rund vier in die Höhe. MM Warburg hat den Titel von "Hold" auf "Buy" hochgestuft und das Kursziel von 28 auf 35 Euro angehoben. Mit dem heutigen Schließen der Kurslücke von Ende Mai sendet der Titel überdies ein technisches Kaufsignal.

So mies läuft es für die Citigroup

Die US-Großbank Citigroup erwartet für das zweite Quartal einen Gewinnrückgang von 25 Prozent verglichen mit dem Vorjahresquartal. Gegenüber den ersten drei Monaten in diesem Jahr sollte der Überschuss aber in etwa konstant bleiben, sagte Citigroup-Chef Mike Corbat am Donnerstag auf einer Investorenkonferenz. An der New Yorker Börse verliert die Citi-Aktie aktuell über vier Prozent.

rm

Tagestermine am Freitag, 14. Dezember

Unternehmen:
Stabilus: Jahreszahlen (endg.), 07:00 Uhr
Isra Vision: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
KWS Saat: Hauptversammlung, 11:00 Uhr
Dr. Hoenle: Jahreszahlen

Konjunktur:
Japan: Tankan-Report Q4/18, 00:50 Uhr China: Einzelhandelsumsatz 11/18, 3:00 Uhr
China: Industrieproduktion 11/18, 3:00 Uhr
Deutschland: PMI Verarbeitendes Gewerbe und Dienste 12/18 (vorl.), 9:30 Uhr
EU: PMI Verarbeitendes Gewerbe und Dienste 12/18 (vorl.), 9:30 Uhr
USA: Einzelhandelsumsatz 11/18, 14:30 Uhr
USA: Industrieproduktion 11/18, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung 11/18, 15:15 Uhr
USA: Markit PMI Verarbeitendes Gewerbe und Dienste 12/18 (vorl.), 15:45 Uhr
USA: Lagerbestände 10/18, 16:00 Uhr