Stabilisierung oder Herbst-Blues?

Notker Blechner

Stand: 23.09.2010, 20:06 Uhr

Die Talfahrt am deutschen Aktienmarkt geht weiter: der Dax fiel am Donnerstag den dritten Tag in Folge. Händler sprachen von einer Verschnaufpause. Durchwachsene Konjunkturdaten aus den USA reichten nicht, um die Skepsis der Anleger zu vertreiben. Neue Sorgen gab es um Irland.

Ist das der September-Blues oder doch nur eine Verschnaufpause vor einem neuen Anlauf zum Jahreshoch? Händler glauben eher an letzteres. Der Dax befinde sich weiter in einer Phase der Festigung, nachdem er Anfang der Woche in Richtung seines Jahreshochs von rund 6.387 Punkten gelaufen war, meint Chefhändler Fidel Helmer von der Privatbank Hauck & Aufhäuser. "Die Börse holt jetzt mal wieder tief Luft, denn auch jetzt sind wir noch nicht all zu weit entfernt von den Jahreshöchstständen im Dax", sagte Helmer.

Tatsächlich waren die Kursverluste am Donnerstag nicht all zu dramatisch. Der Dax büßte knapp 0,4 Prozent ein und fiel auf knapp 6.185 Punkten. Im späten Parketthandel stagnierte der L-Dax und schloss bei 6.184 Zählern. Am frühen Nachmittag hatte es noch viel düsterer ausgesehen. Der Dax war um über ein Prozent abgesackt.

Zwiespältiger Konjunktur-Mix aus den USA

Schuld daran waren zunächst schlechte Arbeitsmarktdaten aus den USA. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stiegen überraschend um 12.000 auf 465.000. Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 450.000 Anträge gerechnet. Für Erleichterung sorgten dann aber die anderen Konjunkturdaten, die besser als erwartet ausfielen. Der Index der Frühindikatoren stieg um 0,3 Prozent und lag damit über den prognostizierten 0,1 Prozent. Und auch am Immobilienmarkt besserte sich die Lage. Im August stieg die Zahl der Häuser, die ihren Besitzer wechselten, um knapp acht Prozent gegenüber dem Vormonat auf 4,13 Millionen. Die Erwartungen der Experten wurden leicht übertroffen.

Das half der Wall Street etwas nach oben. Nach einem schwachen Start drehte sie kurz vor Xetra-Schluss knapp ins Plus. Inzwischen notiert sie wieder nahezu unverändert.

Klima in Europa trübt sich ein

Der Dax wurde zusätzlich von schlechten Konjunkturdaten aus Europa belastet. Der Einkaufsmanager-Index in der Euro-Zone trübte sich überraschend deutlich ein und sank von 56,2 auf 53,8 Punkten zurück. Experten hatten einen leichten Rückgang auf 55,7 Zähler prophezeit. Deka-Bank-Experte Andreas Scheuerle sprach von einer "bitteren Pille".

Sorgen um Irland
Neue Sorgen um die verstaatlichte Anglo Irish Bank trieben am Donnerstag die Risiko-Aufschläge für irische Staatsanleihen auf ein Rekordhoch. Die Spreads zehnjähriger irischer Staatspapiere kletterten im Vergleich zu entsprechenden Bundesanleihen auf 426 Basispunkte. Der Chef der irischen Finanzagentur hat es angeblich abgelehnt, den Haltern nachrangiger Anleihen des Kreditinstitutes Schutz vor den Auswirkungen der geplanten Umschuldung zuzusichern. Zudem ist Irland überraschend im zweiten Quartal wieder in die Rezession gerutscht. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte im Vergleich zum ersten Quartal um 1,2 Prozent.

Ackermann warnt vor zu viel Regulierung
Ein Teil der Finanzbranche versammelte sich am Donnerstag in Frankfurt, um auf der Finanzplatz-Konferenz der "Zeit" Lehren aus der Lehman-Pleite vor zwei Jahren zu ziehen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann warnte vor nationalen Alleingängen bei der Regulierung der Finanzmärkte. Andernfalls drohe der Finanzplatz Deutschland im internationalen Wettbewerb weiter zurückzufallen. Die Schrauben für Kreditinstitute sollten nicht zu stark angezogen werden, riet Ackermann. "Wir müssen nicht den Musterknaben spielen." Als Lehre aus der Krise empfahl Ackermann, Banken die Möglichkeit zur Insolvenz zu geben. Es dürfe nicht sein, dass Banken, die zu scheitern drohen, "alle schlechten Dinge weggeben und dann mit einer reinen Bilanz in den Wettbewerb zurückkehren können".

Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) rügte derweil, dass nach der Krise die Exzesse an den Finanzmärkten weitergehen würden. Es gäbe nur vereinzelt ein Innehalten. Seiner Ansicht nach wird die Krise aber dazu führen, dass sich die Verhältnisse in der Finanzwelt verschieben und die anglo-amerikanische Dominanz abnehmen wird. "In Asien werden neue Finanzzentren entstehen", prophezeite der Politiker. Rückblickend verteidigte er das massive Einschreiten der Regierung zur Rettung notleidender Geldinstitute. Die Garantie, die er nach dem Hypo-Real-Estate-Desaster vor rund zwei Jahren mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für die privaten Bankeinlagen abgegeben hatte, beschrieb er als "Ritt auf der Rasierklinge". Eine Rechtsgrundlage hätten sie nicht gehabt.

Ceconomy ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
4,66
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-1,46%

Metro profitiert von Optimismus im Einzelhandel
Zu den wenigen Lichtblicken am Donnerstag zählte die Einzelhandelsbranche. Angesichts der Entspannung am Arbeitsmarkt blicken die Einzelhändler so optimistisch in die Zukunft wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Der Branchenverband HDE schraubte die Jahresprognose nach oben. Statt einer Stagnation rechnet der HDE nun mit einem Umsatzplus von 1,5 Prozent im Einzelhandel. Das trieb die Metro-Aktie an. Sie war mit fast drei Prozent Plus klarer Dax-Spitzenreiter.

Grünes Licht für Bayer-Mittel in China
Platz zwei unter den Top-Gewinnern ging an die Bayer-Aktie mit einem Plus von rund 1,4 Prozent. Sie profitierte von der Meldung, dass der Konzern sein Multiple-Sklerose-Medikament Betaferon nun auch in China vermarkten kann. Im Reich der Mitte leiden laut Bayer rund 15.000 Menschen an der schubförmig verlaufenden Form der Multiplen Sklerose.

BASF-Ausblick wirkt nach
Etwas fester schlossen ebenfalls die Bayer-Aktien. Eine positive Studie von Morgan Stanley zur Chemiebranche beflügelte die Titel. Die Analysten halten Chemie-Aktien weiter für günstig. Selbst wenn die Weltwirtschaft nochmals in die Rezession rutsche (Double Dip), sei der Chemiesektor trotz der zu erwartenden Umsatz- und Gewinnrückgänge nicht teuer. Nach optimistischen Aussagen von BASF-Chef Jürgen Hambrecht zum dritten Quartal am Mittwoch hoben zudem einzelne Analysten die Gewinnprognosen für den Pharma- und Chemiekonzern an.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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20,33
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Müssen die Stahlkonzerne die Preise senken?
Dagegen belastete eine negative Studie von Merrill Lynch den Stahlsektor. Die Papiere von ThyssenKrupp und Salzgitter verloren deutlich. Die Experten weisen daraufhin, dass einzelne Stahlkonzerne wie ThyssenKrupp zu Preisnachlässen gezwungen sein werden. ThyssenKrupp gab außerdem bekannt, die Geschäfte mit dem Iran gestoppt zu haben. Das Unternehmen unterstützte die Sanktionspolitik Deutschlands, erklärte Vorstandschef Ekkehard Schulz. Dem Iran wird vorgeworfen, heimlich an einem Atomwaffenprogramm zu arbeiten. Die Führung der Islamischen Republik hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Gesetz soll Commerzbank-Kapitalerhöhung erleichtern
Zu den größten Dax-Verlierern gehörte auch die Commerzbank. Laut einem Bericht des "Manager-Magazins" will die Bundesregierung mit einem Gesetz die Weichen für den Ausstieg aus ihrer Beteiligung an der Commerzbank stellen. Das Gesetz sieht vor, dass Grenzen für Kapitalerhöhungen aufgehoben werden. Komme der Gesetzesentwurf durch, könnte sich der Commerzbank-Vorstand bereits auf der nächsten Hauptversammlung 2011 das Recht einräumen lassen, das Kapital um das Doppelte oder Dreifache zu erhöhen.

RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
17,56
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RWE auf Diät
Die geplante Brennelementesteuer hat erste Konsequenzen auf die RWE-Struktur. Der Aufsichtsrat gab am Nachmittag grünes Licht für den Umbau des Konzerns. Der Versorger will seine Zentrale in Essen verschlanken und Teile des Inlandsgeschäfts in einer neuen Deutschland AG bündeln. RWE reagiere damit auf den steigenden Wettbewerbsdruck, die verschärften Klimaschutz-Vorschriften sowie die in Deutschland zu erwartenden zusätzlichen Belastungen. Die Ankündigungen konnten den RWE-Aktien kaum helfen. Sie verloren knapp ein Prozent.

Hochtief: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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134,20
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-0,45%

Hochtief rüstet sich für Abwehrschlacht
Die Hochtief-Aktie zählte am Donnerstag zu den größten MDax-Gewinnern mit einem Plus von fast drei Prozent. Nach dem Übernahmeangebot des spanischen ACS-Konzern wirbt Hochtief um Investoren. "Wir wollen die Gespräche mit Investoren intensivieren, die ein Interesse an Hochtief haben", sagte ein Sprecher. Zugleich richtete der Konzern innerhalb des Aufsichtsrats einen Ausschuss ein, der rasch Entscheidungen vorbereiten könne. ACS ist offenbar nicht in diesem Ausschuss vertreten. Derweil hat ACS eine Einigung mit drei seiner Großaktionäre erzielt, um den deutschen Baukonzern übernehmen zu können.

Analysten treiben Kabel und ProSieben
Noch stärker gefragt als Hochtief waren Kabel Deutschland und ProSiebenSat.1. Kabel-Deutschland-Aktien stiegen nach einem positiven Analystenkommentar der HSBC. Die Analysten heben die Komplettangebote des Unternehmens für Telefon, TV und Internet als Wachstumstreiber lobend hervor. Das Kursziel setzten sie von 29 auf 32 Euro nach oben.

Auch Papiere der Senderkette ProSiebenSat.1 wurden in einer Studie der Commerzbank hochgelobt. Die Analysten begründeten dies mit einer Erholung des Werbemarktes. Die Aktie schloss mit vier Prozent im Plus an der MDax-Spitze.

Gerry Weber: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
3,10
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+1,81%

Gerry-Weber-Aktie auf Höchsstand
Spitzenreiter im SDax war Gerry Weber. Die Aktien kletterten auf ein neues Rekordhoch von 29,41 Euro.Der Modehersteller aus dem SDax hat seinen Umsatz in den ersten neun Monaten des Jahres um fünf Prozent auf 432,3 Millionen Euro gesteigert. Unter dem Strich verdiente das Unternehmen 28,6 Millionen Euro. Die Ostwestfalen stellten zudem eine höhere Dividende für das Geschäftsjahr 2009/10 in Aussicht.

Strohfeuer von Envio
Überraschend gute Halbjahreszahlen hat am Donnerstag der Sondermüllentsorger Envio vorgelegt. Der Umsatz konnte mehr als verdoppelt werden auf 11,8 Millionen Euro, das operative Ergebnis (Ebit) stieg um 70 Prozent auf 1,1 Millionen Euro. Und das obwohl Envio in einen Giftskandal verwickelt ist und den Recyclingbetrieb in Dortmund stillgelegt hat. Da dies aber erst im Mai passierte, blieben die Auswirkungen auf die Halbjahresbilanz begrenzt. Die Aktie schoss um über 20 Prozent in die Höhe. Seit dem Giftmüllskandal im Mai ist das Papier um rund 80 Prozent eingebrochen.

Glaxo muss Diabetesmittel vom Markt nehmen
Im Ausland musste am Abend der britische Pharmariese GlaxoSmithKline einen Rückschlag hinnehmen. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat angeordnet, das umstrittene Diabetes-Mittel Avandia vom Markt zu nehmen. Auch die US-Gesundheitsbehörde FDA schränkte den Zugang für Patienten erheblich ein. Sie sollen nur noch das Mittel verschrieben bekommen, wenn keine Alternativen greifen. Zwar macht inzwischen Glaxo nur noch einen Umsatz von rund 150 Millionen Euro mit dem Mittel, die Briten müssen sich aber auf hohe Schadensersatzklagen einstellen. Insgesamt 13000 Klagen sind anhängig nach Einschätzung von Analysten. Die Glaxo-Aktie gab nach.

Wird GM-Börsengang eine Nummer kleiner?
In den USA sorgte General Motors für Gesprächsstoff. Der für Ende des Jahres geplante Börsengang wird vermutlich kleiner ausfallen als erwartet. Statt rund 16 Milliarden Dollar dürften im ersten Schritt nur Aktien im Wert von acht bis zehn Milliarden Dollar auf den Markt kommen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Donnerstag. Inzwischen zeichnet sich immer mehr ab, dass GM zum Milliardengrab für die US-Steuerzahler wird. Die Rettung von GM hat den Staat und somit den Steuerzahler rund 50 Milliarden Dollar gekostet. Um den kompletten Einsatz zurückzubekommen, müsste der Staat beim Börsengang muss pro Aktie 133,78 Dollar erlösen. Das erscheint fast unmöglich. Selbst zu Glanzzeiten war eine GM-Aktie weniger als 100 Dollar wert.

Tagestermine am Donnerstag, 18. Oktober

Unternehmen:
SAP: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Thyssenkrupp Elevator: PK zu Launch Event
Hannover Rück: Investorentreffen
Kühne+Nagel: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Novartis: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Nestlé: Neunmonats-Umsatzzahlen, 07:00 Uhr
Tele 2: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Pernod Ricard: Umsatz Q1, 07:30 Uhr
Ericsson: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Unilever: Q3-Zahlen, 08:00 Uhr
Yara: Q3-Zahlen, 08:00 Uhr
Bank of New York: Q3-Zahlen, 12:30 Uhr
Philip Morris: Q3-Zahlen, 13:00 Uhr
American Express: Q3-Zahlen, nach US-Börsenschluss
PayPal: Q3-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Travelers: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Japan: Außenhandelsbilanz im September, 01:50 Uhr
EU: Rede von Österreichs Notenbank-Gouverneur Nowotny auf der Kleinanleger-Messe "Gewinnmesse" in Wien, 13:00 Uhr
USA: : Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: : Industrieindex Philly Fed im Oktober, 14:30 Uhr
USA: : Rede des Präsidenten der Notenbank von St. Louis, Bullard, über die US-Wirtschaft und Geldpolitik im Economic Club von Memphis, 15:15 Uhr
USA: Frühindikatoren für September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
EU-Gipfel in Brüssel (bis 19.10.)
Moody's: : Banken-Gipfel zum Thema "How to prepare for the future of banking" in Frankfurt
GDV: Konferenz zur Versicherungsregulierung in Berlin