Stagflation statt Stabilisierung?

Detlev Landmesser

Stand: 17.12.2007, 20:33 Uhr

Neues von der Kreditkrise und anhaltende Inflations- und Zinssorgen bestimmten das Geschehen zum Wochenbeginn. Sie verhinderten erfolgreich das sonst gegen Jahresende übliche Anziehen der Kurse.

Der L-Dax schloss 1,87 Prozent tiefer bei 7.786,55 Punkten. Die Wall Street setzte ihre Abwärtsbewegung bis zum Abend fort. Nach wie vor lastet die Sorge vor einem deutlichen Preisauftrieb und einer daher restriktiveren Geldpolitik auf den Kursen - und das in einer Zeit, in der sich die Investoren zunehmend über die weitere Entwicklung der Unternehmens- und vor allem der Bankgewinne sorgen. Das Gespenst einer "Stagflation", also einer Phase starker Inflation trotz schwachem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit, macht wieder die Runde.

Am Morgen war bekannt geworden, dass die größte Schweizer Bank UBS im ersten Quartal 2008 voraussichtlich weitere 4,5 Milliarden Franken (2,71 Milliarden Euro) abschreiben muss. Dabei hatte das Geldhaus erst am vergangenen Montag Verluste von zehn Milliarden Franken für das laufende vierte Quartal angekündigt. Zu den größten Verlierern am deutschen Markt zählten denn auch Finanztitel wie Hypo Real Estate und Commerzbank.

Außerdem meldete die australische Centro Properties, die stark in den USA engagiert ist, Probleme bei der Refinanzierung. Die Ertragsziele für 2008 müssten gesenkt werden, teilte der fünftgrößte Besitzer von Einzelhandels-Immobilien in den USA mit. Zudem sei möglicherweise ein Umbau des Unternehmens notwendig. Die Aktie des Konzerns, der Immobilien-Anlagen im Wert von knapp 16 Milliarden Euro hält, brach daraufhin in Sydney um drastische 73 Prozent ein. Die Probleme des australischen Konzerns lasten am Montag auf auch den deutschen Immobilientiteln. Die Aktie der Bonner IVG etwa büßte weitere 7,6 Prozent ein.

New Yorker Konjunkturindex bricht ein

Die jüngsten US-Konjunkturdaten wurden dagegen per Saldo gelassen hingenommen. Dabei ist der Konjunkturindex der New Yorker Fed im Dezember drastisch von 27,4 auf 10,3 Punkte eingebrochen. Volkswirte hatten den Empire State Manufacturing Index dagegen im Schnitt bei 21,8 Punkten gesehen. Dagegen fiel das Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz im dritten Quartal etwas niedriger als erwartet aus. Der Fehlbetrag habe 178,5 Milliarden Dollar betragen, teilte das US-Handelsministerium mit. Das Defizit des zweiten Quartals wurde von 190,8 Milliarden auf 188,9 Milliarden Dollar revidiert. Von Thomson Financial befragte Experten hatten für das dritte Quartal im Schnitt ein Defizit von 185,1 Milliarden Dollar erwartet

Eher beruhigend war auch die Normalisierung bei den Nettokapitalzuflüssen im Oktober. Netto verbuchte die größte Volkswirtschaft der Welt einen Zufluss von 97,8 Milliarden Dollar, teilte das US-Finanzministerium mit. Im September hatten die USA noch einen Abfluss von revidiert 32,8 Milliarden Dollar verbucht.

Konzertierte Aktion gestartet
Unterdessen ist die Aktion der führenden Zentralbanken gegen die drohende Kreditklemme angelaufen. Nach Milliarden-Zuteilungen der EZB und der Schweizerischen Nationalbank soll die Fed folgen, die zusätzliche Kredite von bis zu 20 Milliarden Dollar an die Banken austeilt. Die Bank of England zieht am Dienstag nach. Bei einer erfolgreichen Auktion könnten die Zinsen am Geldmarkt nachgeben und das Misstrauen der Geschäftsbanken untereinander weichen, hoffen Analysten.

Infineon fällt zurück
Schwächster Dax-Titel war Infineon mit einem Abschlag von fünf Prozent. Händler führten zum einen wieder fallende DRAM-Preise an. Zudem besagt eine aktuelle Branchenstudie des Marktforschungsinstituts Gartner, dass Infineon 2007 mit erwarteten Erlösen von 9,812 Milliarden Dollar auf 6,8 Prozent weniger Umsatz als vor einem Jahr komme und damit größte Verlierer der weltweiten Top 10 sei. Einschließlich der Tochter Qimonda liege Infineon im Halbleitermarkt mit 3,6 Prozent Marktanteil auf Platz fünf.

Conti wartet auf den Schnee
Die Conti-Aktie verlor ebenfalls stärker als der Dax. Das milde Wetter drückt nämlich das Geschäft mit Winterreifen. "Wir werden das Jahr bestenfalls mit einem Minus von 17,4 Prozent im Winterreifenabsatz beenden", sagte Peter Hülzer, Chef des Reifenhändlerverbands. Im November seien die Bestellungen um 45 Prozent eingebrochen.

RWE hin- und hergerissen
RWE verliert massenhaft Kunden. Laut einem Unternehmenssprecher wechseln derzeit Zehntausende RWE-Kunden den Stromanbieter. Anlass sei die zum ersten Januar geplante Anhebung der Tarife um knapp zehn Prozent. Als Reaktion auf die Kündigungswelle bietet der Konzern seinen Kunden eine Preisgarantie für drei Jahre an. Trotz dieser Nachrichten war die RWE-Aktie mit einem bescheidenen Plus von 0,44 Prozent der größte Dax-Gewinner. Das lag wohl an einem Bericht der "Welt", dass die kommunalen Aktionäre ihren Einfluss auf den Versorger verlieren. Nachdem mehrere Kommunen Anteile verkauft hätten, wollten nun weitere ihre Anteile veräußern, berichtete die Zeitung. Damit könnte RWE im kommenden Jahr ohne Sperrminorität der öffentlichen Hand dastehen und Ziel einer feindlichen Übernahme werden.

Münchener Rück stärkt sich in den USA
Die Aktie der Münchener Rück hielt sich besser als der Dax. Der weltweit zweitgrößte Rückversicherer will den US-Krankenversicherer Sterling Life übernehmen. Der Kaufpreis beträgt 352 Millionen Dollar. Die Transaktion soll voraussichtlich im ersten Quartal 2008 vollzogen werden, wenn alle behördlichen Genehmigungen vorliegen. Die Übernahme wird aus Eigenmitteln finanziert. Sterling Life erzielt im laufenden Jahr den Angaben zufolge geschätzte Beitragseinnahmen in Höhe von 805 Millionen Dollar und verfügt über 155.000 Kunden.

Arcandor-Zahlen sickern durch
Offenbar durchgesickerte Zahlen zum dritten Quartal konnten den Tagesverlust der Arcandor-Aktie nur ein wenig bremsen. Der Warenhaus- und Touristikkonzern habe im Rumpfgeschäftsjahr 2007 ein operatives Ergebnis von mehr als 500 Millionen Euro erreicht, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vorab aus ihrer Dienstagausgabe unter Berufung auf das Umfeld des Konzerns. Im Vorjahr war noch ein Verlust in zweistelliger Millionenhöhe angefallen. Der Umsatz in dem drei Quartale umfassenden Geschäftsjahr betrage 14 Milliarden Euro und liege damit sogar über dem Zwölfmonatswert des Vorjahres, als 13 Milliarden zu Buche gestanden hätten. Arcandor will die Zahlen zu seinem Rumpfgeschäftsjahr am Dienstag vorlegen. Konzernchef Thomas Middelhoff hatte bereits angekündigt, das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen werde im dritten Quartal um einige Hundert Millionen Euro über dem Vorjahreswert von 50 Millionen liegen.

Rettung der IKB wird noch teurer
Der Wert der IKB-Aktie schwand am Montag weiter. Der MDax-Titel verlor über zehn Prozent auf ein historisches Tief von 7,12 Euro. Die Rettung der Mittelstandsbank könnte den Großaktionär KfW über fünf Milliarden Euro kosten. "Es kann sein, dass es weniger wird als fünf Milliarden Euro, aber auch mehr, falls sich das Marktumfeld weiter verschlechtert", sagte KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier in einem Zeitungsinterview. Bislang habe die staatliche Förderbank die Risikovorsorge auf 4,95 Milliarden erhöht. Zudem habe die KfW ihre 38-prozentige Beteiligung an der IKB um 400 Millionen Euro abgeschrieben. Aus heutiger Sicht wäre die IKB nicht gerettet worden, so die KfW-Chefin.

Premiere lässt spekulative Luft ab
Zweitschwächster MDax-Titel war die Aktie von Premiere. Laut Händlern ist das erhoffte Übernahmeangebot im Bereich von 16 bis 16,50 Euro über das Wochenende ausgeblieben. In der Vorwoche waren die Übernahmegerüchte um den Bezahlsender nicht abgerissen und hatten die Aktie deutlich nach oben getrieben. So hatte die "Börsen-Zeitung" berichtet, dass die französische Vivendi die Investmentbank Lazard zur Vorbereitung eines Einstiegs bei Premiere mandatiert habe. Auch Axel Springer wurde als Interessent gehandelt.

Vossloh verkauft mehr Dieselloks
Für Vossloh gab es eine gute Nachricht. Die Kieler Tochter Vossloh Locomotives GmbH hat im laufenden Geschäftsjahr 55 Lokomotiven abgesetzt, zehn mehr als im Vorjahr. Das Ergebnis für 2007 "sei deutlich besser als geplant", erklärte Geschäftsführer Andreas Hopmann. Die GmbH veröffentlicht aber nach seinen Worten keine Ergebnis- und Umsatzzahlen. Als Gründe für den gestiegenen Absatz nannte Hopmann die gute konjunkturelle Situation auf den europäischen Güterverkehrsmärkten und die fortschreitende Liberalisierung des Schienenverkehrs.

Nordex-Umsatzziel steht in Frage
Die Nordex-Aktie verlor sechs Prozent. Der Windanlagenbauer wird sein Umsatzziel für das laufende Geschäftsjahr möglicherweise verfehlen. Die rechtzeitige Fertigstellung von zwei Windparks in Italien vor Jahresende stehe wegen schlechter Wetterbedingungen in Frage, sagte Unternehmenschef Thomas Richterich der "Financial Times Deutschland". Nordex wollte in diesem Geschäftsjahr die Erlöse um etwa die Hälfte auf 760 bis 770 Millionen Euro steigern. Bereits im dritten Quartal hatte das Unternehmen mit Projektverzögerungen enttäuscht. Mittelfristig jedoch will Nordex weiter um 50 Prozent jährlich wachsen.

UI-Chef redet Freenet und Versatel herunter
Der Internet-Dienstleister United Internet will Freenet und Versatel vorerst nicht komplett übernehmen. In den Aktienkursen beider Firmen sei zuviel Übernahmefantasie eingepreist, sagte UI-Chef Ralph Dommmermuth dem "Handelsblatt". Deswegen könne er sich eine Übernahme momentan nicht vorstellen, weder bei Freenet noch bei Versatel.

Unterdessen kündigte die Freenet-Tochter Klarmobil an, in den Stromhandel einzusteigen. Dazu wurde eine Kooperation mit dem Energiekonzern RWE geschlossen, der seinen Strom bundesweit unter dem Namen Eprimo anbietet. Klarmobil folgt damit dem Vorbild der Telefongesellschaft Teldafax, die ebenfalls im Stromhandel aktiv ist.

Alstria kauft weitere Büroimmobilien
Wie die anderen deutschen Immobilientitel stand auch Alstria Office weiter unter Druck. Auch die Mitteilung eines weiteren Immobilienkaufs bremste den Kursverfalls kaum. Alstria Office übernimmt vom Versicherer HUK Coburg fünf Bürogebäude. Die Gesamtkosten lägen bei etwa 53 Millionen Euro, die jährlichen Mieteinnahmen bei rund 3,3 Millionen Euro. Die Immobilien sollen nach dem Verkauf von HUK Coburg angemietet werden. Die Transaktion soll im nächsten Jahr abgeschlossen werden.

Alitalia-Verkauf vor der Entscheidung
Einen Tag vor der erwarteten Auswahl eines Käufers für die angeschlagene Fluggesellschaft Alitalia warben beide Bewerber für ihre Angebote. Die französisch-niederländische Fluggesellschaft Air France-KLM will die italienische Airline komplett über einen Aktientausch übernehmen. Die unverbindliche Übernahmeofferte umfasse auch die Übernahme aller Alitalia-Wandelanleihen sowie eine sofortige Finanzspritze von 750 Millionen Euro mittels einer Kapitalerhöhung, teilte Air France-KLM mit. Die italienische AP Holding, Muttergesellschaft des Regionalfliegers Air One, bietet dagegen einen Cent je Aktie. Dafür will das Unternehmen eine Milliarde Euro neues Kapital einschießen.

Isra Vision überrascht positiv
Die Aktie von Isra Vision setzte ihren Erholungskurs fort. Das auf die industrielle Bildverarbeitung spezialisierte Unternehmen hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 2006/07 einen Jahresüberschuss von 5,1 Millionen Euro erzielt und damit seine zuvor revidierte Prognose übertroffen. Der Konzernumsatz stieg um acht Prozent auf 51,3 Millionen Euro. Im Juli hatte Isra Vision den Wettbewerber Parsytec übernommen.

Tagestermine am Donnerstag, 22. November

Unternehmen:
RemyCointreau: Halbjahreszahlen, 7.30 Uhr
Jost Werke: Neun-Monats-Zahlen
Siemens Healthineers: Geschäftsbericht.

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise 10/18, 00:30 Uhr
EU: Acea, Nutzfahrzeugzulasssungen 10/18, 8:00 Uhr
EU: EZB-Sitzungsprotokoll v. 25.10.2018
EU: Verbrauchervertrauen 11/18 (vorab), 16:00 Uhr.

Sonstiges:
USA: Feiertag (Thanksgiving), Börse geschlossen.