Und ewig lauert die Krise

Detlev Landmesser

Stand: 16.10.2007, 20:18 Uhr

Am Dienstag schlich sich wieder einmal das Thema "Kredit-Krise" in den Vordergrund - in verschiedener Gestalt. Weder der deutsche noch der US-Markt kamen auf einen grünen Zweig.

Dabei blieben die Verluste bis zum Abend moderat. Der L-Dax schloss 0,1 Prozent tiefer bei 7.954,63 Punkten. An der Wall Street, wo noch Quartalszahlen der Schwergewichte IBM, Intel und Yahoo erwartet werden, notieren die Indizes zur Stunde bis zu 0,4 Prozent tiefer.

Unter anderem drückte die Einschätzung von Notenbankchef Ben Bernanke, dass die Entwicklung des Häusermarkts das Wirtschaftswachstum bis in das kommende Jahr belasten dürfte, auf die Stimmung. Ähnlich äußerte sich US-Finanzminister Henry Paulson.

Dazu kam die anhaltende Hausse am Ölmarkt: Ein Barrel US-Öl der richtungsweisenden Sorte WTI zur Lieferung im November sprang kurzzeitig auf ein Rekordhoch über 88 Dollar. Am Abend lag die Notierung knapp unter 87 Dollar. Gold setzte seine Klettertour ebenfalls fort. Der Preis für die Feinunze Gold stieg zeitweise bis auf 767 Dollar und damit so hoch wie seit 1980 nicht mehr.

Krise hinterlässt Spuren

Für Unruhe sorgten schließlich auch die Zahlen zum internationalen Kapitalverkehr der USA im August. Eigentlich waren die Experten wieder von einem Nettokapitalzufluss ausgegangen. Stattdessen hat die Kreditkrise zu einem unerwarteten Kapitalabfluss von 163,0 Milliarden Dollar geführt. Die US-Industrieproduktion im September ist dagegen wie erwartet leicht gestiegen.

Der NAHB-Hausmarktindex, der die Stimmung der amerikanischen Wohnungsbauunternehmen misst, fiel unterdessen das achte Mal in Folge auf ein Rekordtief von 18 Punkten. Im September hatte der Index mit 20 Punkten seinen bisherigen Rekordtiefstand aus dem Januar 1991 erreicht.

ZEW-Konjunkturerwartungen besser als gedacht
Für die deutsche Konjunktur gab es dagegen eher ermutigende Signale. Die vom Mannheimer Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung ermittelten ZEW-Konjunkturerwartungen entwickelten sich im Oktober mit unveränderten minus 18,1 Punkten besser als gedacht. Volkswirte hatten im Schnitt mit einem weiteren Rückgang des Konjunkturbarometers auf minus 22,0 Punkte gerechnet. Am Morgen hatte bereits das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärt, die gute Konjunktur in Deutschland werde auch in den kommenden Jahren Bestand haben.

Der Konsumgüter-Gigant Johnson & Johnson konnte seine vorbörslichen Kursgewinne nicht halten. Der US-Konzern hatte für das dritte Quartal einen Gewinnrückgang von mehr als sieben Prozent gemeldet. Allerdings erhöhte Johnson & Johnson die Prognose für das laufende Jahr.

Eon und RWE auf Rekordniveaus
An der Dax-Spitze notierten die Papiere von Eon und RWE. Die Citigroup hatte ihre Kursziele für die beiden Versorgertitel angehoben. Die Analysten sehen RWE nun bei 111 nach bisher 100 Euro und Eon bei 147 nach bisher 140 Euro. Sie begründeten ihren Optimismus mit den geplanten Strompreiserhöhungen. Außerdem will RWE seine Ökostrom-Sparte aufbauen. "Wir werden sie mit einem hohen Budget ausstatten, um stark zu investieren", sagte der neue Vorstandschef Jürgen Großmann. Bisher setzte RWE bei der Stromerzeugung vor allem auf nicht-erneuerbare Energien.

Gewinnmitnahmen dominieren
Die beiden Top-Verlierer im Dax illustrierten die derzeitige Neigung der Anleger, Gewinne mitzunehmen: Mit VW und ThyssenKrupp standen zwei Top-Performer der vergangenen Wochen auf der Verkaufsliste.

Siemens leidet unter Ericsson
Gestern Philips, heute Ericsson - die Siemens-Aktie litt erneut unter enttäuschenden Ergebnissen von Mitkonkurrenten. Der schwedische Telekommunikationsausrüster hatte vor einer schwachen Gewinnentwicklung im dritten Quartal gewarnt. Die Ericsson-Aktie brach um bis zu 30 Prozent ein. Außerdem machten Gerüchte die Runde, auch Siemens könne eine Gewinnwarnung aussprechen.

Techem-Finanzchef fliegt raus
Im MDax zeigte sich die Aktie von Techem auffallend ungerührt, obwohl der Finanzvorstand Peter Wunderlich den Messtechnik-Dienstleister mit sofortiger Wirkung verlässt. Wunderlich habe sein Amt wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftspolitik niedergelegt, teilte das Unternehmen am Nachmittag mit. Der Aufsichtsrat habe Dieter Kilian mit sofortiger Wirkung zu seinem Nachfolger ernannt.

Leoni macht Übernahme perfekt
Der Autozulieferer Leoni hat die Übernahme der Bordnetzsparte des französischen Konkurrenten Valeo perfekt gemacht. Der Kaufpreis liegt bei 255 Millionen Euro. Der MDax-Titel verlor dennoch deutlich. Offenbar waren einige Börsianer enttäuscht, dass Leoni im kommenden Jahr noch nicht mit einem positiven Ergebnisbeitrag des Zukaufs rechnet.

IKB mistet aus
Die IKB-Aktie stand zu Recht unter Druck: Die schwer angeschlagene Mittelstandsbank ändert ihren Konzernabschluss des abgelaufenen Geschäftsjahres 2006/07 nachträglich. Dadurch wird das operative Ergebnis im um bis zu 180 Millionen niedriger ausfallen. Im laufenden Geschäftsjahr rechnet die im MDax notierte Bank außerdem mit höheren Restrukturierungskosten. Der Verlust werde wohl nicht 450 Millionen Euro betragen, sondern sogar rund 500 Millionen Euro. Außerdem trennt sich das Unternehmen "mit sofortiger Wirkung" von zwei Vorständen. Und schließlich wollte die IKB eine mögliche Kapitalerhöhung nicht ausschließen. Mit den Maßnahmen soll das Institut offenbar für eine Übernahme fit gemacht werden - womit sich das Kursminus am Ende in Grenzen hielt.

Symrise optimistischer
Symrise blickt nach einem starken dritten Quartal optimistischer auf das laufende Geschäftsjahr. Der Duft- und Aromenhersteller werde 2007 am oberen Ende seiner Wachstumsprognose von fünf bis sechs Prozent landen, kündigte Vorstandschef Gerold Linzbach gegenüber Reuters an. Symrise habe im dritten Quartal ein Umsatzplus von mehr als sieben Prozent verzeichnet. In den ersten neun Monaten seien die Erlöse um 6,9 Prozent gestiegen.

MTU kommt Vorstand abhanden
Am MDax-Ende notierte die Aktie des Triebwerkherstellers MTU. Laut der "Financial Times Deutschland" wird Vorstand Bernd Kessler neuer Chef des Schweizer Konkurrenten SR Technics. Für den MTU-Konzern komme das Ausscheiden von Kessler zu einem ungünstigen Zeitpunkt, hieß es.

104 Millionen Umsatz für Nordex
Der Windkraftanlagenbauer Nordex hat erneut einen Großauftrag erhalten. Das TecDax-Mitglied wird in einem Jahr für 104 Millionen Euro Turbinen nach Italien für den Windpark "Fossa del Lupo" liefern.

Evotec gefragt
Mit der Evotec-Aktie ging es um bis zu 7,9 Prozent nach oben. Das Unternehmen hatte positive klinische Forschungsergebnisse für sein Schlafmittel EVT 201 vorgestellt.

Zweiter Kursschub für Curanum
Am Nachmittag drehte die Curanum-Aktie auf: Offenbar setzte eine zweite Kaufwelle nach dem gestern bekannt gewordenen Einstieg des US-Investors Guy Wyser-Pratte ein, die den SDax-Titel auf knapp 9,00 Euro klettern ließ.

MPC senkt Stimmrechtsanteil an HCI
Das Hamburger Emissionshaus MPC und der Finanzinvestor Corsair Capital haben ihre Poolvereinbarung für Abstimmungen beim Fondsanbieter HCI Capital beendet. Damit entspricht der Stimmrechtsanteil von MPC mit 15,1 Prozent wieder dem tatsächlichen HCI-Anteil von MPC. Corsair hält 10,02 Prozent. Der Schritt könnte die Übernahme eines weiteren 10-Prozent-Paketes durch Corsair vom früheren HCI-Chef Harald Christ vorbereiten.

Aurelius übernimmt Daimler-Tochter
Die Beteiligungsfirma Aurelius hat den Wohnmobil-Hersteller Westfalia von Daimler gekauft. Daimler hatte sich zum Verkauf entschlossen, weil Westfalia nicht mehr zum Kerngeschäft des Konzerns gehört. Angaben zum Kaufpreis gab es nicht. Westfalia Van Conversion mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück kommt mit rund 230 Mitarbeitern auf einen Jahresumsatz von 50 Millionen Euro. Der Westfalia-Kauf ist die sechste Übernahme von Aurelius in diesem Jahr.

Reinecke + Pohl erlöst mehr
Glücksfall fur Reinecke + Pohl: Wegen des seit der Beschlussfassung zur Kapitalerhöhung gestiegenen Aktienkurses hat das Solarunternehmen kurzerhand den Ausgabepreis der 178.000 neuen Aktien von ursprünglich 9,50 Euro auf 10,75 Euro je Aktie erhöht. Die Aktien werden an den neuen strategischen Investor DKA Consult ausgegeben. Damit fließen der Gesellschaft jetzt gut 1,9 Millionen Euro zu, anstelle von ursprünglich knapp 1,7 Millionen Euro.

Was läuft bei Mobotix?
Die Aktie des Börsenneulings Mobotix legte eine beachtliche Berg- und Talfahrt hin. Zeitweise über 38 Prozent im Plus, rutschte der Kurs am Nachmittag kurzzeitig um mehr als sieben Prozent ins Minus. Neue Nachrichten zum Unternehmen gab es nicht - außer dass die DZ Bank als Emissionsbank die Mehrzuteilungsoption des Spezialisten für Kamera-Überwachungssysteme vollständig ausgeübt hat. Mobotix war am vergangenen Mittwoch mit einem Ausgabekurs von 15,50 Euro an die Börse gestartet.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"