Stimmung kippt erneut

Detlev Landmesser

Stand: 22.01.2009, 20:24 Uhr

So gerne sich die Marktteilnehmer am Donnerstag der Hoffnung auf staatliche Rettungstaten hingegeben hätten - die traurige Realität bremste sie mal wieder aus. Die harten Fakten kamen unter anderem von Nokia und Microsoft.

Der L-Dax ging 1,35 Prozent tiefer bei 4.226,86 Punkten aus dem Handel. An der Wall Street herrschten den ganzen Tag über tiefrote Verhältnisse. Erst am Abend hellte sich die Stimmung etwas auf, nachdem das Weiße Haus verlauten ließ, das Paket zur Konjunkturstimulierung müsse bald kommen.

Zu den größten Verlierern gehörte die am Tropf des Staates hängende Bank of America. Diese hatte sich nicht zuletzt mit der Übernahme der Investmentbank Merrill Lynch verhoben. Deren bisheriger Chef John Thain (53) trat am Donnerstag mit sofortiger Wirkung zurück.

In Deutschland hatten vor allem die Bankaktien die Kurserholung angeführt. Doch schon am frühen Nachmittag machten mehrere schwache Unternehmensdaten die Tendenz zunichte.

Nokia und Microsoft "ruinieren die Party"

Der weltgrößte Handyhersteller Nokia blieb mit einem Gewinn je Aktie von 0,26 Euro unter den Prognosen von 0,30 Euro. Auch der Ausblick war trüber als zuvor. Für das laufende Jahr rechnen die Finnen nun mit einem Einbruch des weltweiten Handyabsatzes um zehn Prozent. Die Nokia-Aktie rutschte um bis zu 10,3 Prozent ab. "Die Zahlen haben die Party ruiniert", meinte ein Händler.

Bald darauf versetzte Microsoft dem Markt einen weiteren Schlag. Auch der Softwareriese enttäuschte mit einem Quartalsgewinn pro Aktie von 47 US-Cent die Investoren. Zudem kündigte der weltgrößte Softwarekonzern den Abbau von bis zu 5.000 Arbeitsplätzen an und sah sich zu einer Jahresprognose nicht imstande.

Auch vom amerikanischen Immobilienmarkt kam das übliche traurige Signal. Während die Baubeginne im Dezember auf Monatssicht um 16 Prozent einbrachen, sank die Zahl der Baugenehmigungen um elf Prozent. Damit beschleunigte sich der Rückgang der Wohnungsbauaktivitäten nochmals.

Öl wieder unter 40 Dollar
Die Wirtschaftsflaute schlug sich erneut auf dem Ölmarkt nieder. Der richtungsweisende US-Ölpreis rutschte unter die Marke von 40 Dollar pro Barrel, nachdem ein überraschend starker Anstieg der US-Öllagerbestände gemeldet geworden war.

Bankenrettung auf der Agenda
Am Ende blieben den Finanztiteln von ihren starken Tagesgewinnen nur noch bescheidene Reste. Die Commerzbank, die schon über 14 Prozent zugelegt hatte, schloss mit plus 1,9 Prozent, während sich die Deutsche Bank nur knapp im Plus hielt. Die Kurserholung war von der Branchenvorgabe aus New York und neuen Überlegungen zur Bankenrettung in Deutschland ausgelöst worden.

Die Große Koalition sucht nach Lösungen, die Kreditinstitute aus der Vertrauenskrise zu befreien, ohne sie zu verstaatlichen oder ihnen alle faulen Wertpapiere auf einen Schlag abzukaufen. Diskutiert wird eine so genannte "Bad Bank light", in welche die abschreibungsgefährdeten Papiere im Austausch mit Ausgleichsforderungen ausgelagert würden. Eine klassische "Bad Bank", die den Instituten auf einen Schlag ihre giftigen Papiere abnimmt und damit die Verluste sozialisiert, lehnt die Koalition bisher ab.

Wieviel braucht Qimonda noch?
Die Infineon-Aktie stand auf der Verliererseite des Dax. Die Infineon-Tochter Qimonda habe in den Verhandlungen über staatliche Bürgschaften mitgeteilt, dass es kurzfristig einen zusätzlichen Finanzbedarf von 300 Millionen Euro gebe, berichtete die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf Finanzkreise. Erst kurz vor Weihnachten hatten Sachsen, Portugal und der Mutterkonzern Infineon ein Rettungspaket über 325 Millionen Euro zugesagt.

Fiat warnt vor Geschäftseinbruch
Vom Autosektor kamen nicht wirklich überraschende Nachrichten: Fiat bereitete seine Aktionäre auf einen massiven Absatz- und Ergebnisrückgang vor. Im laufenden Jahr werde der Fahrzeug-Absatz um 20 Prozent einbrechen, teilte der italienische Autokonzern mit. Die Fiat-Aktie verlor zweistellig. Bei der VW-Tochter Audi wird indessen ebenfalls über Kurzarbeit nachgedacht.

Heidelberger Druck auf Partnersuche
Die Aktie von Heidelberger Druck konnte sich im Verlauf nicht im Plus halten. Das Management präsentiere sich und die Strategie bereits seit mehreren Wochen bei potenziellen Interessenten, schrieb das "Handelsblatt" unter Berufung auf Finanzkreise. Sie sollen vor allem frisches Geld zuschießen. Heidelberger Druck, Weltmarktführer bei Bogendruckmaschinen, kämpft mit Problemen, weil die überwiegend mittelständischen Druckereien angesichts der Werbeflaute kaum neue Maschinen ordern.

US-Auftrag für Hochtief
Die Hochtief-Aktie gehörte zu den stärkeren Titeln im MDax. Die amerikanische Hochtief-Tochter Turner hat in den USA einen Auftrag über etwa 373 Millionen Euro erhalten. Das Unternehmen baut in New Jersey ein Krankenhaus für die Universität Princeton. Der Auftrag habe ein Volumen von 340 Millionen Euro.

Arques verkauft Firmenpaket
Die Arques-Aktie verlor 0,5 Prozent. Die zuletzt glücklose Beteiligungsgesellschaft hat ein Paket von vier ihrer Unternehmen an den Konkurrenten BluO verkauft. Die Transaktion habe ein Volumen von 30 Millionen Euro, 20 Millionen würden Arques in bar zufließen, teilte der Starnberger Konzern mit. Die vier Unternehmen sind die Nachrichtenagentur ddp, die BEA-Gruppe, der Klebebandproduzent Evotape sowie das Spezialchemieunternehmen Rohner. Sie alle wurden vor einigen Jahren zu einem symbolischen Preis übernommen. Hinter BluO verbergen sich die beiden ehemaligen Arques-Chefs Peter Löw und Martin Vorderwülbecke.

Vivacon hat neuen Chef
Die Kölner Immobilienfirma Vivacon hat ihren neuen Chef im eigenen Aufsichtsrat gefunden. Der Aufsichtsrat habe Eckhard Rodemer mit sofortiger Wirkung zum Vorstandschef bestellt, teilte Vivacon mit. Der frühere Chef Michael Jung war zum Jahresende ausgeschieden. Die deutschen Immobilienfirmen sind 2008 in den Sog der Finanzkrise geraten. Vivacon kassierte seine Gewinnprognose von 60 Millionen Euro und wagte keine neue mehr.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"