Teures Öl dämpft die Euphorie

Detlev Landmesser

Stand: 07.05.2008, 20:27 Uhr

Dank der vagen Hoffnung, dass die Finanzkrise in den letzten Zügen liegen konnte, machte es sich der Dax am Mittwoch über der 7.000-Punkte-Marke bequem. Die Wall Street litt dagegen unter dem rekordhohen Ölpreis.

Am Abend sprang die US-Notierung für den Rohstoff erstmals über 123 Dollar. Trotz deutlich gestiegener US-Lagerbestände notierte der Preis für leichtes US-Öl zeitweise über 123,70 Dollar pro Barrel. Zuletzt hatten die Spekulationen über einen weltweiten Versorgungsengpass wieder zugenommen.

Das war auch das wesenliche Argument für die Gewinnmitnahmen an der Wall Street, wo sich die Abschläge bis zum Abend etwas ausweiteten. Der L-Dax ging nur noch 0,1 Prozent höher bei 7.054,55 Punkten aus dem Handel.

Der Mobilfunkanbieter Sprint Nextel war zunächst gefragt, weil er bei dem Aufbau eines mobilen Hochgeschwindigkeits-Netzes die Hauptrolle spielt. Intel, Google Comcast, Time Warner Cable und Bright House Networks beteiligen sich mit insgesamt 3,2 Milliarden Dollar oder 22 Prozent an dem neuen Unternehmen Clearwire, an dem Sprint 51 Prozent halten wird.

Vorübergehend überschritt der Dax sogar die Marke von 7.100 Punkten, nachdem das US-Arbeitsministerium die vorläufigen Daten zu Produktivität der US-Unternehmen im ersten Quartal veröffentlicht hatte. Diese erhöhte sich auf das Jahr hochgerechnet um überraschend deutliche 2,2 Prozent, während Analysten im Schnitt mit plus 1,5 Prozent gerechnet hatten. Genauso wichtig war den Marktteilnehmern aber die Entwicklung der Lohnstückkosten, die mit ebenfalls 2,2 Prozent schwächer als von Experten erwartet stiegen.

Schlechter als erwartet fiel dagegen die Zahl der noch nicht abgeschlossenen US-Hausverkäufe im März aus. Der entsprechende Index fiel um ein Prozent auf 83,0 Punkte. Volkswirte hatten dagegen mit 83,8 Punkten gerechnet. Der Vormonatswert wurde von 84,6 auf 83,8 Punkte nach unten revidiert.

Der Euro rutschte nach den US-Daten unter 1,54 Dollar, zumal die am Mittag veröffentlichten deutschen Auftragseingänge im März unter den Erwartungen gelegen hatten.

Vier Bilanzen aus dem Dax

Den deutschen Markt beschäftigten außerdem zahlreiche Quartalszahlen, darunter die der Dax-Konzerne Commerzbank, Tui und Henkel. Am Dienstagabend hatte bereits die Deutsche Börse ihre Zahlen vorgelegt. Im Blickpunkt stand auch die am Abend noch andauernde Hauptversammlung der Tui und der Ausgang des Machtkampfs zwischen den beiden Großaktionären des Reise- und Schifffahrtskonzerns. Am Abend deutete sich an, dass Großaktionär John Fredriksen mit seinem Antrag auf Abwahl von Tui-Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow gescheitert ist.

Die Papiere der Deutschen Post wurden ex Dividende gehandelt und verzeichneten deshalb einen Abschlag von 3,8 Prozent. Auch bei der im MDax notierten Aktie von Hannover Rück machte sich der Dividendenabschlag bemerkbar.

Ackermann nährt die Hoffnung
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht in der Finanzkrise Licht am Ende des Tunnels. "Wir sind mittlerweile eher am Beginn des Endes als am Ende des Anfangs der Krise", erklärte der Top-Manager am Dienstagabend. Die Märkte seien aber trotz erster Hoffnungsschimmer weiter fragil. Schockmeldungen wie ein Zusammenbruch eines großen Hedgefonds oder ein überraschend starker Einbruch der Realwirtschaft könnten die Krise wieder mit voller Kraft aufleben lassen. "Wir brauchen jetzt eine Phase der Ruhe und Stabilität", sagte Ackermann.

Commerzbank knickt ein
Nach der Deutschen Bank rückte indessen auch die Commerzbank von ihren Ergebnisprognosen für 2008 ab. "Es dürfte aus heutiger Sicht sehr schwer werden, das gute Ergebnis des Vorjahres wieder zu erreichen", erklärte Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller. "Wir haben schon öfter gesagt, wir sehen Licht am Ende des Tunnels. Und dann mussten wir korrigieren, dass es doch entgegenkommende Züge waren", ergänzte Finanzvorstand Eric Strutz in einer Telefonkonferenz zu den Aussichten der gesamten Branche.

Ursprünglich hatte die Commerzbank ein Jahresergebnis auf dem Niveau von 2007 in Aussicht gestellt. In den ersten drei Monaten sank der Nettogewinn wegen der Finanzkrise um 54 Prozent auf 280 Millionen Euro und blieb damit unter den Erwartungen der Analysten.

Tui verringert Fehlbetrag
Am Tag seiner turbulenten Hauptversammlung veröffentlichte auch Tui seine Quartalszahlen. Der Touristik- und Schifffahrtskonzern hat in den ersten drei Monaten dieses Jahres weiter Verluste geschrieben. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) lag "jahreszeitlich bedingt" bei minus 196 Millionen Euro. Im Vorjahr war im ersten Quartal ein Fehlbetrag von 248 Millionen Euro erwirtschaftet worden. Der Konzernumsatz legte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um eine Milliarde auf 5,1 Milliarden Euro zu.

Henkel klettert an Dax-Spitze
Im ersten Quartal musste Henkel wegen der anhaltenden Dollar-Schwäche zwar einen Umsatzrückgang verbuchen. Die Anleger honorierten aber die positiven Aussichten des Konsumgüterkonzerns mit einem Kurplus von fast sechs Prozent. Der Konzern hatte am Morgen bekannt gegeben, dass die Erlöse in den ersten drei Monaten des Jahres um 2,3 Prozent auf 3,12 Milliarden Euro gesunken sind. Der Gewinn legte jedoch wegen niedrigerer Steuern von 205 auf 219 Millionen Euro zu. Für 2008 aktualisierte Henkel seine Umsatz- und Ergebnisprognose. Unter Einbeziehung der im April erworbenen Geschäfte von National Starch soll der Umsatz weiter um drei bis vier Prozent wachsen.

Deutsche Börse fährt Rekordergebnis ein
Wie erwartet, hat die Deutsche Börse von den Kursschwankungen der letzten Monate kräftig profitiert. In den ersten drei Monaten steigerte der Frankfurter Börsenbetreiber das operative Ergebnis (Ebita) um 42 Prozent auf 425,8 Millionen Euro und lag damit klar über den Analystenschätzungen. Der Umsatz kletterte um 19 Prozent auf 644,5 Millionen Euro. Dazu trug die erstmals voll bilanzierte US-Optionsbörse ISE 59,6 Millionen Euro bei. Organisch lag das Wachstum bei acht Prozent.

Wildes Gerücht um RWE
Am Nachmittag wurde der Handel mit RWE-Aktien durch Gerüchte über ein Übernahmegebot der französischen EDF belebt. Der Dax-Titel gewann bis zu 3,2 Prozent. "Es gibt das Gerücht, dass EDF 135 Euro für RWE-Aktien bietet", berichtete ein Händler. Andere bezweifelten allerdings den Wahrheitsgehalt. Insbesondere der genannte Preis stimme skeptisch.

Heidelberger Druck trifft Prognosen
Größter Gewinner im MDax war die Heideldruck-Aktie. Der weltgrößte Druckmaschinenhersteller hat seine mehrfach gesenkten Prognosen im zurückliegenden Geschäftsjahr 2007/08 erreicht. Der Umsatz ging um 3,5 Prozent auf 3,67 Milliarden Euro zurück. Das operative Ergebnis (Ebit) sank in der im März beendeten Finanzperiode auf 268 Millionen Euro von 302 Millionen Euro auf vergleichbarer Basis. Der Überschuss trat mit 142 Millionen Euro auf der Stelle.

MLP legt operativ zu
Der Finanzdienstleister MLP hat im ersten Quartal wegen guter Geschäfte mit Altervorsorgeprodukten wie erwartet zugelegt. Wegen der Ausschüttung an die Feri-Mitaktionäre ging der Überschuss aber um ein Drittel zurück. Der Umsatz legte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um neun Prozent auf 158,2 Millionen Euro zu.

Puma läuft langsamer
Puma hat in seinem zweiten Geschäftsquartal einen Gewinnrückgang verbucht und seine Ergebnisprognose zurückgezogen. Das operative Ergebnis (Ebit) ging von 134,8 auf 125,8 Millionen Euro zurück. Analysten hatten mit stabilen Ergebnissen gerechnet. "In einem volatilen Marktumfeld ist es schwierig, die Auswirkungen auf die Profitabilität für 2008 zu prognostizieren", teilte der MDax-Konzern mit. Zuvor hatte der Sprortartikelhersteller ein höheres Ebit als die 372 Millionen Euro des Vorjahres versprochen.

Leoni wächst kräftig
Der Nürnberger Autozulieferer Leoni hat im ersten Quartal seinen Umsatz um 31,4 Prozent auf 770,6 Millionen Euro gesteigert. Dazu habe vor allem die erstmalige Konsolidierung der Valeo-Bordnetzsparte beigetragen. Wegen Abschreibungen ging das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 3,4 Prozent auf 34,1 Millionen Euro zurück. Für das Gesamtjahr bekräftigte Leoni seine Prognosen.

Douglas kommt voran
Der Handelskonzern Douglas hat in seinem zweiten Geschäftsquartal seinen Umsatz gesteigert und seinen Verlust verringert. Der Umsatz stieg um 6,9 Prozent auf 670 Millionen Euro. Vor Steuern stand ein Verlust von 3,7 Millionen Euro zu Buche nach einem Fehlbetrag von 8,6 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten im Schnitt mit einem Umsatz von 660 Millionen Euro und einem Vorsteuerverlust von sechs Millionen Euro gerechnet.

United Internet wie gewohnt kämpferisch
Dank anhaltenden Kundenwachstums setzte United Internet im ersten Quartal mit 402 Millionen Euro 19,3 Prozent mehr um als vor Jahresfrist. Der Gewinn kletterte von 30,9 auf 45,1 Millionen Euro. Das TecDax-Unternehmen teilte außerdem mit, es wolle die Übernahme des Mobilfunkanbieters Debitel durch den Konkurrenten Freenet blockieren. "Wir haben einen Antrag auf einstweilige Verfügung gestellt, die die Ausgabe neuer Aktien zur Finanzierung des Debitel-Kaufs unterbinden soll", sagte United-Internet-Chef Ralph Dommermuth dem "Handelsblatt". Freenet billigt diesem Antrag dagegen keine Erfolgschancen zu.

Interhyp besser als befürchtet
An die SDax-Spitze setzte sich die Interhyp-Aktie. Der Baufinanzierungsvermittler hat einen Rückgang seines Überschusses im ersten Quartal 2008 um gut ein Drittel auf 2,5 Millionen Euro verbucht. Das operative Ergebnis (Ebit) fiel sogar um 42 Prozent auf 3,5 Millionen Euro. Das vermittelte Finanzierungsvolumen sank leicht auf 1,26 Milliarden Euro. Trotz der Rückgänge will Interhyp im Gesamtjahr das Finanzierungsvolumen und Ebit weiter um mindestens zehn Prozent steigern.

Balda tiefrot
Auch die Balda-Aktie legte nach frühen Verlusten kräftig zu. Der Handyausrüster ist mit seinem Geschäft im Auftaktquartal 2008 in die Verlustzone gerutscht. Wie die Firma mitteilte, lag das Minus beim Betriebsergebnis im ersten Quartal bei 5,2 Millionen Euro nach einem Plus von 0,8 Millionen Euro vor Jahresfrist. Unter dem Strich stand ein Verlust von 6,7 (Vorjahr: plus 1,7) Millionen Euro. Der Umsatz legte im fortgeführten Geschäft leicht auf 45,2 (42,9) Millionen Euro zu.

Dyckerhoff verdreifacht Gewinn
Gut aufgelegt war auch die Dyckerhoff-Vorzugsaktie. Der Wiesbadener Baustoffkonzern hat sein Betriebsergebnis im ersten Quartal mehr als verdreifacht und den Überschuss verfünffacht. Wie das Unternehmen mitteilte, wuchsen das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 17 auf 64 Millionen Euro und der Überschuss von acht auf 40 Millionen Euro. Der Umsatz kletterte um 36 Prozent auf 400 Millionen Euro.

Patrizia Immobilien mit Verlust
Patrizia Immobilien ist im ersten Quartal in die roten Zahlen gerutscht. Der Verlust vor Steuern belief sich auf 18,1 Millionen Euro. Der Vorstand begründete das Minus mit Sondereffekten. Vor Jahresfrist hatte Patrizia noch 4,2 Millionen Euro vor Steuern verdient. Der Umsatz verdoppelte sich hingegen nahezu von 23,5 auf 46,6 Millionen Euro.

Bijou Brigitte stagniert
Der Modeschmuckanbieter Bijou Brigitte hat in den ersten drei Monaten weniger verdient als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Überschuss ging von 12,7 Mllionen Euro auf 12,2 Millionen zurück. Der Umsatz stieg jedoch wegen weiterer Filialeröffnungen um drei Prozent auf 76 Millionen Euro. Flächenbereinigt gingen die Erlöse allerdings um 4,4 Prozent zurück.

GPC haussiert nach Fusionsmeldung mit Wilex
Ab dem Mittag sprang die Aktie von GPC Biotech um sagenhafte 82 Prozent nach oben. Wie "Die Zeit" vorab berichtete, bereitet die Biotechfirma mit dem Wettbewerber Wilex unter den Fittichen ihres Großaktionärs, des SAP-Gründers Dietmar Hopp, eine Fusion vor. Sollte der Software-Milliardär seine Aktivitäten in der Branche bündeln, könnte aus GPC, Wilex, Heidelberg Pharma und weiteren, kleineren Investments von Hopp ein Biotechnologie-Konzern internationaler Größenordnung entstehen, berichtete die Wochenzeitung. Die Unternehmen lehnten eine Stellungnahme ab.

Strabag SE will Strabag AG
Am Nachmittag ging es mit der Aktie der Strabag AG um rund neun Prozent bergauf. Die österreichische Strabag SE hat ein freiwilliges Übernahmeangebot von 260 Euro je Aktie vorgelegt. Bei der in Frankfurt notierten Tochter befindet sich rund ein Drittel der Aktien noch im Streubesitz. Strabag-Chef Hans-Peter Haselsteiner hatte zuletzt ein mögliches Angebot offen gelassen.

10tacle wird kurzzeitig Pennystock
Einen kuriosen Kursverlauf erlebe die Aktie von 10tacle. Erst rutschte der Titel des angeschlagenen Spiele-Entwicklers erstmals in seinem knapp einjährigen Börsendasein unter die Marke von einem Euro. Dann trieb eine Unternehmensmeldung den Kurs wieder auf 1,40 Euro. 10tacle teilte mit, die mit der Berliner TGC im Dezember 2007 vereinbarte Übernahme nicht zu realisieren, was das Unternehmen mit seiner Restrukturierung begründete. Damit wurde auch die geplante Kapitalerhöhung abgesagt.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr