Streunende Bären an Börsen gesichtet

Angela Göpfert

Stand: 01.10.2009, 20:06 Uhr

Die Pessimisten, im Börsenjargon als "Bären" bezeichnet, haben zu Auftakt des vierten Quartals an den Aktienmärkten ein fulminantes Comeback gefeiert. Dax, Dow & Co. verzeichneten herbe Verluste. Dabei war eine Korrektur an den Börsen nach Meinung von technischen Analysten längst überfällig.

Zahlreiche Indikatoren hatten auf eine "überkaufte" Marktsituation hingewiesen. Auch die Tatsache, dass der Dax zuletzt noch mehr als 20 Prozent über seiner 200-Tage-Linie notiert hatte, war als Verkaufssignal gedeutet worden. Bedeutete dies doch, dass in den Kursen bereits eine sehr positive Erwartungshaltung eingepreist war.

"Ende der Krise nicht in Sicht"
Der direkte Auslöser für die heutige Talfahrt an den Börsen war der unerwartete Rückgang des US-Einkaufsmanagerindex', des wichtigsten konjunkturellen Frühindikators in den Vereinigten Staaten. "Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht", kommentierte ein US-Analyst. Eine kontinuierliche Erholung der US-Wirtschaft zeichne sich nach den Daten nicht ab, vielmehr dürfte diese immer wieder von Rücksetzern geprägt sein.

Zudem lieferten nach den ADP-Daten vom Vortag nun auch die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe eine negative Indikation für den am Freitag anstehenden Arbeitsmarktbericht der US-Regierung.

Warum korrigiert der Markt ausgerechnet heute?
Die Investoren an der Wall Street reagierten entsetzt, auch der Dax schmierte daraufhin am Nachmittag regelrecht ab. Am Ende des Xetra-Handels standen nur noch 5.554 Punkte auf der Dax-Tafel - ein Minus von 2,1 Prozent im Vergleich zum Vortag. Im Laufe des späten Parketthandels baute der Late-Dax sein Minus leicht aus auf 5.553 Zähler. Zu Parkettschluss notierte in New York der marktbreite S&P 500 rund zwei Prozent tiefer, an der Technologiebörse Nasdaq ging es gar um 2,5 Prozent nach unten.

Der Zeitpunkt für diese kräftige Korrektur erscheint dennoch ein wenig willkürlich. Hatten die Märkte doch im Verlauf der Woche schon so einige enttäuschende US-Konjunkturdaten verarbeiten müssen. Am Ende hatte sich das Minus stets in Grenzen gehalten, weil zahlreiche Anleger eine günstige Einstiegschance witterten - Stichwort: Liquiditätsrally. Doch am Donnerstag kippte diese positive Grundstimmung ganz offensichtlich.

Euro Hand in Hand mit Aktienmärkten
Die schlechte Verfassung der Aktienmärkte zog auch den Euro nach unten auf 1,4533 Dollar. Der Eurokurs entwickle sich derzeit immer noch parallel zu den Aktienmärkten. Bei einer pessimistischeren Einschätzung der Konjunkturentwicklung und einem Anstieg der Risikoneigung gerieten Euro und Aktien unter Druck, sagte Thomas Amend, Devisenexperte vom Bankhaus HSBC Trinkaus.

Tandberg haussiert, Cisco verliert
Dow-Jones-Neuaufsteiger Cisco Systems zählte nach der Ankündigung einer milliardenschweren Übernahme zu den Verlierern im US-Leitindex. Der Netzwerkausrüster kauft den norwegischen Anbieter von Videokonferenz-Systemen Tandberg, dessen Anteilsscheine in Norwegen in die Höhe schießen.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
57,19
Differenz relativ
-0,12%

Vorprogrammierter Absturz am US-Automarkt?
Auch Ford-Aktien büßten ein: Im September war der Ford-Absatz in den USA um 5,1 Prozent eingebrochen. Es war allerdings ein vorprogrammierter Absturz: Im September war die US-Version der Abwrackprämie ("Cash for Clunkers") ausgelaufen.

Unter den deutschen Autobauern tat sich Daimler mit einem Absatzminus von 13,4 Prozent negativ hervor. Die künftige VW-Tochter Porsche konnte den US-Absatz dagegen um 8,0 Prozent steigern, BMW immerhin um 3,6 Prozent.

SAP

SAP: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
99,84
Differenz relativ
-0,15%

MüRü macht sich beliebt
An der Dax-Spitze stemmte sich heute die Aktie der Münchener Rück gegen den negativen Trend. Der weltgrößte Rückversicherer will bis zum kommenden Frühjahr eigene Aktien im Wert von bis zu einer Milliarde Euro zurückkaufen. Durch einen Aktienrückkauf steigt meist der Wert der am Markt verbliebenen Aktien.

Konkurrenzbonus bei SAP
Auch die SAP-Aktie verbuchte Kursgewinne, sie profitierte von positiven Quartalszahlen des kleineren Business-Software-Herstellers Lawson Software vom Vorabend. Der US-Wettbewerber hatte mit seinem Quartalsgewinn die Erwartungen der Wall Street übertroffen.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
22,26
Differenz relativ
+1,88%

Sanierungsfall belastet Lufthansa
Zykliker wie BASF, MAN und ThyssenKrupp verbuchten hingegen die größten Verluste im Dax. Auch die Lufthansa-Aktie war am Markt nach der Komplettübernahme der britischen Tochter BMI nicht gut gelitten. Einige Investoren hatten offenbar auf einen raschen Verkauf des Verlustbringers spekuliert.

Deutsche Post: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
28,18
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-2,59%

Keine Extrawurst mehr für Deutsche Post?
Unterdessen warf die künftige schwarz-gelbe Regierung am deutschen Aktienmarkt ihren Schatten voraus: Laut Medienberichten droht der Deutschen Post die baldige Abschaffung ihres Steuerprivilegs. Das drückte die Aktie des Logistikkonzerns 3,1 Prozent ins Minus.

Anwälte reiben sich bei Bayer die Hände
Überproportionale Verluste verbuchte auch die Bayer-Aktie. US-Verbraucherschützer hatten den Pharma- und Chemiekonzern wegen angeblich irreführender Werbung für ein Vitaminpräparat verklagt.

Metro macht schlapp
Die Metro-Aktie wurde von unerwartet schwachen deutschen Einzelhandelsdaten belastet. Zudem lief heute der Pool-Vertrag von Gründungsmitglied Otto Beisheim aus, der somit künftige seine Anteile frei verkaufen kann - ohne sich mit den anderen Großaktionären abstimmen zu müssen.

Minus 54 Prozent auf Xetra
Relativ ungerührt von einer schlechten Handelsstatistik zeigte sich dagegen die Aktie der Deutschen Börse: Der Frankfurter Börsenplatzbetreiber machte auf seiner elektronischen Handelsplattform Xetra im September 54 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahreszeitraum. Im September 2008 hatte die Lehman-Pleite die Börsen-Transaktionen massiv in die Höhe schnellen lassen.

K+S bei Morton am Ziel
Am Nachmittag meldete der Kasseler Düngemittelhersteller K+S den Erwerb des Konkurrenten Morton Salt abgeschlossen zu haben. K+S rechnet mit einer positiven Wirkung auf das Ergebnis je Aktie ab 2010. Der 1,7 Milliarden Dollar schwere Zukauf war von Analysten wiederholt als zu teuer kritisiert worden. Die K+S-Aktie reagierte auf die Vollzugsmeldung nicht.

Deutsche Post: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
28,18
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-2,59%

Wer hat Angst vor schwarz-gelb? Solarwerte!
Im TecDax sorgten Politikeraussagen und Medienberichte über die künftige Energiepolitik für erheblichen Aufruhr: Danach plant die schwarz-gelbe Koalition kräftige Einschnitte bei der Solarförderung. Papiere von Phoenix Solar, Conergy und Solarworld büßten ebenso kräftig ein.

MTU ganz fidel
Einer der wenigen MDax-Gewinner war die MTU-Aktie. Die Deutsche Bank zeigte sich mit dem Zwischenbricht des Motorenherstellers zufrieden und erhöhte ihr Kursziel von 29 auf 37 Euro. Thomas Nagel, technischer Analyst bei Equinet verwies zudem auf positive charttechnische Signale, nachdem der Titel ein neues Anderthalb-Jahreshoch markiert hatte.

Keine klaren Worte vom Postbank-Chef
Postbank-Chef Stefan Jütte hat auf einer Investorenkonferenz für das dritte Quartal eine Verbesserung des Ergebnisses in Aussicht gestellt, einen erneuten Quartalsverlust aber auch nicht ausgeschlossen.

Kein glorreicher Börsenstart
Der erste Börsengang in den streng regulierten Prime Standard der Frankfurter Börse seit Juni 2008 fiel ernüchternd aus. Die Aktien des chinesischen Mobilfunk-Zulieferers Vtion Wireless waren zwar auf dem Ausgabepreis von 10,75 Euro gestartet, fielen jedoch bis zum Xetra-Schluss auf 10,15 Euro zurück.

Ist Fiat mehr wert?
Unter den ausländischen Titeln auf dem Frankfurter Parkett zog die Fiat-Aktie mit einem Plus von bis zu 9,3 Prozent auf 9,53 Euro das Interesse der Anleger auf sich. Morgan Stanley hatte sein Kursziel für den Autotitel auf 16,80 Euro erhöht und damit mehr als verdoppelt. Die Kooperation mit Chrysler biete den Fiat-Aktionären einen Mehrwert von mehreren Milliarden Euro, der im Kurs noch nicht enthalten sei, glauben die Experten.

Dagegen geriet eine andere italienische Aktie heute deutlich unter Druck. Papiere der Telecom Italia fielen wegen Unsicherheiten über den Fortbestand der Telefonica-Beteiligung.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr