Totgesagte leben länger

Detlev Landmesser

Stand: 01.04.2009, 20:25 Uhr

Es war weniger die Hoffnung auf konkrete Rettungstaten der G20-Politiker, die die Börsen zum Start in das neue Quartal unerwartet beflügelte. Vielmehr gab es Anzeichen, dass der konjunkturelle Abschwung bremsen könnte.

Die Wall Street konnte ihren gestrigen Rücksetzer im gestrigen späten Die entscheidende Kurswende trat um 16:00 Uhr ein, als gleich drei US-Konjunkturdaten genau dieses signalisierten. Am besten kam der nationale Einkaufsmanagerindex (ISM) des Verarbeitenden Gewerbes an, der sich im März von 35,8 auf 36,3 Punkte verbesserte und die Markterwartung leicht übertraf.

Beobachter reagierten ungewohnt positiv. Der dritte Anstieg des Frühindikators in Folge lasse auf eine allmähliche Konjunkturstabilisierung hoffen, meinte etwa Ulrich Wortberg von der Helaba, wobei der ISM immer noch tief im rezessiven Bereich liege. Auch nach Ansicht der Experten von der Postbank keimt mit dem neuerlichen Anstieg des Index' die Hoffnung auf eine Wende des Indikators auf. Die Daten zu den Bauausgaben und den nicht abgeschlossenen Hausverkäufen im Februar waren ebenfalls besser als erwartet.

Der Dax schaffte es daraufhin im Gefolge der Wall Street wieder über die Marke von 4.100 Punkten. Der L-Dax schloss bei 4.139,35 Zählern. Am Abend bauten die US-Börsen ihre Tagesgewinne weiter aus.

Morgen G20 und EZB im Fokus

In den Kursanstieg mischten sich auch vage Hoffnungen auf überzeugende Beschlüsse auf dem morgen offiziell beginnenden G20-Gipfel in London. Morgen treffen sich auch die Geldpolitiker der EZB zu ihrem Zinsbeschluss. Die meisten Beobachter erwarten eine Senkung des Leitzinses von derzeit 1,50 auf ein Rekordniveau von 1,00 Prozent.

US-Wirtschaft schon in der Talsohle?
Der amerikanische Arbeitsmarkt leidet indessen weiter. Laut der privaten Arbeitsagentur ADP ging die Beschäftigung in der US-Privatwirtschaft im März um 742.000 Stellen zurück, womit ein neuer Negativrekord seit Beginn der Datenerhebung 2001 erreicht wurde. Die offiziellen Arbeitsmarktdaten am Freitag dürften daher nach einhelliger Meinung gruselig ausfallen. Macht nichts, denn die Börse blickt bekanntlich nach vorn.

Recht mutig tat dies am Mittwoch auch einer der führenden US-Notenbanker. Im ersten Quartal könnte die US-Wirtschaft die Talsohle durchschritten haben, sagte der Fed-Chef von Dallas, Richard Fisher, dem Fernsehsender CNBC. Im Laufe des Jahres werde sich die Lage stufenweise bessern.

Dramatische Zahlen vom VDMA
Was der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau am Morgen mitzuteilen hatte, war indessen dramatisch: Im Februar brachen die Bestellungen für die Branche aus dem Inland um 45 Prozent, aus dem Ausland sogar um 50 Prozent ein. Der VDMA senkte zudem seine Jahresprognose: Statt eines Produktionsrückgangs von sieben Prozent erwartet der Verband jetzt ein Minus von 10 bis 20 Prozent.

Bei GM könnte alles ganz schnell gehen
Was Experten schon vor Jahren drohen sahen, wird nun immer öfter ausgesprochen. Im Überlebenskampf des angeschlagenen US-Autoriesen General Motors hält die US-Regierung laut US-Medien eine schnelle geordnete Insolvenz für den wahrscheinlichsten Weg zur Sanierung. Eine solche "Blitz-Insolvenz" mit anschließender Aufspaltung erscheine unausweichlich, sollte die Opel-Mutter Gläubigern und Gewerkschaften keine drastischen Einschnitte abringen können, hieß es in den Medien.

Commerzbank sieht mehr Kreditrisiken
Anders als der Gesamtmarkt driftete die Commerzbank-Aktie ins Minus. Die Großbank rechnet mit anhaltendem Druck auf die operativen Erträge, erklärte Finanzchef Eric Strutz in London. Er rechne damit, dass die Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle weiter steigen werde. Strutz sprach aber von einem "starken Zinsüberschuss" zum Jahresstart.

Adidas: Vorwürfe "absurd"
Die Adidas-Aktie drehte im Verlauf ins Plus. Adidas-Chef Herbert Hainer wies Steuerbetrugs-Vorwürfe der französischen Behörden entschieden zurück. Die gestern bekannt gewordenen Vorwürfe seien absurd, sagte Hainer. Seine Firma habe keine Konten in Liechtenstein.

"Turnaround" bei der Postbank?
Die Aktie der Postbank sprang nach Äußerungen von Vorstandschef Wolfgang Klein um mehr als vier Prozent nach oben. Die mittlerweile im MDax notierte Bank hat zum Jahresauftakt voraussichtlich den Schritt aus den roten Zahlen geschafft. Klein sagte auf einer Investorenkonferenz in London, er gehe davon aus, dass im ersten Quartal "deutlich geringere Belastungen" angefallen seien als im dritten und im vierten Quartal 2008. Das Ergebnis nach Steuern werde im ersten Quartal "vielleicht auch bereits wieder ausgeglichen sein", betonte er. Der Turnaround sei damit geschafft.

Wilde Preisspekulationen um HRE
Die Aktie der Hypo Real Estate fuhr wieder Achterbahn. Erst hatte die Aussage von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück den MDax-Titel belastet, der Bund werde bei einer Enteignung weitaus weniger zahlen als den Nennwert von drei Euro pro Aktie. Dann trieb jedoch das Gerücht um eine Einigung mit dem Großaktionär J.C. Flowers über eine Abfindung von 1,85 Euro den Kurs. Die Beteiligten dementierten das Gerücht allerdings rundweg.

Gagfah-Großaktionär macht Kasse
Schwächster Titel im MDax war Gagfah. Der Finanzinvestor Fortress zieht sich bei dem Wohnimmobilienkonzern immer weiter zurück. Fortress habe seine Beteiligung in der vergangenen Woche auf 60,09 Prozent gesenkt, teilte Gagfah mit. Zuvor hatte sie bei knapp 70 Prozent gelegen.

Escada will überleben
Dass Escada seinen Fortbestand für "wahrscheinlich" hält, brachte dem SDax-Titel eine Kurserholung von 12,1 Prozent. Der angeschlagene Modekonzern erwähnte aber auch durchaus Risiken für diese Prognose. Doch gehe das Management davon aus, ausreichende Mittel zur Finanzierung des laufenden Geschäfts und der Restrukturierung mobilisieren zu können.

Vivacon auf Rekordtief
Die Vivacon-Aktie stürzte um mehr als ein Viertel auf neue Rekordtiefs ab. Der Immobilienkonzern hat nach ersten Berechnungen das vergangene Jahr mit einem hohen Millionenverlust abgeschlossen. Vor allem wegen Abschreibungen auf Immobilienportfolios sei ein Verlust zwischen 160 und 170 Millionen Euro angefallen, teilte das SDax-Unternehmen mit.

Cewe will Umbau 2009 abschließen
Die Aktie von Cewe Color gab im SDax leicht nach. Für das abgelaufene Jahr sollen die Aktionäre eine von 1,20 auf 1,00 Euro gekappte Dividende erhalten. Damit werde der Konzerngewinn von sieben Millionen Euro voll an die Aktionäre ausgeschüttet. Ab 2010 könnten sich die Anteilseigner auf höhere Auszahlungen einstellen, erklärte Firmenchef Rolf Hollander. Die Restrukturierung werde in diesem Jahr abgeschlossen. "Ab 2010 wird es keine Sonderbelastungen mehr geben."

Aurelius kauft weiteren Shopping-Sender
Nach dem RTL Shop übernimmt die Beteiligungsgesellschaft Aurelius nun auch den britischen Homeshopping-Anbieter Sit up. Dieser habe eine Reichweite von mehr als 20 Millionen Haushalten, teilte Aurelius mit, ohne einen Kaufpreis zu nennen. Sit up kam 2008 auf einen Umsatz von 242 Millionen Pfund.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

Unternehmen:
Lonza Group: Kapitalmarkttag
Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklimindex 9/18, 10:00 Uhr
USA: CFNA-Index 8/18, 14:30 Uhr

Sonstiges:
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