Trauriges Ende einer volatilen Woche

Stand: 05.12.2008, 20:03 Uhr

Die erste Dezemberwoche ist vorbei und die Hoffnung auf eine Jahresendrally verflüchtigt sich langsam. Der Freitag endete mit Verlusten und der Erkenntnis, dass die Wirtschaftskrise tiefe Spuren hinterlassen und lange andauern wird.

Bei der Vorstellung der amerikanischen Arbeitsmarktdaten am frühen Nachmittag stockte den nervösen Anlegern der Atem. Mehr als eine halbe Millionen Amerikaner haben in den vier Wochen des Monats November ihren Job verloren, wesentlich mehr als die pessimistischsten Prognosen vorausgesagt hatten und ein überdeutliches Zeichen für die zerstörerische Wirkung der Finanzkrise auf die so genannte "reale" Wirtschaft.

Der deutsche Aktienmarkt reagierte so, wie er für gewöhnlich auf Hiobsbotschaften aus den USA reagiert: Der Dax ging in Deckung, rutschte noch tiefer und schloss letztendlich bei 4.381 Punkten, Tagesminus 4,00 Prozent.

In den USA entledigten sich am frühen Abend Schnäppchenjäger ihrer Scheu. Der Dow Jones, beizeiten schon drei Prozent im Minus, erholte sich zusehends und notierte um 20 Uhr, als in Frankfurt der Parketthandel endete, nur noch 0,1 Prozent im Minus. Dies half immerhin noch dem LDax mehr als 60 Punkte nach oben, auf 4.444 Zähler.

Pessimismus selbst von der Bundesbank
Der deutsche Arbeitsmarkt ist zwar noch nicht in einem derartig katastrophalen Ausmaß von der Krise betroffen wie der amerikanische, aber die Aussichten für die deutsche Wirtschaft trüben sich nach Ansicht von mehreren Banken erheblich ein.

Drastisch verschlechtert hätte sich das Umfeld, berichteten am Freitag Commerzbank, Deutsche Bank und Bundesbank einstimmig. Am weitesten geht die Deutsche Bank. Chefvolkswirt Norbert Walter rechnet im ungünstigsten Fall mit einem Rückgang des BIP im kommenden Jahr um sage und schreibe vier Prozent. Die vorsichtige Bundesbank, die bisher von einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent ausgegangen war, korrigierte ihre Prognose auf minus 0,8 Prozent nach unten.

Dass die neuen Prognosen keineswegs übertrieben sind, zeigten die neuen Daten zum Auftragseingang in der Industrie. Für Analysten völlig überraschend legte der Auftragseingang im Oktober nicht zu, sondern brach um 6,1 Prozent ein. Das Wirtschaftsministerium erklärte, die Industrieproduktion werde in den kommenden Monaten weiter schrumpfen.

Viele Verlierer im Dax
Die freitäglichen Kursverluste im Dax trafen alle Branchen. Nicht nur Industriewerte wie Linde, Siemens und MAN gaben kräftig ab, auch Finanztitel und vor allem auch defensive Aktien ließen Federn. Die Aktie des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer verlor, ohne dass es dazu einen konkreten Anlass gegeben hätte, acht Prozent. Als Gewinner gingen lediglich Hypo Real Estate, die Telekom und die Börse vom Parkett.

Lufthansa übernimmt AUA
Die Lufthansa hat den Kaufvertrag zum Erwerb der angeschlagenen österreichischen Airline AUA unterzeichnet. Die Lufthansa zahlt für den 42-prozentigen Anteil der Staatsholding ÖIAG 366.000 Euro. Die Ratingagenturen Moody's und S&P senkten daraufhin die Kreditwürdigkeit der Lufthansa ab. Die Aktie verlor 1,7 Prozent.

Ein Viertel weniger
Die Wirtschaftsflaute sägt am Absatzniveau der Oberklassenwagenhersteller. BMW und Daimler verkauften im November ein Viertel weniger Autos. Selbst der Absatz des ehemaligen Verkaufsschlagers Mini brach um 21 Prozent ein. Daimler setzte im November 27,6 Prozent weniger Autos ab. Lediglich der Kleinwagen Smart hielt sich recht gut. Daimler-Aktien verloren 5,7, BMW-Papiere gaben vier Prozent ab.

Eon und RWE von Branchenstudie belastet
Aktien der beiden Versorger Eon und RWE verloren etwa sechs Prozent. Die Analysten von Goldman Sachs senkten ihre Einschätzung für die Versorger auf "Underweight" und verwiesen auf die hohe Verschuldung und den daraus entstehenden Refinanzierungsbedarf. RWE stimmte zudem dem Verkauf des eigenen Gasnetzes zu, um einer milliardenschweren Kartellstrafe der EU-Kommission zu entgehen.

Comdirect und Sino setzen weniger um
Die Zurückhaltung vieler Anleger spüren die Online-Broker. Comdirect wickelte im November rund ein Drittel weniger Wertpapieraufträge ab als im Vormonat. Bei dem auf Heavytrader spezialisierten Online-Broker Sino betrug der Rückgang sogar 40 Prozent. Comdirect-Aktien gewannen 2,1 Prozent, Sino-Papiere verloren 3,3 Prozent.

Airbus braucht zwei Milliarden
Im MDax fiel die EADS-Aktie um 7,8 Prozent. Zum einen braucht die Tochter Airbus einem Zeitungsbericht zufolge eine Kapitalerhöhung von mehr als zwei Milliarden Euro. Zudem hat die Citigroup die EADS-Aktie zum Verkauf empfohlen.

Rheinmetall spart
Die Rheinmetall-Aktie schloss vier Prozent schwächer. Der Rüstungskonzern und Autozulieferer gab ein umfangreiches Sparprogramm sowie Stellenstreichungen und Kurzarbeit bekannt.

Hängepartie 1: Premiere
Aktien des Bezahlsenders Premiere verloren 4,1 Prozent. Der "Platow Brief" berichtete über eine Verschiebung der Refinanzierungsverhandlungen auf die Zeit nach Weihnachten. Zudem zögere Großaktionär Rupert Murdoch seinen eventuellen Ausstieg hinaus.

Hängepartie 2: HeidelCement
Aktien des Zementherstellers HeidelbergCement verloren 11,3 Prozent. Offenbar gibt es zwischen Großaktionär Adolf Merckle und seinen Banken ein heftiges Gerangel darum, welche der drei wichtigsten Beteiligungen des schwäbischen Unternehmers, HeidelbergCement, Ratiopharm oder Phoenix, als Sicherheit für einen Überbrückungskredit dienen könnte. Bankenkreisen zufolge hat Merckle einen Liquiditätsbedarf von bis zu einer Milliarde Euro.

Gerresheimer spricht von kleinem Dämpfer
Das SDax-Unternehmen Gerresheimer erwartet fürs neue Geschäftsjahr 2008/09 ein leicht gebremstes Wachstum. "Einen kleinen Dämpfer wird es geben - der Umsatzzuwachs wird etwas geringer ausfallen als in diesem Jahr", sagte Vorstandschef Axel Herberg der "Financial Times Deutschland". Die Aktie verlor 3,1 Prozent.

Escada trennt sich von Primera
Aus dem SDax gab es auch Neuigkeiten von Escada. Das Modeunternehmen trennt sich von seiner Tochter Primera. Escada beauftragte die italienische Bank Unicredit, in den kommenden Monaten Angebote von Interessenten einzuholen. Die Aktie gab 5,4 Prozent ab.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 16. Oktober

Unternehmen:
Merck: Kapitalmarkttag, 8.30 Uhr
Johnson & Johnson: Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Morgan Stanley: Quartalszahlen Q3, 13 Uhr
Goldman Sachs: Quartalszahlen Q3, 13.30 Uhr
Telekom Austria: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
IBM: Quartalszahlen Q3, 22 Uhr
Netflix: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
TomTom: Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
China: Erzeugerpreise / Verbraucherpreise, 3.30 Uhr
EU: Handelsbilanz, 11 Uhr
Deutschland: ZEW Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Industrieproduktion / Kapazitätsauslastung, 15.15 Uhr
USA: NAHB-Index, 16 Uhr