Unverhoffte Rekordjagd

von Detlev Landmesser

Stand: 18.05.2007, 20:36 Uhr

Zwei Wochen lang hatte der Dax mit der 7.500er-Marke gerungen, doch dann ging alles ganz schnell: Kaum war die 7.500 gefallen, nahm der Dax auch gleich die 7.600 mit. Sein Rekordhoch ist jetzt noch knapp sieben Prozent entfernt.

Der L-Dax beschloss die Woche mit 7.610,94 Punkten. So hoch stand der Dax seit Mitte 2000 nicht mehr. Sein Rekordhoch hatte der deutsche Leitindex im März 2000 erreicht. Damals war er auf dem Höhepunkt der New-Economy-Euphorie bis auf 8.136 Zähler geklettert.

Neben der günstigen charttechnischen Lage gab es auch handfeste fundamentale Unterstützung: So wird in den USA fröhlich weiter gekauft und fusioniert, was auch der Wall Street klare Aufschläge bescherte. Diesmal schoss die Aktie von Aquantive um fast 80 Prozent nach oben. Der Softwareprimus Microsoft will das Online-Werbeunternehmen für rund sechs Milliarden Dollar übernehmen und damit den Abstand zum Konkurrenten Google verkürzen.

Zudem stieg das Vertrauen der US-Verbraucher in die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes im Mai überraschend. Der entsprechende Index der Uni Michigan legte nach vorläufigen Berechnungen von 87,1 auf 88,7 Punkte zu. Volkswirte hatten eigentlich mit einem Rückgang auf 86,5 Punkte gerechnet. Als Grund für das gestiegene Vertrauen führten die Wissenschaftler bessere Jobaussichten und den boomenden Aktienmarkt an.

Am Devisenmarkt sorgte die weitere Lockerung des chinesischen Wechselkursregimes für Bewegung. Der chinesische Yuan darf ab Montag zum Dollar täglich um 0,5 Prozent schwanken. Bisher war nur eine Spanne von 0,3 Prozent erlaubt. Das brachte dem japanischen Yen zeitweise deutliche Zugewinne.

Neuer Siemens-Chef am Sonntag?

Im späten Handel setzte sich die Dax-Schwergewicht Siemens an die Indexspitze. Möglicherweise wird der Aufsichtsrat schon am Sonntag einen Nachfolger für den scheidenden Konzernchef Klaus Kleinfeld wählen. Auf jeden Fall kommen die 20 Mitglieder des Kontrollgremiums am Sonntagnachmittag zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Laut der "Financial Times Deutschland" schließen Insider nicht aus, dass der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme einen Nachfolger für Kleinfeld präsentiert. Es sei aber auch denkbar, dass das Präsidium nur eine Wasserstandsmeldung abgebe oder mehrere Kandidaten präsentiere. "Focus online" berichtete unter Berufung auf Aufsichtsratskreise, die Entscheidung solle zwischen zwei externen Kandidaten fallen.

Plastische Gewinne bei Bayer
Das starke Kursplus bei Bayer erklärten Händler mit dem Fremdeinfluss von General Electric. Der US-Mischkonzern steht nach Medienberichten kurz vor dem Verkauf seines Kunststoff-Geschäfts. Dafür könnte ein Preis von rund elf Milliarden Dollar erzielt werden. Bisher hatte man den Wert der Sparte auf acht bis zehn Milliarden Dollar geschätzt. "Das erhöht natürlich auch den Wert des Bayer-Geschäfts", sagte ein Händler. Denn der Konzern gehört mit seiner Sparte MaterialScience ebenfalls zu den weltweit größten Kunststoffproduzenten.

Marokkaner mögen Tui
Auch die Tui-Aktie war gefragt. Der staatliche marokkanische Fonds CDG ist nach eigenen Angaben als neuer Großaktionär bei dem Reise- und Schifffahrtskonzern eingestiegen. CDG habe einen Anteil von 1,6 Prozent erworben und wolle seine Beteiligung auf fünf Prozent aufstocken, teilte der größte Fonds des nordafrikanischen Landes am Freitag mit. Tui habe sein Reisegeschäft in Marokko in den vergangenen Jahren ausgebaut, hieß es zur Begründung.

DaimlerChrysler will Schulden zurückzahlen
DaimlerChrysler will nach der Trennung von seiner US-Tochter Chrysler einen großen Teil seiner Schulden zurückzahlen. Bis September will Finanzchef Bodo Uebber die nicht mehr benötigten Verbindlichkeiten auf zehn Milliarden Euro reduzieren, sagte er der "Börsen-Zeitung".

Analysten loben Salzgitter
Größter Gewinner im MDax war die Salzgitter-Aktie, die von positiven Analystenstimmen profitierte. JP Morgan bewertet die Aktie in einer Ersteinschätzung mit "Overweight" und gibt ein Kursziel von 171 Euro an. Man verweist zum einen auf die gute Cash-Position. Zum anderen bewerte der Markt die Stahlbranche zu konservativ. Credit Suisse verweist auf die "sehr starken" Quartalszahlen und erhöhte das Kursziel von 135 auf 150 Euro.

Dubai wirft Auge auf EADS...
Auch die Titel von EADS verteuerten sich deutlich. Das über dreiprozentige Kursplus ist zu erklären mit dem Interesse von Dubai International Capital (DIC). Der staatliche Finanzinvestor prüft die Bücher des Airbus-Mutterkonzerns. Eine endgültige Entscheidung werde in zwei Monaten fallen. Dagegen kündigte der neue französische Präsident Nicolas Sarkozy an, dass sich Frankreich langfristig von seinem Anteil an dem Unternehmen trennen will.

... und steigt bei Daimler komplett aus
Zudem gab das Emirat Dubai bekannt, dass es sich von seinen restlichen Daimler-Anteilen getrennt habe. Bereits im März hatte DIC einen Teil der Aktien verkauft. Das Investment dürfte recht einträglich gewesen sein: Für den Anteil von zwei Prozent zahlte man im Januar 2005 bei einem Kurs von 32 Euro rund eine Milliarde Dollar. Mittlerweile ist das Papier etwa doppelt so viel wert.

Bieterschlacht um Hugo Boss?
Die Vorzüge von Hugo Boss profitierten weiter von der sich abzeichnenden Bieterschlacht. Die britische Investorengruppe Permira führt Exklusivverhandlungen über den Kauf weiterer 24 Prozent des italienischen Hugo-Boss-Mutterkonzerns Valentino. Im Gespräch sei ein Kaufpreis von 35 Euro je Aktie. Permira hatte am Mittwoch für gut 780 Millionen Euro knapp 30 Prozent an Valentino gekauft. Medienberichten zufolge ist außerdem auch der Investor Carlyle Group an einem Engagement an Valentino interessiert.

Cash.Life schreibt rote Zahlen
Im SDax stand die Aktie von Cash.Life deutlich unter Druck. Der Aufkäufer von Lebensversicherungen hat im ersten Quartal rote Zahlen geschrieben. Unter dem Strich stand ein Verlust von 1,7 Millionen Euro. Cash.Life hatte die Investoren aber bereits vor dem Verlust gewarnt. Derzeit kauft das Unternehmen verstärkt Policen auf und kommt mit Verkäufen kaum noch nach. Dadurch sinken kurzfristig Umsatz und Gewinn. Die Prognosen für das laufende Jahr wurden bestätigt.

SDax-Kollege Loewe konnte dagegen hinzugewinnen. Die Papiere sprangen nach einer Ersteinstufung durch Goldman Sachs an, die den Titel zum Kauf empfahlen. Der Fernsehgeräte-Hersteller werde voraussichtlich von einem Boom für HDTV-Geräte profitieren, schrieben die Analysten zur Begründung. Die Titel der Deutsche Wohnen kamen dagegen bei Analysten nicht gut weg. Merrill Lynch senkte das Anlageurteil auf "Sell" von zuvor "Neutral".

CTS Eventim stärkt sich in Italien
Der Ticketvermarkter CTS Eventim hat für 14 Millionen Euro einen 43-prozentigen Anteil an der italienischen TicketOne-Gruppe erworben. CTS habe sich zudem die Möglichkeit gesichert, mittelfristig die restlichen Anteile zu kaufen, teilte das SDax-Unternehmen am Abend mit. TicketOne erzielte 2006 einen Umsatz von 16,4 Millionen Euro und ein Betriebsergebnis (Ebitda) von 2,2 Millionen Euro.

Kabel Deutschland wird Primacom-Großaktionär
In die Aktie von Primacom kam am Nachmittag Bewegung. Das Unternehmen meldete ad hoc, dass Großaktionär Wolfgang Preuß seinen Aktienanteil von 14,28 Prozent zu 12,00 Euro je Aktie verkauft habe. Das könnte ein Übernahmeangebot nach sich ziehen. Am Dienstagabend hatte der Mainzer Kabelnetzbetreiber Übernahmeverhandlungen bestätigt. Kurz vor Xetra-Schluss teilte Kabel Deutschland mit, es habe das Preuß-Paket gekauft und halte nun 18,61 Prozent der Anteile. Zum weiteren Vorgehen erklärte Kabel Deutschland, es halte sich alle Optionen offen. Größter Primacom-Aktionär ist Orion Cable mit einem Anteil von 25,84 Prozent.

Nach vorläufigen Zahlen hat Primacom im ersten Quartal wegen Kundenverlusten einen leicht rückläufigen Umsatz von 28,9 Millionen Euro verbucht. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sank zum Vorjahr um sechs Prozent auf 12,9 Millionen Euro.

Fusion von Unicredit und Capitalia spruchreif?
Die beiden italienischen Großbanken Unicredit und Capitalia könnten unmittelbar vor der Fusion stehen. Indiz dafür: Die beiden Aktien wurden vom Handel ausgesetzt und bleiben es auch für den gesamten Freitag. Grund sei eine bevorstehende Erklärung der Unternehmen, teilte die Mailänder Börse mit. Laut italienischen Medienberichten könnte der Zusammenschluss bereits an diesem Sonntag von den Verwaltungsräten beider Banken abgesegnet werden. Mit einer Marktkapitalisierung von 100 Milliarden Euro würde Unicredit eine der weltweit zehn größten Banken werden.

vwd übernimmt Börsennotierung von b.i.s.
Der Finanzdienstleister vwd group will die Börsennotierung der b.i.s. Börsen-Informations-Systeme übernehmen. Klagen gegen eine Verschmelzung der mehrheitlich zur vwd-Group gehörenden b.i.s. AG seien beigelegt worden, teilte vwd mit. Damit könnten nach einer Verschmelzung voraussichtlich schon im Juli die bisherigen b.i.s.-Aktien als vwd-Titel gehandelt werden. Nach eigenen Angaben erwirtschaftete vwd im vergangenen Jahr einen Umsatz von über 50 Millionen Euro. Das Frankfurter Unternehmen versorgt Kunden mit Kursen und anderen Daten. Die Redaktion mit dem Nachrichten- und Newsletter-Geschäft wurde 2004 an Dow Jones verkauft.

Tagestermine am Donnerstag, 13. Dezember

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 11/18, 07:00 Uhr
Metro AG: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Tui: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Starbucks: Investor Day, 18:00 Uhr
BMW: Absatz 11/18
Bertrandt: Jahreszahlen
ThyssenKrupp: Investor Day

Konjunktur:
Deutschland: Konjunkturprognose Ifo-Institut, 10:00 Uhr
EU: EZB-Zinsentscheid, 13:45 Uhr, PK 14:30 Uhr
USA: Im- und Exportpreis 11/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr