Überraschungseffekt verpufft

Stand: 02.11.2009, 20:07 Uhr

Selbst starke US-Konjunkturdaten konnten dem Dax nur kurz neuen Schwung geben. Im späten Parketthandel drehte der Dax wieder ins Minus - im Sog der schwächeren US-Börsen. Für Gesprächsstoff sorgten Commerzbank, Ford und CIT.

Die erhoffte große Erholung am deutschen Aktienmarkt nach dem Kursrutsch vom Freitag blieb zu Wochenbeginn aus. Zwar konnte sich der Dax im Laufe des Nachmittags wieder etwas nach oben schieben und mit einem Plus von knapp 0,3 Prozent aus dem Xetra-Handel gehen. Doch im späten Parketthandel schmolzen die Kursgewinne wieder dahin. Der L-Dax rutschte unter die 5.400-Punkte-Marke und schloss 0,2 Prozent tiefer bei 5.386 Zähler. Schuld daran war die Wall Street. Nach anfänglichen Gewinnen von bis zu über einem Prozent drehte am Abend der Dow und der S&P 500 wieder ins Minus.

Gute Konjunkturdaten reichen nicht

Dabei schürten Konjunkturdaten aus den USA frischen Optimismus. Vor allem der an den Finanzmärkten viel beachtete ISM-Einkaufsmanagerindex für die US-Industrie überraschte. Der Index kletterte auf 55,7 Punkte im Oktober und damit auf den höchsten Stand seit April 2006. Volkswirte hatten lediglich mit einem Anstieg auf 53,0 Punkte gerechnet. Entgegen den Erwartungen stiegen auch die US-Bauausgaben - um gleich 0,8 Prozent. Analysten hatten im Schnitt ein Minus von 0,2 Prozent vorhergesagt. Vor allem die privaten Häuslebauer investierten deutlich mehr. Schließlich gab es noch erfreuliche Signale vom US-Immobilienmarkt: Der Index für die so genannten schwebenden Hausverkäufe kletterte um sechs Prozent auf 110,1 Punkte nach oben. Volkswirte hatten nur mit 105,7 Zählern gerechnet. Der Index weist auf die künftigen realen Hausverkäufe hin.

Aus China waren bereits am Morgen erfreuliche Konjunkturdaten eingetroffen. Die Stimmung unter den chinesischen Einkaufsmanagern hellte sich im Oktober weiter auf und erreichte den höchsten Stand seit 18 Monaten.

Ford tut wirklich was

Für eine zusätzliche faustdicke Überraschung sorgte am Mittag der US-Autobauer Ford. Erstmals seit langem hat der Konzern operativ wieder schwarze Zahlen geschrieben. Der Gewinn je Aktie ohne Sonderposten lag bei 26 Cents. Unterem Strich verdiente Ford dank des harten Sanierungskurses fast eine Milliarde Dollar (675 Millionen Euro). 2011 will Ford wieder "solide profitabel" sein. Die Ford-Aktie sprang um knapp zehn Prozent nach oben.

Ermüdungserscheinungen im Dax
Dass der Dax dennoch nicht richtig in Schwung kam, erklären die Börsianer mit Ermüdungserscheinungen. "Die Umsätze sind extrem gering, alle halten sich zurück", meinte ein Händler. Zudem seien positive Gewinnüberraschungen angesichts der fortgeschrittenen Berichtssaison keine Neuigkeiten mehr, schrieb die Fondsgesellschaft Fortis in einem Kommentar. Wie gering die Risikobereitschaft der Anleger derzeit ist, zeigt der VDax. Der Volatilitätsindex erreichte am Montag ein Zwei-Monats-Hoch.

Nach Ansicht der Sentiment-Experten von Sentix berge die derzeitige Schwäche am Aktienmarkt aber auch Potenzial für eine positive Kursentwicklung. Trotz zuletzt schlechter Nachrichten habe sich das mittelfristige Sentiment verbessert. Dies zeige, dass die Investoren andere Informationen registrierten, die ihnen diese Zuversicht gebe, meinte Sentix-Experte Manfred Hübner.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Commerzbank schafft operative Wende
In dieser Woche legen allein neun Dax-Konzerne ihre Quartalszahlen vor. Zwei von ihnen taten es bereits am Montag. So auch die Commerzbank, die eigentlich erst am Donnerstag die Quartalsergebnisse veröffentlichen wollte. Die Zahlen fielen gemischt aus. Das vom Staat gestützte zweitgrößte deutsche Geldhaus erlitt im dritten Quartal einen Verlust von 1,05 Milliarden Euro - wegen Abschreibungen auf die Immobilien-Finanzierungstochter Eurohypo und Kosten für die Integration der Dresdner Bank. Analysten hatten lediglich einen Quartalsverlust von knapp 700 Millionen Euro prophezeit. Im operativen Geschäft lief es hingegen besser als erwartet. Hier kehrte die Commerzbank in die schwarzen Zahlen zurück und erzielte rund 120 Millionen Euro Gewinn. Für das Gesamtjahr erwartet die Bank ein negatives Ergebnis. Die Commerzbank-Aktie konnte sich gut behaupten und ging mit einem Plus von über einem Prozent aus dem Handel.

Beruhigende Zahlen von Linde
Neben der Commerzbank präsentierte Linde seine Quartalszahlen - und überzeugte. Der Industriegase-Konzern erlitt beim operativen Ergebnis lediglich einen Rückgang von zwei Prozent auf 637 Millionen Euro verbucht. Analysten hatten im Schnitt nur mit 618 Millionen Euro gerechnet. Der Umsatz schrumpfte um 9,5 Prozent auf 2,84 Milliarden Euro. "Unsere Maßnahmen zur nachhaltigen Produktivitätssteigerung zeigen immer mehr Wirkung, zudem beginnt die Nachfrage in unserem Gasegeschäft langsam wieder anzuziehen", sagte Konzernchef Wolfgang Reitzle zum Ausblick. Die Linde-Aktie schloss 2,5 Prozent höher.

SAP

SAP: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Infineon, Adidas und SAP hochgelobt
Die eigentlichen Top-Gewinner im Dax waren aber Aktien, die von Analysten-Empfehlungen und -kommentaren hochgetrieben wurden, nämlich Infineon, Adidas und SAP. So stufte Merrill Lynch Infineon von "Underperform" auf "Buy" hoch und bekräftigte das Kursziel bei 3,80 Euro. Die Experten glauben nicht, dass Infineon einen iPhone-Vertrag mit Apple verlieren wird. Darüber hinaus könne das Unternehmen von der anziehenden Nachfrage aus der Automobilbranche und anderen industriellen Sektoren profitieren, hieß es. Infineon gewann über vier Prozent auf 3,19 Euro.

Adidas legte ähnlich stark auf 32,70 Euro zu - dank einer Studie von Nomura. Der 20-prozentige Kursabschlag gegenüber dem Konkurrenten Nike sei angesichts des höheren Margen-Potenzials und der besseren regionalen Aufstellung nicht gerechtfertigt, hieß es. Die Experten bestätigten die Aktie mit "buy" und das Kursziel von 42 Euro.

Last but not least profitierte auch SAP von einer Hochstufung. Die Société Générale hievte die Titel von "Hold" auf "Buy" und erhöhte das Kursziel von 31 auf 39 Euro. Der neue Produktzyklus und das freundlichere Nachfrageumfeld wurden als Gründe genannt. Die SAP-Aktien schlossen 1,6 Prozent höher bei knapp über 31 Euro.

Umsätze auf Xetra schwinden
Die Deutsche Börse gab am späten Nachmittag bekannt, dass die Handelsumsätze im Oktober im Vergleich zum Vorjahresmonat um 57 Prozent eingebrochen sind - auf nur 115,6 Milliarden Euro. Auf Xetra wurde ein Minus von 58 Prozent verzeichnet. Im Vergleich zum September zogen die Umsätze allerdings um acht Milliarden Euro an. Die Aktie der Deutschen Börse behauptete sich klar im Plus.

ElringKlinger verblüfft
Im MDax bewegten ebenfalls Quartalszahlen die Kurse. Dabei konnte Elring Klinger besonders glänzen. Der Automobilzulieferer schaffte es, im dritten Quartal den Gewinn von 8,6 auf 11,6 Millionen Euro zu erhöhen. Das Ebit lag bei 21,4 Millionen Euro nach 17,5 Millionen Euro im Vorjahr. Der Umsatz sank um 13 Prozent auf 151,3 Millionen Euro. Im Gesamtjahr rechnet das schwäbische Unternehmen mit einem Erlös von 540 bis 580 Millionen Euro sowie einer Ebit-Marge von acht und zehn Prozent. Die Aktie zählte mit einem Plus von fast vier Prozent zu den größten MDax-Gewinnern.

Boss auf Schrumpfkurs
Ein anderes schwäbisches Unternehmen dagegen enttäuschte die Anleger mit seinen Zahlen: Hugo Boss. Der Modekonzern verzeichnete im dritten Quartal einen Umsatzrückgang von 533 auf 451 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) schrumpfte von 108 auf 73,4 Millionen Euro. Auch der Ausblick fiel ernüchternd aus. So soll die um Sondereffekte bereinigte operative Marge 2009 unverändert bleiben. Bisher hatte Boss mit einer steigenden Marge gerechnet. Die Aktie brach um über neun Prozent ein und erhielt die rote Laterne im MDax.

Tipp24: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Tipp24 rudert nach vorn
Star des Tages im SDax war Tipp 24. Die Aktie katapultierte sich um über zehn Prozent nach oben. Grund: Der Internet-Glücksspielanbieter hat seinen Optimismus wieder gefunden und seine Jahresziele nach oben geschraubt. Wegen der Ausschüttung eines Jackpots hatte Tipp 24 jüngst die Prognose gesenkt. Vorstandschef Hans Cornehl gab zu, die Auswirkungen eines hohen Jackpots falsch eingeschätzt zu haben. Für 2009 rechnet Tipp 24 mit einem Ebit von 43 Millionen Euro - 13 Millionen mehr als bislang geplant. Von dem Ziel ist man nicht mehr weit entfernt. In den ersten neun Monaten konnte der Glücksspiele-Anbieter das Ebit auf über 33 Millionen Euro mehr als verfünffachen.

Drägerwerk als Schweinegrippe-Profiteur gehandelt
Im TecDax war die Drägerwerk-Vorzugsaktie größter Gewinner. Sie legte um über acht Prozent zu. Grund: Equinet hat die Bewertung für den Titel von "Reduce" auf "Accumulate" und das Kursziel von 18 auf 27 Euro angehoben. Die Experten rechnen dank der Aufträge im Zusammenhang mit der Schweinegrippe mit einer Anhebung der Unternehmensziele.

Q-Cells löst Vertrag mit TDK auf
Auf der anderen Seite im TecDax notierte Q-Cells mit einem Minus von 2,5 Prozent. Der Solarzellenhersteller hat den Zehn-Jahres-Vertrag mit dem chinesischen Siliziumwafer-LieferantenLDK Solar gekündigt. LDK habe wesentliche vertragliche Pflichten nicht erfüllt, begründete Q-Cells den Schritt. Immerhin stehen Q-Cells 244,5 Millionen Dollar dank einer Bankgarantie zu.

Kurssprung von Design Bau
Auch aus der dritten Reihe wurden Quartalszahlen gemeldet. Besonders erfreulich war das Ergebnis von DesignBau. Der Bauträger hat im ersten Halbjahr 2008/2009 den Umsatz um 58 Prozent auf 26,4 Millionen Euro in die Höhe geschraubt. Unterm Strich verdiente DesignBau 1,8 Millionen Euro und kehrte so in die schwarzen Zahlen zurück. Die Anleger reagierten erfreut: die Aktie schnellte um über 16 Prozent nach oben.

Verlorenes Jahr für Marseille-Kliniken
Fast spiegelbildlich fiel dagegen die Reaktion der Börse auf die Ergebnisse des Klinikbetreibers Marseille im Geschäftsjahr 2008/09 aus. Die Aktie büßte rund 12 Prozent ein. Das Unternehmen rutschte mit 13,5 Millionen Euro in die Verlustzone. Im Vorjahr hatte man noch einen Gewinn in einer ähnlichen Größenordnung gemacht. Außerdem wurde die Dividende gestrichen.

Neues von Escada
Um über 12 Prozent purzelte die Aktie von Escada am Montag nach unten. Das Amtsgericht München hat am Montag das Insolvenzverfahren für den Modekonzern offiziell eröffnet. Nun läuft Escada die Zeit davon. In den nächsten Tagen soll eine Entscheidung zum Verkauf des Unternehmens fallen. Angeblich sind noch vier ernsthafte Bieter im Rennen. Am Montag wurde auch das Gerücht verbreitet, dass sich der langjährige russische Großaktionär Rustam Aksenenko und sein Vertrauter Jean-Christophe Hocke aus dem Aufsichtsrat zurückziehen möchten.

KSB-Pumpen weniger gefragt
Der Pumpen- und Armaturenhersteller KSB erlitt in den ersten neun Monaten des Jahres einen Auftragseinbruch von fast 14 Prozent. Der Umsatz schrumpfte um 3,6 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr rechnen die Frankenthaler mit einem Rückgang des Ergebnisses um ein Viertel. Die Aktie legte leicht zu.

Telefonica greift nach Hansenet
Der spanische Telekom-Konzern Telefonica plant offenbar einen weiteren Coup auf dem deutschen Markt. Die Spanier wollen laut einem Medienbericht rund eine Milliarde Euro für den deutschen Internet- und Telefonanbieter Hansenet zahlen. Das Geschäft soll in den kommenden Tagen abgeschlossen werden.

Ryanair im Sinkflug
Die Aktien der Fluggesellschaft Ryanair standen indes mächtig unter Druck. Schuld sind daran offenbar weniger die Halbjahreszahlen. Vielmehr teilte man mit, dass die langfristige Strategie des schnellen Wachstums umgekehrt werden könne. Möglicherweise wolle man stattdessen das überschüssige Kapital an die Aktionäre ausschütten.

Das Ende der CIT
In den USA sorgte der Zusammenbruch der Mittelstandsbank CIT für Furore. Es ist die größte Bankenpleite seit dem Aus von Lehman Brothers. Die Aktie von CIT halbierte sich. Die Pleite war freilich seit längerem erwartet worden. Die Finanzwerte konnten sich dem Negativ-Sog von CIT entziehen und erholten sich.

Human Genome wird gefeiert
Um über 30 Prozent legten die Aktien von Human Genome zu. In der zweiten Phase III-Studie zum Medikament Benlysta zur Behandlung der Autoimmunerkrankung Lupus gab es positive Daten. Das Mittel habe offenbar Wirkung gezeigt. Der Zulassungsantrag sei nun nur noch Routine, hieß es.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"