Und wieder ein Tag mit Verlusten

Lothar Gries

Stand: 18.02.2009, 20:05 Uhr

Zum dritten Mal in Folge hat der deutsche Leitindex im Minus geschlossen. Zwar konnte sich der Dax von seinem akuten Schwächeanfall am Nachmittag dank stützender Kurse an der Wall Street wieder erholen, doch die anhaltende Finanzkrise sorgt weiter für gedrückte Stimmung. Aufwärts ging es dagegen bei der Hypo Real Estate.

Die im MDax notierten Titel des schwer angeschlagenen Immobilienfinanzierers HRE springen um 46 Prozent in die Höhe auf 1,63 Euro. Für die meisten Anleger ist das allerdings nur ein schwacher Trost, war die Aktie doch noch im Mai letzten Jahres noch 24 Euro wert. Grund für den Freudensprung heute ist die Ankündigung der Bundesregierung, die angestrebte Kontrolle über die Immobilienbank zunächst mit Hilfe einer Kapitalerhöhung zu erlangen und eine Enteignung der Aktionäre nur im äußersten Notfall zu vollziehen.

Im Abendhandel sackte der Dax weiter ab und fiel unter die Marke von 4200 Punkten auf 4192, 0,6 Prozent weniger als gestern. Den ganzen Tag über hatten die Debatten über die Zukunft der HRE und eventueller Staatshilfen für den Autobauer Opel für ein hektisches Auf und Ab an der Börse gesorgt. Gestützt wurden die Kurse schließlich von der New Yorker Wall Street, die am Abend zwar auch wieder leicht ins Minus gerutscht ist, zuvor aber leicht im Plus tendierte.

"Die Finanzmarktkrise belastet die Märkte nach wie vor", sagte Fondsmanager Gerold Kühne von LLB Asset Management in Vaduz, Liechtenstein. "Erst wenn die Konjunkturdaten in den USA eine Bodenbildung anzeigen, könnte das vom Markt als ein positives Signal verstanden werden."

275 Milliarden Dollar für Hausbesitzer
Präsident Barack Obama will mit bis zu 275 Milliarden Dollar Hausbesitzern unter die Arme greifen. Er stellte ein Paket vor, das Millionen US-Bürger vor der Zwangsversteigerung retten soll. Unter anderem will er die Hypotheken-Finanzierer Fannie Mae und Freddie Mac stärken.

Euro auf tiefsten Stand seit November
Der Kurs des Euro ist weiter gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs am Mittag auf 1,2596 (Dienstag: 1,2634) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7939 (0,7915) Euro. Am Nachmittag erreichte er sein Tagestief von 1,2520 Dollar und damit den tiefste Stand seit Ende November 2008. "Für den Euro ist nach wie vor die Lage in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern ein erheblicher Belastungsfaktor", hieß es.

Braucht HRE weitere 20 Milliarden?
Die Münchener Immobilienbank könnte in den nächsten Wochen weitere
staatliche Garantien von bis zu 20 Milliarden Euro benötigen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Mittwoch vorab ohne Angaben von Quellen. Ein HRE-Sprecher wollte den Bericht nicht kommentieren. Die HRE braucht eine Eigenkapitalspritze. In der Branche wird darüber spekuliert, dass rund 10 Milliarden Euro erforderlich seien, um die Mindestquoten für das Eigenkapital zu erfüllen.

Milliarden für Autobanken
Als erste Autobank hat die VW- Bank Unterstützung aus dem staatlichen Rettungsfonds erhalten. Man erhalte Garantien über 2 Milliarden Euro aus dem Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin), teilte das Unternehmen mit. Beim Soffin in Frankfurt war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch der Opel-Autofinanzierer GMAC hat Staatsbürgschaften in Höhe von rund fünf Milliarden Euro beantragt. Eine GMAC-Sprecherin in Rüsselsheim wollte die genannte Summe nicht bestätigen, erklärte aber, dass man derzeit ernsthaft die Möglichkeiten zur Verbesserung der Refinanzierung prüfe.

GM verspricht Rettungsplan in Europa
Die Geschäftsführung von General Motors Europe und Opel wollen in der nächsten Woche ein Konzept zur Zukunft des Unternehmens vorlegen. Wirtschaftsminister Guttenberg kündigte an, er werde danach mit den Ministerpräsidenten der betroffenen Länder und der Geschäftsführung von GM Europe/Opel sprechen. "Die Arbeitnehmer von Opel haben es verdient, dass das Unternehmen schnell
Klarheit schafft", sagte der Minister. Das Konzept zur Zukunft des Unternehmen und seiner deutschen Standorte bei der Tochter Opel sind die wesentliche Vorbedingung
für den Bund, über etwaige Staatshilfen zu entscheiden.

Metro leidet unter Osteuropa-Angst
Von seinen größten Tagesverlusten kann sich die Metro-Aktie zwar etwas erholen, doch die Titel bleiben zweitgrößter Verlierer im Dax. "Über denen schwebt das Osteuropa-Gespenst", kommentierte ein Händler. Investoren befürchten, dem in Osteuropa stark engagierten Konzern könnte das dortige Geschäft wegbrechen. Bereits am Vortag hatten die düsteren Perspektiven der osteuropäischen Volkswirtschaften zu einem Einbruch der Börsen in Wien, Prag und Warschau geführt.

ING tiefrot
Der vom Staat gestützte niederländische Finanzkonzern ING - in Deutschland bekannt als Direktbank ING Diba - ist im vierten Quartal tief in die roten Zahlen gestürzt. Wegen großer Abschreibungen stand im Quartal ein Minus von 3,7 Milliarden Euro in den Büchern. Für das Gesamtjahr 2008 schrieb der Konzern 729 Millionen Euro Verlust. Nun will sich ING auf weniger Geschäftsfelder und weniger risikoreiche Anlagen konzentrieren. Die Aktie verliert mehr als fünf Prozent.

CoBa-Aktie macht Freudensprung
Ihren spektakulären Zugewinn vom Morgen konnten die Titel von Deutschlands zweitgrößter Bank zwar nicht halten, dennoch bleibt am Ende ein kräftiges Kursplus von mehr als sieben Prozent. Die Bank hat im vergangenen Jahr nicht ganz so hohe Verluste eingefahren wie befürchtet. Das Defizit vor Steuern belief sich auf 378 Millionen Euro, erreichte im vierten Quartal aber bereits mehr als 800 Millionen. Vor allem das Immobiliengeschäft und das Investmentbanking setzten der Bank zu. Auch im laufenden Jahr sieht es düster aus. Die Commerzbank-Führung rechnet mit weiteren Belastungen, die Risikovorsorge werde voraussichtlich um zehn bis 20 Prozent steigen. Zudem wird dieses Jahr auch die verlustreiche Dresdner Bank integriert.

Merck stochert im Nebel
"Die Geschäftsleitung von Merck sieht es als unverantwortlich an, heute eine Prognose abzugeben, die wir in zwei Monaten vielleicht schon wieder anpassen müssten", erklärte Firmenchef Karl-Ludwig Kley. Der Pharma- und Spezialchemiekonzern hatte am Morgen eine enttäuschende Jahresbilanz vorgelegt. Analysten monierten vor allem die schwachen Zahlen im Flüssigkristallgeschäft und den fehlenden Ausblick. Bis zum Nachmittag kann sich die Merck-Aktie von ihren anfänglich herben Verlusten wieder teilweise erholen, sie notiert am Mittag nur noch 1,3 Prozent im Minus.

Puma senkt Umsatzprognose
Die Aktien von Puma sind von den Aussagen von Konzernchef Jochen Zeitz zur mittelfristigen Umsatzentwicklung erheblich belastet worden. Die Papiere brachen zeitweise bis zu knapp neun Prozent ein und gehen schließlich mit einem Abschlag von fünf Prozent aus dem Handel. Der Puma-Chef sagte, er erwarte nicht, dass das Umsatzpotenzial von vier Milliarden Euro bis Ende 2010 erreicht werde. Der Sportartikel-Hersteller verbuchte wegen
Sondereffekten im Zuge der Rezession im vierten Quartal 2008 einen Gewinneinbruch und lag damit deutlich unter den Erwartungen der Analysten.

HRE springen um 43 Prozent
Der Beschluss der Bundesregierung, die Hypo Real Estate nicht zu enteignen, sondern mittels einer Kapitalerhöhung zu verstaatlichen, hat der Aktie zu einem spektakulären Kurssprung verholfen - allerdings auf einem weiter sehr niedrigen Niveau. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das Gesetz zur Verstaatlichung der Bank als "alternativlos" bezeichnet. Die Bundesregierung habe international zugesichert, dass "keine Bank mit einem systemischen Risiko" insolvent gehen dürfe. Ferne gelte es, die Belastung für die Steuerzahler "möglichst gering zu halten". Aus diesen Gründen müsse der Staat die Kontrollmehrheit in dem Institut erlangen, sagte Merkel.

Die Kanzlerin betonte, der Bund werde versuchen, dies durch entsprechende Beschlüsse in einer Hauptversammlung der HRE über einen sogenannten Kapitalschnitt mit gleichzeitiger Kapitalerhöhung zu erreichen.

Gewinneinbruch bei Interhyp
Die Übernahme durch die niederländische Bank ING hat den Gewinn des
Baufinanzierungsvermittlers Interhyp 2008 deutlich gedrückt. Der Jahresüberschuss sank durch hohe Zusatzkosten im Zusammenhang mit der Übernahme auf 8,0 (2007: 18,1) Millionen Euro. Die abgeschlossenen Finanzierungen erhöhten sich hingegen auf ein Volumen von 5,9 (5,7) Milliarden Euro. ING hatte im Sommer für 380 Millionen 91 Prozent an Interhyp erworben und hat den Anteil mittlerweile auf mehr als 95 Prozent aufgestockt. Damit könnten die Niederländer das Unternehmen von
der Börse nehmen und die verbliebenen Kleinaktionäre zwangsweise
abfinden.

Intershop erstmals mit Gewinn
Das Jenaer Software-Unternehmen hat erstmals seit seiner Gründung ein Geschäftsjahr mit Gewinn abgeschlossen. 2008 wurde bei einem Umsatzanstieg auf 28,1 Millionen Euro ein Überschuss von 1,5 Millionen Euro erwirtschaftet, teilte der Vorstand heute mit. Ein Jahr zuvor stand noch ein Verlust von 2,0 Millionen Euro in den Büchern. Zudem sei der einstige ostdeutsche Internet-Pionier nach der Rückzahlung einer Anleihe ohne Finanzverbindlichkeiten.

MLP will weiter zukaufen
Der von Swiss Life dominierte Finanzdienstleister will auch im kommenden Jahr weiter zukaufen. Marktbeobachter fragen sich nur, mit welchem Geld. Denn bereits für die geplante Ausschüttung von 28 Cent je Aktie muss MLP in die Rücklagen greifen. Der tatsächliche Gewinn reiche für die Dividendenzahlung nicht aus, räumte Finanzvorstand Andreas Dittmar heute ein. Einen Zusammenschluss mit seinem zum Lebensversicherer Swiss Life gehörenden Mitbewerber AWD schloss MLP erneut aus.

Solartitel in Sippenhaft der REC
Im TecDax gehören die Solartitel Solon, Q-Cells, Conergy, Roth & Rau und Solarworld mit Abschlägen von bis zu fünf Prozent zu den größten Verlierern. Der norwegische Konkurrent Renewable Energy Corporation (REC) hatte enttäuschende Zahlen vorgelegt und vor allem für das erste Quartal 2009 eine schwache Prognose abgegeben.

Maschinenbauer Homag mit Absatzeinbruch
Im SDax gerät die Homag-Aktie nach einer "Umsatz- und Gewinnwarnung für 2008" unter die Räder. Der Maschinenbauer verfehlte seine Ziele für das abgelaufene Geschäftsjahr teils deutlich und blickt nun auch skeptischer auf das laufende Jahr. Der Konzern geht nun von einem wesentlich höheren Umsatzrückgang aus.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"