Spektakuläre Kurswende

Detlev Landmesser

Stand: 13.03.2008, 20:34 Uhr

Es war wie eine Rettung in letzter Minute. Weltweit strebten die Börsen am Donnerstag ihren Tiefständen von Januar entgegen, da sorgte eine einzelne Analystenstimme für einen Stimmungsumschwung.

Scott Bugie von Standard & Poor's heißt der Analyst, dem dieses Kunststück gelang. In der aktuellen Studie der Ratingagentur heißt es, dass die großen Unternehmen in der weltweiten Finanzbranche die Mehrheit der Abschreibungen auf hypothekenbasierte Anleihen bereits bekannt gegeben haben könnten.

Ein Stohhalm, an den sich alle bereitwillig klammerten: Die Wall Street drehte nach schweren Verlusten sogar ins Plus, was dem Dax nicht mehr gelang. Der L-Dax schloss 0,75 Prozent tiefer bei 6.548,56 Punkten. Am frühen Nachmittag hatte der Index aber schon drei Prozent tiefer notiert. Mit seinem Verlaufstief von 6.399 Punkten hatte der Dax nur noch knapp über dem Jahrestief vom 23. Januar gelegen, das bei 6.384 Zählern lag.

Dass S&P zugleich die Schätzung für die Gesamtabschreibungen aus der Krise um 20 Milliarden auf 285 Milliarden Dollar erhöhte, störte indes keinen mehr. Schon lange kursieren viel höhere Schätzungen. Einzelne Experten gehen von einem weltweiten Abschreibungsvolumen von bis 1.000 Milliarden Dollar aus.

Wichtiger war den Anlegern, dass die Indizes ihre Jahrestiefs erst einmal erfolgreich "getestet" haben, was zumindest kurzfristig auf Kursgewinne hoffen lässt.

Gold, Öl und Euro machen Furore

Beachtung fand ansonsten vor allem der Goldpreis, den mit bis zu 999,90 Dollar nur noch ein Wimpernschlag von der magischen Marke von 1.000 Dollar trennte. Am Abend lauerte die Notiz knapp darunter. Der Future-Preis für Gold knackte dagegen die runde Marke mit bis zu 1.001 Dollar pro Feinunze.

Zudem erreichte der US-Ölpreis mit 111 Dollar pro Barrel einen neuen Rekordstand. Derzeit sorgt die Furcht der Anleger vor einer ausgeprägten Wachstumsschwäche der USA für zahlreiche Rekordwerte an den Rohstoffmärkten, sagten Analysten. Damit einher ging eine weitere Flucht aus dem Dollar. Zeitweise erreichte der Euro mit bis zu 1,5624 Dollar neue Rekordstände gegenüber der US-Währung. Gegenüber dem japanischen Yen erreichte der Dollar den tiefsten Stand seit zwölf Jahren.

US-Einzelhandel unerwartet schwach
Die US-Konjunkturschwäche wurde durch die jüngsten Daten vom US-Einzelhandel bestätigt. Die Einzelhandelsumsätze fielen im Februar um 0,6 Prozent, während Experten eigentlich mit einem Anstieg von 0,2 Prozent gerechnet hatten. Dagegen stiegen die Importpreise mit 0,2 Prozent nicht so stark wie befürchtet.

Sorge um CCC-Pleite belastet
Vor der Kurswende hatte vor allem das drohende Aus der Fonds-Tochter der Beteiligungsfirma Carlyle insbesondere die Banken-Titel belastet. Die Commerzbank verlor fast fünf Prozent an Wert. Die in Zahlungsnöte geratene Carlyle Capital Corp (CCC) hat es nicht geschafft, eine neue Finanzierung auf die Beine zu stellen. Nun droht die Liquidierung der noch verbliebenen Anlagen des börsennotierten Fonds, um Forderungen von mehr als 16 Milliarden Dollar zu begleichen. Die in Amsterdam notierte CCC-Aktie stürzte am Donnerstag um bis zu 94 Prozent ab.

VDO-Sorgen drücken Conti
Die Conti-Aktie litt zeitweise mit bis zu 7,8 Prozent heftig unter Spekulationen um VDO. Continental hat offenbar größere Probleme bei der Integration der ehemaligen Siemens-Sparte, die 2007 für 11,4 Milliarden Euro übernommen wurde. Das berichtete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Der Vorstand habe bei der neuen Conti-Sparte "Powertrain" einen höheren Restrukturierungsbedarf ausgemacht als bislang angenommen.

VW vor Rekord und Porsche an Bord
Deutlich besser zog sich die VW-Aktie aus der Affäre. Der Autoriese ist nach den Worten von Konzernchef Martin Winterkorn mit einem Absatzplus von 10,5 Prozent in den Monaten Januar und Februar in das neue Jahr gestartet. Laut Winterkorn will Volkswagen das laufende Jahr mit neuen Absatz-, Umsatz- und Gewinnrekorden abschließen. Die Übernahme durch den Sportwagenhersteller Porsche begrüßte Winterkorn. Neue Spekulationen über ein Interesse von Volkswagen beflügelten auch die MAN-Aktie.

Norddeutsche Affi hat Cumerio im Sack
Der Deal hat viel Geduld erfordert, doch nun ist die Norddeutsche Affinerie endgültig am Ziel: Nach Ablauf der Annahmefrist für das Übernahmeangebot haben die Hanseaten die Schwelle von 95 Prozent an der belgischen Cumerio erreicht. Das führe zu einem einem automatischen Squeeze-out aller verbleibenden Aktionäre, teilte der Kupferkonzern am frühen Nachmittag mit. Mitte April soll die Übernahme abgeschlossen sein.

K+S trotz Währungverlust gefeiert
Die Aktie von K+S stach einmal mehr positiv unter den MDax-Titeln hervor. Der Düngemittelhersteller hat im vergangenen Jahr zwar erheblich unter der Dollarschwäche gelitten. Probleme beim Dollarsicherungssystem führten sogar zu einem Nettoverlust von 93,3 Millionen Euro. Das operative Ergebnis erhöhte sich allerdings um drei Prozent auf 285,7 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 13 Prozent auf 3,34 Milliarden Euro.

Krones dick im Geschäft
Die Aktie von Krones konnte ihren Tagesverlust nach der Zahlenvorlage des MDax-Konzerns am Nachmittag reduzieren. Dank wachsender Nachfrage nach seinen Verpackungsmaschinen schloss Krones das vergangene Jahr mit Spitzenwerten ab. Mit 2,16 Milliarden Euro habe Krones 13 Prozent mehr umgesetzt als ein Jahr zuvor, teilte der weltgrößte Abfüllanlagen-Hersteller mit. Nach Steuern blieben mit 101,8 Millionen Euro 31 Prozent mehr als 2006. Positiv kam vor allem der Ausblick an, da Krones nun das Erlöswachstum im laufenden Jahr am oberen Ende seiner früher angegebenen Spanne von fünf bis zehn Prozent sieht.

MTU zu vorsichtig
Dem schwachen Dollar ist auch eine vorsichtige Jahresprognose des Triebwerksherstellers geschuldet. MTU geht lediglich von einem Umsatz und operativen Ergebnis auf Vorjahresniveau aus. Im Jahr 2007 wurde der Umsatz mit 2,575 Milliarden Euro um sieben Prozent gesteigert, das operative Ergebnis legte um 24 Prozent auf 392,9 Millionen Euro zu. Der schwache Ausblick ließ den Titel um mehr als zehn Prozent abrutschen.

Gea-Dividende enttäuscht
Der Anlagenbauer Gea hat, wie von Analysten erwartet, seine Geschäftsprognosen für 2008 angehoben. Nun werden zehn Prozent Umsatzwachstum erwartet, nach bislang vorausgesagten fünf bis zehn Prozent. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen seinen Umsatz von 4,34 auf 5,79 Milliarden Euro gesteigert. Beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) gab es einen Zuwachs um 41,6 Prozent auf 422,2 Millionen Euro. Laut Händlern fiel der Titel aber, weil die Dividende von 20 Cent pro Aktie zu mickrig erscheint.

Aixtron für volle Bücher belohnt
Aixtron hat seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf 214,8 Millionen Euro gesteigert. Das Nettoergebnis konnte sogar auf 17,3 Millionen Euro verdreifacht werden. Für 2008 plant der Spezialmaschinenbauer ein Umsatzwachstum auf 270 bis 300 Millionen Euro und eine Ebit-Marge von zehn bis zwölf Prozent. Der gute Auftragseingang verhalf der Aktie an die TecDax-Spitze.

Solarworld enttäuscht "endgültig"
Am anderen TecDax-Ende rangierte die Solarworld-Aktie. Die finalen Zahlen den TecDax-Konzerns haben laut einem Händler leicht unter den vorläufigen Daten gelegen. Umsatz und operatives Ergebnis seien etwas geringer als avisiert, so der Börsianer am Donnerstagmorgen. Zudem klinge der Ausblick mit einer angestrebten Umsatz- und Gewinnsteigerung von 25 bis 30 Prozent verhaltener, als die bislang kommunizierte Steigerungsrate von rund 30.

Phoenix Solar wächst rasant
Die Aktie des TecDax-Aufsteigers Phoenix Solar legte um bis zu elf Prozent zu. Das Photovoltaik-Unternehmen hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz mehr als verdoppelt und sein operatives Ergebnis mehr als vervierfacht. Es stieg im Vergleich zum Vorjahr von 4,8 auf 22,3 Millionen Euro. Das Nettoergebnis betrug 14,5 Millionen Euro nach 3,0 Millionen Euro im Vorjahr. Beim Umsatz erzielte Phoenix Solar 260 Millionen Euro, nach 119 Millionen Euro 2006.

Sixt weiß, wie's geht
Die Sixt-Aktie konnte sich nicht im Plus halten. Dabei hat der Autovermieter erneut ein Rekordjahr abgeschlossen. Der Umsatz des SDax-Konzerns legte um 8,7 Prozent auf 1,57 Milliarden Euro zu, der Vorsteuergewinn um 13,2 Prozent auf 137,7 Millionen Euro. Beide Werte lagen knapp über den Erwartungen der Analysten.

Air-Berlin-Aktie immer billiger
Am Tag nach Vorlage der Zahlen stand die Aktie von Air Berlin weiter unter Druck und verlor bis zu 13,8 Prozent. Nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" muss die Airline ihr Ergebnisziel für 2008 wohl Ende März auf der Bilanzpressekonferenz nach unten korrigieren. Die bisherige Prognose für ein operatives Ergebnis von 140 bis 160 Millionen Euro sei auf der Basis der Treibstoffpreise Ende November 2007 gemacht worden, so die Zeitung.

OHB kommt voran
Das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB Technology hat 2007 einen Gewinn von 12,5 Millionen Euro erzielt. Das war ein Plus von vier Prozent, wie OHB am Donnerstag mitteilte. Der Umsatz stieg auch dank der Übernahme des Technologieunternehmens Kayser-Threde um 34 Prozent auf rund 219 Millionen Euro. OHB verhandelt derzeit als bevorzugter Bieter mit EADS über den Kauf der Airbus- Werke in Varel, Nordenham und Augsburg mit rund 6.800 Beschäftigten.

Elmos wieder unter Dampf
Elmos Semiconductor kann für das Jahr 2007 die Früchte einer Neuausrichtung ernten. Der Umsatz kletterte um 9,6 Prozent auf 176,1 Millionen Euro. Einmaleffekte durch die Restrukturierung belasteten das Ergebnis des Halbleiterunternehmens mit 5,7 Millionen Euro. Ohne Berücksichtigung dieser Faktoren konnte das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) aber von 19,8 auf 20,9 Millionen Euro gesteigert werden.

Gewinnsprung bei Telegate
Die Aktie von Telegate litt unter dem Ausblick der zweitgrößten deutschen Telefonauskunft. Im vergangenen Jahr fuhr das Unternehmen durch deutlich verringerte Werbeausgaben den höchsten Gewinn seiner Geschichte ein. Der Jahresüberschuss sei von sechs auf 33,6 Millionen Euro gestiegen, teilte Telegate mit. Der Jahresumsatz schrumpfte dagegen leicht von 178,9 auf 173,3 Millionen Euro. Für dieses Jahr erwartet das Münchener Unternehmen allerdings durch Investitionen in ein neues Geschäftsfeld ein rückläufiges operatives Ergebnis.

Mühlbauer verspricht bessere Zeiten
Die Zahlen von Mühlbauer wurden gnädig aufgenommen. Mit 159,5 Millionen Euro traf der Spezialmaschinen- und Softwareanbieter seine im vergangenen Sommer gesenkte Umsatzprognose von 150 bis 160 Millionen Euro am oberen Ende. 2006 hatte das Unternehmen 160,9 Millionen Euro umgesetzt. Vor Zinsen und Steuern verdiente Mühlbauer 26,4 Millionen Euro, das sind 23 Prozent weniger als im Vorjahr. "Angesichts der positiven Marktaussichten für sicherheitsorientierte Ausweissysteme in Smart Card- und Passportformat rechnet das Unternehmen für die nächsten zwei Jahre mit einer guten Umsatz- und Ergebnisentwicklung", teilte Mühlbauer ausblickend mit. Die Auftragseingänge hätten sich im ersten Quartal 2008 bereits "deutlich intensiviert".

PSI meldet Rekordergebnis
Erfreuliche Zahlen legte PSI vor. Der Konzernumsatz habe mit 123,2 Millionen Euro fünf Prozent über dem Vorjahreswert gelegen, teilte das Softwareunternehmen mit. Das Betriebsergebnis sei mit einem Plus von 280 Prozent auf den Rekordwert von 3,8 Millionen Euro gestiegen. Unter dem Strich blieben PSI 1,7 Millionen Euro, nach 0,4 Millionen 2006. Der Auftragseingang stieg nach Angaben des Unternehmens um sechs Prozent auf 132 Millionen Euro.

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