Unsicherheit über US-Banken kaum auszuhalten

Angela Göpfert

Stand: 05.05.2009, 20:03 Uhr

Viele Menschen sind so gestrickt, dass sie mit unsicheren Situationen nur schwer zurechtkommen. Mangelnde Ungewissheitstoleranz heißt das in der Fachsprache. Investoren scheinen da keine Ausnahme zu machen: Die wachsende Nervosität der Anleger wegen des Zustandes der US-Banken hat am Dienstag die Märkte deutlich belastet.

Der L-Dax ging bei 4.855 Punkten aus dem Handel. Den Handel auf Xetra hatte der deutsche Leitindex zuvor bei 4.853 Punkten beendet, das bedeutete ein Minus von einem Prozent im Vergleich zum Vortagesschluss. Dabei hatte es lange Zeit ganz gut ausgesehen für den Dax, konnte er doch im Handelsverlauf bis auf 4.928 Zähler in der Spitze zulegen. Doch die schwachen US-Börsen machten derlei Erholungsversuche schließlich zunichte. Zu Parkettschluss notierte der marktbreite S&P 500 mit einem Minus von 0,8 Prozent wieder knapp oberhalb der wichtigen 900er-Marke.

Vor allem die Unsicherheit ob der für Donnerstag angekündigten Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse lag Anlegern am Dienstag im Magen. Zehn von 19 US-Großbanken sollen angeblich frisches Kapital benötigen, darunter auch die Citigroup, Bank of America und Wells Fargo. Dagegen betonte US-Notenbankchef Ben Bernanke am Dienstag vor einem Ausschuss des US-Kongresses, dass "viele" der untersuchten Geldinstitute keinen weiteren Kapitalbedarf hätten.

Banken-Hausse geht weiter?
Vor Veröffentlichung der Tests können Aktien von US-Banken aber noch weiter Hausse spielen - und das tun sie denn auch ganz ungeniert mit einem Plus von bis zu 15 Prozent.

Davon profitierten europaweit die Bank-Aktien, im Dax stieg die Commerzbank-Aktie um 3,4 Prozent. Der Titel profitierte auch von Aussagen aus der Politik: Bundesfinanzminister Peer Steinbrück erwartet nämlich demnächst das Ja der EU zu Commerzbank-Hilfe. Zudem wurden am Markt die Geschäftszahlen der UBS positiv aufgenommen. Zu Jahresauftakt hatten bei der Schweizer Großbank Kunden weniger Gelder abgezogen als befürchtet.

Vorschuss-Lorbeeren für Deutsche Post
An der Spitze des Leitindex standen Aktien der Deutsche Post, die ihr Vortagesplus von fünf Prozent um weitere 6,9 Prozent ausbauten. Der Logistikkonzern legt am Mittwoch Zahlen zum ersten Quartal vor. Die Titel profitierten laut Händlern auch davon, dass die Deutsche Post laut Medienberichten wohl nicht bei der britischen Royal Mail einsteigen will.

Adidas und Metro enttäuschen
Am anderen Ende des Dax fanden sich Aktien von Adidas und Metro wieder: Sowohl bei Europas größtem Sportartikelhersteller als auch beim Handelskonzern habe insbesondere die Ergebnisseite enttäuscht, hieß es am Markt. Bei Adidas war der Konzerngewinn im ersten Quartal um 97 Prozent auf fünf Millionen Euro eingebrochen, Metro hatte gar einen Nettoverlust von 100 Millionen Euro verbucht. Die Quittung der Anleger: ein Kursminus von 11,2 Prozent und der letzte Platz im Dax für die Adidas-Aktie sowie ein Abschlag von 3,8 Prozent für die Metro-Aktie.

MAN-Schock am Abend
Die MAN-Aktie geriet im späten Parketthandel unter Druck. Der Nutzfahrzeugkonzern ist wegen des Verdachts auf Schmiergeldzahlungen ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. In einer bundesweiten Aktion seien am Dienstag Geschäftsräume des Unternehmens durchsucht worden, teilte die Staatsanwaltschaft München am Dienstagabend mit.

Telekom-Talfahrt und kein Ende?
Die Telekom-Aktie setzte am Dienstag ihren Abwärtstrend seit der Gewinnwarnung fort und rutscht ab bis auf 8,28 Euro - den tiefsten Stand seit sechseinhalb Jahren. Markbeobachter vermuten, dass auch Umschichtungen weg von defensiven hin zu zyklischen Titeln hinter den herben Kursverlusten stecken könnten.

Infineon schon wieder ganz oben
Im TecDax tat sich erneut die Infineon-Aktie mit einem Kurssprung von 13,1 Prozent hervor, heute sprachen sogar fundamentale Gründe für den spekulativen Titel. Der Halbleiterhersteller hat nämlich überraschend den Rückkauf von Anleihen angekündigt, um seine Schuldenlast zu mindern. JPMorgan stufte zudem die Aktie von "Underweight" auf "Overweight" hoch und hob zugleich das Kursziel deutlich von 1,50 auf 3,30 Euro an. Seit Mitte März hat die Infineon-Aktie ihren Wert nahezu versiebenfacht.

ProSiebenSat.1 erneut an MDax-Spitze
Auch im MDax stand heute eine alte Bekannte an erster Stelle: die ProSiebenSat.1-Aktie mit einem Kursplus von 15,3 Prozent. Und das wiederum ohne fundamentale Neuigkeiten. Marktbeobachter sprachen von charttechnischen Kaufsignalen. Seit Mitte März haben die Titel des TV-Konzerns ihren Wert fast verdreifacht.

Anlage- und Maschinenbauer tauchen ab
Die weltweite Rezession hat derweil bei den Maschinen- und Anlagenbauern Gildemeister, Gea und Demag Cranes tiefe Spuren hinterlassen. Im Auftaktquartal verbuchten die drei Konzerne aus dem MDax einen kräftigen Nachfrage- und Gewinneinbruch. Hoffnung auf Besserung machten sie nicht. Aktien von Gea verloren 7,0 Prozent, Demag Cranes büßten 4,1 Prozent ein, Gildemeister-Papiere gewannen dagegen 2,4 Prozent.

Wacker Chemie auf Kurs
Papiere des Spezialchemiekonzerns Wacker Chemie gehörten mit einem Plus von rund 3,6 Prozent zu den Gewinnern im MDax. Die langfristigen Wachstumstrends in den wichtigsten Absatzmärkten wie der Solarindustrie oder der Halbleiterbranche blieben trotz der gegenwärtigen Flaute bestehen, sagte Vorstandschef Rudolf Staudigl. Analysten sahen das ähnlich, die WestLB stufte die Aktie auf "Buy" hoch.

Postbank versprüht Optimismus
Auch die Postbank hat nach Ansicht von Vorstandschef Wolfgang Klein in der Finanzmarktkrise das Schlimmste hinter sich. Zum Jahresauftakt schrieb das Unternehmen vor Steuern erneut einen Verlust und rettete sich unter dem Strich nur dank einer Steuergutschrift in die schwarzen Zahlen. Insgesamt schnitt das Institut aber besser ab, als von Analysten erwartet worden war. Ein Kursaufschlag von 2,3 Prozent war die Folge.

MBB-Aktie springt in die Höhe
Jenseits der großen Indizes machte die Aktie von MBB Industries auf sich aufmerksam. Die Beteiligungsgesellschaft hat sich auf einen Schlag von der Hälfte ihres Umsatzes getrennt. Die mit Abstand größte Beteiligung Reimelt Henschel wurde an den Friedrichshafener Zeppelin-Konzern verkauft. Das soll zu einem "signifikanten Liquiditätszufluss" führen. Die MBB-Aktie ging mit einem Plus von 27 Prozent aus dem Handel.

Wilder Kurssprung auch bei Eckert & Ziegler
Noch wilder trieb es die ebenfalls im Prime Standard notierte Aktie von Eckert & Ziegler. Sie kletterte in der Spitze um 33 Prozent - so stark wie nie zuvor. Mit 10,65 Euro war sie dabei so teuer wie seit November 2007 nicht mehr. Bereits bis zum Mittag hatten mehr als acht Mal so viele Papiere den Besitzer gewechselt wie an einem gesamten Durchschnittstag. Der Medizintechnik-Spezialist hatte im ersten Quartal mit einem Umsatz von 24 Millionen Euro und einem Gewinn von 2,2 Millionen Euro ein Rekordergebnis verbucht.

Tagestermine am Donnerstag, 18. Oktober

Unternehmen:
SAP: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Thyssenkrupp Elevator: PK zu Launch Event
Hannover Rück: Investorentreffen
Kühne+Nagel: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Novartis: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Nestlé: Neunmonats-Umsatzzahlen, 07:00 Uhr
Tele 2: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Pernod Ricard: Umsatz Q1, 07:30 Uhr
Ericsson: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Unilever: Q3-Zahlen, 08:00 Uhr
Yara: Q3-Zahlen, 08:00 Uhr
Bank of New York: Q3-Zahlen, 12:30 Uhr
Philip Morris: Q3-Zahlen, 13:00 Uhr
American Express: Q3-Zahlen, nach US-Börsenschluss
PayPal: Q3-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Travelers: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Japan: Außenhandelsbilanz im September, 01:50 Uhr
EU: Rede von Österreichs Notenbank-Gouverneur Nowotny auf der Kleinanleger-Messe "Gewinnmesse" in Wien, 13:00 Uhr
USA: : Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: : Industrieindex Philly Fed im Oktober, 14:30 Uhr
USA: : Rede des Präsidenten der Notenbank von St. Louis, Bullard, über die US-Wirtschaft und Geldpolitik im Economic Club von Memphis, 15:15 Uhr
USA: Frühindikatoren für September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
EU-Gipfel in Brüssel (bis 19.10.)
Moody's: : Banken-Gipfel zum Thema "How to prepare for the future of banking" in Frankfurt
GDV: Konferenz zur Versicherungsregulierung in Berlin