Talfahrt nach Hiobsbotschaft

Stand: 15.05.2012, 19:49 Uhr

Das endgültige Scheitern einer Regierungsbildung im pleitebedrohten Griechenland hat an die Anleger tief verunsichert. und die Aktienmärkte in ganz Europa auf Talfahrt geschickt. Die teilweise überraschend starken Konjunkturdaten rücken in den Hintergrund.

Der EuroStoxx 50 als Leitindex der Eurozone büßt ein Prozent auf 2.178 Zähler ein. Der deutsche Leitindex verliert 0,8 Prozent und schließlich bei 6.401 Punkten. Dabei war der Dax am Morgen dank der im ersten Quartal unerwartet kräftig gestiegenen Wirtschaftsleistung in Deutschland (+0,5 Prozent) um ein Prozent auf 6.509 Punkte geklettert.

Zwar musste er im weiteren Verlauf die Gewinne wieder abgeben, drehte aber nach positiven Wirtschaftsmeldungen aus den USA erneut ins Plus. Zur Stimmungsaufhellung trug vor allem der Konjunkturindex der Federal Reserve Bank von New York bei. Er lag mit 17,09 Punkten doppelt so hoch wie erwartet. "Wir sehen uns in unserem Wachstumsszenario bestätigt", betonte Helaba-Analystin Viola Stork.

Doch dann sorgt die Meldung über die gescheiterten Koalitionsverhandlungen in Griechenland für einen erneuten Einbruch. In der Spitze markiert der Dax bei 6.353 Zählern den tiefsten Stand seit Januar.

"Die Meldung, dass jetzt wirklich Neuwahlen kommen, hat hier erst einmal alle aufgescheucht", sagte ein Händler. "So sehr das auch erwartet war, der erste Schreck sitzt tief." Ein anderer Börsianer bezeichnete die Reaktion als völlig überzogen. "Wir wussten doch schon letzte Woche Donnerstag, dass es wahrscheinlich so kommen musste."

Euro fällt auf tiefsten Stand seit Januar
Am Devisenmarkt bröckelt der Euro am Abend immer weiter ab auf bis zu 1,2750 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt Mitte Januar. Im Gegenzug dreht der Bund-Future ins Plus und lag zeitweise gerade einmal 16 Ticks unter seinem Rekordhoch. Aus Furcht, dass Spanien und Italien vom Strudel einer Zahlungsunfähigkeit oder einem Euro-Austritt Griechenlands mitgerissen werden, haben sich zahlreiche Investoren von den Anleihen dieser beiden Länder getrennt. Dies trieb die Renditen der jeweiligen zehnjährigen Bonds auf 6,341 beziehungsweise 5,957 Prozent.

Deutlich besonnener reagieren die Anleger in New York. Die Wall Street hat das Scheitern der Regierungsbildung in Griechenland zunächst unbeeindruckt aufgenommen. Die Anleger konzentrierten sich stärker auf die überraschend guten Konjunkturdaten. Bei Börsenschluss in Frankfurt hat der Dow seine Tagesgewinne von 0,3 Prozent aber wieder abgegeben und notiert mit 12.683 Punkten leicht unter Vortagesniveau.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Finanzwerte im Keller
Die Furcht vor einer Ausbreitung der Schuldenkrise treibt die Finanzwerte europaweit in den Keller. Sechs der zehn größten Verlierer im EuroStoxx gehören zu diesem Sektor. In Frankfurt ist die Commerzbank der größte Verlierer im Dax. Auch die Deutsche Bank verliert überdurchschnittlich und rutscht unter die Marke von 30 Euro.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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ThyssenKrupp sorgt für Erleichterung
Im Dax steht ThyssenKrupp lange Zeit ganz oben auf der Verliererliste. Doch dann dreht das Papier ins Plus und steigt um 1,5 Prozent. Das Unternehmen prüft nämlich den Verkauf seiner verlustreichen Stahlwerke in Brasilien und den USA. Der Vorstand habe entschieden, für die Werke strategische Optionen in alle Richtungen zu prüfen, teilte das Unternehmen mit. Dies könne eine Partnerschaft oder auch einen Verkauf umfassen, hieß es. Hintergrund seien strategische Risiken. Die Stahlwerksprojekte in USA und Brasilien hatten das Unternehmen zuletzt im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahrs mit einem Verlust vor Steuern und Zinsen von 518 Millionen Euro tief in die roten Zahlen gedrückt.

Merck ist ebenfalls der Gewinn eingebrochen. Das Nachsteuer-Ergebnis sackte um die Hälfte auf 176,6 Millionen Euro. Die Aktie verliert.

Allianz ohne Überraschungen
Zu den Verlierern im Dax gehört auch die Allianz-Aktie. Wie bereits in der vergangenen Woche verkündet, hat der Versicherer davon profitiert, dass es im ersten Quartal deutlich weniger Naturkatastrophen gegeben hat als im Vorjahr. Dadurch ist die Schaden-Kosten-Quote wieder unter 100 Prozent gesunken. Auch hat die Allianz ihre Jahresprognose bestätigt. Danach wird ein Ergebnis vor Steuern von 8,2 Milliarden Euro angepeilt.

Südzucker gefällt
Kräftig zulegen kann auch die im MDax notierte Aktie von Südzucker. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr sein operatives Ergebnis um 44 Prozent auf 751 Millionen Euro gesteigert. Aktionäre können sich auf eine Dividende von 15 Cent je Aktie freuen.

Sky vor der Wende?
Noch stärker nach oben geht es mit der Aktie des Bezahlsenders Sky. Das Unternehmen hat im ersten Quartal zwar 73 Millionen Euro Verlust gemacht, das ist aber erheblich weniger als im Vorjahr. Und die Wende sei absehbar, sagt Senderchef Brian Sullivan. 2013 will der Amerikaner zumindest vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen Geld verdienen.

Hamburger Hafen muss kämpfen
Heftig nach unten geht es mit den Papieren des Hamburger Hafenbetreibers. Verzögerungen bei der Elbvertiefung und ein harter Preiskampf zwischen den Nordseehäfen erwartet das Unternehmen nun einen Rückgang von Umsatz und Ergebnis im laufenden Jahr. HHLA hat im ersten Quartal mit 280 Millionen ein Prozent weniger umgesetzt als zuvor, das Betriebsergebnis schrumpfte um ein Viertel auf 31,5 Millionen Euro.

Leoni enttäuscht
Kräftig unter Druck geraten sind auch die Titel von Leoni. Laut DZ Bank ist die Bilanz nur dank eines Veräußerungserlöses im ersten Quartal besser als erwartet ausgefallen. Bereinigt um den Verkauf der Tochter Studer Hard AG lägen der Umsatz und die Gewinnkennziffern allerdings knapp unter den Schätzungen.

Deutsche Euroshop will mehr
Der Betreiber von Einkaufszentren hat nach einem guten Quartal seine Prognosen erhöht. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) soll 2012 um 28 Prozent auf 177 bis 181 Millionen Euro steigen. Im ersten Quartal hatte der Umsatz um 17 Prozent auf 51,9 Millionen Euro und der Überschuss um 24 Prozent auf 16,5 Millionen Euro zugelegt. Die Aktie gewinnt zunächst zwei Prozent, dreht dann aber ins Minus

Analysten mögen Centrotherm
Einen Sprung um über acht Prozent an die TecDax-Spitze macht die Aktie des Solarunternehmens Centrotherm. Die UBS hat den Titel auf Kaufen hochgestuft und den fairen Wert auf zehn Euro festgesetzt. Auch die HSBC hat die Aktie nach Zahlen von "Underweight" auf "Neutral" angehoben, aber das Kursziel von 9,50 auf 5,60 Euro gesenkt.

Nordex schreibt weiter rot
Trotz Verlusten im ersten Quartal schafft die Aktie des Windkraft-Spezialisten ein Plus von gut einem Prozent. Der Preisdruck in der Branche sorgte für einen Fehlbetrag von 14 Millionen Euro, schlechter als von Analysten erwartet. Der Umsatz konnte allerdings um 8,3 Prozent auf 198,3 Millionen Euro gesteigert werden.

Bechtle mit gemischten Zahlen
Bechtle-Aktien gehören mit einem Abschlag von knapp zwei Prozent zu den schwächsten Werten im TecDax. Der IT-Dienstleister hat im ersten Quartal dank des starken Heimatgeschäfts die Markterwartungen nach Einschätzung der Börsianer zwar teilweise leicht übertroffen. Analyst Thorsten Reigber von der DZ Bank sprach aber nur von einem gemischten Bild bei den Quartalszahlen des IT-Dienstleisters, wobei das Vorsteuerergebnis (EBT) schwächer ausfiel.

Conergy mit Verlusten
Das ehemalige TecDax-Mitglied Conergy hat im ersten Quartal seine Verluste auf 15 Millionen Euro reduziert, musste aber auch einen Umsatzrückgang um 60 auf 100 Millionen Euro hinnehmen. Zu Gerüchten um den Einstieg eines chinesischen Investors bei dem pleitebedrohten Unternehmen wollte sich Conergy nicht äußern.

Air Berlin mit weniger Verlust
Die Aktie der Fluggesellschaft rutscht ebenfalls ins Minus. Zwischen Januar und Ende März konnte der angeschlagene Lufthansa-Konkurrent den saisontypischen Verlust dank seines Spar- und Schrumpfkurses spürbar eindämmen. Das Minus sank auf 103 Millionen Euro, das sind rund 15 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Dabei trotzte das Unternehmen auch dem gestiegenen Ölpreis, der nicht nur die Lufthansa zuletzt tiefer in die roten Zahlen gerissen hatte.

Und sonst?
Der Tiefbauspezialist Bauer ist im ersten Quartal überraschend mit 4,8 Millionen Euro in die Verlustzone gerutscht. Verzögerungen und Stillstände auf Baustellen sorgten dafür. Die im SDax notierte Aktie gerät weiter unter Druck.

Dagegen können die roten Zahlen des Druckmaschinenherstellers Koenig & Bauer der Aktie nicht schaden. Die Nachfrage aus Europa sei weiter schwach, aus China aber ermutigend, so das Unternehmen.

Der chinesische Fischverarbeiter Haikui ist seit heute im Prime Standard der Deutschen Börse notiert. Das IPO fiel allerdings erheblich kleiner aus als zunächst geplant. Nur 317.400 Anteilsscheine wurden platziert. Die Aktie notiert mit derzeit zehn Euro auf dem Ausgabepreis.

Tagestermine am Donnerstag, 22. November

Unternehmen:
RemyCointreau: Halbjahreszahlen, 7.30 Uhr
Jost Werke: Neun-Monats-Zahlen
Siemens Healthineers: Geschäftsbericht.

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise 10/18, 00:30 Uhr
EU: Acea, Nutzfahrzeugzulasssungen 10/18, 8:00 Uhr
EU: EZB-Sitzungsprotokoll v. 25.10.2018
EU: Verbrauchervertrauen 11/18 (vorab), 16:00 Uhr.

Sonstiges:
USA: Feiertag (Thanksgiving), Börse geschlossen.