Talfahrt an Himmelfahrt

Notker Blechner

Stand: 02.06.2011, 20:05 Uhr

Von Feier(tags)stimmung war an den Aktienmärkten an Himmelfahrt nichts zu spüren. Aus Furcht vor einer Konjunkturabkühlung in den USA stießen die Anleger massiv Aktien ab. Der Dax setzte seinen Kursrutsch fort und fiel auf den tiefsten Stand seit Mitte April.

Wie robust ist der Aufschwung in den USA? Das fragen sich zunehmend die Anleger nach einer Serie schlechter Konjunkturnachrichten. Am Mittwoch sorgten der US-Einkaufsmanagerindex und der Beschäftigtenzahlen der Arbeitsmarktagentur ADP für Ernüchterung, am Donnerstag folgte die nächste kalte Dusche: die Auftragslage der US-Industrie verschlechterte sich stärker als erwartet. Die Bestellungen sanken im April im Vergleich zum Vormonat um 1,2 Prozent. Erwartet worden war nur ein Minus von einem Prozent.

Angst vor einer US-Konjunkturabkühlung
Auch vom Arbeitsmarkt kamen negative Impulse: Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sank in der vergangenen Woche weniger stark als erwartet - um 6.000 auf 422.000. Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 415.000 Anträge gerechnet. Dass die Produktivität in der Industrie um 1,8 Prozent statt wie prognostiziert 1,7 Prozent anzog, war nur ein schwacher Trost. Nun blicken die Anleger auf die offiziellen US-Arbeitsmarktdaten für Mai. Sie werden am Freitag um 14.30 Uhr veröffentlicht. Analysten rechnen mit 150.000 neuen Jobs.

Die trüben US-Konjunkturaussichten lasteten schwer auf den Börsen, die trotz Feiertags an Christi Himmelfahrt (außer Österreich und der Schweiz) geöffnet waren. Der Dax setzte seinen Kursrutsch fort und rutschte unter die Marke von 7.100 Punkten. Mit 7.074 Punkten schloss er zum Ende der Xetra-Haupthandelszeit zwei Prozent tiefer. Im späten Handel verringerten sich die Kursverluste etwas, der L/E-Dax beendete den Tag bei 7.106 Zählern - dank einer leichten Erholung an der Wall Street. Der Dow drehte kurzzeitig ins Plus. Am Mittwoch waren Dow und Nasdaq um über zwei Prozent eingebrochen. Es war der größte Tagesverlust seit August 2010.

Euro klettert Richtung 1,45 Dollar
Für zusätzlichen Druck auf den Dax sorgte am Morgen die Herabstufung Griechenlands auf "Ramsch"-Status durch die Ratingagentur Moody's. Der Euro litt darunter aber nur kurz. Die Gemeinschaftswährung kletterte bis zum Abend auf 1,4470 Dollar. Die Angst vor einer US-Konjunktureintrübung und die Hoffnung auf eine Einigung im Streit um weitere Griechenland-Hilfen schoben den Euro wieder an. Im Tagesverlauf hätten Zukäufe besonders aus Asien den Kurs des Euro stabilisiert und angetrieben, berichteten Händler. Für Erleichterung sorgte ebenso die erfolgreiche Emission spanische Staatsanleihen am Donnerstag.

Neues Hellas-Paket offenbar geschnürt
Am Freitag wird voraussichtlich eine Expertenrunde von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) den Griechenland-Bericht vorlegen. Er soll Aufschluss über die Einhaltung der
Athener Sparzusagen geben. Davon hängt die Auszahlung der nächsten Kredittranche ab, die Athen dringend benötigt. Insiderkreisen zufolge
haben sich hochrangige Vertreter der Euro-Zone angeblich auf ein neues Hilfsprogramm für Griechenland geeinigt. Es werde bis Mitte 2014 laufen. Der private Sektor soll an den Hilfen beteiligt werden - allerdings nur begrenzt.

Öl und Gold billiger
Der Anstieg der Rohöl- und Benzin-Lagerbestände heizte zusätzlich die Angst vor einer Konjunkturabschwächung in den USA an. Der Ölpreis gab nach. Die US-Ölsorte WTI verbilligte sich auf unter 100 Dollar. Im Sog des fallenden Ölpreises kosteten auch andere Rohstoffe wie Silber und Kupfer weniger. Selbst der Goldpreis fiel um über ein Prozent auf 1.521 Dollar.

Nur Verlierer
Im Dax gab es keinen einzigen Gewinner, nur Verlierer. Besser als der Markt schlugen sich die Aktien der Deutschen Börse. Nach einer Investorenveranstaltung des Börsenbetreibers hat die UBS die Aktien zum Kauf empfohlen. Die Synergien, die der Börsenbetreiber durch die Fusion mit der Nyse Euronext heben kann, sind laut den Experten noch nicht in den Aktienkurs eingepreist. Unicredit beließ die Aktien auf "Hold" mit einem Kursziel von 60 Euro.

RWE auf Sechs-Jahres-Tief
Schlusslicht im Dax war BASF mit einem Minus von drei Prozent. Die Titel hatten zuletzt überdurchschnittlich zugelegt. Unter Druck standen auch erneut die Versorgerwerte. Die RWE-Aktien stürzten auf unter 40 Euro und damit den tiefsten Stand seit Oktober 2004. Die Eon-Titel fielen auf ein Zweieinhalbjahres-Tief von knapp über 19 Euro.

BMW hängt Daimler ab
Zu den größten Kursverlierern im Dax gehörten Daimler. Die Titel des Autobauers büßten 2,5 Prozent ein. Händler verwiesen darauf, dass die Kurse zyklischer Autowerte bei einem insgesamt schwachen Aktienmarkt üblicherweise besonders empfindlich reagieren. Besser schlugen sich VW und BMW. Die Aktien von VW verloren nur gut ein Prozent, BMW 0,8 Prozent. Zeitweise war BMW gar im Plus. Das lag an einer positiven Studie von Goldman Sachs. Der zuständige Analyst glaubt, dass der Markt die Profitabilität des Autokonzerns zu niedrig einschätzt. Er hob das Kursziel von 107 auf 120 Euro an. Im Vergleich zu Daimler schnitten zudem VW und BMW besser auf dem US-Markt ab als Daimler. BMW steigerte im Mai den Absatz um 20 Prozent, VW gar um 28 Prozent. Daimler verkaufte nur sechs Prozent mehr Fahrzeuge.

Bankenabgabe wird teuer
Die Aktien der Deutschen Bank verloren über zwei Prozent, die Titel der Commerzbank 1,3 Prozent. Die Länder-Finanzminister haben sich am Mittwochabend im Bundesrats-Finanzausschuss über einen Kompromiss zur Bankenabgabe verständigt. Demnach werden kleine Geldinstitute von der Abgabe ausgenommen. Große Häuser werden dagegen höher belastet. Die Deutsche Bank muss folglich in diesem Jahr mit rund 250 Millionen Euro deutlich mehr zahlen als bislang erwartet. Vorstandschef Josef Ackermann übte scharfe Kritik an der Verschärfung der Bankenabgabe. Der Bundesrat wird in zwei Wochen über die Verordnung zur Abgabe abstimmen.

Telekom setzt auf Griechenland
Die T-Aktien schlossen knapp zwei Prozent tiefer. Der Ex-Monopolist hat laut einem Medienbericht ihre Beteiligung am griechischen Telekom-Unternehmen OTE um zehn Prozent aufgestockt. Darauf hätten sich Telekom-Vertreter und Finanzminister Giorgos Papaconstantinou am Mittwoch verständigt, berichtete die Tageszeitung "Imerisia". Ende Juni solle die Transaktion abgeschlossen werden. Für den Anteil soll die Telekom 411 Millionen Euro bezahlt haben.

Fraport ex Dividende
Aktien des Flughafenbetreibers wurden am Donnerstag ex Dividende gehandelt. Die Ausschüttung lag bei 1,25 Euro je Aktie. Der Titel verlor damit in Wirklichkeit nur etwa ein Prozent.

Leica will wieder Dividende ausschütten
Der Kamerahersteller Leica hat nach vorläufigen Zahlen seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2010/11 um 57,3 Prozent auf 248,9 Millionen Euro gesteigert, ein neues Rekordergebnis. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag das Ergebnis bei 42,4 Millionen Euro und damit sechsmal so hoch wie im Jahr zuvor. Erstmals seit 1997 winkt wieder eine Dividende. Dem Aktienkurs half's nicht. Er gab fast drei Prozent nach.

Nokia: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
4,97
Differenz relativ
-0,32%

Nokia-Aktie fällt immer tiefer
Nach der gestrigen Gewinnwarnung setzten die Aktien des Handy-Riesen Nokia ihre Talfahrt fort, sie verloren fast zwei Prozent. Die Finnen haben Spekulationen um eine Übernahme durch den Software-Konzern Microsoft zurückgewiesen. Laut einem Medienbericht soll Microsoft die Handy-Sparte von Nokia für 19 Milliarden Dollar kaufen. Die Aktien des Nokia-Zulieferers CSR brachen um fünf Prozent ein.

Microsoft enthüllt Windows 8
Der Software-Konzern hat derweil die Vorabversion seines neuen Betriebssystems "Windows 8" vorgestellt, das auch auf Tablet Computern laufen soll. Windows-Manager Steven Sinofsky sprach auf der Technologie-Konferenz "D9- All Things D" von den "größten Änderungen seit Windows 95". Wann Windows 8 kommen wird, wollte Sinofsky noch nicht verraten. Experten rechnen mit dem Marktstart im kommenden Jahr, spätestens im Oktober 2012. Microsoft steht derzeit an vielen Fronten unter Druck.

Hacker-Attacke auf Google
Der weltgrößte Internet-Suchmaschinenbetreiber ist Opfer eines Hacker-Angriffs geworden. Hunderte E-Mail-Konten von Google waren betroffen. Die Attacke habe abgewehrt werden können, teilte Google mit. Der Suchmaschinen-Riese verdächtigt hinter dem Hacker-Angriff Cyber-Spione aus Jinan in China. Dort betreibt die Volksarmee ein Zentrum für Cyber-Spionage. Die chinesische Regierung wies die Vorwürfe empört zurück.

Goldman Sachs: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
195,20
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+0,12%

Muss Goldman Sachs vor Gericht?
Neuer Ärger droht indes der US-Bank Goldman Sachs. Laut der Agentur Bloomberg hat Goldman eine Vorladung der Staatsanwaltschaft Manhattan bekommen. Es gehe um die Rolle des Wall-Street-Hauses in der Finanzkrise, berichtete Bloomberg unter Berufung auf Insider. Die Goldman-Aktie gab zwischenzeitlich drei Prozent nach. Anleger fürchten die Konsequenzen neuer Ermittlungen. Die Bank musste jüngst im Rahmen eines Vergleichs bereits 550 Millionen Dollar zahlen. Ihr war vorgeworfen worden, Kunden getäuscht zu haben.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr