Tag der Superlative

Detlev Landmesser

Stand: 18.09.2008, 20:22 Uhr

Wie stark sich die weltweite Finanzbranche in diesem Monat bereits gewandelt hat, ist historisch einmalig. Auch am Donnerstag ließ der hastige Umbau des Sektors wenig Freude aufkommen. Immerhin verdankte der Dax der VW-Aktie alleine 90 Punkte.

Der L-Dax ging mit 5.899,91 Punkten aus dem Handel. Die Wall Street hatte sich am Abend nach einem Schwächeanfall wieder etwas berappelt. Doch bleiben die Anleger hochnervös: Weitere Überraschungen scheinen bei dem Reigen aus Pleiten und Notverkäufen vorprogrammiert.

Erneut stand Morgan Stanley im Zentrum der Spekulationen. Der dramatische Vertrauensverlust an der Börse hat die zweitgrößte US-Investmentbank zu Verhandlungen über einen Verkauf gezwungen. Das Institut verhandelt nun mit der US-Regionalbank Wachovia über eine Fusion. Als mögliche Käufer werden auch die britische HSBC sowie der chinesische Staatfonds CIC gehandelt, der bereits knapp zehn Prozent an Morgan Stanley hält. Ihren Kursabsturz setzte die Aktie dessenungeachtet fort. Auch bei der angeschlagenen US-Sparkasse Washington Mutual rückt laut Medienberichten eine Übernahme offenbar näher.

Von der US-Konjunktur kamen gemischte Signale. Während der wichtige Sammelindex der Frühindikatoren im August mit 0,5 Prozent unerwartet stark sank, expandierte die Wirtschaftsaktivität in der Region Philadelphia im September überraschend. Der entsprechende Index der Notenbank von Philadelphia stieg von minus 12,7 Punkten im Vormonat auf plus 3,8 Punkte. Volkswirte hatten indes eine nur leichte Aufhellung auf minus 10,3 Punkte erwartet.

Notenbanken greifen massiv ein

Angesichts der angespannten Lage auf dem Dollar-Geldmarkt griffen am Donnerstag die weltweit sechs wichtigsten Zentralbanken ein. Allein die US-Notenbank Fed stellte überraschend insgesamt 180 Milliarden Dollar bereit - mehr als selbst im Zuge der Turbulenzen im September 2001. Damit soll die Liquidität an den weltweiten Finanzmärkten verbessert werden, da sich die Banken untereinander derzeit nur sehr ungern Geld leihen. "Die internationalen Notenbanken lassen die Liquidität aus allen Ritzen fließen, um den Domino-Effekt im Finanzsektor aufzuhalten", umschrieb ein Experte das beispiellose Geschehen.

Auch HBOS notverkauft
Außerdem half ein weiterer milliardenschwerer Notverkauf, diesmal in Großbritannien. Wie erwartet, übernimmt die Großbank Lloyds TSB die angeschlagene Hypothekenbank HBOS.

Gold springt über 900 Dollar
Nachdem Gold am Mittwoch den höchsten jemals an einem Tag erreichten Anstieg verbucht hatte, hielt sich das Edelmetall mit zeitweise mehr als 900 Dollar je Feinunze auch am Donnerstag ziemlich gut.

Kein Handel in Moskau
Die russische Börse blieb auch am Donnerstag geschlossen. Damit wurde angesichts der starken Kursverluste der Aktienhandel den dritten Tag in Folge ausgesetzt. Die Zwangspause solle erst am Freitag aufgehoben werden, berichteten russische Medien.

VW-Aktie verblüfft
Einen historischen Kursgewinn legte die VW-Aktie aufs Parkett. Der Dax-Titel beendete den Computerhandel mit 304 Euro, und verbuchte damit einem rekordverdächtigen Tagesgewinn von 26,6 Prozent. Das Tages- und Rekordhoch lag bei 305,06 Euro.

Am Markt wurden verschiedene mögliche Ursachen diskutiert, vor allem Short-Eindeckungen und Zukäufe von Porsche, "Porsche kauft anscheinend die Aktien, egal zu welchem Preis", meinte ein Marktbeobachter. Sowohl Porsche als auch das Land Niedersachsen dementierten aber, am Markt aktiv gewesen zu sein. Angesichts der neuerlichen Kursgewinne waren offenbar viele Leerverkäufer auf dem falschen Fuß erwischt wurden und zur Eindeckung ihrer offenen Positionen gezwungen.

Auch die Aktie der Deutschen Börse war stark gefragt. Offenbar gehen Anleger davon aus, dass dem Börsenbetreiber die hohen Umsätze der vergangenen Tage glänzende Geschäfte beschert haben.

Dass der Dax trotz dieser extrem starken Papiere nicht stärker hinzu gewann, lag an Schwergewichten wie der Allianz. Gerüchte machten die Runde, wonach die Übernahme der Allianz-Tochter Dresdner Bank durch die Commerzbank vor dem Aus stehen könnte. Das Dementi ließ nicht lange auf sich warten. "Die Transaktion ist im Plan. Der Deal läuft und ist nicht gefährdet. Die Gerüchte sind unhaltbar", sagte ein Allianz-Sprecher.

Thyssen und MAN aus der Mode
Die angesichts der Krise erneuerten Konjunktursorgen machten den Industrietiteln zu schaffen. Mit über sechs Prozent beschleunigte die Aktie von ThyssenKrupp ihren Abwärtstrend.

Die MAN-Stammaktie stand ebenfalls unter Druck. Ein Marktbeobachter vermutete, dass langfristige Investoren aussteigen. "Der Lkw-Zyklus dürfte seinen Zenit überschritten haben, daher wird erst der Auftragseingang sinken, dann der Gewinn - und eben wahrscheinlich für die nächsten Jahre", sagte er.

Wie steht es nun bei Arcandor?
Leicht erholt zeigte sich die Arcandor-Aktie. Bei dem Reise- und Handelskonzern ziehen sich die Gespräche über die Refinanzierung des Konzerns in die Länge, berichtete das "Handelsblatt". Die Banken forderten Aktien der Tochter Thomas Cook als Sicherheit, was Arcandor ablehne. Am Morgen dementierte Arcandor den Bericht.

Demag in Sippenhaft
Die Aktie von Demag Cranes litt vorübergehend stark unter der Gewinnwarnung des finnischen Konkurrenten Cargotec. Der deutsche Kranbauer bekräftigte aber seine Jahresprognose. "Wir stehen voll und ganz hinter unseren Erwartungen", sagte ein Sprecher des MDax-Unternehmens. Die Bereiche, in denen Cargotec direkt mit Demag Cranes konkurriere, seien von der Warnung auch gar nicht betroffen.

Kingfisher könnte von Hornbach lassen
Der britische Baumarktbetreiber Kingfisher hat seine Bereitschaft zum Verkauf seines 21-prozentigen Anteils an der deutschen Kette Hornbach bekundet. Allerdings müsse der Preis gut sein, sagte Kingfisher-Chef Ian Cheshire. "Unser Anteil bringt uns eine kleine Dividende, es hilft uns im Einkauf, aber er ist nicht hoch genug", sagte Cheshire über Hornbach. Ein Verkauf sei eine Option, da Hornbach nicht zum Kerngeschäft von Kingfisher zähle.

Stühlerücken bei Silicon Sensor
Im späten Geschäft geriet die Aktie von Silicon Sensor unter Druck. Der Hersteller optischer Sensoren hatte ohne Angabe von Gründen gemeldet, dass der bisherige Vorstandschef Bernd Kriegel "ab sofort" nicht mehr Mitglied des Vorstands sei.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr