Stillstand an den Börsen

Stand: 08.08.2012, 20:05 Uhr

Den Börsen ist nach der jüngsten Rally die Puste ausgegangen. Dax und Dow pendelten am Mittwoch auf ihrem Vortagesniveau. Viele Anleger machten Kasse. Teils enttäuschende Quartalszahlen und trübe Konjunkturdaten aus Deutschland bremsten die EZB-Euphorie.

Die gute (Börsen-)Laune der letzten Tage ist etwas verflogen. Der Dax schaffte es am Mittwoch nicht, seinen Höhenflug fortzusetzen. Erstmals seit Freitag schloss er wieder im Minus, wenn auch nur minimal um 0,03 Prozent bei 6.966 Punkten. Zeitweise hatte es nach deutlicheren Kursverlusten ausgesehen. Der deutsche Leitindex büßte in der Spitze fast ein Prozent ein. Die robuste Wall Street hievte den Dax aber dann wieder fast nach oben.

Am Abend drehte allerdings der Dow Jones wieder leicht ins Minus. Das führte zu Kursabschlägen im spätbörslichen Parketthandel. Der L-Dax beendete den Tag 0,3 Prozent tiefer bei rund 6.948 Zählern.

7.000 Punkte weiter in Reichweite
Trotzdem rechnen einige Börsianer mit einem baldigen Sprung des Dax über die Schallmauer von 7.000 Punkten. Es scheine nur noch eine Frage der Zeit, bis die runde Marke geknackt werde, meinte ein Händler. Seit Freitag hat der Dax gut sechs Prozent zugelegt - getragen von der Hoffnung auf neuerliche EZB-Hilfen für die maroden Krisenländer in der Eurozone. Viele Investoren stünden jetzt unter Druck, auf den fahrenden Zug aufzuspringen.

Deutsche Exporte schrumpfen
Andere Marktteilnehmer warnen aber vor zu viel Euphorie und weisen auf die weiter trübe fundamentale Konjunkturlage hin. So belastet die Euro-Krise zunehmend die deutsche Wirtschaft. Im Juni exportierten die deutschen Firmen 1,5 Prozent weniger als im Vormonat. Die Exporte in die Euro-Zone schrumpften gar um drei Prozent.

Run auf Bundesanleihen, Sorgen um Spanien
An den Anleihemärkten bleiben Bundesanleihen der "sichere Hafen". Die Auktion zehnjähriger Bundesanleihen sorgte am Mittwoch für eine starke Nachfrage. Die Auktion war 1,8-fach überzeichnet. Indes kletterten die Renditen für zehnjährige spanische Anleihen zeitweise wieder auf über sieben Prozent. Händler befürchten, dass es noch lange dauern werde, bis Spanien unter den Rettungsschirm schlüpfen müsse. Schlechte Nachrichten kamen auch aus Großbritannien. Die Bank of England senkte ihre Prognose für das mittelfristige Wirtschaftswachstum. Weitere Zinssenkungsmaßnahmen seien keine Lösung, sagte der Notenbankchef , Mervyn King.

US-Produktivität stärker als erwartet
Eine positive Überraschung gab es von der US-Konjunkturfront. Die Produktivität der amerikanischen Wirtschaft stieg im zweiten Quartal stärker als erwartet und kletterte aufs Jahr hochgerechnet um 1,6 Prozent. Analysten hatten nur mit einem Zuwachs von 1,3 Prozent gerechnet. Der Euro notierte am Abend bei 1,2350 Dollar.

Commerzbank stopft Kapitallücke
An die Dax-Spitze sprang die Aktie der Commerzbank. Laut Insiderquellen hat das Geldinstitut die Kapitalanforderungen der EU-Bankenaufsicht EBA mehr als erfüllt. Die Commerzbank soll nicht nur die von der EBA ermittelte Kapitallücke von 5,3 Milliarden Euro gestopft, sondern bis Ende Juni 8,1 Milliarden Euro Eigenkapital aufgebracht oder freigesetzt haben. Die Kernkapitalquote sei auf mehr als zwölf Prozent gesteigert worden sein.

Lincare-Deal beflügelt Linde
Auf Platz zwei der Top-Gewinner landete Linde mit einem Plus von 1,5 Prozent. Der Industriegasehersteller ist bei seiner Übernahme des amerikanischen Unternehmens Lincare fast am Ziel, Linde konnte sich 94,6 Prozent der Anteile sichern. Im dritten Quartal soll die Komplettübernahme vollzogen werden.

Punktsieg für Metro
Im Machtkampf um den Elektronikhändler Media-Saturn mit Gründer Erich Kellerhals hat Metro einen Etappenerfolg erzielt. Laut einer Entscheidung des Schiedsgerichts könne der Handelskonzern künftig Beschlüsse zum Beispiel zu Investitionen mit einfacher Mehrheit durchsetzen, hieß es aus dem Umfeld der Prozessbeteiligten. Während ein Metro-Sprecher das Urteil positiv bewertete, sah ein Sprecher der Kellerhals-Beteiligungsgesellschaft keine Partei im Vorteil. Am Donnerstag entscheidet das Oberlandesgericht München über den Streitfall zwischen Metro und Kellerhals.

Lufthansa droht neuer Streik
Als Schlusslicht im Dax rangierte dagegen die Lufthansa. Die Aktie büßte fast drei Prozent ein. Der Titel litt unter der Streikdrohung der Stewards und Stewardessen. Zudem lasteten schlechte Zahlen von Cathay Pacific auf der Aktie. Die Airline aus HongKong hat unerwartet einen Halbjahresverlust verbucht.

Internet wird zum Gewinnmotor von Springer
Im Blickpunkt standen am Mittwoch zahlreiche Firmen aus der zweiten Reihe mit ihren Bilanzen. So präsentierten im MDax Axel Springer, Brenntag und Stada robuste Zahlen. Der Medienkonzern Axel Springer profitierte vom Online-Geschäft und von seinen Auslandsaktivitäten. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg im zweiten Quartal um rund sechs Prozent auf etwa 172 Millionen Euro, der Umsatz legte um rund fünf Prozent auf etwa 831 Millionen Euro zu. Das digitale Geschäft trug mehr als ein Drittel zum Gewinn bei. Die Aktie schloss unverändert.

Umbau drückt Stada-Ergebnis
Nur knapp im Minus beendete die Stada-Aktie den Tag. Der Generika-Hersteller ist auf dem Weg der Besserung, das zweite Quartal fiel besser aus als das erste. Kosten für den laufenden Konzernumbau drückten den Gewinn des Arzneimittelherstellers zwar, einige Investoren hatten aber wohl mit Schlimmeren gerechnet. Der Stada-Chef bekräftigte die Jahresprognose.

Brenntag-Ausblick enttäuscht
Der Chemikalienhändler konnte dank der jüngsten Zukäufe dem sich abschwächenden Konjunkturumfeld trotzen. Das operative Ergebnis (Ebitda) stieg im zweiten Quartal um zehn Prozent. Hinter den Erwartungen blieb aber der konkretisierte Ausblick von Brenntag. Die Aktie verlor fast drei Prozent.

Klöckner & Co.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Kalte Dusche von KlöCo
Enttäuschend fielen dagegen die Zahlen von Klöckner & Co (KlöCo) aus. Die Aktien rutschten um vier Prozent ab und waren größter MDax-Verlierer. Die trübe Wirtschaftslage in Europa hat KlöCo im zweiten Quartal einen Nettoverlust eingebrockt. Der Stahlhändler verstimmte Anleger vor allem mit einem skeptischen Ausblick.

Fraport: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Landebahn bremst Fraport-Gewinn
Ernüchternde Zahlen lieferte auch Fraport. Der Betreiber des größten deutschen Flughafens verdiente im zweiten Quartal rund 13 Prozent weniger. Zinsen und Abschreibungen für den Flughafenausbau zehrten am Gewinn. Die Aktie purzelte um rund drei Prozent nach unten.

Douglas leidet unter Thalia
Die Buchhandelskette Thalia hat Douglas einen unerwartet hohen Verlust von fast zehn Millionen Euro im abgelaufenen Quartal eingebrockt. Der Handelskonzern steuert wegen der Thalia-Sanierung auf ein Verlustjahr zu. Die Douglas-Aktie verlor ein Prozent.

Gigaset: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Gigaset will sich reich sparen
Spitzenreiter im TecDax war Gigaset mit einem Plus von fast neun Prozent. Zwar lassen die Geschäfte zu wünschen übrig. Der Telefonhersteller verbuchte einen Gewinneinbruch. Doch das war nach der Gewinnwarnung Ende Juni klar. Anleger honorierten das angekündigte Sparprogramm, mit dem Gigaset die Ausgaben künftig um 30 Millionen Euro pro Jahr drücken will.

Evotec operativ zurück in der Gewinnzone
Auf der Verliererseite rangierte Evotec ganz vorne mit einem Minus von fast fünf Prozent. Dabei wies das Biotechunternehmen ein operatives Ergebnis von 2,6 Millionen Euro aus - nach einem operativen Verlust im ersten Quartal. Anleger strichen offenbar Gewinne ein, da die Aktie zuletzt gut gelaufen war.

Überraschungscoup von Jenoptik?
Am Donnerstag präsentiert Jenoptik seine Zahlen. Wie am Mittwochabend aus unternehmensnahen Kreisen durchsickerte, hat der Technologiekonzern offenbar deutlich mehr verdient als von Analysten erwartet. Das Betriebsergebnis werde über den prognostizierten 12,4 Millionen Euro liegen. Vor zwei Wochen hatte Jenoptik bereits seine Prognose für das Gesamtjahr erhöht.

Air Berlin bleibt in Turbulenzen
Nach Xetraschluss präsentierte Air Berlin seine vorläufigen Zahlen. Wegen der hohen Kerosinpreise rutschte die Billig-Airline noch tiefer in die roten Zahlen. Der Verlust erhöhte sich um 50 Prozent auf 66,2 Millionen Euro. Der Umsatz erhöhte sich leicht um knapp zwei Prozent.

Rote Zahlen von Tom Tailor
Die Übernahme der Bekleidungskette Bonita, Investitionen in neue Läden sowie Finanzierungs- und Marketingkosten drückten das Ergebnis von Tom Tailor im ersten Halbjahr. Unterm Strich summierte sich ein Verlust von 7,2 Millionen Euro. Der Modekonzern will aber zum Jahresende die Wende schaffen und raus aus den roten Zahlen. Die SDax-Aktie rutschte um 0,7 Prozent ab.

Tomorrow Focus kommt Expansion teuer zu stehen
Die internationale Expansion und hohe Marketingaufwendungen bremsten den Internet-Dienstleister im zweiten Quartal. Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen sank um 13 Prozent auf 3,5 Millionen. Immerhin stieg der Umsatz um 12 Prozent auf 33,7 Millionen Euro. Die Aktie verlor über drei Prozent.

Intershop-Gewinn bricht ein
Das Software-Unternehmen Intershop hat im ersten Halbjahr deutlich weniger verdient als im Vorjahreszeitraum. Der Überschuss schrumpfte von 1,1 Millionen auf 235.000 Euro. Der Umsatz stieg hingegen um 15 Prozent auf 26.4 Millionen Euro. Die Aktie sackte um elf Prozent ab.

Epigenomics auf Schrumpfkurs
Ebenfalls nicht überzeugen konnte die Biotech-Firma Epigenomics. Der Umsatz im zweiten Quartal halbierte sich auf 156.000 Euro. Der Verlust weitete sich auf 3,4 Millionen Euro aus. Die Liquidität schrumpfte um fast fünf Millionen Euro auf 9,1 Millionen Euro. Die Biotech-Aktie büßte rund sechs Prozent ein.

ING streicht Dividende
Zahlen gab es auch von ausländischen Konzernen. So bekam der niederländische Finanzkonzern die europäische Schuldenkrise zu spüren. Der Gewinn brach im zweiten Quartal um ein Fünftel auf 1,17 Milliarden Euro ein. Besonders in Spanien und Griechenland musste ING Rückstellungen für faule Kredite bilden. Der Foinanzkonzern strich deshalb die übliche Zwischendividende. Die ING-Aktie gab rund ein Prozent nach.

Sprudelnde Gewinne bei OMV
Anders als die großen Konkurrenten wie Shell hat der österreichische Öl- und Gaskonzern OMV im zweiten Quartal seinen Gewinn deutlich steigern können. Das um Lagereffekte bereinigte Betriebsergebnis erhöhte sich um über 80 Prozent auf 865 Millionen Euro. OMV profitierte von höheren Margen im Raffineriegeschäft und der wiederangelaufenen Produktion in Libyen. Die OMV-Aktie büßte gut ein Prozent ein.

HP erhöht Gewinnprognose
Überraschend hat am Abend Hewlett-Packard (HP) seine Gewinnprognose für das dritte Quartal angehoben. Der Computerkonzern stellte einen Gewinn von einem Dollar je Aktie in Aussicht. Bisher waren lediglich 94 bis 97 Cent je Aktie angepeilt gewesen. Andererseits muss HP Abschreibungen auf den Wert der Service-Sparte von acht Milliarden Dollar vornehmen. Die HP-Aktie legte über zwei Prozent zu.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 16. August

Unternehmen:

Carlsberg: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
Swisscom: Q2-Zahlen, 7:15 Uhr
Aegon: Halbjahreszahlen, 7:30 Uhr
Wirecard: Halbjahreszahlen (endg.), 7:30 Uhr
Henkel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Sixt: Q2-Zahlen (endg.), 7:30 Uhr
Walmart: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
Nvidia: Q2-Zahlen, 22.20 Uhr

Konjunktur
Japan: Handelsbilanz 07/18, 01:50 Uhr
EU: Handelsbilanz 06/08, 11:00 Uhr
USA: Philadelphia Fed Index 08/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Baubeginne und -genehmigungen, 14:30 Uhr